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Online-Reisetagebuch: Jalalabad/Nangahar, 24. September 2014

Unterstützung für afghanische Verwaltungswissenschaften, 3. Tag
Foto: Sadeqar

Foto: Sadeqar

Von der Uni zurück, sitzen wir im Gästehaus auf der Terrasse. Es ist sechs Uhr abends, der Sonnenuntergang setzt ein, sofort begeben sich Fledermäuse und Geckos auf die Mückenjagd. Die Möbel in meinem Zimmern sind von einer schwarzen Dreckschicht bedeckt – kein Wunder, wenn man den Ruß sieht, den der Stromgenerator im Hof auspustet. Seit vier Monaten sei niemand mehr zu Besuch gekommen, entschuldigt sich unser Hausmeister. Jalalabad ist von der internationalen Entwicklungshilfe vergleichsweise abgeschnitten, nur ein GIZ-Projekt gibt es hier, das sich mit Wirtschaftsförderung auseinandersetzt. Sind wir nicht da, wird der Generator abgeschaltet. Keine kalte Cola also wie gehofft, die Kühlschränke waren tagsüber aus. Afghanistan könnte sich problemlos mit Wasser- und Solarenergie versorgen, aber noch immer sind Generatoren die verlässlichste Strom- und vor allem Heizquelle. In einem Entwicklungsland, das – wenn überhaupt – keine erschlossenen Ölvorkommen hat, ist das nicht nur ein ökonomisches Problem; einzig einige verlassene Bohrtürme aus der Sowjetzeit rosten im Land vor sich hin. Auch die Umwelt leidet: Wer kein Geld für Öl hat, verbrennt in den eisigkalten Wintern alles, die Ärmsten Plastikmüll oder den fäkalienhaltigen Schlamm aus den Abwasserkanälen. In Kabul wird krank, wer in die falsche Richtung atmet, wird gesagt. Lösungsansätze gibt es: Die Straßenbeleuchtung in Mazar und Kabul wird mit Solarenergie betrieben, in Jalalabad werden am Straßenrand kleine Solarpaneele für den Hausgebrauch „to go“ verkauft. Die Universität versorgt sich mit Strom aus einem kleinen Staudamm. Einer der großen Vorteile: Es gibt fast immer Elektrizität, Klimaanlagen machen die überbelegten Mehrbettzimmer in den Studentenwohnheimen erträglich.

Männer und Frauen sind streng getrennt, das Wohnheim der Frauen ist mit Stacheldraht und hohen Mauern gesichert. Treten die Studentinnen durch die Stahltür auf den Campus, tragen sie die hellblaue Burka oder einen schwarzen Tschador mit Augenschlitz, nur im Seminarraum reicht das Kopftuch. Trotz allem fürchten die Familien um die Unversehrtheit ihrer Töchter, deswegen gebe es so wenige Frauen, sagt man uns. Viele Familien stimmen eher einem Medizin- oder Lehramtsstudium zu, auch die agrarwirtschaftliche und tiermedizinische Fakultät hat einen höheren Frauenanteil. Ein Arbeitsplatz im Krankenhaus, an einer Schule oder in der Landwirtschaft gilt für Frauen als akzeptabel.

Auch Thurid und ich tragen mehr schlecht als recht ein Tuch, wir alle haben eine heimische Tracht an. Wenn auch ungewohnt, fühlen wir uns in der traditionellen leichten Pumphosen-Kombination wohl. Nur Werner Jann hat den falschen Stoff erwischt, hochwertiges khaki-grünes Wollgemisch. Bei schwülen 37 Grad äugt er neidisch auf die luftigen Baumwollkutten der anderen.

Das Klima ist subtropisch, die Universitätsanlage etwas westlich der Stadt ist ein Paradies aus uralten Palmen, Eukalyptusbäumen, Zypressen, Blüten und mannshohem Gras. Darin stolzieren exotisch bunte Fasane, Gänse, Enten und Hühner. Mit dem Afghanistan, wie wir es aus Kabul und Mazar kennen, hat Jalalabad wenig gemeinsam. Es ist eher eine Mischung aus Indien und Pakistan, wie unser Dekan Doudiyal es beschreibt. Die Bewässerungsanlagen und die Initialelektrifizierung der Stadt stammen aus den Zeiten der sowjetischen Besatzung, die Ingenieure dieser Modernisierungsprojekte lebten in den Gebäuden der späteren Universität. Diese zog dort 1963 ein, mit anfangs acht Professoren und 48 Studenten. Heute hat die Universität rund 500 Lehrende und 14.000 Studierende. Einerseits ist dies positiv, andererseits harte Arbeit für alle Beteiligten. Daran ändern auch die unzähligen, grell beworbenen privaten Hochschulen nichts. Da deren Abschlüsse aber bekanntermaßen käuflich erworben werden können, sind sie wenig wert, wie uns Uni-Präsident Dr. Enayat in astreinem Deutsch erzählt. „Auch bei uns ist nicht alles Gold“, fügt er hinzu. Sein Hoffnungsträger ist Ashraf Ghani, der Filz und Patronage den Kampf angesagt hat. Doch auch Dr. Enayat selbst – erst seit zehn Tagen im Amt – weckt hier große Erwartungen: Ein Leben für die Wissenschaft – Studium in Jalalabad zusammen mit Dekan Doudiyal, während auf der Straße die Mudschaheddin in den Kampf ziehen. Doktorat in Italien, Leiter der pädagogischen Hochschule Kabul, fünf Jahre Präsident der Universität in Kabul, Berater des Bildungsministers, der ihn schließlich aus Deutschland zurück zu seinen Wurzeln berief. „Bildung ist unsere wichtigste Investition in die Zukunft“, erklärt er.

Afghanistan verlangt seinen Studierenden an staatlichen Institutionen keine Gebühren ab, und liegt der Wohnort mehr als 35 Kilometer entfernt, sind Essen auf dem Campus und ein Platz im Schlafsaal frei. Wer kann, bewirbt sich um einen Platz im landesweiten Kankor, einer Zugangsprüfung mit Studienvergabe, wie wir sie früher auch in Deutschland als ZVS kannten. Was und wo man studieren kann, entscheidet das Ergebnis der Prüfung. Die Studiengänge sind nach Beliebtheit gelistet, nur wer eine hohe Punktzahl erreicht, kann Medizin oder Jura studieren. Die Verwaltungswissenschaften haben es in nur zwei Jahren in das erste Drittel der Vergabeliste geschafft – eigentlich positiv, aber eine Überforderung für die 15 Lehrenden, die wir hier heute treffen. Nur einer hat einen Doktor, alle anderen haben afghanische Bachelorabschlüsse benachbarter Disziplinen wie Wirtschaft, Jura oder Politikwissenschaften.

„Wozu denn überhaupt Verwaltungswissenschaften als Studienfach?“, fragen die Studierenden nach den Gastvorträgen von Werner Jann, Harald Fuhr und Thurid Hustedt. Das sei doch nur eine Mischung aus Jura, Ökonomie und Politik, und später glänzt man in keinem der Fächer mit wirklicher Expertise. „Schaut auf die Medizin“, erklärt Werner Jann: „Chemie, Biologie, Psychologie, das alles muss man können, um aber heilen zu könne, bedarf es mehr.“ – „Ja, und unser Land ist ein extrem kranker Patient, wir müssen also sehr, sehr gut werden“, stimmt ein Dozent zu. Wir sind beeindruckt von den analytischen und kritischen Fragen der Erst- und Zweitsemester. Die jungen Leute hier wollen Konzepte verstehen und akzeptieren, nicht mehr auswendig lernen und repetieren.

Text: Julka Jantz, Koordinatorin „Stärkung der Verwaltungsausbildung in Afghanistan“, Online gestellt: Julia Schwaibold

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