Linguistic Landscaping im Grenzraum Steinstücken
Steinstücken ist eine kleine Siedlung im Südwesten Berlins, die verwaltungsrechtlich zum Ortsteil Wannsee gehört, geografisch jedoch vollständig vom Stadtgebiet Potsdam umgeben ist. Während des Kalten Krieges war Steinstücken eine West-Berliner Exklave auf dem Gebiet der DDR und entwickelte sich dadurch zu einem politisch und militärisch hochsensiblen Grenzraum Diese besondere Situation prägte nicht nur die Lebensrealität der Bewohner:innen, sondern auch die sichtbare Sprachlandschaft des Ortes (Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart, n.d.; The Wall Museum, 2018). Unter linguistic landscape versteht man die Gesamtheit der im öffentlichen Raum sichtbaren Sprachen auf Schildern, Tafeln, Straßennamen oder öffentlichen Beschriftungen (Landry & Bourhis 1997). Diese erfüllen sowohl eine informative als auch eine symbolische Funktion: Sie strukturieren Raum und kommunizieren zugleich Machtverhältnisse, Zugehörigkeit und historische Narrative.
1. Die Sprachlandschaft in der DDR- und Exklavenzeit
Während der DDR- und Exklavenzeit war Steinstücken stark von Grenz- und Militärinfrastruktur geprägt (The Wall Museum, 2018). Die Betonplattenmauer an der Bernhard-Beyer-Straße markierte die räumliche Abgrenzung der Exklave (vgl. Abb. 7). Auf dem Foto ist zudem ein zweisprachiges Sektorenschild mit der Aufschrift „You are leaving the American sector / Sie verlassen den amerikanischen Sektor“ zu erkennen (vgl. Abb. 7). Hier erscheint Deutsch und Englisch nebeneinander, nicht als Ausdruck kultureller Vielfalt, sondern als funktionale Grenzkommunikation. Englisch verweist direkt auf die Präsenz der Alliierten und die Zuständigkeit der US-amerikanischen Streitkräfte. Auch die Aufnahme der Military Police in Steinstücken (vgl. Abb. 8) verdeutlicht diese militärische Präsenz. Die Sprachlandschaft war in dieser Phase stark top-down geprägt (Shohamy & Gorter, 2009): Staatliche und militärische Akteure bestimmten nahezu vollständig, welche Zeichen sichtbar waren. Die historische Karte von 1972 (vgl. Abb. 9) verdeutlicht zusätzlich die räumliche Isolation der Exklave sowie den später eingerichteten Verbindungskorridor nach West-Berlin (Landesarchiv Berlin, 1972). Auch kartografische Darstellungen können als Teil der erweiterten Sprachlandschaft verstanden werden, da sie territoriale Ordnung visuell und sprachlich festschreiben. Insgesamt dominieren in dieser Phase Kontroll-, Warn- und Militärschilder. Sprache fungiert hier als Instrument politischer Ordnung und territorialer Markierung.
2. Die heutige Sprachlandschaft Steinstückens
Die gegenwärtige Sprachlandschaft zeigt eine deutliche Verschiebung der Funktionen. Das Straßenschild „Steinstücken“ (vgl. Abb. 1) markiert heute einen regulären Berliner Ortsteil. Auch Straßennamen wie „Am Landeplatz“ (vgl. Abb. 3) oder das Ortsschild „Berlin – Bezirk Zehlendorf“ am Übergang zu Potsdam (vgl. Abb. 6) erfüllen primär orientierende Funktionen. Gleichzeitig sind zahlreiche erinnerungsbezogene Elemente sichtbar. Das Rotorblatt-Denkmal am ehemaligen Hubschrauberlandeplatz (vgl. Abb. 4) erinnert an die Zeit, in der amerikanische Soldaten per Helikopter eingeflogen wurden (The Wall Museum 2018).
Der frühere militärische Funktionsort ist heute ein Ort des Gedenkens. Besonders auffällig ist der Hubschrauber-Spielplatz mit der Aufschrift „Spirit of Steinstücken“ (vgl. Abb. 2). Englisch erscheint hier erneut im öffentlichen Raum, jedoch nicht mehr als Sprache militärischer Autorität, sondern als symbolischer Verweis auf die internationale Geschichte des Ortes. Während Englisch in der Exklavenzeit funktional und machtpolitisch eingebunden war, ist es heute punktuell und erinnerungskulturell konnotiert. Insgesamt dominiert im heutigen Ortsbild die deutsche Sprache. Mehrsprachigkeit tritt nur selektiv auf und steht vor allem im Zusammenhang mit Gedenk- und Informationselementen.
3. Diachroner Vergleich
Im Vergleich der beiden Zeiträume zeigt sich weniger eine Veränderung der vorhandenen Sprachen als vielmehr eine Verschiebung ihrer Funktion.
• DDR-/Exklavenzeit: Sprache als Mittel der Kontrolle und Grenzregulierung (vgl. Abb. 7, 8).
• Gegenwart: Sprache als Mittel der Orientierung und historischen Rahmung (vgl. Abb. 1–4).
Die Sprachlandschaft hat sich von einem stark regulierten Grenzraum zu einem Raum der Erinnerung gewandelt. Deutsch bleibt dominierend, während Englisch von einer funktionalen Militärsprache zu einem symbolischen Erinnerungselement geworden ist. Steinstücken zeigt damit exemplarisch, wie sich politische Geschichte im öffentlichen Raum einschreibt und wie sich die Bedeutung sichtbarer Sprache im Laufe der Zeit transformieren kann.
Die Seite wurde inhaltlich erstellt von Taraneh Shahpar.