„Inklusion ist für mich, wenn man gleichzeitig man selbst und Teil der Gesellschaft sein kann.“ – Timo Hennig
Lennart Buchholz studiert Lehramt für Förderpädagogik im 7. Semester, arbeitet als studentische Hilfskraft bei Timo Hennig und hat selbst ADHS sowie Autismus und eine Lese-Recht schreib-Schwäche. Alle drei Diagnosen wurden schon früh gestellt, Buchholz bekam ab der 5. Klasse einen Einzelfallhelfer, später Nachteils ausgleiche und durfte mit einem Laptop arbeiten, da Papier für ihn vor allem „ein Haufen Schnipsel war“. Das half beim Strukturieren. Mit Erfolg, er hat den Schulabschluss geschafft. Und anschließend den Schritt an die Uni gewagt, wissend, dass die Aufgabe, dort zu bestehen, ungleich größer ist. Seine Motivation: Lennart Buchholz möchte Lehrer werden, Kindern helfen, die vor größeren Hürden stehen als andere. „Ich denke, weil ich selbst ADHS habe, kann ich sie – aus eigener Erfahrung – bestmöglich unterstützen“, sagt der Student. Außerdem sei eine diverse Lehrerschaft wichtig, ergänzt Timo Hennig: „Er kann Vorbild sein, den Kindern zeigen: Es geht, sie können es schaffen.“
ADHS an der Uni, geht das?
Lennart Buchholz weiß schon lange, dass er ADHS hat. Andere erfahren es erst an der Uni, wenn sie an Grenzen stoßen, die bislang nicht sichtbar waren. Wie Sandra Müller*, die 22 war, als sie die Diagnose erhielt: „Durch mehr Aufklärung auf Social Media und eine Freundin, die zu der Zeit ihre Diagnose bekommen hat, bin ich auf das Thema ADHS im Erwachsenenalter aufmerksam geworden.“ Wenn die Symptome nicht so typisch sind, werde ADHS im Kindesalter regelmäßig nicht erkannt, erklärt Timo Hennig. Gerade Mädchen fielen immer wieder durchs Raster, da die Kriterien für sie nicht so passend formuliert seien wie für Jungen. Die Forschung sei dabei, hier nachzuschärfen. Die Schule biete durch feste Stunden- und strukturierte Lernpläne eine Orientierung, die an der Universität aber wegfalle. Ein Studium erfordere viel mehr Selbstorganisation und Eigenverantwortung, was für Menschen mit ADHS deutlich schwieriger sei. Bei komplexeren Aufgaben, wie eine Hausarbeit zu schreiben oder für eine größere Prüfung zu lernen, zeigten sich die Symptome dann deutlicher. „Es ist ein ständiges Chaos im Kopf. Ich habe Schwierigkeiten mit Organisation, Zeitmanagement sowie beim Erstellen und Einhalten von Plänen“, sagt Sandra Müller*. Den Alltag zu strukturieren, Auf gaben zu priorisieren oder den Überblick zu behalten, koste sie sehr viel Energie. „Wenn man in der Schule das Lernen nicht gelernt hat, kommen an der Uni ganz neue Probleme“, bestätigt Lennart Buchholz. „Prokrastinieren ist ein Riesenproblem für mich.“ Hinzu kommt, dass manche Symptome von ADHS sich im Erwachsenenalter verändern, wie Timo Hennig erläutert: „Viele Menschen mit ADHS erleben intensive Gefühle und Stimmungsschwankungen.“ Schon kleine Negativerfahrungen können den Alltag erschweren. „Wenn ich mich auf dem Weg zum Seminar verlaufe und im falschen Haus lande, steht der ganze Tag unter einem schlechten Stern und ich kann mich nicht mehr konzentrieren“, so Lennart Buchholz. „Die Herausforderungen lösen oft Frustration, Selbstzweifel und Versagensängste aus“, sagt Sandra Müller*. „Gleichzeitig zeigt sich ADHS bei mir auch in viel fältigen Interessen, Kreativität und einer hohen Empathie.“
Tipps fürs Studium mit ADHS
Und was hilft? Grundsätzlich jeder Person etwas anderes, sagt Psychologe Timo Hennig. Wichtig sei es einerseits, unterstützende Lernumgebungen zu schaffen: Wer allein am besten lernt, sollte für Ruhe sorgen, wer in Gemeinschaft besser vorankommt, Lerngruppen bilden. Außerdem lohnt es, realistische Pläne und Ziele aufzustellen, an denen man sich orientieren kann und mit denen Aufgaben in machbare Portionen zerlegt werden. „Ich habe eine auf mich abgestimmte Hintergrundmusik, richte mir auch meinen Arbeitsplatz her, arbeite viel mit Klebezetteln“, erklärt Lennart Buchholz. Ebenso essenziell sei aber andererseits der Blick nach innen: „Viele Menschen mit ADHS haben ein niedriges Selbstwertgefühl, sind schnell verunsichert“, erklärt Timo Hennig. Sie können daran arbeiten, eine verständnisvolle und konstruktive Grundhaltung zu entwickeln: Wenn etwas nicht klappt, überlegen, warum nicht, und wie es nächstes Mal besser laufen kann. „Sehr wichtig ist auch, dass sie Menschen in ihrem Leben haben, die sie mögen und unterstützen – so, wie sie sind.“ Bei (wichtigen) Beziehungen sei deshalb im Umgang mit der eigenen ADHS Diagnose und den damit verbundenen Schwierigkeiten durchaus Offenheit angebracht, findet der Forscher. „Wenn Menschen mit ADHS nicht gut zuhören können, weil sie gerade sehr unruhig und impulsiv sind, können andere Personen das als desinteressiert oder respektlos empfinden. Darüber reden hilft, um sich gegenseitig besser zu verstehen und gemeinsame Lösungen zu finden.“ Und was ist mit Menschen, die erst im Studi um erfahren, dass sie ADHS haben: Kann ihnen schlechter geholfen werden? „Nein, es ist nie zu spät“, betont Timo Hennig. „Zunächst: Wer mit ADHS ein Studium beginnt, hat schon viel geschafft im Leben – auf jeden Fall ja einen zum Studium qualifizierenden Schulabschluss. Man darf nicht vergessen, dass nicht wenige Betroffene schon in der Schule scheitern.“ Dennoch könne es für viele ein wichtiger erster Schritt sein, wenn sie die ADHS-Diagnose erhielten. Anschließend bräuchten sie eigentlich keine andere Unterstützung als jene, die schon länger – bewusst – mit ADHS leben und lernen: „Sie brauchen individuelle Hilfe – die einen bei der Selbstorganisation, andere beim Schreiben, dritte bei der Bewältigung ihrer Emotionen“, so Hennig. „Wichtig ist der verständnisvolle Umgang: mit Kommiliton*innen, Lehrenden, Familie und auch mit sich selbst.“ Timo Hennig forscht schon seit einigen Jahren zu ADHS und hat sich auf die Fahnen geschrieben, ebenfalls ganz praktisch zu helfen. Für Schülerinnen und Schüler hat er in einem Flyer sieben „Evidenzbasierte Maßnahmen des Nachteilsausgleichs“ zusammengetragen, die in Schulen recht einfach umsetzbar sind. Seit 2024 bieten er und sein Team eine ADHS-Gruppe für Studierende an. Ein Semester lang können sich die Teilnehmenden über ihre Probleme und Herausforderungen beim Studium mit ADHS austauschen und erhalten professionelle Beratung zu verschiedenen Themen rund ums Studium: zu Organisation von Alltag und Studium, zum wissenschaftlichen Schreiben, Prüfungen und Lerngruppen, aber auch zu Aufschiebeverhalten und Selbstzweifeln. „Die acht Sitzungen pro Semester sollen Anstöße geben, damit die Studierenden sehen, was mög lich ist und wie sie sich weitere Hilfe holen können“, sagt Julius Greiser, der die Gruppe aktuell anleitet. „Wir ermutigen die Studierenden aber auch, sich über die Gruppe hinaus auszutauschen, Netzwerke und Lerngruppen zu bilden.“ Bisher klappt das sehr gut, wie Sandra Müller* bestätigt: „Die ADHS-Gruppe hat mir sehr dabei geholfen, mich mit anderen Studierenden mit ADHS auszutauschen, über wichtige Themen wie Selbstorganisation, Emotionen und Selbstbild zu sprechen und neue Strategien zu lernen.“
„Durch das Wissen über ADHS und darüber, dass mein Gehirn einfach anders funktioniert, habe ich weniger das Gefühl, dass etwas falsch mit mir ist.“ – Sandra Müller*
* Name geändert
Erforschen und helfen
Das Besondere an der ADHS-Gruppe: Sie ist Teil eines sogenannten Interventionsforschungsvorhabens mit dem Titel „Mit AD(H)S durchs Studium (MAdS)“, das gemeinsam mit der Zentralen Studienberatung der Universität Potsdam durchgeführt wird. Das Ziel: die Studierenden bestmöglich zu beraten und gleichzeitig zu evaluieren, ob die se Hilfe funktioniert. Deshalb gibt es neben der ADHS- auch eine Kontrollgruppe, die keine Beratung erhält. Beide Gruppen werden vor, während und nach dem Semester befragt, um bewerten zu können, welchen Einfluss die Gruppe auf das Wohlbefinden der Studierenden hat. Außerdem können sich Studierende in der Zentralen Studienberatung individuell beraten und begleiten lassen. Zusätzlich gibt es verschiedene Workshops zu studienrelevanten Themen und Gruppenangebote zur Organisation der Wochenstruktur sowie eine semesterbegleitende offene Veranstaltungsreihe zu verschiedenen Aspekten rund um das Studium mit ADHS. Ab Sommersemester 2026 bietet Annette de Guzmán Guzmán vom Hochschulsport einen Kurs speziell für Erwachsene und Studieren de mit AD(H)S an: „Wir kombinieren gezielt Bewegung, Achtsamkeit und Körperwahrnehmung – und entwickeln mit einfachen, alltagstauglichen Übungen aus dem funktionellen Training, der Atemarbeit und der Achtsamkeitspraxis ein individuelles Werkzeug für mehr Struktur und Klarheit.“ Timo Hennig ist nach den ersten absolvierten Gruppen vorsichtig optimistisch: „Die ADHS Symptome werden dadurch nicht essenziell reduziert. Aber ich gehe davon aus, dass wir belegen können, dass die Studierenden lernen, besser damit umzugehen – und sich deshalb auch besser fühlen.“ Sandra Müller* ist es gelungen, nicht zuletzt dank der ADHS-Gruppe. Ihr Studium hat sie erfolgreich abgeschlossen: „Durch das Wissen über ADHS und darüber, dass mein Gehirn einfach anders funktioniert, habe ich weniger das Gefühl, dass etwas falsch mit mir ist. Ich gehe mitfühlender und verständnisvoller mit mir um.“
Weitere Angebote für Studierende mit ADHS:
Psychologische Beratung: https://www.uni-potsdam.de/de/studium/beratung/psychologische-beratung
Beratung zum Studium mit Behinderung: https://www.uni-potsdam.de/de/studium/beratung/behinderung
Schreibberatung: https://www.uni-potsdam.de/de/zessko/selbstlernen/schreibberatung
AD(H)S-Sportgruppe: https://buchung.hochschulsport-potsdam.de/angebote/aktueller_zeitraum/_Gesund_Studieren_-_Dein_AD_H_S_Sportkurs.html
„Mit AD(H)S durchs Studium (MAdS)“: Durch den Arbeitsbereich für Inklusionspädagogische Psychologie wird im Rahmen eines Interventionsforschungsvorhabens eine ADHS-Gruppe für Studierende angeboten. In der Gruppe treffen sich ca. 8 Studierende mit AD(H)S mit psychologischer Gruppenleitung. Darüber hinaus organisiert die Zentrale Studienberatung pädagogische Beratungs- und Unterstützungsangebote zur Selbstreflexion und Bewältigung von Studienaufgaben. Bei Interesse können sich Studierende unter adhs-gruppe@uni-potsdam.de oder beratung-adhs@uni-potsdam.de melden
https://www.uni-potsdam.de/de/studium/beratung/psychologische-beratung/mads
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.