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Erwachsen werden – Das Heranwachsen im Fokus der Forschung

apl. Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher. Foto: Dirk Vegelahn

apl. Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher. Foto: Dirk Vegelahn

Kindheit und Jugend sind Zeiten des Umbruchs und der Suche, Phasen voller Spannungen, Risiken und Chancen. Im Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler alle Facetten dieser Lebensabschnitte – vom Kindergartencheck über Schulfrust bis zur Fahrprüfung.

Es ist ein geschichtsträchtiges Haus: „Zum Alten Dorfkrug“ steht in großen Lettern auf der Vorderfront. Für Postkutscher auf dem Weg von Berlin nach Hamburg war das mehr als 300 Jahre alte Haus in Staffelde eine wichtige Station. Hier tauschten sie ihre müden Pferde gegen ausgeruhte, bekamen ein warmes Essen und − wenn nötig − ein Dach über dem Kopf für die Nacht. In der alten Schwarzküche wurde über dem offenen Feuer gekocht, im Rauch hing der Schinken. Doch die alten Zeiten sind vorbei. Sechs schwarze Friesen mit einer langen Wallemähne stehen im Stall und recken neugierig die Hälse über das Gatter. Heute müssen sie keine Briefe mehr transportieren.

Seit 2013 dienen die restaurierten Räume der Station vor allem einem Zweck: der Wissenschaft. Das Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam e.V. (IFK) hat hier seinen Sitz. „Ich habe ein gewisses Faible für alte Häuser und Pferde“, sagt der Direktor des Hauses, Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher, mit einem Schmunzeln. „Mein Vater war Landwirt.“ Schon als Kind kümmerte er sich um die Tiere des Hofes in Vehlefanz, auf dem er aufwuchs. Doch statt in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, wurde Sturzbecher Mathe-Lehrer und schließlich Wissenschaftler auf dem Gebiet der Pädagogischen Psychologie. Nun hat er hier im Dachgeschoss der alten Postkutschenrelaisstation sein Reich. Die Traditionen aufgreifend bietet er neben der wissenschaftlichen Arbeit auch wieder (Post-)Kutschenfahrten an.

Die wilden 90er

Seit 1991 leitet Dietmar Sturzbecher das IFK, das sich nach der Wende als unabhängige Forschungseinrichtung gründete und seit 1994 als An-Institut mit der Universität Potsdam kooperiert. Damals veränderte sich die Situation von Familien in der ehemaligen DDR dramatisch. „Keiner wusste, in welche Richtung es geht“, beschreibt Sturzbecher die unsichere Zeit. Das IFK sollte ein Institut sein, das diesen Wandel reflektiert und wissenschaftlich begleitet. Und das die Lehrerbildung an der Uni Potsdam mitgestaltet.

Von Anfang an hatte das IFK aber vor allem ein Forschungsthema im Blick: die Jugend. Nicht ganz freiwillig, wie Dietmar Sturzbecher zugibt. Doch Anfang der 90er Jahre schwappte eine Welle der Jugendgewalt durchs Land, es gab vermehrt extremistische Tendenzen. Die Jugendkrawalle schreckten Politik und Gesellschaft auf – und gaben den Anstoß zur IFK-Jugendstudie, die erstmals 1991 durchgeführt wurde. „Es war eine unserer ersten Aktivitäten“, erinnert sich Sturzbecher. Die Forscher befragten mehr als 3.500 Jugendliche aus Brandenburg im Alter von zwölf bis 22 Jahren, um deren Lebenssituation zu erfassen und Gründe für die Gewalt zu finden. Dabei wurden Fragen zur Freizeitgestaltung, finanziellen Zufriedenheit und der schulischen Situation ebenso gestellt wie zu Gewaltbereitschaft und extremistischen Einstellungen.

Nach der ersten Studie folgten weitere, im Jahr 2018 veröffentlichte das IFK schließlich die achte Jugendstudie. Damit steht den Forschern ein wahrer Datenschatz zur Verfügung, der Einblicke in Sorgen, Nöte, Stärken und Wünsche von jungen Brandenburgern ermöglicht – über eine Zeitspanne von nun 27 Jahren.

Zeiten des Umbruchs

In den ersten Jahren nach Beginn der Studie waren die Tendenz zum Extremismus und die Bereitschaft zur Gewalt unter den Heranwachsenden besonders hoch. 1996 erreichten sie ihren Höhepunkt. „In dieser Zeit gab es den größten sozialen Umbruch. Dreiviertel der Jugendlichen hatten mindestens ein Elternteil, das sich in dieser Zeit eine neue Arbeitsstelle suchen und dabei oft auch einen neuen Beruf erlernen musste“, beschreibt Sturzbecher die Gründe. Viele kostenlose Freizeitangebote für Jugendliche brachen weg, die Familien waren verunsichert.

Die Folgen einer solchen Situation sind auch aus anderen Teilen der Welt bekannt und relativ gut erforscht. Neben der steigenden Gewaltbereitschaft zeigte sich ein weiteres Phänomen: „Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, fahren die Jungen ihre Bildungsambitionen zurück“, erklärt der IFK-Direktor. Denn wenn die Eltern trotz guter Ausbildung wirtschaftliche Probleme haben, fehlt der Jugend die Motivation für gute Schulnoten oder ein Studium. „Genau das haben wir auch in Brandenburg gefunden“, so Sturzbecher. „Zwischen 1993 und 1996 hat sich der Anteil schulisch hoch motivierter Jugendlicher deutlich verringert.“ Soziologen beobachten zudem, dass gerade Eltern aus der Mittelschicht die Unterstützung für ihre heranwachsenden Kinder reduzieren, wenn sie selbst eine Krise durchleben. „Wenn die Eltern mit sich selbst zu tun haben, erklären sie ihre jugendlichen Kinder für erwachsen.“

Motiviert, weltoffen, europäisch

Ab 1999 war die größte Krise überstanden. Das Selbstvertrauen der brandenburgischen Jugendlichen wuchs wieder, Extremismus und Gewalt gingen zurück. „Wir hatten eine neue Jugend“, sagt Dietmar Sturzbecher. Im Rückblick auf fast 30 Jahre Jugendstudie kann der Wissenschaftler aus seinen Daten herauslesen, dass sich auch in der Schule viel getan hat: Die Lehrkräfte gehen heute mehr auf die Fragen der Jugendlichen ein, werden als gerechter empfunden, gestalten ihren Unterricht offener und vergeben ihre Noten transparenter. Bildungsforscher beschreiben all diese Faktoren als „soziale Lehrqualität“. Ist sie hoch, sind die Schüler motivierter – und schwänzen außerdem weniger den Unterricht. Und das, obwohl der Schulstress insgesamt zugenommen hat.

Die Daten der aktuellen Studie zeigen auch: Die meisten brandenburgischen Jugendlichen blicken optimistisch in die Zukunft, wachsen in Vielfalt und Freiheit auf und sind überzeugte Europäer. „Dieser starke EU-Bezug hat viele Forscher – auch mich – überrascht“, sagt Sturzbecher. Es gibt aber einen kleinen Wermutstropfen: Die Jugend ist wieder anfälliger für rechtsextreme Einstellungen. Das gilt vor allem für die jüngeren Heranwachsenden von zwölf bis 14 Jahren. Der Anteil jener, die sich aktiv gegen Gewalt und Extremismus aussprechen, sinkt erstmals wieder. Auch in den kommenden Jahren wird das IFK einen wissenschaftlichen Blick auf die Jugend werfen. Dann werden neue Themen hinzukommen, die im Alltag bereits heute aktuell sind. Wie etwa der zunehmende Medienkonsum und Cybermobbing als neue Form von Gewalt.

Jugend und Autofahren

„Es gibt immer noch wahnsinnig viel zu tun“, sagt Sturzbecher. Und zwar auch auf anderen Gebieten: Seit 1998 wenden sich die Forscher vom IFK verstärkt dem Thema Verkehr zu – aus traurigem Anlass: Lange Zeit hatte Brandenburg deutschlandweit die meisten jugendlichen Verkehrstoten zu beklagen. Gleichzeitig schnitten die Brandenburger besonders schlecht in den Fahrprüfungen ab. Das Verkehrsministerium des Landes schaltete das IFK ein – und bat um Expertise.

Einer der ersten Vorschläge des IFK war die Entwicklung eines neuen Kapitels „Alleenbaustein“ für die Unterrichtsmaterialien der Fahrschulen. Denn die Bäume, die an vielen brandenburgischen Landstraßen stehen, bringen etliche Gefahren für Autofahrer mit sich: Sie befinden sich nicht nur dicht am Straßenrand, sondern sorgen auch für schwierige Lichtverhältnisse oder gebogene Fahrdecken. Außerdem schauten sich die Forscher besonders schwere Unfälle genauer an und interviewten Opfer oder Hinterbliebene. Aus diesen Interviews entwickelten sie weitere Lehrmaterialien. „Fahranfänger besitzen ein sechsfach höheres Todesrisiko als erfahrene Fahrer“, erklärt Dietmar Sturzbecher. „Die schweren Unfälle entstehen jedoch nicht vorrangig aus Leichtsinn. Heute weiß man: Fahranfänger beobachten den Verkehr anders als erfahrene Fahrer. Sie müssen erst lernen, wichtige Informationen richtig zu erkennen und zu verarbeiten.“ Dieses Wissen nutzen die Forscher, um die Lehrmethoden in den Fahrschulen anzupassen.

Inzwischen ist dieses Thema am IFK so erfolgreich, dass es zu einem Schwerpunkt geworden ist. Die Expertise des Instituts wird auch international nachgefragt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten eng mit Fahrlehrern und Sachverständigen für die Fahrschulüberwachung zusammen und haben ein Evaluationssystem für die Fahrprüfung geschaffen. Alle Daten der Prüfung laufen hier am IFK zusammen, um das Gesamtsystem der „Fahranfängervorbereitung“ zu optimieren. Dies ist auch aus einem weiteren Grund erforderlich: „Es gibt einen substanziellen Anteil von Jugendlichen, die unzureichend lesen und schreiben können“, erklärt Sturzbecher. Diese haben deshalb Schwierigkeiten, die schriftliche Fahrprüfung zu bestehen. „Erklären Sie mal jemandem das Reißverschlussverfahren in leichter Sprache“, verdeutlicht Sturzbecher das Problem. Inzwischen arbeiten die Fahrschullehrer mit Filmen, um den Lehrstoff auch jenen 15 Prozent der Jugendlichen zu vermitteln, die schlecht lesen können.

Postkutscher ehrenhalber

Dietmar Sturzbecher ist Wissenschaftler mit Leidenschaft, doch sein Faible für Geschichte ist auch in seinem Büro nicht zu übersehen. In der Ecke steht eine originalgetreu geschneiderte Postkutscher-Uniform aus dem 18. Jahrhundert. Die dazu passende schwarz-gelbe Kutsche befindet sich im Erdgeschoss des Instituts. Sie kam sogar schon bei einem Filmdreh mit Schauspielerin Katharina Thalbach zum Einsatz. Ab und an spannt Sturzbecher die schwarzen Friesen auch selbst vor die Kutsche, schlüpft in seine Uniform und fährt beispielsweise mit Tagungs- oder Fortbildungsgästen eine Runde durch das Rhinluch. „Damit die Menschen sehen können, wie man vor 300 Jahren gereist ist“, sagt der IFK-Direktor. „Es ist erstaunlich entschleunigend, die Gäste bemerken Dinge, die ihnen beim Autofahren nie auffallen würden.“

Das Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam e.V. (IFK) wurde 1990 gegründet und ist seit 1994 An-Institut der Universität Potsdam. Neben der Jugendstudie widmet sich die unabhängige Forschungseinrichtung unter anderem auch der Verkehrsbildung, der Erarbeitung von Qualitätschecks für Kindergärten sowie der Fortbildung von Fahrlehrern, Sachverständigen und Erziehern. Der Alte Dorfkrug in Staffelde beherbergt neben dem IFK auch zwei Ausgründungen des Instituts: Das Institut für Prävention und Verkehrssicherheit GmbH (IPV) entwickelt einen Verkehrswahrnehmungstest für Fahranfänger, evaluiert die Fahrschulausbildung und passt diese an. Auch Verkehrssicherheitsprojekte für Kinder führt das Institut durch. Das Forschungs- und Innovationszentrum Mensch-Technik-Straßenverkehr GmbH (FIZ-MTS) erarbeitet E-Learning-Programme für die Weiterbildung von Technischen Sachverständigen.

Der Wissenschaftler

Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher studierte Pädagogische Psychologie sowie Mathematik und Physik auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1991 leitet er das Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam e.V. und ist apl. Professor für Familien-, Jugend- und Bildungssoziologie an der Universität Potsdam.
E-Mail: dietmarsturzbecherde

Text: Heike Kampe
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde