Mama, Studentin und nebenbei noch Mensch – Studieren und gleichzeitig Kinder erziehen ist eine große Herausforderung

Mutter im Homeoffice am Laptop mit Kind. Das Foto ist von AdobeStock/Ilona.
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„Wichtig für die Vereinbarkeit von Studium und Familie ist das wohlwollende Verständnis der Dozierenden und Kommilitonen.“

Claudia F. hat einen aufregenden Morgen hinter sich. Ihre älteste Tochter musste an ihrem zweiten Schultag zwei Stunden auf den Fahrdienst warten. Die 13-Jährige hat das Fetale Alkohol-Syndrom und den Pflegegrad 2. Sie ist auf feste Strukturen und Routinen angewiesen. „Sie erschien erst zur dritten Stunde in der Schule. Für sie war der Tag damit gelaufen“, sagt die Studentin. „Und wenn ich außer Haus berufstätig wäre, hätten meine Chefs mir schon längst gekündigt.“ Claudia F. studiert Deutsch und Geschichte auf Lehramt und zieht mit ihrer Frau drei Pflegekinder groß: die beiden 13- und achtjährigen Töchter und den zweijährigen Sohn, der erst seit Januar 2021 in der Familie ist.

Die drei Kinder leiden unter Ängsten – sie haben Vernachlässigung und/oder Gewalt erfahren, sind stark traumatisiert. „Jedes Kind, das zu uns kam, war erst einmal in einer Schockstarre und für ungefähr ein halbes Jahr in sich gekehrt.“ Bis das Kind voll und ganz in der Familie angekommen ist, kann es bis zu zwei Jahre dauern – dafür brauche es viel Liebe, Aufmerksamkeit und Geduld. Die gravierenden Schlafprobleme der mittleren Tochter zum Beispiel beschäftigten die ganze Familie über zwei Jahre. Und auch die Eingewöhnung in die Kita, die der jüngste Sohn gerade durchläuft, braucht mehr Zeit und Fingerspitzengefühl durch die Betreuungspersonen als üblich.

Dass Claudia F. mit ihrem Bachelorstudium im Hintertreffen ist, überrascht da wenig. Sie studiert bereits im 14. Semester – aber sie will unbedingt fertig werden. „Dieses Jahr wollte ich eigentlich die Bachelorarbeit angehen, doch dann kam mir der Kleine dazwischen.“ Sie muss bei Klausuren oft auf den zweiten Prüfungszeitraum ausweichen, damit sie nicht zu viele Prüfungen hintereinander hat. „Bei so einer anstrengenden Mutterrolle kann man sich nicht über drei Wochen hinweg konzentrieren.“

Der pandemiebedingte Rückzug ist daher für die Berlinerin mehr ein Glücksfall: „Ich war noch nie so produktiv wie zu Corona-Zeiten.“ Das liege auch daran, dass die lange Fahrt zur Uni wegfällt und sie mehr Seminare belegen und Hausarbeiten schreiben kann. Trotzdem vermisst sie die Uni Potsdam, für die sie sogar einen Studienplatz an der Humboldt-Uni abgesagt hat. Vor einem Jahr musste die Familie nach Leipzig ziehen, weil sie in Berlin keine bezahlbare Wohnung mehr finden konnte. Auch in dieser Hinsicht profitierte Claudia F. von der Pandemie – ohne Online-Studium hätte sie ihr Studium an der Uni Potsdam wohl nicht fortsetzen können. „Manchmal saß ich hier und habe mir mit zwei Kindern auf dem Schoß Vorlesungen angeguckt.“

Claudia F., die über 50 Jahre alt ist, entschied sich auf dem zweiten Bildungsweg für das Lehramtsstudium. Sie hatte als junge Frau ihren Sohn alleine großgezogen und machte 2014, nachdem er das Haus verlassen hatte, das Abitur nach. Viele Jahre hatte sie als Zahnarzthelferin gearbeitet und Lehrlinge ausgebildet. „Dass dann noch mal Kinder kommen, war so nicht geplant, aber es ist passiert.“ Mit einer sehr guten Note und positiven Erfahrungen entschied sie, selbst zu studieren und in die Erwachsenenbildung zu gehen – um anderen zu ermöglichen, das Abitur nachzuholen.

Für ein Wochenend-Seminar an der Uni Potsdam hat die Studentin auch schon die Kinderbetreuung des Service für Familien in Anspruch genommen. „Meine Frau war auf Dienstreise und ich war überhaupt nicht sicher, ob es klappen würde.“ Denn Babysitter waren die Kinder nicht gewohnt – zu hoch sind die Anforderungen, die diese mitbringen müssten. Doch es funktionierte gut, die Kinder spielten mit der Erzieherin und Claudia F. konnte im Hörsaal sitzen.

Wichtiger als Angebote für Kinderbetreuung ist für die Vereinbarkeit von Studium und Familie aus Sicht von Claudia F. aber das wohlwollende Verständnis der Dozierenden und der Kommilitonen. Wenn sie während eines Online-Seminars nebenan ihr Kind weinen hört, erwartet sie, dass niemand mit den Augen rollt, wenn sie aus dem Zimmer geht – selbst, wenn sie gerade einen Vortrag hält. Das komme zwar ab und zu vor, aber die Mehrheit der Dozierenden habe Verständnis dafür – gerade die Älteren. „Die Uni Potsdam ist da auf einem guten Weg – an anderen Hochschulen sucht man das, was die Uni Potsdam anbietet“, findet Claudia F.

Einen Tag für sich, ohne Arbeit, Studium oder Kinderbetreuung – daran erinnert sie sich gar nicht. „Das muss wohl vor zwölf Jahren gewesen sein.“ Urlaub fällt für die Familie ebenso weg. Neben der Pflege und Betreuung der Kinder gibt es viel Organisatorisches zu tun. „Wir haben viel Ärger um die Zuständigkeiten von Jugendämtern und wegen der Herkunftsfamilien, die zum Teil aus kriminellen Milieus stammen, auch oft an Gerichtsprozessen teilnehmen müssen.“ Die Familie ist daher auch zum Schutz der Kinder polizeilich gesperrt. Ihren Namen möchte die Studentin daher lieber nicht veröffentlicht wissen.

Zwar liegt Claudia F.s Priorität auf der Familie. „Ich war quasi immer Mama“, sagt die Studentin. „Nichtsdestotrotz bin ich auch Frau, Gattin, Mensch. Das kommt oft zu kurz, leider.“

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2021 „Familie und Beruf“ (PDF).