Unterwegs in den Alpen: 12. Juni 2018

Junge Kulturwissenschaftler auf Forschungsreise im Piemont

Heute machen wir uns - ohne Wanderschuhe - mit dem Flexibus auf den Weg nach Varallo. Unser erstes Ziel ist der jeden Dienstag stattfindende Markt, welcher sich auf der Hauptstraße durch die Stadt erstreckt. Im Gegensatz zu unserem ersten Eindruck erweist sich die Stadt heute als belebt und alle Geschäfte und Cafés sind geöffnet.

Wir gehen anschließend hinauf zum UNESCO-Weltkulturerbe Sacro Monte, auch Neues Jerusalem genannt, einem in dieser Form einzigartigen Komplex aus 45 Kapellen, in denen die gesamte Bibelgeschichte mit lebensgroßen Tonfiguren szenisch dargestellt wird. Diese verbildlichen jeweils eine Kernszene. Die Fresken an den Wänden erzählen die vorangegangenen und folgenden Geschehnisse. Die Anlage wurde vom Ende des 15. bis zum 17. Jahrhundert als Wallfahrtsort errichtet und prunkvoll und bildgewaltig gestaltet, um als Bollwerk gegen die Reformation zu wirken. Die in der ersten Bauphase fertig gestellten Kapellen konnten begangen werden, um den Gläubigen das sinnliche Miterleben des biblischen Geschehens zu ermöglichen. Expressive Mimik und Gesten der Figuren sollen die Emotionen der Pilgerinnen und Pilger verstärken. Die Mauern und Wände der Kapellen sind zudem übersät mit Graffiti von Besuchern und Pilgern vergangener Jahrzehnte.      

Abschließend besuchen wir die Wallfahrts-Marienkirche. Das Interieur ist wie in einer katholischen Kirche üblich sehr prunkvoll. Im Gewölbe befindet sich ein kleiner Gebetsraum, in dem die schlafende Madonna in einem Reliquiarium aufgebahrt liegt. An den Wänden sind zahlreiche Votivgaben der Gläubigen angebracht. Die Bilder, Fotografien und Gegenstände zeigen Kriegsszenen und Unfälle aller Art seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, unter anderem sehen wir eine Miniaturnachbildung der verunglückten Costa Concordia. Hinter dem Reliquienschrein befinden sich vor allem Danksagungen für Schwangerschaften und Geburten aus jüngster Zeit. Die figurenreiche Ausstattung der Kirche und die vielen Votivgaben des Marienschreins weisen auf eine noch sehr lebendige Religionspraxis hin. 

Ein letztes Mal genießen wir am Abend die unvergleichliche Gastfreundschaft und die Kochkünste unserer Wirtinnen Renata und Franca im Albergo. Nadir leistet uns heute bei unserer „ultima cena“ Gesellschaft und bringt einige Exemplare seines selbst hergestellten Ziegenkäses mit. Zu unserer großen Überraschung berichtet er von seinen Reisen zum Münchner Oktoberfest, nach London und Paris. Seitdem er sich für das Hirtenleben entschieden hat, sind solche Ausflüge undenkbar, denn die Versorgung seiner Tiere ist seine Lebensgrundlage und bindet ihn. Einige von uns denken an die heimischen Haustiere, die für die Dauer unserer Exkursion von Freunden und Familie versorgt werden. Wer würde aber ein oder zwei Wochen lang auf eine ganze Ziegenherde aufpassen und wer hätte dafür die nötige Expertise? 

Jetzt, an unserem letzten Abend, bemerken wir, wie schnell die Woche vergangen ist, in der wir dank der Erzählungen einiger Rimellesinnen und Rimellesen zahlreiche Einblicke in eine traditionelle Lebensweise erhalten haben. Einerseits war und ist ihr Leben von harter Arbeit geprägt, andererseits scheinen sie einen solchen Alltag in der Natur bewusst den städtischen Annehmlichkeiten vorzuziehen.

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Text: Marie-Kathrin Elbel
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde