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Die Präsenz der polnischen Sprache in der Grenzstadt Frankfurt (Oder)

1. Besonderheiten der Stadt Frankfurt (Oder) und Status der polnischen Sprache

Bild: 1- Karte von Deutschland und seinen Nachbarstaaten, in der die Doppelstadt Frankfurt (Oder)/Słubice an der deutsch-polnischen Grenze markiert ist.

Frankfurt (Oder)/Słubice – eine Grenzstadt mit einem polnischen und einem deutschen Stadtteil, getrennt durch den Fluss Oder, aber verbunden in vielerlei Hinsicht (für die Lage der Stadt s. Bild 1). Diese Besonderheit war für uns schon ein Grund, die Stadt für unser Forschungsprojekt zum Thema „Mehrsprachigkeit in Brandenburg“ genauer unter die Lupe zu nehmen.

Zwischen dem deutschen und dem polnischen Stadtteil und damit auch zwischen den beiden Ländern insgesamt herrscht ein vielseitiger Austausch, beispielsweise im Tourismus, in der Bildung (Europa-Universität Viadrina, bilinguale Kindergärten), in der Kultur (internationales Musikfestival „transVocale“) oder auf dem Arbeitsmarkt – laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit (Seibert & Wiethölter, 2020) lag Frankfurt (Oder) 2019 mit rund 1.400 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten unter den Top10 Arbeitsorten für Grenzpendler*innen aus Polen.

Die polnische Sprache hat in Deutschland zwar keinen offiziellen Minderheitenstatus, wie zum Beispiel das Sorbische oder Romanes, wird aber (insbesondere in Brandenburg) von staatlicher Seite aktiv gefördert, unter anderem in den bereits genannten Bereichen. Polnisch zählt somit zu den nicht-anerkannten, migrationsbedingten Sprachminderheiten. Was die Sprache allerdings von anderen verbreiteten Migrationssprachen in Deutschland (zum Beispiel Türkisch, Arabisch oder Russisch) unterscheidet, ist, dass es sich in Frankfurt (Oder) und in anderen deutsch-polnischen Grenzstädten nicht nur um ansässige Zugewanderte (also um dauerhafte Migration), sondern vor allem um Pendelmigration handelt – charakterisiert durch die bereits erwähnten polnischen Grenzpendler*innen.

Neben dem vielseitigen Austausch, der in Frankfurt (Oder) zwischen Deutschland und Polen und damit auch zwischen den beiden Sprachen besteht, ist ein weiterer Grund, warum wir uns in unserem Projekt für diese Stadt entschieden haben, die bereits existierende Literatur. Beispielsweise wird in einem Artikel von Kimura (2017) die Sichtbarkeit von Polnisch in Frankfurt (Oder), sowie von deutsch in Słubice im Kontext von sprachlicher Deterritorialisierung (Sprachen werden außerhalb des ihnen zugewiesenen Territoriums verwendet) untersucht. Ein weiteres Beispiel für Sprachlandschaftsforschung in Frankfurt (Oder)/Słubice ist der Artikel von Fabiszak et al. (2024), der sich mit der Umbenennung von Straßennamen in den beiden Stadtteilen nach 1945 beschäftigt. Auch Gerst & Klessmann (2015) untersuchen die Sprachlandschaft in der Grenzstadt, unter dem Gesichtspunkt der Rolle von Sprachen bei der Entstehung von Grenzen und Grenzregionen.

Der vielseitige linguistische und kulturelle Austausch zwischen den beiden Nationen und die bereits existierende Literatur zu der Sprachlandschaft in Frankfurt (Oder)/Słubice hat uns dazu motiviert, unsere eigene kleine Untersuchung durchzuführen.

2. Zentrale Begriffe der Sprachlandschaftsforschung

Einige wichtige Konzepte der Sprachlandschaftsforschung, an denen wir uns in unserer Analyse orientiert haben, werden wir hier kurz einführen.

Schilder im öffentlichen Raum können anhand ihrer Direktion analysiert werden und werden dabei grob eingeteilt in die Kategorien „bottom up“ und „top down“ (Ben-Rafael et al. 2006), wobei Erstere von Privatpersonen (zum Beispiel von Verkäufer*innen) erstellt wurden und Letztere von offizieller Stelle (zum Beispiel von der Stadt oder der Kommune) kommen.

Außerdem kann ein Schild hinsichtlich der semiotischen Relevanz der vorhandenen Sprachen analysiert werden. Semiotische Relevanz bedeutet, wie sichtbar die jeweiligen Sprachen auf den ersten Blick sind. Wenn beispielweise auf einem bilingualen Schild eine Sprache sichtbarer ist als die andere, dann kann der entsprechende Text an erster Stelle stehen, er kann größer oder in einer anderen Schriftart geschrieben sein. Dadurch kann eine Hierarchie der vorhandenen Sprachen deutlich gemacht werden (Gerst & Klessmann, 2015; Barni & Bagni, 2009).

Außerdem spielt natürlich eine Rolle, welche und wie viele Sprachen überhaupt auf den Schildern zu sehen sind und in welchen Kombinationen sie auftreten.

Es gibt auch noch einige weitere Kriterien, nach denen man Schilder linguistisch analysieren kann. Im Rahmen dieser kurzen Vorstellung werden wir uns aber auf die drei genannten Kriterien konzentrieren.

3. Fragestellung und Durchführung der Feldforschung

Bild: 2- Stadtplan von Frankfurt (Oder), in dem die drei Untersuchungsgebiete markiert sind: der Hauptbahnhof + Umgebung in blau, der Weihnachtsmarkt in orange und das Stadtzentrum in lila.

Während unserer Vorarbeit haben wir uns eine Fragestellung und auf Grundlage von vorhandener Literatur mehrere Hypothesen überlegt. Unser Ziel war es, zu untersuchen, wie sichtbar die polnische Sprache in Frankfurt (Oder) ist und welche Funktionen sie erfüllt. Uns hat außerdem interessiert, ob noch andere Sprachen auf den Schildern der Stadt zu finden sind, außer Polnisch als Sprache der Pendelmigration.

In unsere Analyse haben wir nur Schilder einbezogen, auf denen neben Deutsch auch andere Sprachen zu finden sind (wobei der Fokus auf Polnisch lag), das heißt keine monolingual deutschen Schilder.

Nach den Vorbereitungen und theoretischen Überlegungen haben wir uns am 30.11.2025 für unsere kleine Feldforschung in drei Gebieten der Stadt auf die Suche nach bilingualen Schildern gemacht: (1) im Hauptbahnhof und auf dem Bahnhofsvorplatz, (2) auf einem Weihnachtsmarkt und (3) im Stadtzentrum. Die drei Orte sind in der Karte (Bild 2) markiert.

Für das Speichern und Kategorisieren unserer Bilder haben wir die App „Lingscape“ (Purschke & Gilles, 2016) verwendet.

4. Ergebnisse – Welche Eigenschaften zeigen die untersuchten Schilder in Frankfurt (Oder)?

Bild: 3- „Direktion“

Die Schilder, die wir in Frankfurt (Oder) fotografiert und in unsere Analyse einbezogen haben, haben wir zuerst nach ihrer Direktion klassifiziert, da wir herausfinden wollten, ob mehrsprachige Schilder in der Stadt eher von offizieller Stelle oder von Privatpersonen stammen. Es hat sich herausgestellt, dass 89% (also 33) der Schilder Top – down waren und nur 11% (4) der Schilder Bottom – up (Bild 3).

Ein klassisches Beispiel für ein Top – down – Schild ist auf Bild 4 zu sehen. Es handelt sich um einen Wegweiser (in der Sprachlandschaftsforschung als „infrastrukturelles Schild“ bezeichnet), der von der Stadt als offizielle Stelle kommt. Eines der wenigen Bottom – up – Schilder, die wir gefunden haben, ist auf Bild 5 zu sehen. Es handelt sich um eine Preisübersicht der Waffeln, die an einem Stand (von Privatpersonen) auf dem Weihnachtsmarkt verkauft wurden. 

Bild: 4- Wegweiserschild auf Deutsch sowie mit kleineren Zusatzbezeichnungen auf Englisch und Polnisch; © Alina Becker, Julia Urban (30.11.2025)
Bild: 5- Gedruckte Speisekarte für „Gofry bąbelkowe; © Alina Becker, Julia Urban (30.11.2025)
Bild: 6- „Semiotische Relevanz“

Des Weiteren haben wir die Top – down – Schilder auf die semiotische Relevanz der vorhandenen Sprachen hin untersucht. Wir haben herausgefunden, dass 82% (27) der Schilder eine Dominanz der deutschen Sprache gezeigt haben, verdeutlicht durch die Position (Deutsch an erster Stelle), durch die Schriftgröße und/oder die Schriftart (vgl. Bild 4). 18% (6) der Top – down – Schilder zeigten keine Dominanz einer bestimmten Sprache (Bild 6).

Die semiotische Relevanz auf Bottom – up – Schildern konnten wir nicht quantitativ (in Form eines Diagramms) auswerten, da wir insgesamt nur vier Bottom – up – Schilder gefunden haben. Wir haben uns diese vier Schilder aber genauer angeschaut und konnten erkennen, dass sie teilweise ein anderes Muster zeigen als die offiziellen (Top – down) Schilder. Auf dem privaten Schild, das auf Bild 5 zu sehen ist, ist die semiotische Relevanz des Polnischen höher als die des Deutschen: Polnisch steht an erster Stelle, ist (zumindest im Titel) in größerer Schrift geschrieben und fett gedruckt.

Bild: 7- „Kombination der Sprachen“

Wir haben außerdem eine Übersicht zusammengestellt, die zeigt, welche Sprachkombinationen wir auf den verschiedenen Schildern insgesamt gefunden haben (Bild 7). Den größten Teil hat mit 57% (21 Schilder) die Kombination Deutsch + Polnisch ausgemacht. 41% (15 Schilder) beinhalteten die Sprachen Deutsch, Polnisch und Englisch, während auf einem Schild neben Deutsch, Polnisch und Englisch auch Russisch zu lesen war (s. Bild 8).

Bild: 8- Informationstafel für das „Eisenbahner-Gefallenen-Denkmal Frankfurt (Oder)“ mit Beschreibungen in deutscher, polnischer, englischer und russischer Sprache; © Alina Becker, Julia Urban (30.11.2025)

5. Diskussion – Wie können wir unsere Ergebnisse einordnen?

5.1 Direktion

Während unserer Erkundung der mehrsprachigen Schilder in Frankfurt (Oder) hat sich herausgestellt, dass diese zum Großteil von offizieller Stelle stammen (Top  down). Diese Entdeckung scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich zu sein, da die polnische Sprache in Deutschland keinen offiziellen Minderheitenstatus hat. Deshalb wäre zu erwarten, dass die meisten Schilder im offiziellen Raum bottom up sind (z.B. Beschriftungen an privaten Geschäften). Allerdings wird Polnisch in der Grenzregion aktiv gefördert, zum Beispiel im Tourismus oder in der Wirtschaft. Die Förderung der Nachbarsprache wird auf der offiziellen Webseite ausführlich beschrieben. In dem Artikel von Kimura (2017) wird aufgeführt, dass die offiziellen, zweisprachigen Schilder die gemeinsame Identität der zweisprachigen Stadt verdeutlichen sollen. Auch die Organisation offizieller Festivals folgt diesem Muster; die Events werden auf zweisprachigen Plakaten angekündigt.

5.2 Semiotische Relevanz

Auf den meisten Top – down – Schildern konnten wir eine Dominanz der deutschen Sprache erkennen, dargestellt durch die Position an erster Stelle, Schriftgröße oder Schriftart. Das spricht dafür, dass Polnisch auf der deutschen Seite der Stadt als nicht offiziell anerkannte Minderheitensprache eine schwächere Position hat. Diese Beobachtung wird auch von Kimura (2017) und von Gerst & Klessmann (2015) beschrieben. Wenn neben Deutsch und Polnisch auch Englisch auf dem Schild verwendet wird (s. Bild 4), dann steht es visuell über Polnisch, da Englisch als „Lingua Franca“ (Sprache der allgemeinen Verständigung) einen höheren Rang hat als die Nachbarsprache Polnisch.

Auf den Bottom – up – Schildern, die wir qualitativ analysiert haben, hat sich teilweise ein anderes Muster gezeigt: Zum Beispiel ist auf Bild 5 Polnisch die dominantere Sprache. Das liegt vermutlich daran, dass es für Schilder von Privatpersonen keine einheitlichen Vorgehensweisen gibt, sondern mehr sprachliche Freiheiten. Die Anordnung der Sprachen auf dem Schild kann dafür genutzt werden, um die eigene Identität und die Identifikation mit der Muttersprache auszudrücken.

5.3 Kombination der Sprachen

Im Stadtbild von Frankfurt (Oder) ist Polnisch als Nachbarsprache und Sprache der Pendelmigration sichtbar, insbesondere auf offiziellen Schildern. Andere, in Deutschland verbreitete Migrationssprachen (zum Beispiel Türkisch, Arabisch oder Russisch) konnten wir auf den Schildern nicht finden, bis auf den russischen Teil des Gefangenen-Denkmals (s. Bild 8). Das spricht dafür, dass diese Sprachen, verglichen mit dem Polnischen, im Stadtbild weniger sichtbar sind, da sie nicht (wie die Nachbarsprache) aktiv gefördert werden. Es bedeutet allerdings nicht, dass Schilder mit diesen Sprachen in Frankfurt (Oder) nicht existieren. Eventuell sind sie in kleineren Geschäften oder in Restaurants vertreten, die wir im Rahmen unserer kleinen Feldforschung nicht besucht haben. Diesen Punkt könnte man zu einem späteren Zeitpunkt aufgreifen und die Untersuchung der mehrsprachigen Schilder in Frankfurt (Oder) dahingehend erweitern.

Literatur


Die Studie wurde von Julia Urban und Alina Becker durchgeführt, diese Webseite wurde von Alina Becker inhaltlich erstellt.