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November: "Slumtourismus"

Foto: https://www.geocompass.de/der-slum-als-reiseziel/
Touristen fotografieren in einem Slum

Derzeit leben über 1 Milliarde Menschen in Slums, aber was genau ist ein Slum? Selbst wenn die Definition nur auf die Wohnqualität einschränkt würde, ist es keineswegs einfach, die Komplexität dieses Begriffs bis ins Detail zu erläutern. Die gebräuchlichste Definition stammt von den Vereinten Nationen: „Slum“ kennzeichnet ein Gebiet, das die folgenden Merkmale in unterschiedlichem Maße vereint: unzureichender Zugang zu sauberem Wasser, unzureichender Zugang zu sanitären Einrichtungen sowie anderen Infrastrukturen; schlechte strukturelle Wohnqualität, Überfüllung und unsicherer Aufenthaltsstatus (Prescott, Vollmer & Heisel 2013; Mahabir 2016; Nisbett 2017). Dagegen ist der Begriff „Slumtourismus“ eindeutiger zu definieren. Die Wurzeln des Slum-Tourismus können bis ins Jahr 1884 zurückverfolgt werden, als das Oxford English Dictionary zum ersten Mal „Slumming it“ als Begriff anerkannte (Koven 2006, 9ff.). Touristen der oberen Londoner Mittelklasse besuchten als Freizeitaktivität ärmere Stadtteile wie die Whitechapel in London. Zur selben Zeit überquerten Angehörige der weißen New Yorker die nobleren Bezirksgrenzen der Stadt, um die schwarzen Arbeiterviertel als Attraktion zu besuchen (Heap 2009). Heute bezeichnet der Begriff des Slumtourismus geführte Touren durch die ärmsten Stadtteile des globalen Südens. Diese Touren werden in Brasilien „Favela-Tourismus“, in Afrika „Township-Tourismus“ und in Indien  „Slumtourismus“ genannt. Nach der Jahrtausendwende erfuhr der  Slumtourismus durch entsprechende Filme zunehmende Beliebtheit. Insbesondere die Filme „City of God“ (Rio de Janeiro, 2002), „The Constant Gardener“ (Kibera- Slums, 2005)  oder die Veröffentlichung des Oscar-Preisträgers „Slumdog Millionaire“ (Mumbai) aus dem Jahr 2008 weckten das  Interesse der Zuschauer, die Drehorte real und authentisch zu erleben. Die Reisemotivationen wurden in einer Studie über Slumtourismus von Bob Ma (2010) untersucht. Sie zeigt, dass die Neugier der wichtigste Faktor für die Teilnahme an einer Tour ist. Der Slumtourismus  ermögliche dem Touristen, sich „in eine primitivere Gesellschaft zu vertiefen, in der er seine eigene Identität in der modernen Gesellschaft im Vergleich zu anderen“ reflektieren kann (Ma 2010, 8). Außerdem konnte die Studie einen geschlechtsspezifischen Unterscheid feststellen. Während männliche Touristen an Spaß und Aufregung interessiert sind, suchen die weiblichen Touristen eher nach einer emotional bedeutsamen Erfahrung mit Lerneffekt. 
 


(Nicolas Alejandro Scharnow)
 

Foto: https://www.geocompass.de/der-slum-als-reiseziel/
Touristen fotografieren in einem Slum

weiterführende Literatur: 

  • Heap, Chad (2008): Slumming: sexual and racial encounters in American nightlife, 1885-1940. University of Chicago Press.
  • Koven, Seth (2006): Slumming: Sexual and social politics in Victorian London. Princeton: University Press. Nisbett, M. (2017): Empowering the empowered? Slum tourism and the depoliticization of poverty. Geoforum, 85, 37-45. doi.org/10.1016/j.geoforum.2017.07.007.
  • Ma, Bob (2010): A trip into the controversy: A study of slum tourism travel motivations. Penn Humanities Forum on Connections, University of Pennsylvania Scholarly Commons, 1 – 51.
  • Mahabir, Ron, Crooks, Aandrew, Croitoru, Arie & Agouris, Peggy (2016): The study of slums as social and physical constructs: challenges and emerging research opportunities, Regional Studies, Regional Science, 3 (1), 737-757. doi.org/10.1080/21681376.2016.1229130.
  • Prescott, Michaela F., Vollmer, Derek, Sawyer, Lindsay, Heisel, Felix, Malterre-Barthes, Charlotte, Berthold, Sonja, ... & Kolokotroni, Martha (2013). Gazette, Issue 20 (2013): FCL-Future Cities Laboratory. Gazette. Verfügbar unter: www.research-collection.ethz.ch/handle/20.500.11850/304271