Mit kühlem Kopf durch die Hitzewelle – Wie Städte besser durch den Klimawandel kommen

Heiße Sommer sind auch in Potsdam keine Ausnahme mehr. | Foto: AdobeStock / Katja Xenikis
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Heiße Sommer sind auch in Potsdam keine Ausnahme mehr.

Hitzewellen, Gewitterstürme, Hagel und Starkregen – Wetterextreme werden immer häufiger. Für Städte bedeuten solche Ereignisse eine enorme Herausforderung, da sie hohe Schäden verursachen und für die Bevölkerung gesundheitliche Folgen mit sich bringen können. Wie sich Städte besser dagegen wappnen können, untersucht die Umweltforscherin Annegret Thieken.

Am 26. Juli war es besonders heiß. Während die Menschen im Potsdamer Stadtteil Drewitz schwitzten, maßen Wetterstationen in der Gartenstadt an diesem Tag des Sommers 2019 Höchsttemperaturen zwischen 33,7 und 34,6 Grad Celsius. Einige Wochen zuvor hatte ein Team der Universität Potsdam die Wetterstationen in den Hinterhöfen installiert, die hier drei Jahre lang Wetterdaten erheben sollen. Das Besondere: Die Forscher wollen vergleichen, ob sich mit begrünten Hinterhöfen die Temperaturen senken lassen. Tatsächlich scheint es dort, wo Beete statt Beton dominieren, etwas kühler zu sein: Die Temperaturen waren in den begrünten Hinterhöfen stets niedriger als dort, wo nur spärlich Pflanzen wuchsen. Im Mittel waren die grünen Höfe zwar nur 0,3 Grad kühler, je nach Wetterlage und Windverhältnissen sogar bis zu 2,3 Grad.

Im Forschungsprojekt „ExTrass“ untersuchen Prof. Dr. Annegret Thieken, die die Arbeitsgruppe Geographie und Naturrisikenforschung leitet, und ihr Team die gesundheitlichen Folgen von extremen Wetterereignissen. Sie wollen herausfinden, wie gut Städte gegen den Klimawandel gewappnet sind und wie sich ihre Widerstandskraft erhöhen lässt. Denn die Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen können im Zuge des Klimawandels weiter zunehmen.

Hitzewellen werden als größtes Gesundheitsrisiko betrachtet

Die einen freut es, die anderen leiden: Wenn das Thermometer im Sommer Temperaturen jenseits
der 30 Grad anzeigt, kann es für einige Menschen unangenehm oder sogar gefährlich werden. Kreislaufbeschwerden, Übelkeit oder Fieber, bis hin zum Hitzeschlag mit extrem hohen Körpertemperaturen, starken Kopfschmerzen und Bewusstlosigkeit – all das können Folgen von zu großer sommerlicher Hitze sein. Vor allem ältere Menschen und Kinder reagieren besonders sensibel auf hohe Temperaturen. Das Personal in Kindergärten und Pflegeeinrichtungen ist daher besonders gefordert, wenn es darum geht, sich gut auf Hitzewellen vorzubereiten. Eine Aufgabe, die die Einrichtungen immer häufiger vor große Herausforderungen stellt.

Im vergangenen Jahr befragten die Forschenden des „ExTrass“-Teams Fachpersonal von Kitas und Pflegeeinrichtungen, Ärzte, Apotheker sowie die Bevölkerung der drei am Projekt beteiligten Modellstädte Potsdam, Remscheid und Würzburg. Die Antworten geben nun Auskunft darüber, wie groß die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze oder Starkregen sind, wie gut die Menschen darauf vorbereitet sind, ob Warnmeldungen bei ihnen ankommen und was sie zu ihrem eigenen Schutz unternehmen.

Doch zunächst wollten die Forschenden wissen, worin Kita- oder Pflegeheimleiterinnen die größten
Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung sehen. „Hitzewellen stehen dabei deutlich auf Platz eins“, erklärt Annegret Thieken die ersten Ergebnisse der Befragungen des Fachpersonals. „Das muss man natürlich in den zeitlich Rahmen der Untersuchung einordnen, die im August 2019 stattfand“, betont sie. Zur Zeit der Befragung war der Hitzesommer 2019 auf seinem Höhepunkt und prägte den Alltag der Menschen. Platz zwei und drei der Gefahrenliste belegten Feinstaub und mögliche Epidemien durch Krankheitserreger, gefolgt von Starkregen und Überflutungen sowie Stürmen und Gewittern.

Kitas sind am schlechtesten vorbereitet

Viel trinken, für Schatten und frische Luft sorgen, den Kreislauf nicht überlasten – das sind die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen, die bei großer Hitze die Gesundheit schützen. Pflegeeinrichtungen wie Seniorenheime und auch Arztpraxen seien darauf recht gut vorbereitet, sagt Annegret Thieken. Häufig gebe es ausreichend Sonnenschutz durch Dächer oder Segel und auch Klimaanlagen. „Den größten Handlungsbedarf sehen wir bei den Kindertagesstätten.“ Hier fühle sich das Personal vergleichsweise schlecht vorbereitet. „Es fehlen zum Beispiel klare Regelungen, wann eine
Kita wegen Hitze schließen darf“, erklärt Thieken. Diese Unsicherheit belaste das Personal zusätzlich.

Gemeinsam mit der Johanniter Unfallhilfe, die Praxispartner im Projekt ist, erarbeiten die Potsdamer
Forschenden nun auf Basis der Daten aus den Befragungen und Interviews Handlungsempfehlungen.
Diese sollen das Personal der Einrichtungen noch besser auf extreme Hitzeereignisse vorbereiten. Auf Klima- und Hitzekarten kann etwa abgelesen werden, welche Gebiete und Gebäude besonders stark von Hitzewellen betroffen sein können – weil zum Beispiel kühlende Grünanlagen in der Umgebung fehlen oder eine dichte Bebauung den Luftaustausch behindert. Wichtig ist auch, dass die Warnung vor starker Hitze das Personal rechtzeitig erreicht. „Das könnte zum Beispiel direkt über die Stadtverwaltung geschehen, die Hitzewarnungen an die Einrichtungen weiterleitet“, beschreibt Annegret Thieken ein mögliches Glied in der Warnkette, das zu einem verbesserten Management von gesundheitsgefährdenden Wetterlagen führen könnte.

Wasserspielplätze, Sonnensegel, Ventilatoren, leichte Mahlzeiten oder Fassadenbegrünung – all das
sind hilfreiche Instrumente für Kitas, um einen heißen Tag gut zu überstehen. Sie stehen bereits in den Handlungsempfehlungen, die die Forschenden und die Johanniter Umwelthilfe nun weiterentwickeln und außerdem in Workshops auf ihre Praxistauglichkeit testen wollen. Auch die Umsetzung der Maßnahmen in den Einrichtungen werden die Forscherinnen und Forscher wissenschaftlich begleiten. „Derzeit ist es allerdings schwierig, den Ablauf genau zu planen“, erzählt Annegret Thieken. Denn eine andere Katastrophe kommt den Forschern in die Quere: Die Covid-19-Pandemie wirbelt ihre Pläne durcheinander. Workshops können nicht stattfinden, Pflegeeinrichtungen dürfen nicht besucht werden, das Personal ist am Limit.

Dennoch hofft Projektleiterin Thieken, in etwa einem Jahr tragfähige und praxistaugliche Handlungsempfehlungen liefern zu können. Wie wichtig die Vorsorge ist, zeigen eindrückliche Daten: Im Sommer 2003 starben in ganz Europa hitzebedingt rund 70.000 Menschen. Und eines ist sicher: Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.

Die Forscherin

Prof. Dr. Annegret Thieken studierte Geoökologie an der TU Braunschweig und Umweltwissenschaften an der Universität von Amsterdam. Seit 2011 leitet sie die Arbeitsgruppe Geographie und Naturrisikenforschung an der Universität Potsdam.
E-Mail: thiekenuni-potsdamde

Das Projekt

Im Projekt ExTrass (Urbane Resilienz gegenüber extremen Wetterereignissen) erforschen Umweltwissenschaftlerinnen und Umweltwissenschaftler, wie große und mittelgroße Städte sich besser gegen den Klimawandel wappnen können. Dazu identifizieren sie erfolgreiche Maßnahmen und hemmende sowie fördernde Faktoren der urbanen Klimaanpassung.

Beteiligt: Universität Potsdam, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, die Stadtverwaltungen von Potsdam, Remscheid und Würzburg, die Johanniter Unfallhilfe und das Forschungsinstitut adelphi
Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Laufzeit: 12/2018–09/2021

https://www.uni-potsdam.de/de/extrass/

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Zwei 2020 „Gesundheit“ (PDF).