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Juli: „Semiosphäre“

Das Konzept der Semiosphäre ist ein zentraler Begriff der Semiotik. Er wurde von Jurij M. Lotman in Anlehnung an den Begriff der Biosphäre ausgearbeitet, um die Vernetzung von Bedeutungen darzustellen, die in einer Gesellschaft kursieren. Mit diesem Konzept baute Lotman die bereits von den Anthropologen Clifford Geertz und Max Weber vertretene Vorstellung von Kultur als selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe aus.

Die Semiosphäre besteht aus allen in einer Gesellschaft produzierten kulturellen Texten, in denen sich ihre verbindlichen Werte, Regeln und Verhaltensweisen bzw. die ihrer unterschiedlichen Gemeinschaften manifestieren. Die Texte können auf verschiedene Weise miteinander werden verbunden. Dies erfolgt durch die Mitglieder der Gesellschaft, die in dieses Gewebe in zweifacher Weise eingebunden sind: zum einen erzeugen sie diese Texte, zum anderen wirken die Texte auf die Gestaltung ihres Lebens als Individuum und als Gemeinschaft zurück. So werden Kultur und Gesellschaft anhand der spezifischen Formen und Inhalte ihrer Texte beobachtbar. Letztere nehmen innerhalb der Semiosphäre unterschiedliche Positionen ein. Im Zentrum befinden sich die durch gesellschaftliche Machtaggregate ausgewählten Texte zum Erhalt der gesellschaftlichen Wirklich­keit. Dieses Zentrum der Semiosphäre ist stark strukturiert und dadurch relativ stabil. Seine Texte dominieren die gesamte Semiosphäre. Ihre Starrheit erweist sich bei gesellschaftlichen Entwicklungs­prozessen auf Grund mangelnder Verhandlungs­fähigkeit jedoch als eine Schwäche.

Bei den in der Peripherie zirkulierenden Texten handelt es sich um Texte, die aus dem Zentrum migriert sind, weil sie veraltet oder im Rahmen des zentralen Sinnsystems als nicht oder nicht mehr brauchbar erachtet werden. Andererseits zirkulieren an der Peripherie auch Texte, die als Resultat einer Übersetzung zu betrachten sind. Es handelt sich dabei um subjekt- oder gruppenspezifische Umdeutungen vorhandener Texte. Sie gruppieren sich in den Binnensphären, die ihrerseits Zentren und Peripherien haben. Die Texte der Binnensphären bewegen sich an den Rändern der Semiosphäre relativ frei, da die Gesetze ihrer Anordnung weniger verbindlich sind oder als weniger verbindlich erachtet werden. An ihren jeweiligen Grenzen können daher, so Lotman, neue Ideen aufgenommen und neue Kombinationen getestet werden.

Den Begriff der Grenze definiert Lotman als eine durchlässige Zone, in die neue Elemente eindringen können. Diese werden kulturell übersetzt, das heißt in die jeweils vorhandenen Texte eingepasst. Auf diese Weise wird die Semiosphäre im Gesamten durch eine dynamische Balance zwischen zentralen und peripheren Texten aufrechterhalten.

Die Idee eines internen Gleichgewichts und permeablen Grenzen nach außen sowie zwischen ihren Binnensphären bietet den Vorteil, dass die kontinuierliche Bedeutungsproduktion, die auf einer Mobilität der zwischen Zentrum und Peripherie kursierenden Texte basiert, offengelegt werden kann. So wird sichtbar, dass die dabei erfolgende Bedeutungsproduktion das Werk von sozialen Subjekten ist, die sich die Texte der Semiosphäre aneignen. Subjekte sind folglich Schöpfung und Schöpfer von Texten zugleich; dabei spielen persönliche, historische und konjunkturbedingte Aspekte gleicherweise eine Rolle. Insofern kann das Subjekt als kleinste Binnensphäre der Semiosphäre bezeichnet werden. Es stellt ein Gleichgewicht von vorhandenen und von ihm selbst modifizierten neuen Texten her, die es durch Kommunikation wieder in die es umgebenden Binnensphären der Semiosphäre freisetzt.

Lotmans Konzept ist insofern nicht als Beschreibung einer existierenden Größe zu verstehen, sondern als ein operatives Konzept zur Analyse kultureller Prozesse. Es ermöglicht eine Beobachtung der Zusammenhänge und des Zusammenwirkens ihrer Texte. So können sowohl die Machtsysteme als auch die Mobilitätsprozesse gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse sichtbar gemacht werden. Das Konzept der Semiosphäre ermöglicht daher wichtige Einsichten in die Dynamik kultureller Prozesse. Es macht zum einen sichtbar, wie bereits existierende Texte in immer neuen Konstellationen miteinander kombiniert oder modifiziert werden.  Zum andern wird deutlich, dass externe Texte aufgenommen und in dieses Spiel der Rekombinationen miteinbezogen werden können. Die daraus entstehenden neuen Verbindungen und Modifikationen sind als Resultat von Übersetzungsprozessen zu betrachten. Neuzusammensetzungen sind folglich niemals nur Reproduktionen, da sie immer in Verbindung mit neuen subjektiven Geschichten stehen, aus denen sie hervorgehen oder in die sie eingebaut werden müssen. Diese Prozesse ermöglichen daher Abweichungen vom Original und mit ihnen eine Verschiebung (die Zunahme oder unter Umständen auch Schwächung) von Wissen und Macht in den verschiedenen gesellschaftlichen Gemeinschaften.

Nicht zuletzt löst das Konzept der Semiosphäre die prinzipielle Unterscheidung zwischen Text und Kontext auf. Denn innerhalb eines Netzwerkes von miteinander verknüpften oder verknüpfbaren Texten kann der Kontext nur als Co-Text verstanden werden. Das hat den Vorteil, dass soziale Realitäten, so wie sie von Menschen wahrgenommen und dargestellt werden, als Resultat der Wechselwirkung zwischen diskursiven Praktiken innerhalb einer Gesellschaft betrachtet werden können. Kulturelle Texte sind folglich als soziospezifische Praktiken zu analysieren. Damit wird der Forschungsfokus auf die Analyse der Produktion kultureller Texte verschoben. Denn wenn Kultur als eine Kombination von Texten betrachtet wird, dann kann die Geschichte einer Kultur als die spezifische Position eines Textes innerhalb der Konstellation der Semiosphäre zu verschiedenen Zeiten definiert werden. Evolution ist dann gleichbedeutend mit der Migration bestimmter Texte, die in verschiedenen Epochen in verschiedenen Konstellationen zu finden sind.

 

(Dr. Mara Persello)