„Mich begeistert die Offenheit, mit der digitale Medien ausprobiert werden“ – Informatikerin Ulrike Lucke über die Möglichkeiten des E-Learning in der Corona-Krise

Zur Corona-Pandemie – Beiträge aus der Universität Potsdam
Prof. Dr. Ulrike Lucke in ihrem Büro. | Foto: Ernst Kaczynski
Quelle: Ernst Kaczynski
Prof. Dr. Ulrike Lucke

Seit Mitte März sind Bildungseinrichtungen geschlossen, Schüler und Studierende zu Hause. Quasi über Nacht muss jetzt funktionieren, was vielerorts erst in den Kinderschuhen steckt: digitales Lernen. Ulrike Lucke ist Professorin für Komplexe Multimediale Anwendungsarchitekturen und seit Jahren im E-Learning engagiert. Sie spricht über Versäumnisse der Vergangenheit, Herausforderungen der Gegenwart und Chancen für die Zukunft.

Seit zwei Wochen lernen Schüler, aber auch Studierende von zu Hause. Soweit Sie das selbst vom Home Office aus beurteilen können: Funktioniert die Totalumstellung auf digitales und Online-Lernen?

Wie jede radikale Veränderung birgt auch die derzeit in aller Eile erfolgende Umstellung auf mediengestützte Lehre ihre Tücken. Ich beobachte viele spannende Ideen und Entwicklungen, schüttle aber auch bisweilen den Kopf, wenn vermeidbare Fehler begangen werden.

Was überrascht sie an der zwangsweise spontanen E-Learning-Wende positiv?

Mich begeistert die Offenheit, mit der ringsum digitale Medien ausprobiert werden; ob in der Schule oder an der Uni, für das Lernen oder die Arbeit. In der Forschung wenden wir – mit wenigen Ausnahmen in den experimentellen Fächern oder den Buchwissenschaften – schon seit Jahren ganz selbstverständlich digitale Datenformate und Werkzeuge an. Der bislang fehlende Mut, diese Methoden auch auf die Lehre zu übertragen, scheint nun zu wachsen. Auch kreative Ansätze nicht nur für das Lehren und Lernen, sondern auch für Prüfungen, werden umgesetzt. Ich denke da sowohl an didaktische Neuerungen, wie z.B. Open-Book-Klausuren, als auch an regulative Erleichterungen.

Was klappt noch nicht so gut?

Mich erschreckt ein wenig der reflexhafte Griff in die eigene Kasse bei vielen Arbeitsgruppen, um eigene Online-Plattformen aufzubauen. Nicht nur fehlen diese Mittel sowohl später in der Gruppe als auch für den Aufbau leistungsfähiger zentraler Dienste, sondern so wird auch wertvolle Techniker-Kapazität unnötig gebunden. Die Ursachen liegen gewiss in einer Mischung aus mangelndem Vertrauen und mangelnder Kommunikation. Viel schwerer haben es manche Schulen, in denen es bislang keine Online-Angebote gab. Wenn da von oben nichts kommt und die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer auf sich gestellt sind, wird es schwer.

Sie haben selbst drei Kinder. Wie werden die unterrichtet? Mit Tafel oder Tablet?

Im Normalfall erleben meine Kinder den Unterricht weitestgehend an der Kreidetafel, mit gelegentlichem Einsatz von PC oder Tablet auch im Klassenraum. Für die Hausaufgaben kommen schon regelmäßig Notebook und Internet zu Hilfe. Die Schulschließungen haben nun zu vermehrtem Medieneinsatz geführt. Das Spektrum ist – je nach Medienaffinität der Lehrer – breit. Aus der Grundschule meines Kleinsten erreichen uns fast alle Aufgaben per Email von der Klassenlehrerin. Dabei sind klassische Schreib-, Rechen- oder Bastelaufgaben, aber auch Online-Quiz. Meine beiden Großen hatten schon bisher an ihren Gymnasien Online-Lernplattformen im Einsatz. Nun erleben wir, auf wie viele Weisen die Lehrer diese nutzen – mal mehr und mal weniger kreativ. Teilweise wird mit Videokonferenzen oder Chats experimentiert. Und natürlich kommen auch die Schulbücher nach wie vor zum Einsatz.

Läuft das Homeschooling bei Ihnen mit den Angeboten der Schule oder haben Sie sich selbst (zusätzlich) etwas zusammengestellt?

Wir mussten noch nichts selbst zusammensuchen. Bislang kommen von den Lehrern eher zu viele als zu wenige Aufgaben. Die Unterrichtsplanung scheint noch nicht auf das doch etwas langsamere Selbstlerntempo ausgerichtet zu sein. Gerade die jüngeren Kinder tun sich schwer mit der Selbstdisziplin, wenn kein Lehrer den Takt vorgibt. Und als Eltern haben wir das Lehren eben doch nicht gelernt. Ich habe den Eindruck, dass die für das Online-Lernen entwickelten Angebote deutlich besser klappen, als wenn einfach nur die für den Schulunterricht entworfenen Seiten im Lehrbuch oder Arbeitsheft zum Bearbeiten aufgelistet werden. Hier zeigt sich, dass Mediendidaktik eben doch etwas anderes ist als klassische Fachdidaktik.

Wie unterscheidet sich das E-Learning von herkömmlichen Lernmethoden, und welche Herausforderungen kommen dabei auf die Lehrkräfte zu?

Zunächst einmal fallen die andersartigen Ressourcen auf, die zum Einsatz kommen: Hardware und Software. Auch Zeit ist eine Ressource, die schnell aus dem Blick gerät. Im Klassenraum ist alles eingespielt: Es gibt einen Stundenplan, der uns sagt, wann wir wo sein sollen. Eine Schulklingel, die uns ermahnt, falls wir in Verzug kommen. Und ein breites Materiallager im Klassenraum für all die dort zu erledigenden Aufgaben. So gut ausgestattet sind wir in der heimischen Arbeitsumgebung nicht. Wir sitzen allein vor dem Rechner, schnell stellt sich ein Gefühl von Alleinsein ein, wir vermissen Hilfe und Zuversicht. Das begünstigt Motivationsprobleme und somit Leistungsabfall. Das erfordert von den Lehrkräften eine genauere Planung; sie müssen das Geschehen vorweg ahnen, können kaum improvisieren. Im Online-Lernen fehlen soziale Komponenten zunächst, das heißt, sie müssen bewusst nachgebildet werden. Das Bewusstsein für die Anwesenheit anderer, deren Absichten und Aktivitäten, müssen wir uns im Digitalen erst mühsam erarbeiten. Im Klassenzimmer waren Orte, Zeiten und Verhaltensweisen klar geregelt; online fehlen uns solche Routinen noch.

An allen Ecken und Enden tauchen jetzt Plattformen und Apps fürs Online-Lernen von zu Hause auf. Wie können Eltern und Studierende da die Spreu vom Weizen trennen?

Das ist tatsächlich schwer. Ich kenne kein verlässliches Gütesiegel für Online-Lernangebote. Auch bei den großen Schulbuchverlagen kann man bisweilen daneben greifen, während manch kleine App Gold wert sein kann. Bisweilen gibt es Empfehlungen auf Landesebene für den Einsatz an Schulen, doch die sind für Eltern in der Regel nicht sichtbar. Ich empfehle, bei der Auswahl darauf zu achten, dass die behandelten Kompetenzfelder und -stufen klar benannt werden, und zwar möglichst mit Bezug zu den Rahmenlehrplänen. Auch der Verweis auf ein zugrunde gelegtes didaktisches Prinzip kann ein Indiz für Qualität sein, doch dies ist ohne Fachwissen nur schwer nachprüfbar. Und letztlich halte ich auch den Datenschutz für ein gewichtiges Argument: Wo personenbezogene Daten ausgetauscht werden, und erst recht wenn Kommunikation über Chats, Foren oder ähnliches stattfindet, sollten keine kommerziellen Anbieter außerhalb Deutschlands gewählt werden. Hier sind selbst die Lehrkräfte teilweise recht bedenkenlos.

Ist die Krise für die Entwicklung des E-Learning ein echter Beschleuniger oder sind die derzeitigen Initiativen Strohfeuer, die wieder eingehen, wenn Schulen und Unis wieder öffnen?

Ich gehe fest davon aus, dass wir nach der Pandemie wieder mit neuer Freude in Präsenz miteinander lehren und lernen werden. Doch bis dahin werden wir – und viele von uns zum ersten Mal so intensiv – Erfahrungen mit digitalen Medien sammeln können. Wir haben dann einen stark gewachsenen Fundus von Lehrbeispielen zur Verfügung, wissen, was gut funktioniert und was noch verbessert werden kann. Darauf können wir aufbauen, um künftig noch gezielter unsere Lehr- und Lernprozesse mit digitalen Medien zu unterstützen. Denn Digitalisierung kann nicht das Ziel, sondern bestenfalls ein Mittel sein; aber digitale Medien sind bei Weitem nicht der einzig wahre Weg zu guter Lehre. Das zeigen nicht zuletzt die fünf Ziele des neuen Leitbilds Lehre an der Uni Potsdam – die gut mit digitalen Medien unterstützt werden können, aber diese nicht zwangsweise bedingen.
Darüber hinaus hoffe ich, dass auch die in der Corona-Krise eingeführten Erleichterungen in der Verwaltung nicht allesamt wieder verschwinden werden. Vielleicht gewinnen wir auch hier neuen Mut, um die gewachsene Regelungsdichte an der einen oder anderen Stelle zurückzubauen und uns allen wieder mehr Flexibilität zuzumuten, zuzutrauen.

Was kann die Forschung in der gegenwärtigen Situation beitragen?

Der Rückgriff auf Forschungsergebnisse kann uns jetzt helfen, Irrwege zu vermeiden, nicht jedes Rad neu zu erfinden. Aus Mediendidaktik und Bildungstechnologie liegen viele Erkenntnisse vor, wann und wie Medieneinsatz in Bildungsprozessen gelingen kann – und wie sich die Institution Hochschule auf die Digitalisierung einstellen kann.

Welche Bildungstechnologien bestehen bereits? An welchen wird geforscht?

Es gibt seit Jahrzehnten interaktive Lernsysteme. Anfangs lagen die Schwerpunkte auf der Abfrage von Wissen, z.B. um Vokabeln zu lernen oder Rechenaufgaben zu lösen. Mit der Vereinfachung von Werkzeugen zur Medienproduktion kamen zunehmend auch gestalterische Aufgaben hinzu, die höhere Kompetenzlevel abdecken. Die Vielfalt der Angebote ist sehr groß. Ein großer Schwerpunkt liegt derzeit auf der mediengestützten Leistungserfassung, dem sogenannten E-Assessment. Bei all diesen Entwicklungen ist immer wieder die Herausforderung, die große Erfahrung und das unbewusste Handeln von Lehrkräften digital abzubilden. Schwierig ist z.B., eine gerechte und dennoch motivierende Notenvergabe unter Berücksichtigung individueller Besonderheiten. Der Computer ist hier akkurat, aber gnadenlos – er drückt kein Auge zu.

Auch an der Universität Potsdam laufen die Planungen für ein digitales Sommersemester auf Hochtouren. Wie kommen die Planungen voran?

Gut. Ich denke mittlerweile haben alle den Ernst der Lage begriffen. Die Lehrenden passen ihr Lehrangebot an die neuen Bedingungen an, wägen die zu erreichenden Ziele und die verfügbaren Mittel ab, probieren neue Lehrformate aus. In den Dekanaten werden Bedarfsabfragen und Unterstützungsangebote koordiniert. Die zentralen Einrichtungen verstärken ihre Zusammenarbeit zum Medieneinsatz in der Lehre nochmals, bündeln diese auf der Website zur Online-Lehre. Und auch aus der Hochschulleitung kommen hilfreiche Informationen. Ich hoffe zudem auf eine gewisse Flexibilität, wenn Studierende ihre Credit Points oder Lehrende ihr Deputat angesichts der spontanen Umstellung auf Online-Lehre nicht vollständig erbringen können. Auf die Einhaltung quantitativer Vorgaben zu bestehen, ginge vermutlich zu Lasten der Qualität.

Wo gibt es noch am meisten zu tun?

Ich möchte drei Handlungsfelder herausgreifen. Für Studierende ist das Gebot der Stunde, nicht nur eine taugliche Arbeitsumgebung, sondern auch ein realistisches Bild der eigenen Digitalkompetenz aufzubauen; hier begegnet mir noch allzu oft eine deutliche Selbstüberschätzung. Für die Lehrerbildung ist es nun dringend geboten, Medienbildung systematisch im Studium und in der Weiterbildung zu verankern; hier können wir uns keinen weiteren Verzug leisten. Und nicht zuletzt wünsche ich mir ein gestiegenes Bewusstsein in der Politik dafür, dass E-Learning kein Mittel ist, um Investitionen in die Bildung einzusparen, sondern vielmehr ein Mittel, um – richtig umgesetzt – die Qualität von Bildung zu erhöhen. Und das kostet.

 

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