Was wir hören, wenn wir durchs Museeum gehen
Die audiolinguistische Landschaft Brandenburger Museen
Museen werden meist als visuelle Orte wahrgenommen, doch sie sind ebenso akustische Räume. Besucher*innen bewegen sich nicht nur zwischen Exponaten, sondern auch durch eine Landschaft aus Stimmen, Erklärungen und Sprachen. Audioguides und geführte Touren prägen diese akustische Umgebung maßgeblich und machen Sprache zu einem zentralen Bestandteil des Museumserlebnisses.
Genau hier findet man eine sogenannte audiolinguistische Landschaft, auch genannt Soundscape. Soundscapes sind linguistische Landschaften, die sich nicht auf Schrift sondern auf das gesprochene Wort fokussieren (vgl. El Ayadi 2022, S. 232-233). Im Rahmen dieser Museumssoundscape fragen wir uns, welche Museen die größte sprachliche Vielfalt in Brandenburg aufweisen und welche Faktoren
diese Unterschiede erklären können, insbesondere im Hinblick auf Besucherstruktur und geografische Lage.
Grundlage der Analyse sind 134 Museen in Brandenburg. Die Daten stammen aus unterschiedlichen, öffentlich zugänglichen Quellen. Ein Teil wurde im Rahmen eines persönlichen Besuchs im Museum Barberini erhoben, bei dem die angebotenen Sprachoptionen direkt vor Ort erfasst wurden. Ergänzend dazu wurde eine Broschüre des Museumsverbands Brandenburg herangezogen, um einen Überblick über mehrsprachige Angebote zu gewinnen.
Angebote, die mehrsprachig verfügbar sind, gibt es allerdings nur in 26 Museen. Diese bieten Audioguides oder Führungen an, die über Deutsch hinausgehen, und lediglich 15 stellen tatsächlich mehrsprachiges Audiomaterial oder mehrsprachige Führungen zur Verfügung. Deutsch wurde hier nur berücksichtigt, wenn es zusätzlich zu einer Fremdsprache angeboten wurde oder es um die generelle Sprachenvielfalt in brandenburgischen Museen geht, da die Untersuchung sich vorrangig aufSprachangebote außerhalb der Landessprache fokussiert.
Insgesamt konnten elf verschiedene Sprachen identifiziert werden. Die Anzahl der angebotenen Sprachoptionen variiert jedoch
deutlich. In den meisten Museen beschränkt sich das Angebot auf zwei Sprachen, meist Deutsch und Englisch. Vier Sprachoptionen
stellen bereits eine Ausnahme dar, während acht angebotene Sprachen nur in Einzelfällen vorkommen. Deutsch ist dabei durchgehend die quantitativ dominante Sprache, sowohl in Audioguides als auch in geführten Touren, während andere Sprachen das Angebot meist nur ergänzen.
Besonders auffällig ist die hohe sprachliche Diversität einzelner Museen. Das Museum Barberini in Potsdam (377.343 Besucher*innen pro Jahr, Stand 2024) bietet Audioguides und Führungen in insgesamt acht Sprachen an und ist damit das linguistisch vielfältigste Museum in Brandenburg. Diese Mehrsprachigkeit lässt sich vor allem durch die internationale Ausrichtung des Hauses und seine hohe touristische Attraktivität erklären. Auch die Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz (300.000 Besucher*innen pro Jahr, Stand vor 2020) weist eine vergleichsweise große sprachliche Bandbreite auf, mit vier Sprachen im Audioguide-Angebot und fünf Sprachen bei Führungen. Die Mehrheit der brandenburgischen Museen hingegen bietet ausschließlich deutschsprachige Audiomaterialien an und richtet sich damit primär an ein lokales oder nationales Publikum.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Auswahl der angebotenen Sprachen strategisch erfolgt. Englisch nimmt dabei eine zentrale Rolle als globale Verkehrssprache ein und ist nahezu überall präsent. Darüber hinaus orientieren sich Museen am erwarteten Besucher*innenprofil, insbesondere in touristisch stark frequentierten Regionen. In einigen Fällen spielt auch die kulturelle oder historische Bedeutung einzelner Sprachen eine Rolle, etwa bei Minderheitensprachen. Minderheitensprachen sind in bestimmten Gebieten, traditionell gesprochene Sprachen, die im Vergleich zur offiziellen Landessprache eine prozentual kleine Gruppe darstellt (vgl. Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen). In Brandenburg spielt deshalb Sorbisch eine Rolle und wird auch im Wendischen Museum als Sprachoption angeboten.
Ein besonders wichtiger Einflussfaktor ist die geografische Lage Brandenburgs. Die direkte Nähe zu Polen spiegelt sich deutlich in der
vergleichsweise häufigen Präsenz der polnischen Sprache wider. Polnischsprachige Besucher*innen werden von vielen Museen als relevantes Publikum mitgedacht. Französisch hingegen ist deutlich seltener vertreten, obwohl Deutschland an Frankreich grenzt. Die
fehlende direkte Grenznähe Brandenburgs scheint hier in Teilen eine Rolle zu spielen. Während Französisch eine geringere Rolle als das geografisch nähere Polnisch spielt, ist es dem entfernteren Italien immer noch überlegen, was auf Präferenz hinzu nahe gelegenen Ländern zeigt. Die Präsenz des Russischen lässt sich vor allem historisch und kulturell erklären.
Insgesamt zeigt die Untersuchung, dass Museen nicht nur Ausstellungsorte, sondern auch klingende Sprachräume sind. Die audiolinguistische Landschaft macht hörbar, welche Sprachen als relevant gelten, welche Zielgruppen angesprochen werden und welche kulturellen Prioritäten gesetzt werden. Mehrsprachigkeit ist in brandenburgischen Museen zwar vorhanden, bleibt jedoch selektiv und stark an institutionelle Strategien, geografische Faktoren und kulturelle Erwartungen gebunden. Eine besonders interessante Beobachtung ist zudem, dass keines der Museen migrationsbedingte Minderheitensprachen anbietet. Die Sprachen, die in Museen zu hören sind, erzählen nicht nur von Kunst und Geschichte, sondern auch von Zugehörigkeit, Macht und gesellschaftlicher Orientierung.
Eine Liste der analysierten Museen finden Sie hier.
Literatur
Die Studie wurde von Lena Kazmierczak durchgeführt, die Webseite wurde inhaltlich erstellt von Lena Kazmierczak.