„Corona hat uns geboostet – von null auf hundert ins Onlinezeitalter“ – Ein Bildungsforscher und ein Psychologiestudent über die digitale Universität unter besonderen Umständen

Krisenbewältigung und Innovation – Die digitale Universität in Zeiten der Pandemie
Bildungsforscher Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach und Psychologiestudent André Seidel haben sich über die digitale Universität unter besonderen Umständen ausgetauscht – per Zoom. | Fotos: privat
Quelle: privat
Bildungsforscher Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach und Psychologiestudent André Seidel haben sich über die digitale Universität unter besonderen Umständen ausgetauscht – per Zoom.

Lehrende und Studierende der Universität Potsdam sehen sich seit April 2020 fast nur noch am Bildschirm. Seminare per Zoom, Vorlesungen als Slidecast, Übungen in Breakout Sessions. Das Wintersemester 2020/21 ist schon das zweite digitale an dieser und eigentlich jeder anderen deutschen Hochschule. Wir haben den Bildungsforscher Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach und André Seidel, Psychologiestudent im Masterstudium und aktiv im Fachschaftsrat Psychologie, gebeten, uns – und einander – zu sagen, wie es wirklich läuft.

Wie heißt das Semester bei Ihnen: Corona- oder Digitalsemester?

Seidel: Corona- und Digitalsemester, wobei Corona überwiegt. Immerhin betrifft die Pandemie nicht nur mein Studium, sondern überschattet das gesamte Leben.
Lauterbach: Ich nenne es coronabedingtes Digitalsemester, manchmal aber auch einfach Corona-Semester. Dies vor allem deshalb, weil die digitalen Möglichkeiten, die wir haben, noch nicht verfestigt sind. Wir testen immer noch, loten aus, justieren …

Erleben Sie die Corona-Semester als Zeit der Krise oder der Innovation?

Lauterbach: Es ist ja schon das zweite Corona-Semester – und aus Sicht der Dozierenden war das vorausgegangene Sommersemester ganz klar ein Krisensemester. Im März wurde innerhalb von nur einer Woche die Planung von Präsenz auf online umgestellt. Alle wurden ins kalte Wasser geschmissen. Entsprechend war im Sommersemester vieles improvisiert, mitunter mit vielen Problemen. Es gab überall Lücken, die Didaktik war nicht ausgeprägt, so manche Vorlesung wurde mit dem Handy aufgenommen, manchmal nicht mal das und stattdessen ein Text plus ein paar Fragen hochgeladen. Im Wintersemester 20/21 hat sich – im Vergleich dazu – vieles verbessert. Es wurde viel vor- und ausgearbeitet, die Didaktik verbessert, Inhalte an eine Onlinepräsentation angepasst und der Umgang mit Zoom & Co. war viel souveräner. Ich würde daher zwar noch nicht von Innovation sprechen, aber schon sagen, dass wir den Krisenmodus so langsam verlassen.
Seidel: Dem kann ich mich weitgehend anschließen. Es hat sich vieles verbessert. Dozierende haben sich in der Mehrheit auf die Umstände eingestellt. An einigen Stellen hakt es aber immer noch. Nicht alle konnten oder wollten ihre Module umstellen. Aber in der Mehrheit sieht man einen Lerneffekt. Das Einzige, was immer schwierig ist: der Online-Zugang. Wenn das Wlan nicht stabil ist, nützt die beste digitale Lehre nichts …

Wie haben Sie persönlich den Übergang zu digitaler Lehre bzw. digitalem Studium gemeistert?

Lauterbach: Ich hatte keine so großen Probleme, da ich schon vor Corona bspw. Slidecasts meiner Vorlesungen hatte. Sie wurden alle professionell vom ZIM erstellt. Bei Seminaren musste ich mich stärker umstellen, aber mit Zoom kam ich gut klar. Wir haben als Lehrstuhlteam gemeinsam online Möglichkeiten entdeckt und auch erarbeitet – Breakout Sessions, Mindmaps online uvm. Klar ist, da muss man flexibel sein und sich auf neue Lehrformate einstellen. Aber das ist für meine Fach gesprochen auch gut. Man kann mit neuen Lehrformaten Chancen eröffnen, Inhalte neu und ggf. besser zu lernen als in klassischen Seminarkontexten. Wir sollte nicht der Vorstellung erliegen: Präsenz ist die „heilige Kuh“ der Universität. Sie soll nicht abgeschafft werden, ich plädiere nicht für eine digitale Universität. Aber wir sollten neue Lehr- und Prüfungsformate erproben, nutzen und auf gute Einsatzmöglichkeiten hin überprüfen.
Als kleine Anekdote: Verbessert hat sich bspw. sehr einfach eine Facette der Kommunikation: Im eigentlich ja eher anonymen Zoom hat man lauter Kacheln vor sich, aber auf denen stehen die Namen, sodass es recht schnell möglich ist, die Studierenden persönlich anzusprechen. Weitere Funktionen wie der Chat, die Möglichkeit Links zu schicken usw. haben dafür gesorgt, dass der Austausch dynamischer wurde. Und die Studierenden trauen sich im Wintersemester 20/21 mehr, machen häufiger die Kamera an. Ob da im Hintergrund ein Schrank steht oder die Katze durchs Bild läuft, stört niemanden mehr. Beide Seiten – Lehrende und Studierende – haben sich umstellen müssen, neue Räume betreten müssen und es in der großen Mehrheit auch gut geschafft.
Seidel: Auch mir fiel der Übergang relativ leicht. Ich kannte Online-Videotools schon aus der Fachschaftsarbeit und privat. Dadurch war das keine allzu große Umstellung. Was natürlich schwierig ist: permanent ohne Kommilitoninnen und Kommilitonen zu sein. Noch schlimmer dürfte das für Bachelorstudierende, vor allem Erstsemester sein, denen die Möglichkeit fehlt, Kontakte zu knüpfen und sich gegenseitig durch die Anfangszeit zu helfen. Für alle dürfte gelten, dass man sich für die lange Zeit, die wir vor Bildschirmen sitzen, gute Ausgleiche suchen muss, um nicht durchzudrehen …

Was für Lehrformate führen Sie gerade durch?

Lauterbach: Tatsächlich hatte ich keine Schwierigkeiten, digitale Formate für alle Lehrinhalte zu finden. Ich mache keine Experimente, muss keine Sprachlerntools integrieren und auch nicht Klavier unterrichten. Bei mir lernt man bildungsstrukturelle Fragen kennen, empirisches Material bei Bildungsprozessen zu verstehen und analytisch anzuwenden. Das lässt sich alles online umsetzen. Ich führe Vorlesungen und Seminare immer synchron durch – ergänzt durch Aufzeichnungen, die asynchron zur Verfügung stehen. Das wird geschätzt, denn es bietet erstens eine tägliche Struktur. Man kann morgens aufstehen und „geht“ um 8 Uhr in die Uni. Und wer verhindert ist, greift zweitens auf die asynchronen Materialien zurück. Nur asynchron zu arbeiten, kommt nicht so gut an, auch bei mir nicht. Es fehlt der Austausch. In Seminaren setze ich zudem immer wieder auf Inverted-Classroom-Ideen: Texte vorab reingeben, die dann in Vorlesung und Seminar diskutiert werden. Das ist durchaus herausfordernd, aber gut machbar.
Seidel: Ich schätze die synchrone Lehre ebenfalls mehr, aus denselben Gründen: Sie bietet eine Struktur und ein gewisses Gefühl von Nähe zu Dozierenden. Die Motivation ist höher. Man ist eher gewillt einzuschalten und dabei zu sein. Außerdem gibt es für mein Empfinden einen größeren Lerneffekt, man nimmt mehr mit, kann auch nochmal nachfragen. Natürlich sind nicht alle Seminare gleich …

Ist die Online-Lehre bzw. -Studium zeitaufwendiger als die Präsenzlehre?

Seidel: Es fühlt sich mitunter so an. Ich studiere im Master, da sind die Module ohnehin sehr arbeitsintensiv und anwendungsorientierter als frühere. Ich kann das also schlecht vergleichen. Immerhin fallen die Fahrtzeiten weg … Allerdings habe ich das Gefühl, dass viele Dozierende im ersten Corona-Semester noch nicht genau einschätzen konnten, wie sie den Arbeitsaufwand ansetzen sollten, sodass es etwas zu viel war. Jedenfalls kamen über den Fachschaftsrat einige Klagen in diese Richtung. Die sind inzwischen aber abgeklungen.
Lauterbach: Massiv gestiegen ist die Onlinebetreuung einzelner Studierender, ich sitze mehr am Rechner und betreue. Das ist aber auch ok. Ich finde das insgesamt intensiver, gehe intensiver auf Fragestellungen von Studierenden ein. Onlinelehre bedeutet häufig auch, dass man sich stärker einbringt. Im Sommersemester war das noch nicht so, da waren alle verunsichert. Inzwischen bringen sich die Studierenden vielseitig ein, im Chat, indem sie einfach reinsprechen, in Mails nach dem Seminar, persönlich oder über die Moodle-Plattform – es geht so viel. Größerer Aufwand in der Lehre richtet sich m.E. eher danach, wie sehr man seine Veranstaltungen inhaltlich, formal und didaktisch aktuell halten will. Das ist aufwendig, immer schon.

Haben Sie ein ganz neues Format entwickelt oder ausprobiert?

Lauterbach: Verstärkt die Breakout Sessions in Zoom, die ein intensiveres Arbeiten ermöglichen. Außerdem wie gesagt in einigen Sitzungen Inverted Classroom Sessions, weil sich damit sehr intensiv arbeiten lässt.

Wo hakt es noch?

Seidel: Bei der Kommunikation. Manche Dozierende reagieren nur sehr verzögert auf Mails, was zum Problem wird, weil wir keine andere Möglichkeit haben, an sie heranzukommen. Außerdem hat die Frage „Prüfungen in Präsenz?“ für eine Debatte gesorgt. Viele kritisieren, dass es Prüfungen gibt, die nur in Präsenz durchgeführt werden. Wer Familienangehörige hat, die zu Risikogruppen gehören, oder selbst dazuzählt, schreibt dann aus Rücksicht die Prüfung nicht. Auch wenn die Studierenden das Recht haben, die Prüfung später nachzuholen, verlängert sich doch ihr Studium – und das muss man sich leisten können. Meine Wahrnehmung: Eine Mehrheit der Studierenden wünscht sich in der derzeitigen Situation einen Anspruch auf Onlineprüfungen.
Lauterbach: Im Wintersemester 19/20 war die UP – so mein Gefühl – in vielen Bereichen onlineaversiv. Corona hat uns geboostet – von null auf hundert ins Onlinezeitalter. Im ersten Semester war das noch ein Problem, aber jetzt entsteht durch das Wiederholen in einem weiteren Semester eine gewisse Ordnung, ein Überblick und eine Souveränität des Einsatzes und der Anwendung von Online Lehre. Unter anderem bin ich auch deswegen für ein weiteres drittes weitgehendes Online-Semester. Primär steht natürlich der Schutz der Studierenden und Mitarbeiter im Zentrum. Die sinnvolle Nutzung dieser neuen Lehrformen wird langsam deutlich. Synchrone Lehrveranstaltungen mit asynchron zur Verfügung stehenden Aufzeichnungen der Veranstaltungen, gepaart mit Material und Fragen sind sicher sehr effektiv. Für Studierende, die arbeiten, kann so wirklich gewährleistet werden, dass sie gut teilnehmen können. Wo ich noch meckern könnte? Ich will gar nicht meckern. Wir wurden da reinkatapultiert, manche sind technikaffiner als andere. Es entwickelt sich und wir können mithilfe von ZIM, Webinaren und unseren E-Learning Koordinatoren weiter gut unterstützen.

Wie erleben Sie das zweite digitale Semester? Gibt es Unterschiede zum ersten?

Lauterbach: Hervorheben möchte ich die persönliche Ebene: Viele Studierende klagen über die drückende Anonymität des digitalen Studiums. Ein Problem, das Studierende im ersten Semester noch stärker zu spüren bekommen als die „älteren“, die schon Netzwerke haben. Aber am Ende fordert es eine unglaubliche Selbstdisziplin bei Studierenden und Lehrenden gleichermaßen, Tag für Tag allein zu Hause im Zimmer zu sitzen. Jene, denen das schwerfällt, haben es schwerer. Man ist ganz auf sich zurückgeworfen. Ein „Peerdruck“ im Guten – gemeinsam durch das Semester zu gehen – fällt weg. Das darf man nicht unterschätzen.
Seidel: Diese Beobachtung habe ich auch gemacht. Gerade für die „Ersties“ geht viel verloren – sowohl für das Studium als auch die persönliche Entwicklung. Im Bachelor habe ich viele für mich noch heute wichtige Menschen kennengelernt, aber auch viel gelernt. Die so wichtige Interaktion, starke Entwicklungsimpulse, die fehlen jetzt – auch wenn ich es den Studierenden natürlich wünsche: Ich weiß nicht, ob sich das nachholen lässt …

Wie kriegen Sie selbst das Homeoffice und weitere Verantwortungen unter einen Hut?

Seidel: Ich arbeite nebenbei, um mein Studium zu finanzieren. Glücklicherweise habe ich einen super Arbeitgeber, der es mir ermöglicht, meine Arbeitszeiten weitgehend frei einzuteilen. Dadurch kann ich das gut vereinbaren. Für meine Partnerschaft ist das nicht ganz so einfach: Meine Freundin wohnt in Lübeck. Wir sehen uns noch immer alle zwei Wochen und die Zugfahrt von Berlin nach Lübeck ist – je nach Lage – mal mehr, mal weniger angenehm. Inzwischen sind die Züge meist recht leer.
Lauterbach: Das ließ sich gut vereinbaren. Meine Söhne sind mittlerweile groß. Ich konnte mit beiden schon gewinnbringend über Prüfungsformate und Schummelarten bei Online-Klausuren diskutieren.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Lauterbach: Ich arbeite nicht mehr wie vorher von 8 bis 18 Uhr; stattdessen verteilt sich die Arbeitszeit zwischen 8 und 22 Uhr mit Lücken dazwischen. Das liegt schlicht daran, dass die Arbeit zu anderen Zeiten anfällt: Andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Lehrstuhl haben Kinder, können eben vormittags nicht, sodass sich das in den Abend verschiebt.
Seidel: Es fällt auf, dass ich alles zu Hause mache. Mein Nachbar  hatte sich anfangs über abendliche Sporteinlagen beschwert. (lacht) Ich betreibe etwas sprungintensiveres Training. Wir haben uns jetzt abgesprochen und ich habe mir angewöhnt, in der Mittagspause Sport zu treiben. Ich arbeite dafür abends länger. Aber das ist für Studierende ja auch irgendwie normaler.

Woran könnten Sie sich gewöhnen?

Seidel: Die Möglichkeit, mich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen online zu treffen. Arbeitsabsprachen sind so viel leichter möglich: Am Wochenende nochmal schnell kurzschließen, einen Zoom-Vortrag durchsprechen ohne hin und her zu fahren. Tolle Sache.
Lauterbach: Was bleibt, ist sicher die Nutzung von Zoom, etwa für Konferenzen. Oder bei Vorlesungen eine Kombination synchroner und asynchroner Formate. Und ebenso die Open-book Online-Klausuren. Wir werden die Präsenzlehre nicht ersetzen, aber Tools einbauen, die mehr Flexibilität für Studierende ermöglichen und die diese auch einfordern können. Allerdings bin ich der Ansicht, dass gute Lehre nicht davon abhängt, ob sie online oder in Präsenz durchgeführt wird, sondern wie wir dafür sorgen, dass die Studierenden – geistig – anwesend sind, sie also erreichen.

Was vermissen Sie?

Seidel: Den direkten Kontakt zu meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen.
Lauterbach:  Den direkten Kontakt zu Studierenden.

Was ist Ihr Ausgleich zu Studium und Lehre in Corona-Zeiten?

Seidel: Ich meditiere ab und zu und treibe viel Sport.
Lauterbach: Auch Sport, habe meine Hanteln mit nach Hause genommen, boxe ab und zu. Allerdings bin ich (lacht) anfälliger als Herr Seidel, es mal nicht zu tun.

Danke!

 

Zur Übersichtsseite aller Beiträge aus der Universität Potsdam zur Corona-Pandemie