„Ohne hätte, wenn und aber“ – Was zu tun ist und was sich künftig ändern muss, um Pandemien wirksam einzudämmen

Zur Corona-Pandemie – Beiträge aus der Universität Potsdam
Symbolbild. | Foto: AdobeStock/NicoElNino
Quelle: AdobeStock/NicoElNino

Die Zeit drängt. Das neuartige Corona-Virus hat sich weltweit rasant ausgebreitet. Fieberhaft wird nach Impfstoffen und Medikamenten geforscht. Was ist zu tun und was muss sich künftig ändern, um Pandemien wirksam einzudämmen? Fragen an den Facharzt für Mikrobiologie und Virologie Prof. Dr. med. Frank T. Hufert aus der gemeinsamen Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Potsdam, der Medizinischen Hochschule Brandenburg „Theodor Fontane“ (MHB) und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Prof. Hufert ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Virologie der MHB am Standort Senftenberg.

Herr Prof. Hufert, wir gewinnen gerade ein neues Verständnis von Zeit, wenn es darum geht, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verzögern. Sie gelten als Experte für Schnelldiagnostik. Welche Testverfahren können dazu beitragen, eine Pandemie wie die derzeit erlebte wirkungsvoll einzudämmen?

Ein breites Testen zum molekularen Virusdirektnachweis mittels PCR (Polymerase Kettenreaktion) oder RPA (Rekombinase Polymerase Amplifikationstechnik) sowie die Antikörperbestimmung zum Nachweis durchgemachter Infektionen. Letzteres besonders beim medizinischen Personal und bei allen im Gesundheits- und Pflegedienst tätigen Menschen sowie bei Personen, deren Tätigkeit für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Grundfunktionen notwendig ist. Immune könnten dann gefahrlos in ihrem Beruf tätig sein.
 
In Ihrem Institut untersuchen Sie die viralen Pathogenese-Mechanismen, also Entstehung und Verlauf von Viruserkrankungen. Wie hilft dieses Wissen im konkreten Anwendungsfall, wenn Viren sich doch ständig verändern und, wie jetzt das Corona-Virus, in immer neuen Erscheinungsformen und Wirkweisen auftreten?

Durch molekularbiologische Untersuchungen lassen sich Pathogenitätsfaktoren charakterisieren und Virusverwandtschaften definieren, die auch einen Spezieswechsel anzeigen können. Eine kontinuierliche genetische Charakterisierung von Virusvarianten hilft auch, die genetischen Nachweisverfahren stets anzupassen und so falsch negative Befunde zu vermeiden.     

Die Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffes werden noch bis zu einem Jahr dauern. Steht zu befürchten, dass das Virus bis dahin bereits mutiert ist?

Mutationen treten bei RNA-Viren stetig auf, dennoch haben die Coronaviren ein sehr großes RNA-Genom mit einer sehr exakt arbeitenden RNA-Polymerase, die allein zwei Drittel des Genoms ausmacht, sodass die genetischen Variationsmöglichkeiten nicht so groß sind wie bei Influenzaviren. Der beste Impfstoffansatz besteht nach meiner Ansicht in der Herstellung einer Virus-Chimäre, die auf der Basis des Vesikulostomatitis-Virus (VSV) das Virushüllprotein-S des SARS-CoV-2 trägt. Eine solche Impfstoffvariante ist für Ebolavirus bereits zugelassen und sehr erfolgreich. Auch für das dem SARS-CoV-2 sehr verwandte MERS-CoV konnte in Tiermodellen schon Schutz gezeigt werden und im Affenmodell war diese chimäre Lebendvakzine sehr gut immunogen. Aus diesem Grund halte ich diese Variante für den besten Impfstoffansatz, der auch sehr schnell hergestellt werden könnte und für den schon eine Zulassung für ein anderes Virus besteht. Diese Entwicklung sollte umgehend und ohne bürokratische Hürden von der Bundesregierung gefördert werden. In Deutschland liegen für diesen Weg alle technischen Werkzeuge am Deutschen Primatenzentrum vor, hier könnten auch die Immunogenität im Affenmodell schnell analysiert werden.

Welche der derzeit diskutierten Behandlungsmethoden halten Sie am vielversprechendsten und warum?

Die Studien laufen noch und es gibt noch kein Therapieschema, das am besten eingesetzt werden kann und soll. Ich persönlich halte eine frühzeitige simultane Gabe von zwei antiviral wirkenden Medikamenten wie z.B. die Kombination aus Hydroxychloroquin und Remdesivir oder die Kombination aus Hydroxychloroquin und Favipiravir für aussichtsreich. Auch die Kombinationen von Favipiravir und Remdesivir oder von Remdesivir und Foipan wären sehr erfolgversprechende Therapiemöglichkeiten. Wie effektiv die Wirkung im klinischen Setting ist, kann und muss über klinische Studien gezeigt werden. Besonders wichtig scheint mir eine frühe Gabe der Medikamente, um den Schaden, den das Virus verursacht, gering zu halten. Bei einer späten Gabe ist ein Großteil des Gewebes bereits durch die Virusreplikation geschädigt und damit ist zu erwarten, dass die Therapie deutlich weniger effektiv ist. Als Beispiel sei hier das Grippemittel Tamiflu genannt, dessen Wirkung am besten ist, wenn es prophylaktisch gegeben wird. Für alle Therapieoptionen bei COVID-19-Patienten gilt: Keines der Medikamente ist für diesen Einsatz zugelassen.

Hat sich Ihre Vernetzung mit Virologen und Epidemiologen im In- und Ausland durch die Krise verändert? Wie und woran arbeiten Sie zusammen?

Nein, das hat sich durch die Krise nicht verändert. Wir arbeiten international vernetzt, insbesondere mit Kollegen aus Großbritannien, Ägypten, dem Senegal und anderen Ländern, da wir zusammen mit Kollegen aus Stirrling, UK und Göttingen die molekulare Point-off-Care-Diagnostik in einigen Ländern in den Feldeinsatz gebracht haben, so auch beim Ausbruch des Ebolavirus in Westafrika.

Weltweit haben Fachleute beständig darauf hingewiesen, dass die wirtschaftliche Globalisierung, die damit einhergehenden ökologischen und sozialen Verwerfungen und der rasche Bevölkerungsanstieg das Auftreten neuer Infektionskrankheiten und deren rasante Verbreitung begünstigen. Was müsste aus medizinischer und epidemiologischer Sicht getan werden, um diese Gefahr zu bannen?

Es müssen Sentinel-Systeme aufgebaut werden, stichprobenartige Erhebungen, die sehr rasch neue Ausbrüche von Infektionserkrankungen aufzeigen können. Dazu gehört auch die Möglichkeit, in entlegenen Regionen eine valide mobile Diagnostik zur Verfügung zu haben, die dann durch Ausbruchteams angewendet wird. Trotz der Verflechtung des Welthandels muss die Produktion von Medikamenten, medizinischen Gerätschaften und persönlicher Schutzausrüstung im eigenen Land stets zur Verfügung stehen. Wir müssen auch ohne China u.a. in der Lage sein, autark zu produzieren. Staaten, die keine eigene Produktion haben, wie etwa viele Länder in Afrika, müssten über die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versorgt werden. Zudem müssen Impfstoffe auch für seltene Erreger entwickelt werden und Impfkampagnen durchgeführt werden. So gibt es noch immer z.B. eine steigende Zahl von Masern- und Gelbfieberfällen, trotz der Verfügbarkeit lebenslang schützender Impfstoffe.
Nicht zuletzt müssen Staaten in der Lage sein, die Grenzen zu schließen. Ein zentraler Fehler Europas und Deutschlands war es, trotz der Bedrohung durch den Ausbruch in China keine strikten Einreiseverbote auszusprechen, sodass dem Virusimport Tür und Tor geöffnet waren.

Was muss sich hierzulande ändern?

Das öffentliche Bewusstsein für Infektionserkrankungen und für Ausbrüche muss gestärkt werden und in die Bildungssysteme integriert werden. Ein Ausbruch, wie wir ihn jetzt erleben, ist ein Naturphänomen und erfordert frühes und unverzügliches zielgerichtetes Handeln der Regierung zum Schutz der Bevölkerung, ohne stetige protrahierte Diskussionen mit hätte, wenn und aber. Naturphänomene nehmen keine Rücksicht auf menschliche Belange und Fantasiewelten unterschiedlicher Couleur. Dieses frühzeitige Handeln ist leider versäumt worden. Vorhandene Pandemiepläne müssen zur Anwendung kommen und stets aktualisiert werden. Eine Verbesserung unseres Systems sehe ich auch in der Abschaffung der Bundesländerkompetenz in Seuchenfragen. Hier muss eine einheitliche, zentral gesteuerte Struktur geschaffen werden, denn im Verteidigungsfall der Bundesrepublik greifen wir ja auch nicht auf die einzelnen Armeen der Bundesländer zurück.

Und im Gesundheitswesen?

Der öffentliche Gesundheitsdienst muss wieder aufgestockt werden. Und unsere Krankenhäuser müssen ausreichend finanziert werden. Hier liegt vieles im Argen, vom kleinen Krankenhaus im ländlichen Bereich bis hin zu den großen Universitätskliniken. Überall fehlt es seit Jahren an finanziellen Mitteln, die der Staat nicht bereit war zu investieren. Hier müssen sich u.a. auch die Vergütungsmodalitäten ändern. Trotz jahrelanger doch so hoher Steuereinnahmen wurden diese schon lange bestehenden Missstände von der Politik stets ignoriert. Hier sehe ich auch dringenden Handlungsbedarf, um uns fit zu machen für eine Gesundheitsversorgung, die auch globale Großschadenslagen, wie wir sie jetzt erleben, abfedern kann.

Weitere Informationen zum Corona-Virus aus der Fakultät für Gesundheitswissenschaften:

https://www.fgw-brandenburg.de/index.php/2020/03/24/informationen-zum-neuartigen-corona-virus/

 

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