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Karibisches Kaleidoskop

Die Faszination bewegender Nicht-Zentren
Quelle: Kerstin Littke

Quelle: Kerstin Littke

Die Karibik? Traumhaft. Wer hat sich dort nicht schon einmal bei Sonnenuntergang in einer Hängematte unter Palmen am Meer liegen sehen? In schwülen Nächten den sagenumwobenen karibischen Rhythmen nachzuhängen? Legendär, exotisch, beinahe mythisch. Lange gewachsenes, immer wieder reproduziertes Klischee. Die Romanistin Gesine Müller leitet eine Forschungsgruppe, die sich mit der Literatur aus und über die Karibik im 19. Jahrhundert beschäftigt. Einer Phase, in der die meisten karibischen Länder umwälzende Veränderungen durchmachten: Nahezu alle erstritten die Unabhängigkeit von ihren europäischen Kolonialmächten, blieben ihnen aber – gerade kulturell – eng verbunden. Wie unterschiedlich indes das Verhältnis war, das Spanier und Franzosen zu ihren karibischen Kolonien besaßen, zeigt sich nicht zuletzt an der von dort stammenden Literatur.

Das Büro von Gesine Müller ist zweckmäßig eingerichtet, fast spartanisch. Die Karibik findet hier im Kopf statt, als Reise – weit weg und vor allem tief hinein in ein vergangenes Zeitalter. Und doch ist sie schnell präsent. Wenn Gesine Müller vom „Kaleidoskop Karibik“ spricht, von der Strahlkraft der Ereignisse, die im 19. Jahrhundert die Karibik durcheinanderwirbelten, wird sie unvermittelt vorstellbar und ist mehr als nur ein Traumziel für Fernreisende: „Die koloniale Karibik des 19. Jahrhunderts ist eine ungeheuer spannende Zeit“, sagt sie. „Und doch wurde sie bislang wissenschaftlich kaum untersucht.“ Etliche Inselgruppen und zahllose Eilande vor den amerikanischen Küsten bilden jene Region, in der seit Jahrhunderten Menschen unterschiedlichster Kulturen in Austausch treten. Das Einzigartige der karibischen Inseln sei ihre Rolle als früher „melting pot“, als Austragungsort der „frühen Prozesse der kulturellen Globalisierung“, so Müller. Ein Gebiet, in dem fünf europäische Kolonialmächte agierten, deren Kolonien zu verschiedenen Zeiten unabhängig wurden, in dem Einwanderer, Sklaven, Exilanten und Abenteurer zusammenkamen, musste „Phänomene und Prozesse vorwegnehmen, die heute erst ins Bewusstsein gelangen“.

Gesine Müller ist der Literatur der Karibik schon seit einigen Jahren auf der Spur. Die Entstehung ihres aktuellen Forschungsprojekts zur „Transkolonialen Karibik“, eine Emmy Noether-Nachwuchsgruppe, die sie am Lehrstuhl des Potsdamer Romanisten Prof. Dr. Ottmar Ette ansiedelte, reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Schon während der Arbeit an ihrer Dissertation, für die sie zur lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur forschte, begegnete sie immer wieder den Spuren kolonialer Literaturen aus dem karibischen Raum. „Damals habe ich mich entschlossen, ein Projekt zu entwickeln, das die kulturelle Ablösung verschiedener Länder – im Vergleich – von ihren europäischen Kolonialmächten untersucht.“ Als sich die Möglichkeit ergab, das Projekt im Rahmen des Emmy Noether-Programms als Forschungsgruppe zu beantragen, zögerte sie nicht lange. 2008 erhielt ihr Antrag den Zuschlag, als deutschlandweit erste literaturwissenschaftliche Nachwuchsforschergruppe in der Romanistik. Die Leiter von neu gegründeten Emmy Noether-Nachwuchsgruppen können ihr Vorhaben an einem Lehrstuhl ihrer Wahl ansiedeln. Müller entschied sich für Potsdam, wo der Romanist Ottmar Ette schon länger zur Karibik und zur Transferforschung arbeitet. 

Indes hat nicht nur die Gründung der Gruppe einige Zeit gedauert. Auch ihren Untersuchungsgegenstand überhaupt erst aufzutreiben – die karibische Literatur des 19. Jahrhunderts –, war abenteuerlich. Archive und Bibliotheken über den ganzen Archipel verteilt hat Müller besucht, um einen Korpus der wichtigsten karibischen Texte zusammenzutragen, die später einen zentralen Bezugspunkt für alle Teilprojekte bilden sollten. Aber es hat sich gelohnt, erlauben die Texte doch einen Blick in die außergewöhnlich vielseitige Kulturgeschichte der Region.

Als Romanistin ist für Gesine Müller besonders der Vergleich der einstigen spanischen und französischen Kolonien in der Karibik interessant. Denn dass zwischen diesen Unterschiede bestehen, legt schon der Blick auf die historische Entwicklung nahe: Während alle spanischen Kolonien im 19. Jahrhundert unabhängig wurden, verblieben die französischen – mit Ausnahme Haitis, das bereits seit 1804 durch seine frühe Revolution unabhängig war – unter dem Einfluss der Kolonialmacht, im Wesentlichen bis heute. Grund dafür ist, so Gesine Müller, die Strategie Frankreichs im Umgang mit den Eigenheiten der Einheimischen: „Die starke Strahlungs- und Bindungskraft Frankreichs ist auf seine Kapazität zurückzuführen, das koloniale Andere zu integrieren, bzw. sich im Angesicht des Anderen selbst zu transformieren.“ Dies führte dazu, dass die frankophone karibische Literatur sich stets an Paris orientierte, ihre Autoren das Schreiben französischer Klassiker imitierten – ohne eine tatsächliche Kopie zu sein. Müller nennt dies eine „literarische Inszenierung der binären Opposition zwischen Metropole und Kolonie“. Mit ihren Texten banden die karibischen Intellektuellen nicht nur ihre Heimat eng an die ferne Kolonialmacht, sie traten teilweise sogar für den Erhalt der Sklaverei ein – im guten Glauben, dies sei zum Vorteil der Sklaven selbst. Befördert wurde diese Orientierung der karibischen Schreibenden am fernen Zentrum des frankophonen Reiches nicht zuletzt durch das gänzlich von Paris aus beherrschte französische Verlagswesen. Wer gelesen werden wollte, musste in einem Verlag der Metropole unterkommen. Eine ökonomisch motivierte Abhängigkeit, die sich teilweise bis heute fortsetzt. 

Spanien dagegen vermochte anders als Frankreich seinen Kolonien kein derartiges „kulturell bindendes Zentrum“ zu bieten, sagt Gesine Müller. Dies hat – neben den hier früher und vehementer einsetzenden Unabhängigkeitsbestrebungen – auch die Literatur gewissermaßen freigesetzt. Folglich sahen sich die Schriftsteller auf der Suche nach neuen Anknüpfungspunkten und Vernetzungen anderswo um. Fündig wurden sie häufig auf dem amerikanischen Festland; sie erkannten aber auch die gemeinsame Geschichte als Verbindendes innerhalb der Karibik – und mit Europa. Dadurch waren viele spanischsprachige Autoren einem Prinzip der „Multirelationalität“ verpflichtet, so Müller. Beispielsweise betrachtete der aus Puerto Rico stammende Eugenio María de Hostos schon 1870 die Antillen als „die Verbindung, die Fusion verschiedener Ideen aus Europa und den Amerikas“.

Die spanischsprachige Karibik ist auch Gegenstand der Arbeit von Johanna Abel, eine der drei Nachwuchswissenschaftlerinnen, die in der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe promovieren. Genau genommen untersuchte sie die Texte von 25 westlichen Frauen, die über ihre Karibikreisen schrieben, um zu erklären, welchen literarischen Ausdruck ihre überaus körperlichen Eindrücke der für sie oftmals gänzlich neuen Welt fanden. „Die Karibik war im 19. Jahrhundert ein Knotenpunkt für Bewegungen aller Art, Militär, Sklavenhandel, Migration. Hier trafen viele Kulturen aufeinander, die gelernt haben zusammenzuleben. Das machte sie zu einem einzigartigen ‚rhythmischen Raum‘“, sagt Abel, „der durch die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem, also Dingen, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen, irritierend, überwältigend wirkte. Mit diesem Zuviel an Geräuschen, Präsenz, Kontakt wurden Neuankömmlinge nur schwer fertig – und dies schlug sich auch in vielen Texten von Reisenden nieder.“ 

Dank besserer Transportbedingungen kamen im 19. Jahrhundert mehr und mehr Frauen in die Karibik. Meist reisten sie als Begleitung von Männern, mitunter aber auch allein, wie etwa Mathilde Houston, eine ehemalige Hofdame der englischen Königin, deren Briefe an Freunde in der britischen Heimat später veröffentlicht wurden. Abels Analyse zeigt, dass die schreibenden Frauen nicht nur auf den Spuren der Männer reisten, sondern auch schrieben: „Sie waren Kolonialagentinnen, wie die Männer, und orientierten sich am männlichen Kanon des Schreibens über die Karibik, der romantisierend, exotisierend war. Aber es hat sich ebenso gezeigt, dass sie zumeist zu einem eigenen Blick fanden, der vor allem über das ‚Körperwissen‘ Eingang in ihr Schreiben gefunden hat. Sie reflektierten, wie sie Mode, Nacktheit, Maskierungen wahrnahmen, aber auch, wie sie – als Frauen und Fremde – selbst wahrgenommen wurden. Und im Schreiben über diese Erfahrungen waren sie vielseitig: mal utopisch verklärend, mal abwehrend, mal kulturkritisch, mitunter sogar gegenüber der europäischen Kultur.“

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich dann, vor allem aus den USA, erste Vorläufer des Tourismus. Gruppenreisen per Bahn waren „in“, Island Hopping ebenso. Das Schreiben wurde sachlicher, oft journalistischer. Manche Texte übernahmen sogar die Rolle früher Reiseführer. „Das hat mir gezeigt, wie aktuell die koloniale Karibik ist“, sagt Johanna Abel. „Umgekehrt wird das kolonialexotische Bild der Karibik auch dort wachgehalten und wirkt in die westliche Welt zurück.“ 

Die Beziehungen zwischen Kolonie und Kolonialmacht waren auch in der französischsprachigen Karibik des 19. Jahrhunderts keine Einbahnstraße: Frankreich nutzte in den Kolonien gesammelte Informationen über die Fremde zur Erweiterung des eigenen Wissens: Die an der Wende zum 19. Jahrhundert in Frankreich entstehende Ethnologie wurde maßgeblich mithilfe der in den französischen Kolonien gewonnenen Erkenntnisse entwickelt. Und noch etwas fand den Weg von den Rändern nach Europa: das verklärte Bild der exotischen Karibik. Viele Autoren des 19. Jahrhunderts machten die Kolonien zu Fluchtpunkten ihres Schreibens, formten in ihren Texten ein Traumbild eines idealen, utopischen karibischen Raumes. Bis zu einer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit im französischen Kolonialreich sollten noch viele Jahre vergehen, wie Müller erklärt. „In den letzten 20 Jahren erst wurde die eigene Kolonialgeschichte in Frankreich ein wichtiges Thema. Mittlerweile ist der 10. Mai der Gedenktag an die Sklaverei und den Kolonialismus. Aber beide sind noch nicht sehr lange im öffentlichen Diskurs präsent.“ 

Für die koloniale Literatur der Karibik im Ganzen sagt Gesine Müller, dass ihre enge Verbindung mit „Wissensdiskursen über das koloniale Andere“ sie im Stadium der aktuellen Globalisierung besonders interessant macht. Konfrontiert mit den Phänomenen massenhafter Migration, Zirkulation und Vernetzung kann sie als früher Bote „sensibilisieren für die Kategorie des Dazwischen, die nur über das Potenzial von Literatur vermittelbar ist“. Deshalb haben Gesine Müller und die Nachwuchswissenschaftlerinnen ihrer Gruppe frühzeitig Anknüpfungspunkte an aktuelle Diskurse und Fragen gesucht. Zwei große eigene Tagungen – zum „Kaleidoskop Karibik“ und zum kulturellliterarisch wichtigen Phänomen der Insel „weltweit“ – sowie zahlreiche Kooperationen boten in den vergangenen Jahren immer wieder Gelegenheiten, die Arbeit zur literarischen kolonialen Karibik an die Erforschung der gegenwärtigen karibischen Literatur anzuknüpfen. Ein Anknüpfen, das freilich in beide Richtungen zielt, betont Müller. Denn die Karibik des 19. Jahrhunderts sieht sie als Sammlung von Knotenpunkten, die weit produktiver waren, als man es noch heute glauben will. „Im globalen Kontext passierte in diesen sogenannten Nicht-Zentren viel mehr, als man bisher dachte“, sagt sie. Dortige kulturelle Austauschprozesse waren – auch für Europa – wichtiger als bisher angenommen.“

Die Wissenschaftlerinnen

PD Dr. Gesine Müller studierte Romanistik, Theologie und Germanistik in Freiburg, Bogotá und Münster. Seit 2008 ist sie Leiterin einer DFG-Emmy Noether- Nachwuchsgruppe am Institut für Romanistik der Universität Potsdam.

Kontakt
Universität Potsdam
Institut für Romanistik
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam
E-Mail: gesine.muelleruni-potsdamde

Johanna Abel studierte Hispanistik und Religionswissenschaft in Berlin. Seit 2008 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Transkoloniale Karibik“.

Kontakt
E-Mail: johanna.abeluni-potsdamde

Das Projekt

Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Transkoloniale Karibik. Koloniale Transferprozesse in der Literatur des 19. Jh.: Die Karibik im Kontext der kulturellen Strahlungskraft Europas am Beispiel von Frankreich und Spanien (1789–1886)“

Beteiligt: PD Dr. Gesine Müller (Leitung), Johanna Abel, Leonie Meyer-Krentler, Marion Schotsch Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Laufzeit: 2008–2014

www.uni-potsdam.de/romanistik/ette/projekte/transkaribik/index.html

Text: Mathias Zimmermann, Online gestellt: Agnes Bressa