Brandenburgische Sprachlandschaften
Der öffentliche Raum in Metropolen sowie in mittelgroßen Städten, kleinen Gemeinden und ländlichen Regionen ist geprägt von historischen und gegenwärtigen Spuren (mehr)sprachlicher Praktiken. Dazu zählen institutionelle und kommerzielle Beschilderungen sowie Graffiti und informelle Mitteilungen. Diese Zeichen entstehen durch unterschiedliche Akteur*innen: Sprecher*innen minorisierter Sprachen (Abb. 1), (halb-)öffentliche Einrichtungen (Abb. 2) oder private Unternehmen (Abb. 3). Auch erfüllen sie vielfältige Funktionen: Sie machen die Präsenz einer Sprachminderheit sichtbar (Abb. 1), bieten Reisende etwa an einem Bahnhof Orientierung und Informationen (Abb. 2) oder werden als kommodifizierte Ressourcen fragmentarisch eingesetzt (Van Mensel et al. 2016), um Produkte in touristischen Kontexten zu vermarkten (Abb. 3).
Die linguistische Sprachlandschaftsforschung (engl. linguistic landscape, kurz LL) untersucht solche sprachlichen und semiotischen Zeichen im öffentlichen Raum. Im Fokus steht, wie sich diese Zeichen im Raum verteilen, welche Funktionen sie erfüllen und wie sie sich im Zeitverlauf verändern (Shohamy & Gorter 2009; Blommaert 2013). Sprachlandschaften werden dabei nicht als statische Kulissen verstanden, sondern als dynamische Bedeutungsräume (Lefebvre 1991; Scollon & Scollon 2003). In diesen tragen Zeichen aktiv zur Ko-Konstruktion sozialer Räume bei, indem sie zum Beispiel nationale Grenzen sichtbar machen und zugleich überschreiten (Abb. 4) oder Erinnerungsorte spielerisch umdeuten (Abb. 5).
Bislang konzentrierte sich die linguistische Sprachlandschaftsforschung vornehmlich auf urbane, zentral gelegene Räume (Shohamy et al. 2010; vgl. Blackwood & Tufi 2015; Mokwena 2017; Lu et al. 2020 für einige Ausnahmen). Im Flächenland Brandenburg sind es jedoch gerade die kleinen und ruralen Gebiete, die spannende Einblicke in ein- und mehrsprachige Dynamiken bieten. Im Wintersemester 2025/2026 erkundeten und dokumentierten daher Studierende der Universität Potsdam im Rahmen eines Forschungsseminars solche periphere Sprachlandschaften. In Kleingruppen führten sie mithilfe der App Lingscape (Purschke & Gilles 2016ff.) Feldforschungen durch, indem sie linguistische und semiotische Zeichen fotografisch erfassten und teilweise kurze Interviews mit den Zeichenautor*innen oder Passant*innen führten. Die anschließende Analyse konzentrierte sich auf drei miteinander verbundene Schwerpunkte: Identität, Erinnerung und Transformation.
Die erste Dimension, Identität, untersucht die Darstellung und Aushandlung minorisierter (Sprach-)Identitäten innerhalb nationaler, meist monolingual geprägter Sprachregime. Sie fragt also: Wo und wie kommen die Minderheiten vor und wie stehen sie da? Die zweite Dimension, Erinnerung, richtet den Blick darauf, wie Sprachlandschaften materielle und symbolische Spuren der Vergangenheit bewahren, (de-)kontextualisieren oder neu deuten. Dazu gehört auch die Analyse historischer Sprachlandschaften anhand von Archivmaterialien wie Postkarten, Fotografien oder Gemälden. Die dritte Dimension, Transformation, versteht Sprachlandschaften als zugleich transformierte und transformative Räume. So können etwa „transgressive“ Zeichen (wie Graffiti, Sticker u. Ä.) als Ausdrucksformen dienen, mit denen Autor*innen ihre eigene Stimme im öffentlichen Raum sichtbar machen (Pennycook 2008; vgl. Abb. 1). Darüber hinaus erweitert dieser Schwerpunkt den Blick über das rein Sprachliche hinaus auf umfassendere semiotische Landschaften, etwa Klangräume (soundscapes; El Ayadi 2022), Gerüche (smellscapes; Pennycook 2019) oder körpergebundene Zeichen wie Kleidung, Tattoos und Accessoires (bodyscapes; Peck & Stroud 2015).
Wie zitieren?
Lupica Spagnolo, Marta / Steinbock, Dorotheé / Schroeder, Christoph (in Druck): Ländliche Mehrsprachigkeit(en): Von Dokumentation über Sichtbarkeit zu Sprachpolitik. Land Lines. Kultur in ländlichen Räumen. Kettler Verlag: Bönen, 124–130.
Weitere Hinweise
Das Seminar „Sprachlandschaften: Mehrsprachigkeit in Brandenburg erkunden“ war Teil einer interdisziplinären Lehrkooperation des European Digital University City (EDUC)-Netzwerkes mit dem Titel „Linguistic and Narrative Landscapes: Identity, Memory and Transformation“. Diese fand zwischen den Sprach- und Literaturwissenschaften der Universitäten Potsdam, Cagliari und der Masaryk-Universität in Brno statt.
Auf dieser Website werden exemplarisch einige Arbeiten der linguistischen Projektgruppen der Universität Potsdam vorgestellt. Weitere Informationen zum Projekt, zur Sprachlandschaftsforschung und zur EDUC-Lehrkooperation finden Sie über die untenstehenden Links.
- Das vollständige Programm der im Rahmen der EDUC-Lehrkooperation organisierten Studierendenkonferenz finden Sie hier
- Mehr zur Sprachlandschaftsforschung erfahren Sie im webbasierten Training
- Weiterführende Einblicke in die EDUC-Lehrkooperation bietet außerdem dieses Interview
Beteiligte Dozent*innen waren:
- Universität Potsdam: Marta Lupica Spagnolo (Linguistik); Michael Karrer (Literatur- und Filmwissenschaft)
- Universität Cagliari: Antonella Marra, Simone Ciccolone, Giulia Grosso, Nicoletta Puddu, Giulia Murgia (Linguistik); Emma Pavan (Literaturwissenschaft)
- Masaryk-Universität: Egle Mocciaro, Valeria De Tommaso, Eleonora Zucchini (Linguistik); Irene Cecchini (Literaturwissenschaft)
Ein großer Dank gilt allen Seminarteilnehmer*innen (alphabetisch sortiert):
- Alina Becker; Johanna Blumhagen; Sarah Bukowski; Tolga Bulus; Taisija Cesar; Tim Conrad; Lea Herford; Lissy Jansen; Lena Kazmierczak; Inga Kreuzinger; Lara-Josephine Krug; Magdalena Merk; Chiara Miglierina; Teresa Müller; Jule Petersen; Liridona Rexha; Taraneh Shahpar; Huan Yerince Sotomonte Acevedo; Julia Urban.
Literatur
Die Seite wurde inhaltlich von Marta Lupica Spagnolo erstellt.