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Eine Vision vom passenden Beruf – Start-up „visionYOU“ verbindet soziale Verantwortung mit Unternehmergeist

Die drei „visionYOU“-Gründer in ihrem Büro in Golm. Foto: Karla Fritze.

Die drei „visionYOU“-Gründer in ihrem Büro in Golm. Foto: Karla Fritze.

Zu viele Studienanfänger, zu wenige Auszubildende. Deutschland steckt im „Akademisierungswahn“, sagt der Philosoph Julian Nida-Rümelin. Das muss nicht sein, finden die Gründer des Start-ups „visionYOU“. Die drei verstehen sich als „Social Entrepreneurs“ und treten an, mehrere Probleme auf einmal zu lösen: Mit maßgeschneiderter Berufsberatung wollen sie mehr junge Menschen für Ausbildungsberufe begeistern. Dabei soll ihr Konzept vor allem eines sein: nachhaltig. Die Wirtschaft erhält den Nachwuchs, den sie so dringend braucht. Die Jugendlichen eine Ausbildung für einen Beruf, der zu ihnen passt und sich zur Berufung mausern könnte. Und im Idealfall sinkt mit der Zahl der Studierenden auch die Quote derer, die ihr Studium abbrechen, weil es eben doch nicht das Richtige war.

Ein Schritt, dann noch einer, am Rande des Daches. Der Blick geht vier Stockwerke nach unten auf die Straße. Dann wieder hoch, auf den halbfertigen Dachstuhl. Zwei kräftige Schläge mit dem Hammer und die Latte ist fest. Als nächstes kommen die Ziegel mit einem Transportlift heraufgefahren … 
Dank der 3D-Brille ist das Video hautnah dran – und zeigt, wie es wäre, als Dachdecker in schwindelnder Höhe zu arbeiten. Wer dafür nicht gemacht ist, merkt es schnell. Viel aufregender kann virtuelle Realität nicht sein. Und Berufsorientierung auch nicht. Virtual Reality, spannende Kurzfilme, sogar Robotik-Elemente: Die „visionYOU“-Gründer wollen nichts unversucht lassen, um junge Menschen für Berufe zu begeistern, die im akademisierten Deutschland drohen, aufs Abstellgleis geschoben zu werden.

Einfaches Konzept: richtig informieren 

Während die Hochschulen unter der wachsenden Schar der Studienanfänger ächzen, bleiben Jahr für Jahr zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt. Die Folgen: Mehr Akademiker, aber auch mehr Studienabbrecher, dazu ein wachsendes Nachwuchsproblem in Handwerk, Industrie und Wirtschaft. Schuld daran haben alle Beteiligten gleichermaßen: Die Unternehmen, Kammern und Verbände, weil sie zu wenig, schlecht oder gar falsch informieren. Die Schüler, weil sie sich nicht ausreichend informieren und stattdessen dem diffusen Erwartungsdruck anderer nachgeben und „auf Nummer sicher“ studieren. Teresa Kreis, Paul Lorenz und Madeleine Wolf haben das Start-up „visionYOU“ gegründet, das Abhilfe schaffen will. Ihre „Zauberformel“: Eine gelungene Berufsorientierung und das Zusammenbringen der Akteure sorgen für Nachwuchskräftesicherung.
Der Weg, den die drei einschlagen, klingt denkbar einfach: „Wir wollen die Jugendlichen dort abholen, wo sie sind“, sagt Madeleine Wolf. „Und zwar mit einer multimedialen, erlebbaren Berufsorientierung“, ergänzt Paul Lorenz. „Diese muss die Sprache der Jugendlichen sprechen und zugleich die Inhalte transportieren, die nötig sind, um sich ein echtes, rundes Bild von einem Beruf zu machen.“ 

In die Schulen – in die Firmen

Dafür hat das Team ein eigenes Instrument erarbeitet: die visionTour, bei der Schüler in mehreren Schritten verschiedene Berufsfelder kennenlernen – und zwar ebenso multimedial wie hautnah. Schritt eins: „visionYOU“ kommt in die Schule und stellt den Schülern in 90 Minuten fünf verschiedene Berufsfelder vor. „Dafür konzipieren und produzieren wir eigene Videoformate – kurz, knackig und spannend gemacht“, sagt Teresa Kreis. In diese Kennenlernphase wollen die Gründer nach und nach immer mehr technische Leckerbissen einbauen – 360-Grad-Videos, VR-Brillen und sogar Robotik-Elemente. Daneben soll die visionTour immer wieder interaktive, spielerische Elemente enthalten: kleine Knobelaufgaben, Schaltungen oder Puzzles. Wie die Jugendlichen sie angehen oder lösen, zeigt, ob sie Fertigkeiten oder Kenntnisse haben, die für den jeweiligen Beruf wichtig sind. Einen der Berufe schauen sich die Schüler in Schritt zwei genauer an – bei einer Exkursion in Partnerunternehmen. Im Gepäck haben sie einen Auftrag, denn sie sollen als Schritt drei ihren Mitschülern einen ganz eigenen Einblick in das Erlebte geben. Die Form bleibt ihnen überlassen: Selfievideo, Comic, Rapsong, Theaterstück oder gar Powerpointkaraoke, alles ist möglich. „Letztlich wollen wir damit Impulse geben“, so Teresa Kreis. „Damit die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, als sie denken. Und sich dann selbst informieren.“ Die Tour soll jährlich stattfinden, von Klasse 7 bis 10, sodass die Jugendlichen nach und nach mit allen Berufsfeldern in Berührung kommen. Später wollen die drei noch ein Paket für die Klassen 11 bis 13 schnüren. Immerhin gebe es auch Ausbildungsberufe, für die man Abitur brauche. 
Die Idee kommt zum richtigen Zeitpunkt: Seit Kurzem sind Schulen dazu verpflichtet, die berufliche Orientierung in alle Unterrichtsfächer zu integrieren. Und zwar nicht nur, wie bislang üblich, erst kurz vor dem Abschluss der 10. Klasse. Für diese Änderung sei es höchste Zeit gewesen, finden die „visionYOU“-Gründer. Bislang sei Berufsorientierung oft zu kurzatmig gedacht: „Eine Berufsmesse für Neuntklässler ist nichts anderes als eine Stellenbörse. Sie zielt darauf ab, sofort freie Ausbildungsplätze zu besetzen“, beklagt Teresa Kreis. Mit den entsprechenden Folgen: Rund ein Drittel aller Ausbildungen werde abgebrochen. „Oft weil die Jugendlichen nicht wissen, was auf sie zukommt, falsche Erwartungen haben und dann von den Anforderungen überrascht sind.“ Dabei sei es gerade im Sinne der Unternehmen, nicht irgendwelche Auszubildenden zu finden, sondern solche, die auch dabeibleiben. Deshalb stellen die drei Gründer die Schüler in den Mittelpunkt: „Unser Ansatz – und unser Appell an die Unternehmen – ist, nicht auf den Markt schauen, sondern auf die Jugendlichen“, sagt Madeleine Wolf. „Und den Schülerinnen und Schülern sagen wir: Findet heraus, was euch wirklich liegt!“ Beispiele, wie das gehen kann, gebe es bereits. Firmen, die bei Bewerbern weniger auf Noten schauen als auf den Willen zu lernen. „Jene, die interessiert sind oder pfiffige Fragen stellen, zeigen mitunter viel besser als mit ihrem Zeugnis, ob der Beruf zu ihnen passt – und sie zu ihm.“

Gründen mit sozialer Verantwortung

Dass ihr Weg, eine eigene Firma zu gründen, für sie der richtige Weg ist, daran haben Teresa Kreis, Paul Lorenz und Madeleine Wolf keinen Zweifel. Kennengelernt haben sich die drei an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Alle drei hatten zuvor ein betriebswirtschaftlich geprägtes Studium abgeschlossen; Madeleine Wolf hatte wie Paul Lorenz bei der Deutschen Bahn gearbeitet. „Dort musste ich feststellen, dass unternehmerische Entscheidungen nicht selten politisch motiviert und dann alles andere als nachhaltig sind“, sagt Wolf. „Ich hatte das Gefühl, dass in meinem BWL-Studium viel zu selten die Frage gestellt wurde, welche gesamtgesellschaftliche Verantwortung Unternehmen eigentlich haben und wo dem Profitstreben Grenzen gesetzt werden müssen“, ergänzt Teresa Kreis. Für die drei „Social Entrepreneurs“ war der erste Schritt der Masterstudiengang Nachhaltige Unternehmensführung an der HNEE. Ein Ansatz, der sie verbindet und der das Credo von „visionYOU“ von Beginn an geprägt hat: „Wir haben gemeinsame Wertvorstellungen und wollen einige Dinge komplett neu denken“, sagt Lorenz.
Beim Denken sollte es nicht bleiben. Aus einer Diskussion über mangelhafte Berufsberatung erwuchs die gemeinsame Masterarbeit der drei dazu, wie es besser gehen könnte. Zur Firmengründung fehlte dann nur noch ein kleiner Schritt. Seit Juni 2017 wird „visionYOU“ von Potsdam Transfer betreut und mit einem EXIST-Stipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie sowie durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Wissenschaftlicher Mentor ist Bernd Meier, Professor für Technologie und berufliche Orientierung, der ihnen hilft, das Konzept auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen. Dank der Kontakte zur Uni Potsdam hat das Team die Chance, seine Ideen und Konzepte auch mit Studierenden, künftigen Lehrerinnen und Lehrern für Wirtschaft-Arbeit-Technik, zu diskutieren und weiterzuentwickeln. In der Pilotphase arbeitet das Team mit drei Schulen in der Region sowie mehreren Firmen zusammen – darunter ein Hotel, zwei holzverarbeitende sowie ein Dachdeckerbetrieb, ein Bauunternehmen, ein Automobilzulieferer, ein Kindergarten sowie ein Unternehmen der Abfallwirtschaft. Auch am Finanzplan tüfteln die drei engagierten Gründer noch. Immerhin sollen die Kosten für eine zeitgemäße Berufsorientierung so fair wie möglich zwischen Unternehmen und Bildungsträgern verteilt werden. Doch sie sind zuversichtlich, dass es ihnen gelingt, ihre Vision „an den Mann“ zu bringen, an jene „Überzeugungstäter – Menschen, die ernsthaft etwas Positives bewirken wollen und keine Angst haben, etwas auszuprobieren“, sagt Teresa Kreis.
Kommt die visionTour an wie erhofft, soll sie in eine Online-Lehrplattform „übersetzt“ werden. „Dann können die Lehrkräfte nach einer Schulung die Tour selbst durchführen“, erklärt Madeleine Wolf. Daran anknüpfend wollen die „visionYOU“-Gründer als dritte Säule einen Online-Marktplatz für digitale Bildungsangebote auf den Weg bringen. Dort werden sowohl die eigenen als auch viele andere Formate zu finden sein. Denn die drei Gründer wollen das „Bildungsrad“ nicht neu erfinden, sondern richtig ins Rollen bringen: „Für viele Berufe gibt es schon gute Videos, Webplattformen und Infos“, sagt Paul Lorenz. „Aber sie werden nicht richtig präsentiert. Es ist so, als würde ich einen Laden im Keller aufmachen, kein Schild aufstellen und mich wundern, dass keiner kommt. Das wollen wir ändern.“ Indem sie passende Angebote ausfindig machen, aufbereiten, bündeln und präsentieren, hoffen die „visionYOU“-Gründer, sich die Rolle zu erarbeiten, in der sie sich selbst sehen: Schnittstelle und Vermittler zu sein zwischen Unternehmen und Schulen.

DIE WISSENSCHAFTLER

Teresa Kreis – das gesellschaftliche Gewissen – studierte Betriebswirtschaftslehre mit internationalem Schwerpunkt an der Universität Mannheim und anschließend Nachhaltige Unternehmensführung an der HNEE, parallel arbeitete sie am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. 
teresa.kreis@visionyou.nomorespam.de

Paul Lorenz – kreativer Kopf und der Mann für Marketing und Kommunikation – studierte Facility Management in Berlin und arbeitete anschließend sieben Jahre bei der Deutschen Bahn AG. 2013 gründete er ein nachhaltiges Modelabel und studierte ab 2014 Nachhaltige Unternehmensführung an der HNEE. 
paul.lorenz@visionyou.nomorespam.de

Madeleine Wolf – die strukturierte Strategin und Frau für die Zahlen – absolvierte ein duales Studium der BWL bei der Deutschen Bahn AG, Fachrichtung Dienstleistung, Logistik und Unternehmensberatung. Nach drei Jahren als Junior Consultant bei der DB Engineering & Consulting GmbH studierte sie Nachhaltige Unternehmensführung an der HNEE. 
madeleine.wolf@visionyou.nomorespam.de

Die Universität bietet zur Qualifizierung ihrer Start-ups ein Accelerator-Programm, um die Teams optimal auf eine Gründung vorzubereiten. Nach ersten Beratungsschritten und einem dreitätigen Intensivworkshop können die Teams entsprechend ihrer individuellen Voraussetzungen weiter geschult werden. Das hohe Niveau der Qualifizierungsmaßnahmen zeigt der erfolgreiche EXIST-Gründerstipendium-Antrag des Teams. „visionYOU“ erhält nun ein Jahr lang die Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie für ihr innovatives Gründungsvorhaben. Im Rahmen seines Stipendiums hat das Team seine „Zelte“ im Transfer & Innnovation Point Golm (TIP-Golm) aufgeschlagen.
www.potsdam-transfer.de

„visionYOU“ ist ein Start-up in der Vorgründungsphase, das Berufsorientierung von Jugendlichen mit der Nachwuchskräftesicherung in Berlin/Brandenburg verknüpfen will. Im November 2017 wurde das Start-up mit dem Sonderpreis „Neue Perspektiven“ beim StartGreen Award 2017 ausgezeichnet. Universität Potsdam 
Potsdam Transfer/Team visionYOU
Karl-Liebknecht-Straße 24–25
14476 Potsdam
www.visionyou.de

Text: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Marieke Bäumer
Kontakt zur Online Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

Veröffentlicht

21. Feb 2018