07/2026 Anwar
Alter: 29 | Nationalität: Syrien
Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, woher du kommst und wie du nach Deutschland/Potsdam gekommen bist?
Ich heiße Anwar und komme ursprünglich aus Syrien. Aufgrund der schwierigen Konfliktsituation in meinem Heimatland musste ich Syrien verlassen und bin nach Deutschland gekommen. Nach Potsdam bin ich im Rahmen der bundesweiten Verteilung geflüchteter Menschen gelangt.
Du bist sehr weit von deiner Familie entfernt. Welche Orte und Momente geben dir hier das Gefühl von Zuhause?
Ich lebe in Potsdam, und die Nähe zu Berlin spielt für mich eine wichtige Rolle. Beide Städte geben mir auf unterschiedliche Weise ein Gefühl von Zuhause. In Potsdam finde ich vor allem Ruhe, Struktur und einen Alltag, der mir Stabilität gibt. Besonders die Wege entlang der Havel und die schönen Parks helfen mir, abzuschalten und mich wohlzufühlen. Berlin hingegen bringt mir ein Gefühl von Vertrautheit und Vielfalt. Dort gibt es viele Orte, an denen ich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen treffe, mich frei bewegen kann und mich dadurch weniger allein fühle.
Es erinnere ich mich oft an meine Heimatstadt Homs in Syrien. Dort herrschte ebenfalls viel Lebendigkeit, ein starkes soziales Leben und eine besondere Energie im Alltag. Diese Erinnerung verbindet sich für mich mit dem Gefühl, dass ich diese Lebendigkeit auch hier in Berlin wiederfinde.
Was studierst du aktuell an unserer Universität und was hat dich dazu inspiriert, dieses Fach zu wählen?
Ich studiere Germanistik und Geschichte an der Universität Potsdam mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ). Ich habe die deutsche Sprache systematisch erlernt, und schon währenddessen hat mich der Aufbau des Deutschen sowie seine Besonderheiten immer wieder fasziniert. Diese Begeisterung für Sprache und ihre Strukturen hat mich schließlich dazu motiviert, dieses Studienfach zu wählen und mich intensiver mit Sprachvermittlung und der deutschen Sprache auseinanderzusetzen.
Welche Herausforderungen hast du beim Leben und Studieren hier erlebt und erlebst du noch?
Am Anfang meines Lebens und Studiums in Deutschland waren vor allem sprachliche und kulturelle Herausforderungen sehr präsent. Auch wenn ich bereits Deutsch gelernt hatte, war es im akademischen Kontext eine neue Erfahrung, die Sprache auf einem sehr ganz anderen Niveau sicher und spontan anzuwenden. Hinzu kamen bürokratische Hürden, die oft komplex und zeitaufwendig waren, sowie die Orientierung im deutschen Hochschulsystem und nicht zuletzt das Verstehen unterschiedlich komplexe Aufgabenstellungen. Einige dieser Herausforderungen begleiten mich weiterhin, allerdings gehe ich heute sicherer und gelassener damit um.
Dein Bachelorstudium ist auf Deutsch. Kannst du uns etwas über deinen Weg beim Deutschlernen erzählen?
Ich habe ganz am Anfang Deutsch selbstständig gelernt, vor allem mit Hilfe von YouTube-Videos und anderen Online-Materialien, da ich zunächst lange auf einen offiziellen Deutschsprachkurs warten musste. In dieser Zeit habe ich mir erste Grundlagen eigenständig erarbeitet und versucht, so viel wie möglich im Alltag zu verstehen und anzuwenden, aber das war anfangs schwer realisierbar, da ich zunächst im Spreewald lebte. Nachdem ich nach Potsdam gekommen bin, habe ich dann erst reguläre Deutschkurse besucht, in denen ich meine Kenntnisse systematisch erweitern und festigen konnte. Danach während meines Abiturs habe ich die Sprache schließlich weiter vertieft und kontinuierlich verbessert. Dieser Weg hat mir gezeigt, wie wichtig Eigeninitiative, Disziplin und Verantwortung sind.
Du engagierst dich aktiv darin, andere durch administrative Unterstützung und Sprachkurse zu begleiten. Kannst du mehr über diese Arbeit erzählen und was sie dir persönlich bedeutet?
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd das Ankommen in einem neuen Land sein kann – besonders, wenn man die Sprache noch nicht beherrscht und sich in einer neuen Kultur zurechtfinden muss. Deshalb engagiere ich mich für Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung und unterstütze sie bei administrativen Angelegenheiten, Bewerbungsschreiben, Lebensläufen, Zeugnisanerkennung für die Arbeits-, Studien-, Ausbildungssuche und anderen Fragen des Alltags. Außerdem leite ich mehrere Lern- und Sprachcafés, in denen Menschen mit unterschiedlichen Biografien und kulturellen Hintergründen zusammenkommen, Deutsch sprechen und voneinander lernen. Dabei geht es nicht nur um Sprache, sondern auch um Begegnung, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe.
Dieses Engagement bedeutet mir sehr viel, weil ich Menschen auf ihrem Weg begleiten und ihre Fortschritte miterleben kann. Für meinen Einsatz wurde ich für mein herausragendes Engagement in der arabischsprachigen Community, meine Sprachförderarbeit und meine Vorbildrolle als Integrationsbotschafter in der Kategorie „Einzelleistung“ ausgezeichnet. Diese Anerkennung motiviert mich, mich weiterhin für Chancengleichheit, Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen.
Und Du ist auch ein internationaler Campusbotschafter an der UP! Kannst Du kurz erzählen, was Du da machst?
In meiner Rolle als Campusbotschafter an der UP unterstütze ich internationale Studierende beim Ankommen an der UP, teile meine eigenen Erfahrungen und helfe ihnen dabei, sich schneller zurechtzufinden und Kontakte zu knüpfen. Außerdem wirke ich bei Veranstaltungen des International Office wie Info-Events, Workshops und anderen Aktivitäten mit. Wir organisieren und realisieren auch eigene Projekte. Es ist wichtig, dass sich internationale Studierende an der UP wohlfühlen und ihren Platz in der Universitätsgemeinschaft finden. Dafür bin ich der UP sehr dankbar.
Welchen Rat würdest du zukünftigen internationalen Studierenden in Potsdam geben?
Mein wichtigster Rat an zukünftige internationale Studierende in Potsdam ist, sich aktiv Zeit zu geben, um anzukommen. Der Start kann herausfordernd sein – neue Sprache, neues Hochschulsystem und eine neue Umgebung brauchen Geduld. Ebenso empfehle ich, sich aktiv zubringen und Angebote der Universität zu nutzen. An der UP gibt es reichlich an Angebote wie Austauschformate, Sprach- und Lerncafés, studentische Initiativen wie z.B. Ausflüge oder Veranstaltungen des International Office bieten viele Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und sich schneller integriert zu fühlen. Aus eigener Erfahrung weiß ich sehr, dass Begegnungen nicht nur beim Lernen helfen, sondern auch ein Gefühl von Zugehörigkeit schaffen.
Was sind deine Zukunftspläne und was verbindet dich langfristig mit Deutschland und Potsdam, wenn du an deine Zukunft denkst?
Ich möchte zunächst mein Bachelorstudium erfolgreich abschließen. Langfristig möchte ich meine Kenntnisse in den Bereichen Sprache, Bildung, Integration und Migration beruflich einsetzen. Besonders wichtig ist mir, weiterhin Menschen zu unterstützen und einen Beitrag zu einer offenen und vielfältigen Gesellschaft zu leisten. Deutschland ist für mich längst mehr als nur das Land, in dem ich lebe und studiere. Hier habe ich die Möglichkeit erhalten, mich persönlich und akademisch weiterzuentwickeln, neue Perspektiven zu gewinnen und meinen eigenen Weg zu gehen. Dafür bin ich Deutschland zutiefst dankbar. Potsdam ist mir sehr ans Herz gewachsen. Die Stadt ist im Laufe der Jahre zu meiner zweiten Heimat geworden. Hier habe ich studiert, Freundschaften geschlossen, mich ehrenamtlich engagiert und viele prägende Erfahrungen gesammelt.
Wenn ich an meine Zukunft denke, verbinde ich sie deshalb eng mit Deutschland und Potsdam. Unabhängig davon, welchen beruflichen Weg ich einschlagen werde, möchte ich weiterhin Teil dieser Gemeinschaft bleiben und etwas von dem zurückgeben, was ich hier selbst erfahren und erhalten habe.