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Jeder Buchstabe ein Glückwunsch – Theodor Fontanes Geburtstagsgedichte

Geburtstagstelegramm von Theodor Fontane jun. an seinen Vater. Foto: Theodor-Fontane-Archiv

Geburtstagstelegramm von Theodor Fontane jun. an seinen Vater. Foto: Theodor-Fontane-Archiv

Jenseits jener ‚großen Lyrik‘, die sich durch Bedeutungstiefe und Kunstfertigkeit auszeichnet, gibt es eine ‚kleine‘: unscheinbar, flüchtig und wenig beachtet. Noch heute kann man Beispiele dieser Lyrik ab und an in der Zeitung lesen oder auf Familienfesten hören. Es sind gewissermaßen selbst gebastelte Gedichte, persönliche Geschenke, häufig holpernd im Rhythmus, privat im Duktus, flüchtig in ihrer Form: Gelegenheitsgedichte, die keine literarischen Ambitionen hegen, vielmehr ein Ereignis, eine Person, eine Beziehung poetisch feiern wollen.

Auch Theodor Fontane, der mit Gedichten wie „Die Brück’ am Tay“ oder „John Maynard“ in die Literaturgeschichte eingegangen ist, hat sich erstaunlich häufig an solchen privaten Gelegenheitsgedichten versucht: Mehrere Hundert – meist für Freunde, Bekannte, Familienmitglieder, auch für Kollegen und Vorgesetzte – sind überliefert. Anders als etwa bei Fontanes großen Meisterballaden liegt der Reiz dieser kleinen Gedichte freilich nicht in ihrer poetischen Artifizialität, sondern in ihrer Engführung von Handwerk und Sprachspiel.

Was damit gemeint ist, zeigt ein Gedicht an Fontanes Freundin und langjährige Briefpartnerin Mathilde von Rohr (1810–1889), Stiftsdame im Kloster Dobbertin. Zu deren 57. Geburtstag am 9. Juli 1867 übersandte Fontane folgende Verse.


Im Rosenflor

Heut und immer wie zuvor
Lebe Fräulein Mathilde von Rohr!
So singt allein und singt im Chor
– Ihr ergebenster Theodor Fontane. –


„Jeder Buchstabe ein Glückwunsch“, so könnte man mit einem Zitat von Fontane sagen. Wie es sich gehört, schenkt Fontane mit dem „Rosenflor“ zunächst Blumen. Zugleich beginnt schon mit diesem Wort das Spiel: ‚Flor‘ – ‚zuvor‘ –‚Rohr‘ – ‚Chor‘ – ‚Theodor‘, reimt der Gratulant, der schließlich auch seinen eigenen Vornamen ins reimende Sprachspiel einbringt. Dieses Spiel mit den Namen individualisiert dabei das Gedicht: Sie bilden das Klangmaterial, das die Reimbewegung des Gedichts antreibt.

Geburtstagsgedichte wie dieses sind immer auch Beziehungspflege. Als solche etablierten sie Routinen, ja Rituale. So war es üblich, dass Theodor Fontane seiner Ehefrau Emilie zu deren Geburtstag am 14. November einige selbst gebastelte Verse schenkte, manchmal als Beigabe zu einem weiteren Geschenk, zuweilen aber auch – bei leerer Kasse – als alleiniges Präsent. Das selbst verfasste Gedicht wurde hier zum Notgroschen des finanziell gebeutelten freien Schriftstellers. Und es wurde zu einem Ritual, dessen Ausbleiben zu Ehekrisen führen konnte. Davon zeugen Verse von Theodor an Emilie aus dem Jahr 1864.


Geburtstags-Verse ein ganzes Schock
Gelten wenig wie ein alter Rock,
Erst wenn man sie wegtut oder vergißt,
Sind beide begehrt, werden beide vermißt

Das vorige Jahr, ich weiß nicht warum,
Dacht ich: „laß es, es ist zu dumm“,
Und siehe da, der alte Gänsesteiß
Stieg mit einem Mal im Preis.

„Wo sind die Verse? was fällt dir ein?
Ich knauple so gern an derlei Bein;
Diese Verse mit Beifuß, mein lieber Hans,
Sind ja das Best’ an der ganzen Gans.“

So geschieht denn wieder, was immer geschah,
Die Geburtstagsverse sind wieder da;
Alles andere geht seinen alten Gang,
Mög es so bleiben unser Lebelang.


Das Gelegenheitsgedicht als Gabe stiftete, erhielt und sicherte soziale Beziehungen, in diesem Fall zwischen den Ehepartnern. Gar nicht so sehr der Inhalt steht dabei im Vordergrund (streng genommen sprechen diese Verse gar keine Glückwünsche aus), wertvoll ist vielmehr der Akt des Schenkens selbst.

Und es ging – bei dieser poetischen Do-ityourself-Praxis des 19. Jahrhunderts – um die Anmutung des Selbstgebastelten. Das wussten im Übrigen auch Fontanes Kinder. Als ihr Vater am 30. Dezember 1889 seinen 70. Geburtstag feierte, brachte sein Sohn Theodor junior denn auch ein eigens kreiertes Versgeschenk auf den Weg, ganz modern per Telegramm. Im Theodor-Fontane-Archiv hat sich dieses Telegramm, ein Zeugnis familiärer Herzlichkeit, erhalten.


Die Künstler, Presse und Theater
Den Dichter feiern, nicht den Vater
Von den Depeschen fern und nah
Nur eine gilt heut dem Papa
Gar Vieler Herz fühlt mit, mehr oder minder
Ihr ganzes Herz nur senden
– Deine Kinder –


Text: Peer Trilcke
Online gestellt: Jana Scholz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde