„Wir machen aktuell nur randständig Gebrauch von digitalen Medien“ – Prof. Dr. Dirk Richter über die Möglichkeiten, Wissen und Kompetenzen online zu vermitteln

Zur Corona-Pandemie – Beiträge aus der Universität Potsdam
Prof. Dr. Dirk Richter im Seminar mit einem "virtuellen Klassenzimmer". | Foto: Tobias Hopfgarten.
Quelle: Tobias Hopfgarten.
Prof. Dr. Dirk Richter im Seminar mit einem „virtuellen Klassenzimmer“.

Homeoffice für die Erwachsenen, Langeweile daheim für Kinder und Jugendliche? Digitalisierung im Bildungswesen scheint gegenwärtig wichtiger denn je. Doch inwieweit sind Lehrende in der Lage, Schülern wie auch Studierenden Wissen außerhalb des Klassenzimmers oder des Hörsaals zu vermitteln? Dirk Richter ist Professor für Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung und erklärt, warum die Online-Lehre bisher mehr eine Frage persönlicher Vorlieben war – und vor welche Herausforderungen die Corona-Pandemie Schulen und Universitäten nun stellt.

Herr Richter, Sie bieten seit einiger Zeit ein Seminar an, in dem die Studierenden über eine VR-Brille Lehrerfahrungen in einem virtuellen Klassenzimmer sammeln können. Können Sie dieses Seminar auch im Sommersemester 2020 durchführen?

Das Seminar zu Unterrichtsstörungen, in dem wir das virtuelle Klassenzimmer eingesetzt haben, wird auch im Sommersemester stattfinden. Wir arbeiten aktuell daran, das Seminar vollkommen digital anzubieten, sodass alle Lerninhalte und Aufgaben von zu Hause bearbeitet werden können. Die Virtual Reality-Technik können wir dann ironischerweise nicht mehr einsetzen, da sie für die Studierenden zu Hause nicht verfügbar ist. Für die anderen Lehrveranstaltungen arbeiten wir an ähnlichen Konzepten und hoffen, bis zum Semesterstart alle Kurse online geben zu können.

Sie bilden junge Menschen zu Lehrkräften aus. Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Angehende Lehrkräfte müssen bereits an der Hochschule mit dem digitalen Lernen vertraut gemacht werden. Bislang wurden entsprechende Angebote jedoch sehr sporadisch und in Abhängigkeit des Interesses der bzw. des jeweiligen Lehrenden eingesetzt. Insofern kamen unsere Studierenden auch nur unsystematisch mit E-Learning in Kontakt. Die aktuelle Krise zeigt, dass wir bislang zu wenig gemacht haben und unsere Lehre verstärkt auf digitale Medien umstellen müssen. Insofern stehen wir in den nächsten Jahren vor einer großen Herausforderung.

Welche Möglichkeiten gibt es beim digitalen Lehren und Lernen?

Uns steht heute bereits eine ganze Reihe von Tools für die Lehre zur Verfügung. Die meisten kennen und nutzen Moodle als Lernplattform für die Präsenzveranstaltungen. Häufig dient diese jedoch nur als Speicherplattform und viele Optionen werden nicht genutzt. So können in Moodle auch Synchronseminare über Adobe Connect gegeben werden oder interaktive Anwendungen über H5P eingebunden werden. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von weiteren Apps, die dazu dienen, gemeinsam zu arbeiten und sich über Lerninhalte auszutauschen (z.B. discordapp.com). Die digitalen Anwendungen bieten uns bereits heute viele Möglichkeiten.

Wie gut sind die Schulen hier aus Ihrer Sicht aufgestellt?

An einigen Schulen sind die Lehrkräfte sehr aktiv und geben ihren Schülerinnen und Schülern Aufgaben für die Bearbeitung zu Hause. An anderen Schulen gibt es keine Aufgaben – das hängt im Wesentlichen vom Engagement und den Kompetenzen der Lehrkräfte ab. Eine einheitliche elektronische Infrastruktur zur Kommunikation fehlt weitgehend. An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, dass es nicht ausreicht, umfangreiche Mittel für die Computerausstattung der Schulen zur Verfügung zu stellen. Es bedarf auch umfangreicher Schulungen der Lehrkräfte, um mit den technischen Möglichkeiten angemessen umgehen zu können.

Wie schätzen Sie die Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer ein, in der aktuellen Situation online zu unterrichten?

Lehrkräfte stehen hier vor einer großen Herausforderung, da sie weder in der Hochschule noch in der Fort- und Weiterbildung systematisch auf die Aufgaben in der digitalen Lehre vorbereitet wurden. Darüber hinaus fehlt es an den Schulen an den entsprechenden Rahmenbedingungen, wie z.B. WLAN sowie einheitliche Kommunikationssysteme und Clouds. Es hängt auch hier stark vom Engagement und den Kompetenzen der einzelnen Lehrkraft ab, wie informiert sie über dieses Thema ist. Vor dem Hintergrund, dass in Brandenburg vermehrt ältere Lehrerinnen und Lehrer unterrichten, die sich weniger stark mit digitalen Medien auseinandersetzen, stehen Schulen in unserem Bundesland vor besonderen Aufgaben.

Könnte die aktuelle Corona-Krise die Lehre an Hochschulen und Schulen dauerhaft verändern?

Die Corona-Krise macht deutlich, dass wir aktuell nur randständig Gebrauch von digitalen Medien machen. Wir sind nun in den kommenden Wochen gehalten, schnelle Lösungen für die gegenwärtige Lage zu entwickeln, die auch nach dem Ende der Krise genutzt werden können. Insofern ist davon auszugehen, dass wir in dieser Notsituation Lösungen entwickeln, die nachhaltig die universitäre, aber auch die schulische Lehre verändern.

 

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