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Von Odysseus' Reisebüro bis Aquaman – Warum die Antike bis heute begeistert

Prof. Filippo Carlà-Uhink. | Foto: Kaya Neutzer.

Prof. Filippo Carlà-Uhink. | Foto: Kaya Neutzer.

Im Kino kämpft die Amazone „Wonder Woman“ gegen den Kriegsgott Ares. Themenparks erschaffen mit römischen Skulpturen und griechischen Tempeln antike Fantasiewelten. Und die Toga, das Alltagskleid des Römers, erfreut sich großer Beliebtheit als Partykostüm. Die Heldengeschichten und Kultur der alten Griechen und Römer sind heute genauso bekannt und beliebt wie bereits im Mittelalter, während der Renaissance oder zur Goethezeit. Die Antike ist in der Popkultur angekommen – und hat nichts von ihrem Unterhaltungswert eingebüßt. Warum das so ist, erforscht Filippo Carlà-Uhink, Professor für die Geschichte des Altertums an der Universität Potsdam.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Antike als Burg der Hochkultur. Mit dem Wissen über die Griechen und Römer wollte sich das Bildungsbürgertum als „Elite“ abgrenzen. „Auch wenn das heute größtenteils nicht mehr so ist, ist die Antike noch sehr präsent in unseren Köpfen“, sagt Filippo Carlà-Uhink. Die weite Bekanntheit griechischer Mythen und römischer Geschichte liefert daher heute die ideale Grundlage für Parodien und Neuinterpretationen. Vor allem die Helden der griechischen Mythologie sind nach wie vor populär. „Alle haben von Achilles, Hector und Troja gehört. Jeder kennt die Geschichte der Irrfahrt von Odysseus. Spannende Narrative, die nie langweilig werden.“ Dieses weitverbreitete, wenn auch meist oberflächliche Wissen macht die Antike zum perfekten Stoff für Adaptionen. Hollywood bedient sich immer wieder dieser Erzählwelten. Da erscheint Brad Pitt als Achilles in „Troja“, Russell Crowe wird als Gladiator im Kolosseum zum Helden und zuletzt erstand in „Aquaman“ mit Jason Momoa die versunkene Stadt Atlantis wieder auf.

Ein großer Reiz dieser Erzählungen ist es Carlà-Uhink zufolge, dass sie es einfacher machen, schwierige Themen wie zum Beispiel den Tod zu behandeln, weil sie sich als Mythen nicht in der Realität abspielen. Das zeigt sich auch in Themenparks, die der Altertumswissenschaftler in seinem aktuellen Forschungsprojekt untersucht. „Themenparks vermeiden als Orte für Familien im Allgemeinen Tod und Gewalt, aber wenn es um klassische Mythologie geht, ist zum Beispiel die Darstellung von Krieg möglich.“ Seit 2013 forscht er im mittlerweile zweiten DFG-Projekt „Key Concepts in Theme Park Studies“ zu Darstellungen griechischer Kultur in Vergnügungsparks. In diesen fänden sich zumeist zwei große Themen: antike Mythologie oder Griechenland als Urlaubsziel. Vereinzelt würde auch hellenische Geschichte aufgegriffen, mit einem starken Fokus auf Athen. So wird im Themenpark „Terra Mítica“ in Spanien zum Beispiel das antike Griechenland imitiert. Die Besucherinnen und Besucher können dort den Brunnen der Hera und eine Rekonstruktion des Tempels von Zeus, der in klassischer Zeit in Olympia stand, bewundern. Im Europa-Park in Rust dagegen wird das moderne Griechenland gezeigt, dabei aber auch mit antiken Elementen vermischt. Vom durchdachten Konzept bis zur beliebigen Auswahl von Statuen und Tempeln lässt sich je nach Parkfokus alles finden.

Ein Trojanisches Pferd in China

Sieben Parks mit griechischen Themenwelten hat Filippo Carlà-Uhink bereits besucht. Darunter den Freizeitpark Belantis südlich von Leipzig, den Park Asterix in Frankreich, den Park Mount Olympus in den USA und sogar zwei Parks in Asien, das Happy Valley Beijing in China und den E-DA Themenpark in Taiwan. Alle bedienen sich eines gemeinsamen Repertoires an Bildern und Symbolen: „In China wie in Europa gibt es das Trojanische Pferd, Säulen mit ionischen Kapitellen und Statuen, die sofort als antik erkannt werden können.“ Diese bildlichen Elemente seien überall gleich, hätten aber in unterschiedlichen kulturellen Kontexten andere Bedeutungen. „Während wir in Europa das antike Griechenland auf populärwissenschaftlicher Ebene als Wiege unserer Zivilisation und der Demokratie und als den Ausgangspunkt Europas feiern, steht in Mount Olympus die gegenwärtige griechische Community im Vordergrund.“ In China erfüllt Griechenland zwei ganz unterschiedliche Funktionen: In Beijing wird intensiv die Rolle Griechenlands bei der Geburt des modernen Sports im Zusammenhang mit den Olympischen Sommerspielen 2008 und den Winterspielen 2022 zelebriert. Der zweite Schwerpunkt liegt auf Griechenland als Ursprung der westlichen Kultur – parallel zum antiken China, der Wiege der östlichen Kultur. Als Entstehungsort der modernen Demokratie spielt Griechenland hingegen sowohl in China als auch in Taiwan eine viel geringere Rolle als etwa im Westen. Nicht selten bringen Filippo Carlà-Uhink griechische Darstellungen in Themenparks zum Schmunzeln. So findet sich im Park „Terra Mítica“ in Spanien eine dekorativ platzierte griechische Inschrift. Diese existiert zwar in Athen wirklich, doch sie wurde – was sich lediglich dem Altgriechischkundigen offenbart – im Themenpark nur zum Teil angebracht und bricht mitten im Satz ab. Es gibt aber auch Humorvolles, das jeden zum Lachen bringt: „lustige Anachronismen“, wie der Historiker sie nennt. Im Park Asterix in Frankreich können Besucher beispielsweise das Reisebüro des Irrfahrers Odysseus besuchen.

Wie die Themenparks zeigen, ist Antikendarstellung in der Popkultur nie korrekt: „Das ist unvermeidbar, aber nicht als Problem zu betrachten“, sagt Carlà-Uhink. Dafür nennt er triftige Gründe. Da wir ohnehin vieles nicht genau wissen könnten, sei Geschichte immer eine Rekonstruktion, besonders im Fall der Antike. Jede Geschichtserzählung sei das Produkt einer individuellen Auswahl. Man könne schließlich nicht erzählen, was Sekunde für Sekunde passiert ist. „Es gibt keine historische Wahrheit“, so Carlà-Uhink. In der populären Geschichtswissenschaft kämen viele Stereotype zum Einsatz. Ein Beispiel finden wir im griechischen Tempel. Gemeinhin hat man dabei ein weißes, rechteckiges Gebäude mit einer Front aus sechs Säulen vor Augen, ein Spiegelbild des Parthenon auf der Akropolis in Athen. Spätestens seit dem Ende 18. Jahrhunderts steht aber fest, dass die Tempel in grellen Farben, nämlich Blau, Rot und Gelb, verziert waren; darüber hinaus konnten sie auch acht Säulen haben oder runde Grundrisse. Filippo Carlà-Uhink ist überzeugt, dass solche vereinfachenden Stereotype unvermeidbar sind. Darstellungen dieser Art bezeichnet er als Piktogramme, die eine sofortige Assoziation mit dem alten Griechenland wachrufen.

Die Antike lebt in der Popkultur weiter

Carlà-Uhink betont, dass sich Historiker mit populärwissenschaftlichen Formen beschäftigen und mit ihren Schöpferinnen und Schöpfern sprechen müssen: „Man muss verstehen, was ihre Ziele und Motive sind, und vor allem einen Dialog etablieren.“ Die Rolle der Geschichtsforschung sieht er dabei sehr realistisch. Während eine erfolgreiche wissenschaftliche Publikation vielleicht eine Auflage von 300 Exemplaren erreicht, geht die Verbreitung historischer Stoffe in der Popkultur in die Millionen. Für ihn ist daher klar, dass historische Bildung zum größten Teil nicht in Hörsälen stattfindet. Carlà-Uhink ist neben seinen Forschungen zu Themenparks auch am „Imagines Projekt“ beteiligt, einem fachübergreifenden internationalen Forschungsnetzwerk, das sich modernen visuellen Darstellungen und Konstruktionen der klassischen Antike widmet. Ein wesentlicher Aspekt von „Imagines“ ist die Zusammenarbeit mit Künstlern wie zum Beispiel Regisseuren oder Comicautoren, die sich in ihren Werken der Antike bedienen. „Wir wollen von ihnen wissen, wieso sie sich für die Antike als Thema entschieden haben. Was haben sie gelesen, wie haben sie sich darüber informiert, welche Rolle spielt die Antike nach ihrer Meinung heute noch? Das sind Fragen, die wir mit ihnen besprechen“, erklärt Filippo Carlà-Uhink. Häufig erklären die Künstler, dass sie sich mit der Antike befassen, weil sie bereits seit ihrer Kindheit mit ihr vertraut sind. Handelt es sich um die griechische Antike, sind es zumeist bekannte Mythen, mit Blick auf Rom jedoch mehr die Geschichte des Römischen Reiches. So sind manche Künstler an Orten mit archäologischen Stätten und römischen Bauten aufgewachsen, wie zum Beispiel der Porta Nigra in Trier, und wurden davon inspiriert.

Da die Antike seit ihrem Ende immer wieder neu entdeckt wurde, können sich moderne Rezipienten laut Carlà-Uhink von früheren Darstellungen antiker Stoffe nicht frei machen. Vielmehr sei ihre Wahrnehmung des Stoffes nahezu immer von Vorläufern beeinflusst: „Ich rede dabei von Rezeptionsketten. Ich kann nichts, was aus der Antike kommt, getrennt von den Rezeptionsformen betrachten, die sich in letzten 16 Jahrhunderten aneinandergereiht haben.“ Jede bildliche Vorstellung, die wir heute von der Antike hätten, komme nicht von der Antike selbst, sondern sei das Ergebnis vieler Darstellungen vom frühen Theater über Historienmalerei bis zu Historienfilmen. Diese Kette hat mit Sicherheit noch nicht ihr Ende erreicht. Wir dürfen gespannt sein, in welchen Filmen, Büchern oder Comics die Antike weiterleben wird.

Der Wissenschaftler

Der gebürtige Florentiner Prof. Dr. Filippo Carlà-Uhink studierte Altertumswissenschaften an der Universität Turin und promovierte im Fach Alte Geschichte an der Universität Udine in Italien. Seit Oktober 2018 ist er Professor für Geschichte des Altertums an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem Antikenrezeption, insbesondere in der modernen Popkultur, die Kulturgeschichte der Antike sowie Geldgeschichte und Numismatik.
E-Mail: filippo.carla-uhinkuni-potsdamde

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen 2/2019.

Text: Carolin Krafzik
Online gestellt: Sabine Schwarz
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde