„Familie ist in Deutschland immer noch eine Angelegenheit des Privaten“ – Dörte Esselborn leitet den Service für Familien an der Universität Potsdam

Auf dem Foto ist Dörte Esselborn, Leiterin der Einrichtung Service für Familien an der Universität Potsdam, zu sehen. Das Foto ist von Tobias Hopfgarten.
Eine Mutter sitzt mit einem Kleinkind und einem Spielzeug auf dem Boden. Das Foto ist von AdobeStock/triocean.
Foto : Tobias Hopfgarten
Dörte Esselborn, Leiterin der Einrichtung Service für Familien an der Universität Potsdam.
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Familie und Beruf zu vereinbaren kann gerade für Frauen eine Herausforderung sein.

Seit 2007 unterstützt der Service für Familien alle Hochschulangehörigen mit Familienverantwortung. Er berät zu Mutterschutz und Elternzeit sowie in Konfliktsituationen, vermittelt Kinderbetreuung, fördert den Austausch mit anderen Familien und kümmert sich um Eltern-Kind-Räume an der Universität. Dörte Esselborn leitet die Einrichtung seit 2014. Im Interview erklärte sie, warum die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach wie vor ein weibliches Thema ist, was Familiengerechtigkeit eigentlich bedeutet und warum ihr Gleichstellungsarbeit so wichtig ist.

Warum kann es schwierig sein, Studieren, Forschen, Lehren und Arbeiten mit Familie in Einklang zu bringen?

Die zeitlichen Rhythmen von Familie und Beruf bzw. Studium sind sehr unterschiedlich. Gleichzeitig sind beide sehr zeitintensiv und fordern eine hohe Verfügbarkeit ein. Das zu vereinen, ist eine große Herausforderung. Familie ist in Deutschland immer noch – trotz vieler familienpolitischer Leistungen – eine Angelegenheit des Privaten. Das bis in die Gehaltsstrukturen noch wirksame traditionelle Modell eines männlichen Familienernährers und einer weiblichen Versorgerin von Kindern und Haushalt hat dafür gesorgt, dass die Aufgaben und Anforderungen, die Care Arbeit erfordert, in der Arbeitswelt lange keinen Platz hatten und ihn auch nur mühsam erobern.

Warum kann Care Work besonders für Frauen zum Problem werden?

Care-Arbeit bezeichnet die Fürsorge für andere, in der Regel im familialen Kontext. Der Begriff verdeutlicht, dass es sich hier um Arbeit handelt, auch wenn ein großer Teil davon unbezahlt im häuslichen Umfeld stattfindet. Dies geht zurück auf jahrhundertealte, auch christliche Traditionen des Füreinander-Daseins, lässt aber bei einer Auflösung des Familienverbandes diejenigen, die diese Sorgearbeit ausüben, oft in Abhängigkeiten und/oder Armut zurück. Insofern ist sie gerade für Frauen problematisch. Mit dem Begriff Care Work wird versucht, die hinter dieser Arbeit liegende Leistung sichtbarer zu machen.

Nun liegt ein Jahr der Pandemie hinter uns – inwiefern haben sich die Herausforderungen hierbei verschärft?

Mit der pandemiebedingten Schließung von Kitas und Schulen ist die Vereinbarkeit wieder schwieriger geworden – das Homeoffice, das zuvor als ein Instrument der besseren Vereinbarkeit galt, wurde zur Regel und war in der Kombination mit Home-Kita und Homeschooling plötzlich eher eine zusätzliche Belastung. Es hat sich erschreckend deutlich gezeigt, wie stark Familiensorge in unserer Gesellschaft immer noch sowohl als private wie auch als weibliche Angelegenheit angesehen wird. Dies hat mich aufgrund meiner Erfahrungen in der Beratung in den Jahren davor nicht überrascht, denn der Großteil derjenigen, die zu mir kommen, sind Frauen – bei Studierenden rund 95 Prozent, bei Beschäftigten vielleicht etwa 80 Prozent. Vereinbarkeit von Familie und Beruf war schon vor der Pandemie in erster Linie ein weibliches Thema. Mit der Pandemie nahm allerdings die Verzweiflung bei jenen, die in meine Beratung kommen, noch zu.

Kommen auch pflegende Angehörige zu Ihnen?

Neben denen, die ihre eigenen Eltern pflegen, begegne ich Kolleginnen und Kollegen sowie Studierenden, die Kinder mit erhöhtem Förder- und/oder Pflegebedarf oder erkrankte oder behinderte Lebenspartnerinnen bzw. -partner haben. Manchmal sind es auch Großeltern oder weiter entfernte Angehörige. Insgesamt sind pflegende Angehörige bislang nicht so sichtbar an der Universität. Auch in meine Beratung kommen sie seltener. Es gibt viel weniger staatliche Angebote für pflegende Angehörige, ihre Care-Aufgaben mit ihren beruflichen Pflichten zu vereinbaren. Dazu ist die emotionale Belastung, die solche Situationen mit sich bringen, extrem hoch …

Auf den Webseiten Ihrer Einrichtung heißt es, dass Sie die Universität auch bei der Schaffung familiengerechter Strukturen unterstützen. Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Familiengerechtigkeit“ genau?

Er beschreibt ein Ziel, einen idealen Zustand, der es Familien und ihren Angehörigen erlaubt, ihren Bedürfnissen entsprechend zu leben – zu arbeiten, zu essen, Freizeit zu verbringen etc. und in dem die Rahmenbedingungen der jeweiligen Umgebung dementsprechend gestaltet werden.

Was hat Sie bewogen, sich für Familien an der Uni Potsdam stark zu machen?

Mich haben die Vielfältigkeit und die Gestaltungsmöglichkeiten an dieser Stelle gereizt. Eigentlich bin ich Historikerin, ich war in der historisch-politischen Bildung tätig, doch auch in der universitären Gleichstellungspolitik. Zudem habe ich erfahren, wie es ist, mit Familie und teilweise alleinerziehend zu studieren und zu promovieren – dieses Projekt habe ich mit meinem Studienabschluss 1997 begonnen, aufgrund von Erwerbstätigkeit immer wieder unterbrochen und erst kürzlich erfolgreich beendet. Ich habe persönlich einen guten Einblick in die äußeren und inneren Hürden eines Studiums wie auch wissenschaftlicher Arbeit mit Familie. Ich weiß aber auch – und halte das für essenziell, um gut beraten zu können –, dass es viele Wege und Lösungen gibt, abhängig von den einzelnen Personen und individuellen Lebenssituationen.

Alle Angebote des Service für Familien finden Sie unter:
www.uni-potsdam.de/de/service-fuer-familien

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2021 „Familie und Beruf“ (PDF).