Unterwegs in den Alpen: 11. Juni 2018

Junge Kulturwissenschaftler auf Forschungsreise im Piemont

Heute besuchen wir Nadir. Er erzählt uns, dass er bereits Ende 40 ist, worüber wir sehr überrascht sind, da er jugendlich und fit wirkt. Uns interessieren die Gründe, warum er sich für das Leben als Ziegenhirte entschieden hat. Er erklärt uns, dass ihm das Stadtleben, er arbeitete auch als DJ, zu hektisch war. Hinzu kam, dass sein Onkel ihm seine Ziegenherde vermacht hat. Ohne Vorwissen startete er sein Leben als Hirte und erlernte von den anderen Hirten den Umgang mit den Tieren und das Käsemachen. Die Rückfrage, ob ihm etwas vom Stadtleben fehlt, verneint er prompt; höchstens der Kontakt mit seinen Freunden fehlt ihm. Das Haus, in dem er wohnt, hat er bis jetzt gepachtet, möchte es aber in diesem Jahr für 15.000 Euro  kaufen. Das Eigentum ermöglicht es ihm, die Käseproduktion zu vergrößern. Sein Tag beginnt gegen sechs Uhr mit dem Ziegenmelken, danach stellt er den Käse her und kümmert sich um die Ziegen. Zum Mittagessen geht er meistens zu seinem Vater, der im höher gelegenem Ort Riva lebt. Die Straße nach Pianello wurde erst 1999 erbaut und die nach Riva im Jahr 2014. Nachmittags hilft er dem 80-jährigen Nando beim Holzmachen und erhält im Gegenzug seinen Anteil für den Winter. Dann sucht er seine Ziegen im Wald zum zweiten Melken und macht noch einmal Käse.

Die Käseherstellung können wir nun selbst einmal ausprobieren. Einen Kessel mit Ziegenmilch sowie einen mit Kuhmilch hatte Nadir bereits am Morgen mit Lab erhitzt und zum Ausflocken bereitgestellt. So können wir gleich mit der Käseherstellung beginnen. Zu Beginn muss die Milch unter kräftigem Rühren mit einem selbsthergestelltem Holzquirl noch einmal auf circa 36° Grad erhitzt werden, was er mit seinem Finger „misst“. Nach Erreichen der Temperatur muss der Kessel noch einmal für zehn Minuten zur Seite gestellt werden, damit sich die Käsemasse in der Milch absetzen kann. Bevor wir die Käsemasse in Form bringen, sammeln wir die Käseflocken mit der Hand zu einem Ball zusammen, der in Plastiksiebe gepresst wird und somit das überschüssige Wasser verliert. Die Milch von acht Ziegen reicht für drei kleine und die Milch von zwei Kühen für einen großen Käse. Diese salzt er morgen früh und wird sie dann in den nächsten 14 Tagen zweimal täglich wenden und bürsten. 

Am frühen Nachmittag bringt ein heftiges Gewitter Regen, der im Albergo Fontana in alle Fenster und Türen eindringt. Wir nutzen die Zeit und Antonia und Marie-Kristin halten ihre Referate über Erinnerungsorte und narrative Strukturen erzählender Dinge. Die vorgestellten Inhalte übertragen wir auf unsere bisher gemachten Beobachtungen in den beiden Museen und auf die Orte und Objekte, die wir bei unseren Wanderungen kennengelernt haben. 

Gegen 16 Uhr brechen wir erneut nach Pianello auf, um mit Nando zu sprechen. Der 80-jährige Holzfäller erzählt uns, dass er bereits im Alter von 13 Jahren die Viehherden seiner Familie gehütet hat und dabei bis zu drei Monate alleine hoch oben auf der Alm blieb. Seine Mutter und Schwester brachten ihm lediglich ab und zu Käse und Brot. Nachdem er geheiratet hatte und seine Frau erkrankte, musste er das Hirtendasein aufgeben und als Holzfäller arbeiten. Aufgrund der medizinischen Behandlung seiner Frau in der Stadt, pendelte er zwischen Varallo und Pianello. Sein Leben als Holzfäller war geprägt von schwerer körperlicher Arbeit, die sich durch die Modernisierung ab den 1960er Jahren nur etwas verbesserte. Motorsägen und mechanisch betriebene Lastenaufzüge erleichterten ihm die Arbeit im Wald. Vieles muss allerdings bis heute weiterhin durch Handarbeit bewerkstelligt werden. Man sieht ihm sein entbehrungsreiches und beschwerliches Leben an. Dennoch erzählt er freudig von den vergangenen Tagen, in denen Pianello noch belebt und jedes Haus bewohnt war. Es gab ein Geschäft und einen Gemeindesaal, der für Feiern genutzt wurde. Heute steht dort fast alles leer und verfällt allmählich. Der Einrichtung des GTA steht er positiv gegenüber, da durch die Wanderer die Wirtschaft wieder etwas in Schwung gebracht wird, wobei er nicht daran glaubt, dass sich wieder dauerhaft Menschen in Pianello ansiedeln werden. Nach unserem Gespräch macht er sich direkt wieder an die Arbeit.

Wir warten darauf, dass Nadir seine Ziegenherde zurück zum Stall treibt, da er uns angeboten hat, das Melken einmal selbst auszuprobieren. Die Wartezeit nutzen wir, um uns den Rest von Pianello und Nandos Haus anzusehen. Es ist in dem steil am Hang liegenden Dorf das vorletzte Haus, das man teilweise durch rutschige Natursteintreppen erreicht. Bei Schnee und Eis kann er im Winter sein Haus deshalb oft nicht verlassen.

Inzwischen ist Nadir mit seinen Ziegen zurückgekehrt. Das erste, was uns auffällt, ist der intensive Geruch der Tiere, der uns aus dem Stall entgegenkommt. Nach anfänglicher Unsicherheit zeigt uns Nadir die richtige Technik und es gelingt es uns allen, dem Ziegeneuter etwas Milch zu entlocken. Die Ziegenmilch hat das Kalb namens Generale dann „weggeschlabbert“. Den Stall möchte Nadir nach Erwerb des Hauses ausbessern. 

Beim Abendessen leistet uns eine 19-jährige Wwooferin (world wide opportunities on organic farms – Freiwilligenarbeit auf Öko-Bauernhöfen) Gesellschaft, die bereits sechs Wochen auf einem Hof bei Domodossola gearbeitet und bei der Heuernte geholfen hat. Sie will innerhalb von zwei Monaten den gesamten GTA (circa 1.000 km) bewältigen, ein bewundernswertes Vorhaben.

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Text: Marie-Kathrin Elbel
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde