„Die aktuellen Entwicklungen stehen in jahrhundertelanger Tradition“ – Der Slawist Prof. Dr. Alexander Wöll über den Krieg in der Ukraine

Das Bild zeigt Alexander Wöll, Professor für Kultur und Literatur Mittel- und Osteuropas. Das Foto ist von Tobias Hopfgarten.
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Alexander Wöll, Professor für Kultur und Literatur Mittel- und Osteuropas

Den Verlust der Unabhängigkeit haben bereits viele Generationen von Ukrainerinnen und Ukrainern erfahren, sagt Alexander Wöll. Der Professor für Kultur und Literatur Mittel- und Osteuropas kennt nicht nur die Geschichte Osteuropas gut, er hat auch zahlreiche wissenschaftliche Kontakte in die Ukraine. So nahm er nach Kriegsausbruch auch eine geflüchtete Literaturwissenschaftlerin und Lyrikerin bei sich auf. Im Interview erläutert er unter anderem die ukrainisch-russische Beziehung, die gegensätzliche Kriegsberichterstattung beider Länder und sagt, welche Hilfen Menschen auf der Flucht jetzt am dringendsten benötigen.

Herr Wöll, wie schätzen Sie die Beziehung zwischen Russland und der Ukraine kulturhistorisch ein? Gibt es tatsächlich Ansatzpunkte für die aktuellen Entwicklungen in der Geschichte?

Das mittelalterliche Großreich Kiewer Rus, das bis ins 13. Jahrhundert bestand, ist ein Vorgängerstaat von Ukraine, Belarus und Russland gleichermaßen. 1654 hat die Ukraine im eigentlichen Sinne zum ersten Mal ihre Souveränität verloren, und zwar mit dem Vertrag von Perejaslaw zwischen der Kosakenführung mit dem russischen Zaren. Damals wurde sie zu einer Randprovinz im russischen Imperium. Im 20. Jahrhundert hat die Ukraine dann sechsmal ihre Unabhängigkeit erklärt – und sie fünfmal wieder verloren. Der Verlust der Souveränität ist für die Ukrainerinnen und Ukrainer keine theoretische Gefahr, sondern die Lebenserfahrung vieler Generationen. Immer wieder wurden sie zu Opfern von Machtspielen. Die aktuellen Entwicklungen stehen also in jahrhundertelanger Tradition. Bereits Stalin ließ im Winter 1932 nach Untersuchungen des britischen Historikers Robert Conquest bis zu 14 Millionen Ukrainer in einem Völkermord verhungern. Dieser millionenfache Hungertod ist als „Holodomor“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Genau in dieser Tradition der Souveränitätsfrage steht der Angriffskrieg Putins, der in einem Essay vom Dezember 2021 der Ukraine jedes Recht auf einen eigenen Staat und eine eigene Kultur abgesprochen hat.

Die Berichterstattung über die Ereignisse ist in der Ukraine und Russland geradezu entgegengesetzt, nicht nur weil die beiden Länder Gegner sind. Putin setzt auf Zensur und die Verbreitung einer zentral vorgegebenen Sicht mithilfe der staatlichen Medienkanäle, v.a. den Fernsehkanälen. Der ukrainische Präsident lädt die weltweite Presse ein, operiert aber vom ersten Tag an auch intensiv mit seinen Kanälen in den Sozialen Medien, spricht die Welt via Facebook, Twitter & Co. direkt an. Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Strategien – und erreichen beide, was sie wollen?

Auf dem Gebiet der Berichterstattung hat Putin seinen Angriffskrieg bereits verloren. Kein aufgeklärter und gebildeter Mensch im Westen kann mehr glauben, dass die Ukraine von Drogensüchtigen, Schwulen und Nazis befreit werden müsse, wenn dort ein jüdischer Präsident mit russischer Muttersprache im Amt ist, der in freien Wahlen von 73 Prozent der Bevölkerung als ihr Repräsentant demokratisch legitimiert ist. Es handelt sich nur um Wiederholungen der stalinistischen Gleichsetzungen aller Feinde mit Nazis, seit Trotzki in den 1930er Jahren regelmäßig mit Hakenkreuzen dargestellt wurde. Im Kalten Krieg ersetzten die Vereinigten Staaten die Nazis. Jeder „Bösewicht“ bekam ein Hakenkreuz. Es ist ein wirklich infantiles und neunzig Jahre altes dummes Spiel. Putin schafft es aber durch Pressezensur und Propaganda einerseits doch irgendwie, dass einige Russen das Vorgehen unterstützen und andererseits hat er einen derart großen Angstapparat geschaffen, dass sich Menschen nicht mehr zu protestieren trauen. In der Ukraine will folgerichtig niemand von einem diktatorischen und autoritären Russland in die Sklaverei „befreit“ werden. Besonders die jungen Menschen in der Ukraine sind hier entschlossen, das mit ihrem eigenen Leben zu verhindern, so dass der 43-jährige Wolodymyr Selenskyj auf diesem Feld den Krieg bereits jetzt gewonnen hat.

Was bedeutet dieser Krieg für den postsowjetischen Raum insgesamt?

Russland schafft es nicht, sich von seinen Großmachtillusionen als imperiale Weltmacht zu verabschieden. In gewisser Weise könnte man gar sagen, dass seit Iwan dem Schrecklichen eine permanente innere Kolonisation und aggressive Expansion der einzige Kitt des Landes ist. Die Kolonien liegen ja nicht irgendwo in der Welt verstreut, sondern wurden durch Eroberungsfeldzüge unterworfen, kulturell komplett russifiziert und ihrer eigenen Sprachen und Kulturen beraubt. Insofern können alle anderen Staaten des postsowjetischen Raumes sehr realistisch einschätzen, dass sie ohne den Schutz der NATO früher oder später Opfer der russischen Kriegszüge werden.

Etliche politische Akteure – wie der türkische Präsident Erdogan oder der israelische Premier Bennett –, aber auch andere wie der Papst haben sich als Vermittler zwischen der Ukraine und Russland ins Spiel gebracht. Welche Aussichten haben aus Ihrer Sicht die Verhandlungen zwischen den beiden Kriegsparteien und welche Rolle könnten Dritte dabei spielen?

Leider wissen wir aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, dass Verhandlungen beinahe aussichtslos sind, wenn ein Machthaber von einer krankhaften Idee besessen ist. Jede „Verhandlung“ nutzt Putin nur als plumpe Propagandashow, die zeigen soll, wie sehr er Demokraten verachtet. Die Ukraine kann gar keine Zugeständnisse machen, weil jeder noch so kleine Sieg von Russland im schlimmsten Fall zur Verschleppung und Ermordung der Bevölkerung führen würde. Putin hat in aller Klarheit öffentlich gesagt, dass es kein Existenzrecht eines ukrainischen Staates und keine ukrainische Kultur in dieser Welt gebe.

 

Sie haben viele wissenschaftliche Kontakte nach Osteuropa. Stehen Sie im Austausch mit ukrainischen Kolleginnen und Kollegen und wenn ja, wie geht es ihnen?

Unsere ukrainischen Kollegen wie Anatoly Podolsky vom Ukrainian Center for Holocaust Studies in Kyïv oder Leonid Finberg vom Center Judaica der Mohyla Akademie oder Josef Zissels, der Vorsitzende des jüdischen Dachverbandes der Ukraine, kämpfen in der Hauptstadt. In der Ukraine gehen insofern die Gegner der Nazis gegen das faschistische Regime in Moskau an. Insgesamt stehen wir alle national und weltweit in engem Kontakt, um bestmöglich koordiniert helfen zu können. Es kommen inzwischen auch geflüchtete Kolleginnen aus allen Landesteilen der Ukraine hier bei uns zusammen.

Sie haben eine ukrainische Lyrikerin bei sich aufgenommen. Kannten Sie sich bereits vorher und wie können Sie sie über die Unterkunft hinaus unterstützen?

Daryna Gladun ist bei mir in Berlin an einem momentan vorläufigen Ende ihrer Flucht angekommen. Die weltweite Wissenschaftscommunity arbeitet hier eng zusammen: In diesem konkreten Fall hat mich mein Kollege Alex Averbuch von der kanadischen Universität Alberta um Hilfe gebeten. Daryna stammt aus Butscha, der Stadt neben Irpin, die von der russischen Invasionsarmee fast vollständig zerstört worden ist. In unserem BMBF-Projekt „European Times“, dass ich zusammen mit meinen Kollegen Annette Werberger und Andrii Portnov von der Europa-Universität Viadrina durchführe, konnten wir ihr einen Stipendienplatz geben. Wie es danach weitergeht, muss Daryna selbst entscheiden. Sie ist eine hervorragende Literaturwissenschaftlerin, die ihre Doktorarbeit über Performance in der ukrainischen Gegenwartsliteratur schreibt. Aber sie ist mit ihren 29 Jahren auch eine der besten Lyrikerinnen des Landes. Und daneben ist sie Lehrerin für ukrainische Literatur, die sich durch Homeschooling noch um die Reste der Schule kümmert. Wir werden sie unterstützen, wo und wie wir nur können.

Was können Angehörige der Uni Potsdam, die helfen wollen, Ihrer Ansicht nach derzeit tun?

Wir sind froh um jedes Angebot, eine geflüchtete Person bei sich aufzunehmen. Je länger die zeitliche Perspektive dabei ist, desto besser. Daneben werden nun händeringend Übersetzer und Dolmetscher für Ukrainisch – und auch Russisch – gesucht. Benötigt werden nach der Flucht oft Kleidung sowie Einrichtungsgegenstände. Auch medizinische Hilfe ist von großer Wichtigkeit. Und generell sind alle Hinweise auf konkrete Arbeitsangebote willkommen. Die Bundesregierung hat einen sofortigen Einstieg in die Arbeitswelt genehmigt und bei der derzeitigen weitgehenden Vollbeschäftigung sind die Rahmenbedingungen sehr gut.

Die wissenschaftlichen Beziehungen zu Russland werden seit Kriegsbeginn nach und nach auf Eis gelegt. Was halten Sie davon – ist es der richtige Weg, russische Forscherinnen und Forscher, aber auch Studierende zu isolieren?

Der Kontakt zu russischen Staatsinstitutionen wurde von der gesamten Wissenschaftsallianz in Deutschland komplett abgebrochen: Zu dieser Allianz gehören der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Hochschulrektorenkonferenz und alle anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Ich halte dies für den richtigen Weg, um innerhalb Russland den maximal möglichen Druck zum Sturz der autoritären Diktatur aufzubauen und unsere eigenen Demokratien im Westen zu schützen. Dabei wird verfolgten und mit dem Leben bedrohten Personen aus Belarus und Russland selbstverständlich auf individueller Basis geholfen. Aber eben nun nicht mehr über staatliche russische Institutionen.

Sie hatten schon vorher eine neue „Denkfabrik“ an der Uni Potsdam zu Mittel- und Osteuropa geplant, gerade auch mit Blick auf die jahrelang angespannte Situation auf der Krim. Wie geht es mit dem Projekt nun weiter?

Ich persönlich stehe immer schon für eine sehr breit angelegte Slawistik. Sie sollte nicht nur vergleichend die Kulturen und Literaturen im ostslawischen Raum untersuchen, also in der Ukraine, in Belarus und in Russland, sondern sie auch mit dem westslawischen Raum, also der tschechischen, slowakischen, polnischen und sorbischen Kultur, sowie mit den südslawischen Kulturen in Beziehung setzen. Insofern werden wir sicher einen Weg finden, in diesen beklemmenden Kriegszeiten, für dieses lebenswichtige Thema einen guten Rahmen zu finden.

 

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Veröffentlicht

Online-Redaktion

Agnieszka Bressa