„Dinge, an die ich mich gewöhnen könnte, aber nicht möchte“ – Marcellina Massenbach macht das Beste aus dem zweiten Coronasemester

Krisenbewältigung und Innovation – Die digitale Universität in Zeiten der Pandemie
Marcellina Massenbach | Foto: Leonie Geiger
Foto : Leonie Geiger
Marcellina Massenbach
Wie rund 21.000 Studierender Universität Potsdam ist Marcellina Massenbach seit inzwischen gut einem Jahr Lernende auf Distanz, auch wenn sie bewusst sagt: „Wir haben uns schließlich bewusst nicht an einer Fernuni angemeldet.“ Das Beste aus den Umständen zu machen, verlangt von ihr vor allem Disziplin und Organisation. Beides fällt ihr schwerer, als sie erwartet hat, wie sie selbst sagt. Matthias Zimmermann sprach mit ihr über die Bedeutung einer Tagesstruktur, die Routine des zweiten Semesters in der digitalen Universität und den Wert kleiner Gesten im Seminar.

Wie heißt das Semester bei Ihnen: Corona- oder Digitalsemester?

Coronasemester.

Erleben Sie die Corona-Semester als Zeit der Krise oder der Innovation?

Das Coronasemester ist für mich eine Zeit der Krise.

Wie haben Sie den Übergang zu digitalem Studium gemeistert?

Ich habe gemerkt, dass es mir schwerer fällt als ich dachte, mich so stark selbst zu organisieren und Zeiten zum Lernen einzuplanen. Das Studieren selbst ist zwar von viel Eigenverantwortung und Selbstorganisation geprägt, aber der Austausch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen vor Ort und die wöchentlichen Vorlesungen, bei denen man auch Fragen stellen kann, bieten einen wichtigen Rahmen der jetzt besonders fehlt.

Was für Lehrformate führen Sie gerade durch?

Ich besuche Vorlesungen, Seminare, Lektürekurse und gebe ein Tutorium. Die Veranstaltungen könnten nicht unterschiedlicher sein – teilweise werden für Vorlesungen nur Folien mit Audiokommentaren hochgeladen, teilweise finden synchrone Seminare statt, bei denen jede Woche neue Studierende Referate via Zoom halten. Manchmal muss man wöchentlich Aufgaben oder Tests hochladen, manchmal eine Hausarbeit am Ende des Semesters schreiben. Auch diese Uneinheitlichkeit macht es schwer, eine passende Tagesstruktur zu finden.

Ist die Online-Lehre bzw. -Studium zeitaufwendiger als die Präsenzlehre?

Zeitaufwendiger ist das Studium insofern, als dass man mehr lesen und erarbeiten muss. Man kann sich nicht einfach in der Vorlesung melden und eine Frage stellen. Die Hemmschwelle, eine Mail an Dozentinnen und Dozenten zu schreiben, ist größer als das. Ich brauche insgesamt länger, um Inhalte zu verstehen und aufzunehmen. Gleichzeitig fallen Fahrtzeiten und gemeinsames Essen in der Mensa weg, die ansonsten angenehm die in der Uni verbrachte Zeit verlängern.

Welche Software/Tools nutzen Sie vorrangig?

Ich bin sehr froh, dass es neuerdings eine Microsoft Office Lizenz von der Uni Potsdam gibt. Alle synchronen Lehrformate finden bei mir über Zoom statt, das Meiste andere wird auf Moodle oder Box.UP hochgeladen. Die wenigsten Dozentinnen und Dozenten verschicken Materialien auch per Email oder auf anderen Wegen. In dem Tutorium für Erstsemestlerinnen und Erstsemestler, das ich in diesem Semester gegeben habe, arbeite ich auch mit Padlets und Mentimeter. Das sind interaktive Tools, um Studierende in den Ablauf einer Sitzung einzubinden. Ich kenne diese Tools aus meiner sonstigen freiberuflichen Arbeit und kann sie nur empfehlen. Am anstrengendsten finde ich die Veranstaltungen, in denen nur Folien und Texte hochgeladen werden, ohne ein Video oder ähnliches. Wir haben uns schließlich bewusst nicht an einer Fernuni angemeldet.

Wie ist das Feedback der Studierenden bzw. Lehrenden?

Studierende können über die üblichen Onlinetools wie in Präsenzsemestern Feedback geben. Auch wie immer erfolgen Leistungsbewertungen über Moodletests. Viel schwerer hingegen sind kurzfristige Rückmeldungen abzuholen – ein anerkennendes Nicken der Dozentinnen und Dozenten, wenn man eine richtige Antwort gegeben oder eine schlaue Frage gestellt hat, oder ein Lachen über einen Witz oder Klatschen der Studierenden für Dozierende. Diese sind gerade für das eigene Wohlgefühl wichtiger als Rückmeldungen via Moodle und kommen definitiv zu kurz. Mein Eindruck ist aber auch, dass Dozentinnen und Dozenten offen stehen für Feedback per Mail oder Meldung im synchronen Seminar und auf Anfrage auch gern den Studierenden Rückmeldungen schicken.

Wie erleben Sie das zweite digitale Semester? Gibt es Unterschiede zum ersten?

Das zweite Coronasemester hat im Gegensatz zum ersten etwas Routine gebracht. Alle können mit Zoom umgehen, es gibt weniger Nebengeräusche und technische Probleme. Dozentinnen und Dozenten probieren auch mal Breakoutsessions aus oder stellen eine Frage in die Runde. Das macht die Sache selbst, allein vor seinem Computer zu sitzen für eine Lehrveranstaltung, nicht unbedingt angenehmer. Aber es geht einen Schritt weiter dahin, das Beste aus der Situation zu machen, aus der wir ohnehin so schnell nicht fliehen können.

Aktuell wird viel über Prüfungen diskutiert, die nach wie vor in Teilen in Präsenz stattfinden, wo sie online schwer zu realisieren sind. Gleichzeitig gibt es Kritik an Onlineprüfungen, da PrüferInnen Webcams und Mikros kontrollieren, um Schummelversuche zu unterbinden. Wie ließen sich diese Probleme Ihrer Ansicht nach lösen?

Was Prüfungen angeht, so bin ich große Verfechterin von Open-Book-Klausuren oder Essays und Arbeiten statt regulären mündlichen Prüfungen und Klausuren. Wenn eine Klausur in einer Universität so gestaltet ist, dass ich, wenn ich 60 Minuten Zeit habe und Google nutzen darf, eine 1,0 schreiben kann, ist doch die Klausur nicht gut gestellt, oder? Wir sind hier, um größere Zusammenhänge zu begreifen und Theorien auf Sachverhalte anwenden zu können. Wenn ich den Inhalt eines Semesters innerhalb einer Stunde durch richtiges Nachschlagen zusammenfassen kann, habe ich nicht die richtigen Lernziele erreicht. Wenn ich jedoch meine Lernmaterialien nutzen darf und eine für die Disziplin typische wissenschaftliche Fragestellung damit bearbeiten kann, ist die 1,0 verdient und keine Dozentin muss vorher per Kamera durch mein Zimmer geschaut haben, ob sich Spickzettel unter dem Küchentisch verstecken.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Mein Alltag hat sich im Coronasemester insofern verändert, als dass es keine Zeit mehr gibt, zu der ich aufstehen muss. Ich kann mir selbst Tagespläne schreiben und kann die Vorlesung, die für Dienstag vorgesehen war, auch erst am Freitag erarbeiten, wenn an den Tagen dazwischen Wäsche zu waschen ist oder ich bei gutem Wetter spazieren möchte oder mehr Lust auf die anderen Vorlesungen habe. Aber es ist natürlich auch gefährlich, die Inhalte mehrere Wochen zu verschieben. Plötzlich steht die Onlineklausur oder das Referat vor der Tür und man hat die letzten Wochen nichts für die Veranstaltung getan.

Woran könnten Sie sich gewöhnen? Was vermissen Sie?

Mehr instinktgeleitet den Schreibtisch verlassen zu können, wenn draußen die Sonne scheint, im Zoomseminar Jogginghose zu tragen, nebenbei zu frühstücken und mit der Katze spielen zu können, sind Vorteile im Coronasemester, an die ich mich gewöhnen könnte, aber eigentlich nicht möchte. Schaltet man die Kamera aus, ist man unsichtbar und kann all diese Dinge tun. Doch schließlich sind es die Studierenden, die einen kritisch beäugen würden, wenn man mit Müslischale und Schlafanzug im Vorlesungssaal säße, die ich am meisten vermisse in der ganzen Situation. Einen Ausgleich bieten die Zoom- und Skypecalls am Abend und am Wochenende mit Freundinnen und Freunden, Kommilitoninnen und Kommilitonen sowie Verwandten, bei denen man sich gemeinsam über die aktuelle Situation austauschen und ein kleines bisschen vergessen kann, dass uns ein Bildschirm trennt.

 

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