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Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

5. Im Netzwerk der Schriften

Alexander von Humboldts Asie centrale ist mit großem zeitlichem Abstand zu der Ende Dezember 1829 abgeschlossenenen russisch-sibirischen Reise verfaßt worden. Während seiner Aufenthalte in Paris hatte Alexander von Humboldt jedoch zwischen Oktober 1830 und Januar 1831 sowie erneut zwischen Februar 1831 und April 1832 schon mehrfach am Institut de France Vorträge zu seiner Reise gehalten[1]. Diese »Mémoires« sowie die bereits 1830 auf Deutsch publizierte Abhandlung »Ueber die Bergketten und Vulcane von Inner-Asien und über einen neuen vulcanischen Ausbruch in der Andes-Kette« bilden den Kern seiner 1831 in zwei Bänden zu Paris erschienenen Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques[2]. Diese Bände enthielten, für Humboldts Arbeits- und Denkweise (auch in Asie centrale) keineswegs ungewöhnlich, auch Beiträge des in Paris lebenden und für Humboldts Anschauungen höchst wichtigen Orientalisten H.J. Klaproth sowie in geringerem Umfang Textbausteine weiterer Gelehrter wie etwa der bereits erwähnten Gustav Rose oder Leopold von Buch. Sie bilden eine Textsammlung, die sich fraglos als "Vorstufe"[3] zu Asie centrale begreifen läßt. Bereits der Titel des letztgenannten Werkes signalisiert aber, daß es in diesen drei Bänden anders als in den Fragmens um die Konstruktion einer Area geht: Zentralasien.

Schon ein Jahr nach der Veröffentlichung seiner Fragmens bekundete Humboldt gegenüber seinem Verleger die Absicht, in nicht allzu ferner Zukunft eine Neubearbeitung vorzulegen[4]. Zwar konnten erste Teile davon bereits 1839 gedruckt werden, doch verzögerten sich die Arbeiten ebenso durch kleinere Reisen Humboldts wie durch den Wechsel auf dem preußischen Thron, der nach Humboldts Anwesenheit am Hofe in Berlin und Potsdam verlangte.

Der großen zeitlichen Distanz zur Reise entsprach eine nicht minder große Distanz zu herkömmlichen beziehungsweise traditionellen Formen des Reiseberichts, war es Humboldt doch darum zu tun, das geologische, geophysikalische und klimatologische Wissen seiner Zeit über Zentralasien nicht nur mit seinen eigenen Erfahrungen und Messungen auf der Reise, sondern auch mit der geschichtlichen Entwicklung der Kenntnisse über diesen Teil der Welt zu verknüpfen. Humboldt selbst schätzte sein schließlich 1843 in drei Bänden in Paris gedrucktes Werk sehr hoch ein und hielt es - glaubt man seiner Aussage in einem Brief an Georg von Cotta vom 7. Juni 1845 - für "besser geschrieben" als sein Examen critique oder die Beschreibung seiner Amerikareise[5].

Gerade diese Amerikareise aber war in Humboldts Asie centrale, die später noch durch zusätzliche »Tableaux sur la Climatologie des deux Mondes« erweitert werden sollte, allgegenwärtig. Denn gleich zu Beginn des Hauptteils erscheint schon ein erster Vergleich der asiatischen Hochgebirge mit den andinen Hochflächen von Pastos, Quito und Titicaca, der die ausgeprägt asiamerikanische Konfiguration des gesamten Werkes erkennen läßt. Kaum eine Erörterung der asiatischen Hochgebirge, in der sich der Leser nicht plötzlich den andinen Bergriesen wie etwa des Chimborazo und Cotopaxi, häufig aber auch dem Vulkan des Teide auf Tenerife gegenüber sähe. Daß es Humboldt um weit mehr als eine geologisch-klimatologische Darstellung Zentralasiens ging, hatte er bereits geschickt dem gesamten Werk in seiner Widmung an den russischen Zaren Nikolaus I. (1796 - 1855) vorangestellt. Dort hatte er nicht nur recht diplomatisch und hintersinnig just den nicht gerade wegen seiner Förderung demokratischer Ideale bekannten Monarchen in den Horizont dessen gerückt, was »unsere Epoche im höchsten Grade« auszeichne, nämlich "le libre développement des facultés intellectuelles"[6]. Gerade diese freie Entfaltung wäre in Humboldts Schrift ja überaus unerwünscht gewesen. Doch Humboldt wies dem Zaren auch die an einer "Physique du Globe"[7] ausgerichteten Vorgaben zu, durch diese von ihm befohlene Expedition zum "agrandissement du domaine des Sciences"[8] - und zwar vor allem der Geologie und des Erdmagnetismus - beizutragen und alles hintanzustellen, was von bloßem "intérêt matériel et local"[9] sei. So machte Alexander von Humboldt in dieser auf Paris im Februar 1843 datierten untertänigsten Widmung den Zaren nicht nur für die Einengung des Forscherblicks auf möglichst gesellschaftsferne Gegenstände, sondern auch für die Erweiterung des Blickfelds über das rein Lokale hinaus verantwortlich. Fürwahr eine Widmung, die ihren programmatischen Charakter kaum hinter dem obligatorischen Herrscherlob verbirgt!

Nachdem Humboldt auf so kluge Weise die Verpflichtung zu einer Würdigung des russischen Monarchen für eine in mehrfacher Hinsicht wegweisende Orientierung seines gesamten Werkes genutzt hatte, ließ er in Asie centrale eine »Introduction« folgen, in welcher transareale und globale Phänomene und Fragestellungen jenseits der Area Zentralasien überaus präsent sind. In der für Humboldts Schreibweise typischen intratextuellen Vernetzung mit anderen Schriften aus seiner Feder verwies er nicht nur auf sein »Mémoire sur les fluctuations des métaux précieux entre l'Europe, l'Asie et le Nouveau-Continent«[10], das der Frage der weltweiten Zirkulation von Edelmetallen und deren Einfluß auf damit verbundene Kursschwankungen nachging, sondern machte zugleich auch auf "les rapports et la connexité"[11] seines aktuellen Buches mit seinem amerikanischen Reisewerk aufmerksam:

 Lorsque en 1804, après une absence de cinq ans, je retournai du Mexique en Europe, je ne pouvais comparer mes observations sur la limite des neiges perpétuelles dans les Cordillères à aucune mesure faite dans l'Himalaya, dans l'Hindou-Kho, au Caucase ou à l'Ararat. [...] Cependant en Asie, comme partout ailleurs, d'aventureuses expéditions de voyageurs précédèrent les travaux de la science.[12]

Die bis 1821 durchgeführten Forschungsarbeiten seien wichtig geworden, um jene Vergleichsmöglichkeiten überhaupt erst zu eröffnen, die ihm nach seiner Rückkehr aus Amerika noch versperrt gewesen waren. Dennoch sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt lediglich ein kleiner Teil der Erdoberfläche Asiens erforscht, so daß erst die eigene Expedition sowie die Heranziehung unterschiedlichster Meßdaten anderer Reisender und Wissenschaftler die Basis für ein allgemeineres, grundlegenderes Werk liefern könnten. So schrieb Humboldt in seiner sehr komplex angelegten Einleitung:

N'ayant point encore perdu l'espoir de publier un ouvrage très-général sous le titre imprudent de Kosmos, je me suis arrêté de préférence et avec prédilection dans l'Asie centrale aux aperçus de la Physique du Globe. Cette prédilection, je l'espère, ne m'a pas fait négliger des recherches spéciales de la Géologie de formations et d'Orométrie.[13]

In der Tat: Weniger als zwei Jahre später sollte Humboldt seine Einleitung in den Kosmos abschließen, dessen Untertitel (Entwurf einer physischen Weltbeschreibung) die Zielrichtung der gesamten Humboldtschen Wissenschaft auf den Punkt zu bringen suchte. Die transdisziplinäre, verschiedenste Wissenschaften und deren spezialisiertes Wissen querende Anlage seines Kosmos belegt auf eindrucksvolle Weise, daß es sich hierbei keineswegs um eine rein geowissenschaftliche Ausrichtung handelt, sondern vielmehr um die Konzeption einer Wissenschaft, die das disziplinäre Wissen auf übergeordnete Fragehorizonte zu beziehen sucht und dabei sowohl einzelne Regionen und Kontinente als auch einzelne Kulturen übergreifende Leitlinien verfolgt, um das eigene wissenschaftliche Tun auf eine zutiefst kosmopolitische und Wissen demokratisierende Gesellschaftsvision hin zu öffnen. Erst vor diesem Hintergrund wird die Komplexität des Wissenschaftsprogramms verständlich, mit dessen Aufriß Alexander von Humboldt die »Introduction« zu seiner Asie centrale abschloß: Die neuen Möglichkeiten, in die Tiefen von Raum und Zeit vorzudringen, seien unzweifelhaft "un des grands triomphes de la raison humaine"[14]. Und weiter:

L'application heureuse des méthodes scientifiques, l'appréciation plus juste des rapports qui enchaînent tous les phénomènes et toutes les forces de la Nature, doivent exercer une influence bienfaisante sur les études géographiques en agrandissant l'horizon qu'elles dominent; sur l'histoire en démêlant dans les migrations des peuples et dans l'état de leur culture les effets de la configuration du sol et de la variété des climats; sur la Physique du Globe en l'élevant à cette généralité d'aperçus qui embrassent à la fois les couches ondoyantes de l'Océan aérien, la terre qu'elles enveloppent et fécondent, la distribution de la vie depuis les sommités neigeuses resplendissantes de lumière jusqu'aux sombres abîmes des mers.[15]

Ein adäquates Verständnis von Asie centrale setzt folglich voraus, den spezifischen Platz dieses Werkes innerhalb der »Verkettungen«, innerhalb des intratextuellen Netzwerks der Schriften Alexander von Humboldts zu bestimmen. Denn auch wenn sich Humboldt in seinem Werk über Zentralasien auf ein sehr eingeschränktes Spektrum an Gegenständen beschränken mußte, so konnte er doch die für ihn unabdingbaren, aber notgedrungen in Asie centrale beiseite gelassenen Dimensionen seines Wissenschaftsverständnisses durch die Einbindung seines Textes in die Relationalität seiner wissenschaftlichen Schriften zurückgewinnen. Asie centrale steht nicht für sich.



[1] Vgl. hierzu ausführlich Fiedler, Horst / Leitner, Ulrike: Alexander von Humboldts Schriften. Bibliographie der selbständig erschienenen Werke. Berlin: Akademie Verlag 2000, S. 348.

[2] Humboldt, Alexander von: Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques. 2 Bde. Paris: Gide - Pihan Delaforest - Delaunay 1831.

[3] Fiedler, Horst / Leitner, Ulrike: Alexander von Humboldts Schriften, a.a.O., S. 348.

[4] Ebda., S. 355.

[5] Zit. nach ebda.

[6] Humboldt, Alexander von: Asie Centrale, a.a.O., Bd. I, S. viii.

[7] Ebda.

[8] Ebda

[9] Ebda., S. ix.

[10] Ebda., Bd. I, S. xvi; vgl. Humboldt, Alexander von: Ueber die Schwankungen der Goldproduktion mit Rücksicht auf staatswirtschaftliche Probleme. In: Deutsche Vierteljahrs Schrift I, 4 (1838), S. 1-40.

[11] Humboldt, Alexander von: Asie Centrale, a.a.O., Bd. I, S. xviii.

[12] Ebda.

[13] Ebda., Bd. I, S. xxx f.

[14] Ebda., Bd. I, S. lvii.

[15] Ebda., Bd. I, S. lvii f.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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