Wie sagst du das auf Sorbisch?
Sorbische Sprachlandschaft in Chóśebuz/Cottbus und Dešno/Dissen
Im Rahmen der Studierendenfeldforschung ist die Studie „Wie sagst du das auf Sorbisch? Ein quantitativer Vergleich der sorbischen Sprachlandschaft von Chóśebuz/Cottbus und Dešno/Dissen“ entstanden. Die Studie hatte als Ziel, die Zeichen auf Sorbisch in der Stadt Chóśebuz/Cottbus und in dem Dorf Dešno/Dissen, wo die sorbische Sprachminderheit präsent ist, zu untersuchen und zu vergleichen.
1. Fragestellung und Methodologie
Die Leitfrage der Studie war, ob es Unterschiede zwischen den sorbischen Zeichen in der Stadt und im Dorf bestehen, und zwar unter folgenden Aspekten (vgl. hierzu ausführlich z.B. Purschke & Gilles 2016 ff.):
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Autorschaft: Wer hat das Zeichen erstellt – eine Institution (top-down Zeichen), ein Geschäft (bottom-up Zeichen) oder eine Privatperson (bottom-up Zeichen)?
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Sprachen: Welche Sprachen sind auf dem Zeichen zu sehen, nur Sorbisch, auch Deutsch oder auch andere Sprachen?
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semiotische Relevanz: Welche Sprache ist im Zeichendesign hervorgehoben?
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semantische Dominanz: Welche Sprache gibt die meisten Informationen?
Der Ausdruck „Sorbisch“ wird hier für Niedersorbisch verwendet. Niedersorbisch ist die sprachliche Varietät, welche in der Niederlausitz im Land Brandenburg gesprochen wird. Genaue und aktuelle Zahlen über Sorbischsprechende spezifisch in Chóśebuz/Cottbus (ung. 100.000 Einwohner*innen; vgl. Stadt Cottbus) und Dešno/Dissen (etwas über 600 Einwohner*innen; vgl. Amt Burg Spreewald) gibt es leider nicht.
Ausgehend von den sorbischen Museen (Wendisches Museum in Chóśebuz/Cottbus, Heimatsmuseum in Dešno/Dissen) wurden in den Hauptstraßen des Stadt- bzw. Dorfzentrums alle Zeichen, die Sorbisch beinhalteten, fotografiert. In Chóśebuz/Cottbus wurden folgende Straßen und Orte in die Studie einbezogen: die Mühlenstraße vom Wendischen Museum westwärts, die Mauerstraße, das Rathaus, die Berliner Straße vom Rathaus ostwärts und der Altmarkt (siehe Bild 3).
In Dešno/Dissen wurden die Dorfstraße vom Schmiedeweg nordwärts, die Hauptstraße von der Dorfstraße bis zur Döbbricker Straße und die Döbbricker Straße vom Spreeweg westwärts für die Studie berücksichtigt (siehe Bild 4).
Insgesamt wurden 123 Fotos gesammelt, 47 in Chóśebuz/Cottbus und 76 in Dešno/Dissen. Jedes Foto wurde unter den oben genannten Aspekten kategorisiert und die Daten wurden quantitativ und vergleichend ausgewertet.
2. Autorenschaft und Sprachen
Ergebnisse
Die meisten Zeichen sowohl in der Stadt (89%; 42) als auch im Dorf (75%; 57), die Sorbisch beinhalteten, wurden von offiziellen Institutionen erstellt (siehe Bild 5). Die Zeichen in der Stadt waren alle außer zwei bilingual auf Sorbisch und Deutsch: dazu gehörten beispielweise Straßennamen (siehe Bild 6), Wegweiser, Gedenktafel und Plakate. Das einzige städtische Zeichen ausschließlich auf Sorbisch war eine Gedenktafel, während das mehrsprachige Zeichen auf Deutsch, Sorbisch, Spanisch und Vietnamesisch ein Willkommensplakat war. Die dörfischen institutionellen Zeichen auf Sorbisch und Deutsch waren – ähnlich wie in der Stadt – Straßennamen, Wegweiser, Gedenktafel, Plakate, aber auch Karten, Infotafel oder Fahrradständer. Ein Fünftel (15) der dörfischen institutionellen Zeichen waren ausschließlich auf Sorbisch, und zwar verschiedene Ortsteilnamen (siehe Bild 7) und ein Willkommensschild.
In Chóśebuz/Cottbus wurde kein geschäftliches Zeichen mit Sorbisch gefunden, während diese in Dešno/Dissen 12% (9) aller Zeichen darstellten. Die meisten gehörten Gaststätten und beinhalteten sowohl Sorbisch als auch Deutsch, während ein Souvenirschild auch auf Englisch geschrieben wurde. Die gefundenen Zeichen von Privatpersonen waren im Dorf doppelt so viele wie in der Stadt (10 vs. 5). In beiden Orten hatten sie eine symbolische Funktion, aber diametral entgegengesetzt: im Dorf stellten die Hofnamen auf den Häusern (siehe Bild 8) eine Tradition, eine Erinnerung dar, während die Stickers in der Stadt die Subkultur und eine Transgression verkörperten. Die privaten Zeichen unterschieden sich auch sprachlich: die Hofnamen in Dešno/Dissen beinhalteten nur sorbische Namen, während die Stickers in Chóśebuz/Cottbus monolingual (Sorbisch), aber auch bilingual waren (Sorbisch mit Deutsch oder Sorbisch mit Italienisch). Die letzteren gehören dem Fanclub „Ultima raka“ von FC Energie Cottbus (siehe Bild 9) und kombinieren in ihrem Namen das Sorbische „rak“ (Krebs) mit dem Italienischen „ultima“ (extrem). Auch wenn „ultima“ grundsätzlich auch lateinischen Ursprungs sein könnte, ist in diesem Zusammenhang von einer italienischen Referenz auszugehen, die auf die Ultra-Bewegungen in Italien in den 50er und 60er Jahren verweist (vgl. Serbski Institut).
Unabhängig von der Autorschaft waren die meisten Zeichen sowohl in der Stadt (89%; 42) als auch im Dorf (79%; 60) auf Sorbisch und Deutsch, während nur im Dorf eine signifikante Anzahl an Zeichen ausschließlich auf Sorbisch war (20%; 15). Allerdings enthielten diese Zeichen meistens nur Eigennamen (10 Hofnamen, 4 Ortsteilnamen), die nicht unbedingt auf eine Vollbedeutung der Wörter aufweisen. Nur ein Willkommensschild im Heimatsmuseum enthielt eine inhaltliche Botschaft.
3. Semiotische Relevanz und semantische Dominanz
Ergebnisse
Obwohl in Dešno/Dissen mehr Zeichen ausschließlich auf Sorbisch als in Chóśebuz/Cottbus gefunden wurden (20%; 15 vs. 4%; 2), war unter den Sorbisch-Deutschen dörfischen Zeichen öfter Deutsch die Sprache, die sowohl im Layout und/oder in der Anzahl der vermittelten Informationen dominierte. Dagegen zeigte in Chóśebuz/Cottbus die Mehrheit der zweisprachigen Zeichen (20) eine Gleichstellung von Sorbisch und Deutsch (siehe Bild 10).
In ungefähr zwei Dritteln der bilingualen Zeichen in Dešno/Dissen (39) war Deutsch größer oder fetter dargestellt und in etwas weniger als der Hälfte der Zeichen (26) wurden mehr Informationen auf Deutsch als auf Sorbisch vermittelt. Beispiele für Zeichen, in welchen Deutsch sowohl graphisch relevanter als auch semantisch dominanter war (35% aller Zeichen; 21), sind Infotafel (siehe Bild 11), Karten, Plakate, Flyers, Wegweiser… In vielen von diesen Zeichen war das einzige Sorbische Wort der Dorfname, was eine rein symbolische Funktion hat, während in einigen Zeichen Sorbisch auch eine informative Funktion hatte (z.B. Wegweiser). Weitere 30% von Zeichen (18) zeigten zwar auf Sorbisch und Deutsch den gleichen Inhalt, die deutsche Sprache war aber deutlicher erkennbar. Beispiele dafür sind Straßennamen, einige Wegweiser (siehe Bild 1), Fahrradständer oder Gaststättenschilder. Im Gegenteil war Deutsch nur in 19% aller bilingualen Zeichen in Chóśebuz/Cottbus (8) graphisch und informationsdominant. Auch hier war Sorbisch in fast allen solchen Zeichen nur symbolisch als Stadtname im Stadtlogo präsent, und zwar in verschiedenen Werbeplakaten oder Willkommensschildern. Weitere 19% der städtischen zweisprachigen Zeichen (8) hatten Deutsch als sichtbarere Sprache und befanden sich alle im Rathaus und im Wendischen Museum.
Interessant ist, dass die meisten bilingualen Zeichen in Chóśebuz/Cottbus (48%; 20) eine Gleichstellung von Sorbisch und Deutsch zeigten: Straßennamen (siehe Bild 6), Rathaus- oder Museumschilder und institutionelle Gedenktafel. In Dešno/Dissen, hingegen, waren Zeichen mit gleichgestellten Sprachen nur 23% (14) und ähnlich wie in der Stadt waren sie Gemeinde- und Museumsschilder, Gedenktafel, aber auch Flyers, Werbeschilder und einige Wegweiser. Beispiele von der sprachlichen Gleichstellung in der Stadt und im Dorf kann man in der Bildern 12 und 13 sehen – beide sind Museumsplakate für eine Ausstellung.
Erwähnenswert sind auch die wenigen Zeichen, wo Sorbisch die semiotisch wichtigere Sprache ist. In der Stadt waren es drei. Zwei davon waren Aufkleber der Kampagne „A serbski?“, die auf die Sichtbarkeit des Sorbischen aufmerksam machen möchte (vgl. Marten & Saagpakk, 2019), wo Sorbisch sowohl größer als Deutsch ist, als auch die Sprache, die mehr Informationen vermittelt. Ein weiteres Zeichen war ein Werbeplakat für ein Theaterstück (siehe Bild 14), wo Sorbisch als erste, größere und fettere Sprache dargestellt wird und wo beide Sprachen fast alle Informationen gleich darstellen, bis zu den sehr praktischen Informationen zu den Tickets, die dann wiederum nur auf Deutsch wiedergegeben werden. Im Dorf haben wir vier Zeichen mit dem Sorbischen als semiotisch relevante Sprache gefunden: zwei gehörten einer Gaststätte und benutzten Sorbisch symbolisch als Gaststättenname und Deutsch als Informationssprache; zwei weitere Zeichen – ein Wegweiser und die Museumstür – stellten das Freilichtmuseum „Stary Lud“ (Das alte Volk) vor und hatten entweder kein Deutsch im Zeichen oder Deutsch als zweite und kleinere Sprache.
Wenn Sorbisch und Deutsch zusammen mit anderen Sprachen vorkamen (einmal in Chóśebuz/Cottbus, einmal in Dešno/Dissen), war Deutsch die graphisch relevantere Sprache. Das städtische mehrsprachige Zeichen war ein Plakat der Kampagne „Boomtown Cottbus“, die die Stadt für alte und neue Bewohner*innen fördern möchte (siehe Bild 15). Hier war Deutsch auch die Sprache, in welcher die meisten Informationen vermittelt wurden (Motto, Sprechstunden…), während Sorbisch neben dem Vietnamesischen und Spanischen nur eine symbolische Funktion hatte („Willkommen“). Im Plakat kommt auch Englisch neben den Sprechzeiten in Form von „Welcome center“ vor, was aber auch ein eingedeutschter Ausdruck sein könnte. Das mehrsprachige Zeichen im Dorf war die Anweisung für eine Souvenir-Medaille (siehe Bild 16) und vermittelte die meisten Informationen auf Englisch, gefolgt vom Deutsch. Sorbisch hatte auch hier eine symbolische Funktion, da es nur in der Darstellung der Souvenir-Medaille beinhaltet war.
Literatur
Die Studie wurde von Taisija Cesar, Tim Conrad und Magdalena Harriet Merk durchgeführt, diese Seite wurde inhaltlich erstellt von Taisija Cesar.