Nachruf
Prof. Dr. Lutz Zülicke (1936 – 2025)
Das Institut für Chemie, die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät und die Universität Potsdam trauern um Herrn Professor Lutz Zülicke, der am Donnerstag, dem 18. Dezember 2025, im Alter von 89 Jahren verstorben ist.
Lutz Zülicke war einer der führenden theoretischen Chemiker in Deutschland. Er wurde am 2. Oktober 1936 in Bitterfeld geboren. Nach dem Physikstudium an der Universität Leipzig, das er 1960 mit einer experimentellen Diplomarbeit abschloss, war er zunächst wissenschaftlicher Assistent bei der "Forschungsgruppe Theoretische Chemie" an der Universität Leipzig, wo er bei Bernhard Kockel an theoretischen Problemen zur chemischen Bindung in kleinen Molekülen arbeitete. 1962 kam er an das Institut für Physikalische Chemie der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und promovierte 1965 an der Universität Leipzig mit einer Arbeit "Zur strengen Ab-Initio-Berechnung molekularer Mehrelektronensysteme". Es folgten 1974 die Promotion zum Dr. sc. nat. – äquivalent einer Habilitation – an der Humboldt-Universität zu Berlin, mit einer Schrift über "Hellmann-Feynman-Relationen und ihre Anwendungen in der Quantenchemie" sowie die Verleihung der facultas docendi (Universität Leipzig, 1977).
Nach Tätigkeiten als Arbeitsgruppenleiter und Forschungsaufenthalten an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Moskau wurde er 1978 Professor an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof und wirkte in den schwierigen Wendejahren 1990/1991 auch als geschäftsführender Direktor des dortigen Zentralinstituts für physikalische Chemie. Ab 1993 war er ordentlicher Professor für Theoretische Chemie an der Universität Potsdam, bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2001. Während seiner Potsdamer Zeit baute Zülicke nicht nur das Lehr- und Forschungsgebiet der Theoretischen Chemie an der jungen Universität auf, er fungierte u. a. auch als Direktor des damaligen Instituts für Physikalische Chemie und Theoretische Chemie sowie (von 1996 bis 1998) als Prodekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät.
Professor Zülicke war ein Pionier auf vielen wissenschaftlichen Gebieten, insbesondere auf dem Feld der molekularen Quantenchemie und der molekularen Dynamik. Eine der ersten Wellenpaketpropagationen zur zeitabhängigen Behandlung chemischer Reaktionen sind mit seinem Namen verbunden. Seine Forschungen wurden mit zahlreichen Preisen gewürdigt, u. a. dem Friedrich-Wöhler-Preis der Chemischen Gesellschaft der DDR (1975), dem Gemeinsamen Preis (Kategorie I) der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften (1980) sowie der Van’t-Hoff-Medaille der Akademie der Wissenschaften der DDR (1987). Er war korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, Vollmitglied der European Academy of Sciences, Arts, and Humanities (Paris) und gehörte dem Board of Directors of the International Society for Theoretical Chemical Physics an.
Professor Zülicke war als unermüdlicher und sehr erfolgreicher Autor von Lehrbüchern und Monographien bekannt – ganze Generationen von theoretischen Chemikern haben von seinen Büchern profitiert und daraus gelernt. So war er u. a. der Autor der ersten beiden Bände der legendären fünfbändigen Serie "Quantenchemie. Ein Lehrgang", zu "Grundlagen und allgemeine Methoden" (Band 1, 1973) und "Atombau, chemische Bindung und molekulare Wechselwirkung" (Band 2). Gemeinsam mit Evgenij E. Nikitin aus Moskau veröffentlichte er ein Buch zur "Theorie chemischer Elementarprozesse" (1985). Ein Spätwerk, nach seiner Emeritierung entstanden, ist die "Molekulare Theoretische Chemie" (Springer, 2015), welches man jedem, der es genauer wissen will, nur ans Herz legen kann.
Lutz Zülicke knüpfte zahlreiche wissenschaftliche Kontakte, auch schon zu DDR-Zeiten und weit über die Landesgrenzen hinaus.
Exemplarisch sei die von ihm mitorganisierte "International Autumn School on Quantum Chemistry" in Kühlungsborn (4 - 16. November 1976) genannt, wo theoretische Chemikerinnen und Chemiker aus Ost und West zusammenkamen, und der Eiserne Vorhang ein wenig in Vergessenheit geriet. Professor Zülicke war eine integrative, äußerst faire, verbindliche, menschlich zutiefst beeindruckende Persönlichkeit, der sich für seine Mitarbeiter und sein Fach stets kraftvoll einsetzte. Dabei war er kein Lautsprecher, sondern ein Mensch, der durch seine natürliche Autorität wirkte.
Das Institut für Chemie, die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät und die Universität Potsdam verneigen sich vor einem großen Wissenschaftler, akademischen Lehrer und charakterlichen Vorbild. Unser tiefes Mitgefühl gilt seinen Angehörigen.
Wir werden Lutz Zülicke schmerzlich vermissen.
Autoren: Peter Saalfrank und der Arbeitskreis Theoretische Chemie an der Universität Potsdam
