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Die Vermessung der Qualität – Politikwissenschaftler untersuchen das Qualitätsmanagement in Studium und Lehre an deutschen Hochschulen

Dr. Markus Seyfried. Foto: Karla Fritze.

Dr. Markus Seyfried. Foto: Karla Fritze.

Der Begriff wirkt schwer greifbar und ist doch derzeit in aller Munde: Qualitätsmanagement im Hochschulbereich. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile zahlreiche Zentren, Anlaufstellen, neu geschaffene Arbeitsgebiete und Instrumente in diesem Feld. Doch wie wirksam ist Qualitätsmanagement eigentlich? Haben die neuen Strukturen, die vielerorts entstanden sind, einen Effekt? Dieser Frage geht der Politikwissenschaftler Markus Seyfried nach und untersucht, wie Qualitätssicherungseinrichtungen an deutschen Hochschulen arbeiten und welchen Einfluss sie auf Lehre und Studium haben.

Das Thema steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen, während es etwa an englischsprachigen Hochschulen schon seit Beginn der 1980er Jahre im Fokus steht: Qualitätsmanagement im Hochschulbereich. Doch es tut sich etwas: „Bundesweit gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Forschungsprojekten, die sich mit dem Qualitätsmanagement an Hochschulen befassen“, sagt Markus Seyfried, Politikwissenschaftler an der Universität Potsdam. Das Thema führt längst kein Nischendasein mehr und ist seit etwa zehn Jahren auch in Deutschland aktuell. Und es wird heiß diskutiert. „Da gibt es ganz viel Dynamik“, sagt der Politikwissenschaftler, der selbst ein vom Bundeministerium für Bildung und Forschung finanziertes Projekt zum Thema leitet und darin erforscht, welche Effekte Qualitätsmanagement in Lehre und Studium mit sich bringt.

Der lange Weg zum Qualitätsmanagement

Wenn man über internes Qualitätsmanagement an Hochschulen spreche, könne man drei Säulen betrachten, erklärt Markus Seyfried: die Strukturen, in denen Qualitätsmanagement organisiert ist, die ablaufenden Prozesse und das involvierte Personal. Die ersten beiden Punkte untersucht der Wissenschaftler gemeinsam mit zwei Doktoranden in Potsdam, der dritte wird von Kooperationspartnern der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg bearbeitet. 

Für ihre Untersuchungen ermittelten die Forscher landesweit jene Hochschulen, die bereits ein Qualitätsmanagement besitzen. 23 wählten sie für eine genauere Analyse aus. Diese begann mit 90-minütigen Interviews mit dem zentralen Qualitätsmanagement und dem Vizepräsidenten der jeweiligen Hochschule. Wer ist eigentlich im Qualitätsmanagement beschäftigt? Wie hat sich das Qualitätsmanagement an der Hochschule entwickelt? Was geschieht konkret, um Qualität zu fördern? Wer sind die treibenden Akteure und was sind ihre Interessen? Diese und weitere Fragen stellten die Wissenschaftler, um möglichst viele Informationen zu den Hintergründen und Aktivitäten des Qualitätsmanagements jeder einzelnen Hochschule zu sammeln.

„Pro Interview entstanden etwa 30 Seiten Transkript“, erklärt Markus Seyfried. Die Inhalte kategorisierten und codierten die Forscher und speisten sie in eine Datenbank ein. „Jede Sequenz des Interviews hat einen Code“, beschreibt Seyfried das Verfahren. Dank der Schlagwörter, die für jede Textpassage vergeben wurden, können die Wissenschaftler in der Datenbank gezielt alle möglichen Informationen abfragen und bündeln. Die Erkenntnisse aus den Interviews dienten als Grundlage für einen Fragebogen, den die Forscher in einem zweiten Schritt entwickelten. Auch bestehende Theorien zum Qualitätsmanagement flossen in diesen ein. 

Es gibt zahlreiche Kritikpunkte

Bevor die Forscher mithilfe des Fragebogens weitere Daten erheben konnten, war Fleißarbeit gefragt: Da kein Verzeichnis von im Qualitätsmanagement beschäftigten Personen an deutschen Hochschulen existiert, mussten die Daten erst zusammengetragen werden – per Recherche im Internet. Etwas mehr als 600 Namen erfassten die Forscher schließlich und versendeten den Fragebogen an jede einzelne Person. Darin erfragten sie etwa Motive für den Einsatz eines Qualitätsmanagements und dessen wahrgenommene Wirksamkeit oder den Ausbildungshintergrund der Akteure.

Knapp die Hälfte der versendeten Fragebögen fand den Weg zurück zu den Wissenschaftlern. „Für eine Online- Befragung ist das vergleichsweise hoch“, freut sich Markus Seyfried. Inzwischen ist die Auswertung gut vorangeschritten und die ersten Ergebnisse liegen vor. So zeigt sich etwa, dass es Hochschulen bei der Einführung von Qualitätsmanagement nicht allein um die Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre geht, sondern auch um die Symbolisierung von Qualität, wie Doktorand Moritz Ansmann untersucht hat. So weckt die Einführung auch nicht bei allen Beteiligten stets Begeisterung. Doktorandin Alexa Kristin Brase nimmt den Umgang mit Widerständen, die mit der Einführung eines Qualitätssicherungssystems verbunden sind, genauer unter die Lupe. Am Ende stehe immer die Frage „Bringt das alles etwas?“, verdeutlicht Seyfried.

Qualitätsmanagement an Hochschulen ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. Es gibt einige Kritikpunkte. So sei es immer auch mit zusätzlicher Bürokratie und natürlich mit erhöhtem Arbeitsaufwand für die Akteure verbunden. Zudem werde die Meinung geäußert, dass das Geld statt im Qualitätsmanagement besser in der Lehre angelegt wäre. Bisher gibt es dazu jedoch keine     stichhaltigen empirischen Beweise.

Hierzulande noch ohne Folgen

Wie der allgemeine Stand in Deutschland einzuschätzen ist, verdeutlicht Markus Seyfried mit einem Vergleich: „An englischsprachigen Hochschulen gibt es beispielsweise ganz konkrete Kopplungen an Evaluationsergebnisse – bis hin zu Mittelkürzungen bei sehr schlechten Evaluationen.“ In Deutschland seien derartige Vorgehensweisen sehr umstritten. Bisher habe das Qualitätsmanagement der Lehre hierzulande kaum Folgen, allenfalls eine berichtende Funktion. „Hier muss sich noch ganz viel weiterentwickeln, um das Potenzial auszuschöpfen.“ Oftmals entsprechen aber schon die Erhebungsinstrumente nicht den Anforderungen oder Zwecken, für die sie entwickelt wurden.

Von der allgegenwärtigen Debatte, ob Qualitätsmanagement eine eigene Profession sei, hält der Politikwissenschaftler dagegen wenig. Derzeit wird das Qualitätsmanagement hauptsächlich von Quereinsteigern – etwa Sozial-, Politik- oder Verwaltungswissenschaftlern – getragen. Zwar gibt es inzwischen ganze Studiengänge, die Qualitätsmanagement als eigenständiges Fach vermitteln. Und professionell ausgebildete Evaluatoren und Qualitätsmanager werden in den kommenden Jahren an den Hochschulen Einzug halten. Doch „Qualitätsmanagement ist keine eigene Profession im klassischen Sinne“, stellt der Forscher klar. Denn Qualitätskontrolle sei eine reine Verwaltungsaufgabe.

Bei Qualitätsentwicklung sehe das aber ganz anders aus. Einige Vorschläge für ein effektives Qualitätsmanagement kann der Forscher bereits heute ableiten. „Es ist sicher sinnvoll, quantitative durch qualitative  Verfahren zu ersetzen und eine Supervisionskultur einzuführen.“ Statt massenhaft Fragebögen ausfüllen zu lassen, sei es effektiver, andere Instrumente, etwa Hospitationen in Vorlesungen oder Gespräche mit Studierenden, zu nutzen. „Eines der wichtigsten Elemente ist Kommunikation. Ein Ingenieur hat mit Sicherheit ein ganz anderes Verständnis von Qualitätsmanagement als etwa ein Philosoph. Die Kunst ist es, die verschiedenen Fachkulturen miteinander zu vereinbaren und zu moderieren.“

Das Projekt

Wirkungsforschung in der Qualitätssicherung von Lehre und Studium (WiQu) untersucht, wie Qualitätssicherungseinrichtungen an deutschen Hochschulen arbeiten und wie wirksam sie sind.
Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung
Laufzeit: 2013–2016
www.uni-potsdam.de/ls-verwaltung/forschung/wiqu

Der Wissenschaftler

Dr. Markus Seyfried studierte Politikwissenschaft in Potsdam und promovierte 2010 an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Seniorprofessur Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation. Seine Forschungsinteressen gelten der Statistischen Datenanalyse, Vergleichenden Verwaltungswissenschaft, Finanzkontrolle, Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Hochschulforschung.

Universität Potsdam 
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät 
Karl-Marx-Str. 67 14482 Potsdam
E-Mail: seyfrieduni-potsdamde

Text: Heike Kampe
Online gestellt: Daniela Großmann
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde