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Aus der Ferne ganz nah – die Kognitionswissenschaftlerin Melinda Mende über Leben und Forschung aus dem Koffer

Zur Corona-Pandemie – Beiträge aus der Universität Potsdam

Von Brasilien nach Potsdam und zurück – Melinda Mende ist derzeit in Südamerika, forscht aber gemeinsam mit ihren Potsdamer Kolleginnen und Kollegen. | Foto: Melinda Mende
Foto : Melinda Mende
Von Brasilien nach Potsdam und zurück – Melinda Mende ist derzeit in Südamerika, forscht aber gemeinsam mit ihren Potsdamer Kolleginnen und Kollegen.
Die Corona-Pandemie ist mittlerweile fast überall auf der Welt angekommen. Aber während sich die Lage in Europa inzwischen vielerorts wieder etwas normalisiert und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen scheint, nimmt die Pandemie anderswo gerade erst so richtig Fahrt auf. Melinda Mende, Doktorandin des Potsdamer Kognitionswissenschaftlers Prof. Dr. Martin Fischer, ist – auf einer Weltreise – in Brasilien „gestrandet“. Sie berichtet über das Leben im Ausnahmezustand und die Forschungsarbeit aus der Ferne.

Sie sind derzeit in Brasilien. Was hat Sie dorthin geführt?

Ich reise seit knapp zwei Jahren mit meinem Partner um die Welt. Erst durch Europa und seit Ende Dezember sind wir in Südamerika. Nach einem Monat auf einem Frachtschiff sind wir „zwischen den Jahren“ in Uruguay angekommen. Weihnachten haben wir noch auf dem Schiff gefeiert und Sylvester hier in Südamerika.
Wir haben seit Anfang Januar mitbekommen, dass es das Corona-Virus gibt. Allerdings haben wir zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet, dass es so weitreichende Auswirkungen haben wird. Den Januar über sind wir noch gereist. Seit Mitte Februar befinden wir uns in Leão (Campos Novos – Santa Catarina). Eigentlich wollten wir hier nur ein paar Tage bleiben, inzwischen sind wir seit über vier Monaten hier. Zunächst, weil wir es hier schön fanden, dann, weil die Quarantäne ausgerufen wurde.

Warum sind Sie nicht nach Deutschland zurückgekehrt?

Wir haben unseren gesamten Hausstand auf der Reise dabei, weswegen wir eine Rückreise nach Deutschland von Anfang an als ungeeignete Option erachtet haben. Zudem hatten wir das Glück, dass wir uns in einem sehr ruhigen Ort befunden haben, als die Quarantänebestimmungen eingeführt worden. Wir waren ohnehin schon seit einigen Wochen die einzigen Gäste auf einem Campingplatz im Wald. Die Quarantänesituation, die Mitte März begann, hat für uns zunächst nicht viel verändert. Die Menschen hier sind freundlich, hilfsbereit und setzten die Sicherheitsmaßnahmen gewissenhaft um. Supermärkte haben neben den obligatorischen Plexiglasscheiben an der Kasse sogar Handwaschbecken im Eingangsbereich angebaut. Das Tragen einer Atemschutzmaske und häufiges Händedesinfektion sind ohnehin Pflicht.
Wir sind froh darüber, kein Flugzeug bestiegen zu haben, denn wir haben von Bekannten erfahren, dass viele Rückreisende nach dem Flug positiv auf das Virus getestet wurden. Ich hätte in einem solchen Fall nicht zu meiner Familie gehen können, da meine Familienmitglieder aufgrund des Alters zur Risikogruppe gehören.

Wie ist die Lage in Brasilien angesichts der Entwicklung der Corona-Pandemie?

Unterschiedlich. In den großen Städten gibt es viele Fälle. Hier in der Region kommt die Pandemie so langsam auch an. Erst in einer mittelgroßen Stadt, nun auch in der nächsten Kleinstadt, die nur fünf Kilometer von unserem Dorf entfernt ist. Unsere Bekannten hier haben Angst vor der Pandemie, bewahren allerdings Ruhe.
Falls sich die Fallzahlen hier in der Region weiter erhöhen, sollen alle Geschäfte geschlossen werden. Dies wurde Mitte März bis Mitte April schon einmal umgesetzt. Derzeit sind Geschäfte und auch Ämter wieder geöffnet – teilweise mit reduzierten Öffnungszeiten. Veranstaltungen wie Gottesdienste, Feste, Kinovorstellungen etc. finden allerdings – so wie in Deutschland – nicht statt.

Wie ergeht es Ausländern derzeit? (Sind Sie selbst Brasilianerin oder Deutsche?)

Mein Partner und ich sind Deutsche. Mittlerweise sprechen wir die portugiesische Sprache recht gut, sodass wir uns verständigen und austauschen können. Hier im Dorf sind die Menschen sehr freundlich zu uns. Letzen Monat, als es langsam kälter wurde, hat sich der Campingplatzwart sehr um uns gekümmert. Erst hat er uns Decken von zu Hause gebracht, dann hat er uns ein Mietshaus vermittelt. Er hat sich sogar darum gekümmert, dass wir gutes Internet haben, damit ich arbeiten kann.
Wir haben uns hier im Dorf die ganze Zeit über sicher gefühlt und dafür sind wir sehr dankbar. Wir haben durch Freunde erfahren, dass es ihnen anders erging. Sie waren zu dem Zeitpunkt, als die Quarantänemaßnahmen eingeführt wurden, in Argentinien auf den Straßen unterwegs und wurden als Ausländer nicht gerne gesehen – die Bevölkerung hatte offenbar große Angst vor ihnen. Mittlerweile haben sich beide Parteien allerdings arrangiert und unsere europäischen Freunde werden von den Argentiniern sogar sehr gut mit Lebensmitteln und Wein versorgt.
Apropos Lebensmittel: Hier in der Region war übrigens zu jedem Zeitpunkt jedes Nahrungsmittel verfügbar. Die Supermärkte haben sogar mehr Waren in die Regale gestellt, um mögliche Großeinkäufe abzudecken.

Sie sind Doktorandin der Potsdam Embodied Cognition Group (PECoG), die von Prof. Dr. Martin Fischer geleitet wird. Woran forschen Sie?

Mein Projekt trägt den Namen „Grounding Negation – Studies on Linguistic Negation and Arithmetic Substraction“. In diesem Projekt untersuche ich mittels Reaktionszeitmessung, wie negative Zahlen kognitiv verarbeitet werden. Das Promotionsprojekt verfolgt das Ziel, zum besseren Verständnis von Zahlenverarbeitung sowie zum Verständnis abstrakter Konzepte – wie Negativität – aus der Perspektive der verkörperten Kognition („Embodied Cognition“) beizutragen.

Wie arbeiten Sie an Ihrem Projekt von Brasilien aus?

Die Corona-Situation hat mich sozusagen sogar etwas näher an meine Forschungsgruppe herangebracht. Denn das wöchentliche Teamtreffen findet seit einigen Wochen online über Zoom statt. Dies eröffnet mir die Möglichkeit, wieder aktiv am Treffen teilzunehmen (siehe unsere Neuigkeiten-Seite). Es motiviert mich sehr, alle Mitglieder der Gruppe auf einmal zu sehen und mich mit allen gleichzeitig austauschen zu können.
Die aktuelle Entwicklung geht durch die Corona-Situation in Richtung Onlinestudien – auch in Bezug auf Reaktionszeitmessung. Wir diskutieren auch in unserer Forschungsgruppe, wie sich die Möglichkeit der Online-Datenerhebung am besten umsetzen lässt. Mir persönlich erlaubt dies sogar prinzipiell, von der Ferne aus Daten zu erheben. Ich befinde mich quasi immer an mehreren Standorten: Dort, wo ich physisch bin, und dort, wohin ich kommuniziere. Es fühlt sich daher so an, als hätte ich die Uni Potsdam nie wirklich verlassen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Ihren Kollegen aus der Ferne?

Wir schreiben E-Mails, telefonieren oder führen Video-Konferenzen durch. Das funktioniert meines Erachtens sehr gut. Ich denke, wenn Menschen diszipliniert sind und die gemeinsamen Projekte wirklich vorantreiben wollen, ist die Zusammenarbeit auch aus der Ferne möglich. Auch in der Vergangenheit, als ich mich noch in Potsdam aufgehalten habe, habe ich auf diese Weise Projekte zusammen mit Kolleginnen und Kollegen an anderen Standorten umgesetzt.
Eine Kollegin aus Potsdam und ich haben zum Beispiel zum aktuellen Thema der Corona-Pandemie einen Artikel veröffentlicht. Es geht um den peripersonalen Raum in der derzeitigen Situation.
https://de.in-mind.org/article/noli-me-tangere-unser-peripersonaler-raum-in-den-corona-zeiten?utm_source=rssfeed&utm_medium=rssfeed&utm_campaign=general

Machen Sie auch Online-Lehre aus der Distanz?

Nein, ich mache keine Lehre. Dadurch, dass ich eine Individualpromotion verfolge, habe ich keinen Lehrauftrag. Ich habe allerdings schon als Online-Nachhilfelehrerin gearbeitet und war erstaunt darüber, wie gut dies funktioniert und wie nah man sich dem Schüler fühlt. Daher denke ich, dass die Lehre aus der Ferne zwar eine Umstellung für alle ist, aber prinzipiell funktionieren kann.

Wie planen Sie die nächsten Monate?

Zurzeit ist nicht planbar, wie lange wir uns noch hier aufhalten werden. Wir Ausländer dürfen in Brasilien bleiben, bis die Corona-Maßnahmen vorüber sind und die Landesgrenzen wieder geöffnet werden. Eigentlich wollten wir schon längst nach Paraguay weiterreisen, um dort Bekannte zu besuchen. Vielleicht geschieht dies aber erst nächstes Jahr. Wir halten uns gedanklich flexibel und passen uns an.
Für mich ist das Wichtigste, dass ich unabhängig von meinem Standort immer Internet habe, um arbeiten zu können. Dies ist hier gegeben. Und auch sonst sind wir hier sehr gut versorgt und von freundlichen Menschen umgeben in einer wunderschönen Natur. Dafür sind wir sehr dankbar.

 

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