Erste Studie zum Umgang von Familienunternehmen mit der Corona-Krise veröffentlicht

Zur Corona-Pandemie – Beiträge aus der Universität Potsdam
Arbeiter im Familienunternehmen | Foto: AdobeStock/dusanpetkovic1
Quelle: AdobeStock/dusanpetkovic1
Arbeiter im Familienunternehmen

Die Corona- Krise und die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben eine wirtschaftliche Talfahrt ausgelöst, die möglicherweise in die größte Rezession seit 1929 mündet. Hiervon sind nicht nur große Firmen wie Adidas oder Lufthansa betroffen. Auch Familienunternehmen, die in vielen europäischen Ländern das Rückgrat der Wirtschaft bilden, spüren die Auswirkungen der Krise unmittelbar. Forschende haben in einer ersten Ende Mai 2020 veröffentlichten Studie diese Folgen und den Umgang damit untersucht.

(„The economics of COVID-19: initial empirical evidence on how family firms in five European countries cope with the corona crisis“)

Dr. Dr. Victor Tiberius, MBA, Lehrbeauftragter an der Professur Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Führung, Organisation und Personal der Universität Potsdam, hat an der Untersuchung mitgewirkt, die die Transformationsprozesse von 27 Familienunternehmen aus fünf europäischen Ländern in der Corona-Krise analysiert hat. Ihre Ergebnisse erlauben, erste Schlüsse zu ziehen und Empfehlungen zu geben, wie ein erfolgreiches Krisenmanagement für Familienunternehmen in Zukunft aussehen könnte.

Wie gelingt es Familienunternehmen, mit der Krise fertigzuwerden?

Die Corona-Krise hat auf viele Familienunternehmen einen enormen Handlungsdruck ausgeübt. Wir konnten drei Strategiemuster erkennen, mit denen Familienunternehmen versuchen, die Auswirkungen in den Griff zu bekommen und darüber hinaus zu agieren. Erstens: Liquidität sichern und kurzfristige Einsparmaßnahmen realisieren, etwa in Form von Kurzarbeit. Zweitens: In der Situation ausharren durch organisatorische Anpassungen wie beispielsweise Homeoffice. Hier ging es insgesamt darum, dass die gewöhnlichen Geschäftsabläufe und insbesondere die Kommunikation in angepasster Form möglichst reibungslos weiterlaufen. Und drittens – und dies ist natürlich die interessanteste Strategie: Innovation. Für uns war interessant zu sehen, dass einige der Maßnahmen nicht nur kurzfristig angelegt waren, sondern auch auf langfristige Veränderungen zielten. Freigewordene Zeit wurde etwa für Personalentwicklungsmaßnahmen genutzt, natürlich in Form von digitalem Lernen und Fernstudium. Es wurden zudem nicht nur kurzfristige Geschäftsmodellanpassungen vorgenommen, sondern man hat völlig neue Wertangebote und grundsätzliche Digitalisierungsmöglichkeiten umgesetzt. Man kann sagen, dass viele Familienunternehmen Dinge, die sie ohnehin längerfristig angehen wollten, nun im Eilverfahren implementiert haben.

Familienunternehmen & Pioniergeist – Geht das im Corona- Jahr 2020 überhaupt zusammen?

Nicht alle Familienunternehmen zeigten Pioniergeist. Aber viele sind vorgeprescht und haben die Krise proaktiv genutzt, um weitreichende Veränderungen umzusetzen. Hier bewahrheitet sich das Bild des Unternehmers als Macher, der es gewohnt ist, unter Unsicherheit zu arbeiten und neue Ideen in Innovationen umzusetzen. Nachdem insbesondere die Digitalisierung in den letzten Jahren zwar in aller Munde war, aber eher zögerlich umgesetzt wurde, ist unser Eindruck, dass Corona einen wahren Digitalisierungsschub ausgelöst hat.

Wer brachte die Idee dieser transnationalen Studie auf den Weg und wie ließ sie sich so spontan realisieren?

Sascha Kraus von der University of Durham und Thomas Clauß von der Universität Witten/Herdecke sind beide äußerst erfahrene und produktive Entrepreneurship-Forscher mit einem internationalen Netzwerk. So wie Familienunternehmen schnell zu reagieren hatten, wollten auch wir möglichst unmittelbar verstehen, wie Familienunternehmen die Krise meistern, und haben mit Hochdruck an der Studie gearbeitet. Wir sind dem Journal-Editor sehr dankbar, dass er dem Manuskript themenbedingt hohe Priorität eingeräumt hat, sodass es schnell begutachtet und veröffentlicht werden konnte.

Was können Familienunternehmen aus der Krise lernen und für die Zukunft mitnehmen?

Wir haben in den Familienunternehmen während der Krise erstaunlich viel Positives gesehen. Dazu zählen nicht nur eine ausgeprägte Innovationskraft, sondern beispielsweise auch ein stärkeres Wir-Gefühl und eine höhere geistige Flexibilität. Mitarbeiter, die sich beispielsweise bislang eher gegen Videokonferenzen gesträubt haben, schwärmen nun von den Vorteilen. Die Frage ist, warum es eine Krise braucht, um diese Kräfte zu entfachen. Unternehmen sollten die positiven Erfahrungen in die Nachkrisenzeit mitnehmen. Abgesehen von überlebenssichernden Maßnahmen wie der Bildung von Liquiditätsrücklagen sollten die Unternehmen nicht nur auf Effizienzsteigerungen, sondern auch auf eine Erhöhung der organisationalen Resilienz und Agilität setzen. Denn die nächste Krise kommt bestimmt.

 

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