Zum Hauptinhalt springen

„Meine Sehbehinderung ist ein Teil von mir“ – Musik-Professor Philip Peter plädiert für mehr Heterogenität in der Gesellschaft

  • Philip Peter im Portrait.
    Foto: Simon Pauly
    Philip Peter ist seit 2024 Professor für Musiktheorie und Schulpraktisches Musizieren an der Universität Potsdam.
  • Musik-Professor Philip Peter am Flügel
    Foto: Thomas Roese
    Musik-Professor Philip Peter am Flügel
  • Annette de Guzmán Guzmán im Gespräch.
    Foto: Thomas Roese
    Annette de Guzmán Guzmán ist Inklusionsbeauftragte für Beschäftigte. Sie sorgt für die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben zur Barrierefreiheit am Arbeitsplatz, gestaltet darüber hinaus inklusive Strukturen und Prozesse und fördert Sensibilisierung, Aufklärung sowie präventive Beratung.
  • Katrin Völker im Portrait.
    Foto: Thomas Roese
    Katrin Völker von der Schwerbehindertenvertretung setzt sich für die Interessen von Arbeitnehmenden mit Behinderung und chronischen sowie psychischen Erkrankungen ein. Sie steht ihnen beratend und helfend zur Seite und nimmt auch an Einstellungsgesprächen teil.
  • Illustration in Schwarz-Weiß: Menschlicher Kopf im Profil in Weiß. dahinter in Schwarz von dem Kopf ausgehend sonnenstrahlenartige Wellen.
    Bild: Andreas Töpfer

Helle, freundliche Jazzklänge erfüllen den kargen Musik raum in Potsdam-Golm. An einem schwarzen Steinway Flügel sitzt Philip Peter mit geschlossenen Augen, seine Hände bewegen sich mit Leichtigkeit über die Tastatur. Noten sind auf dem Pult vor ihm nicht zu finden – Peter beherrscht die Kunst der Improvisation. Den Professor für Musiktheorie und Schulpraktisches Musizieren im Department Musik und Kunst begleitet die Leidenschaft für Musik seit seiner frühen Kindheit. „Meine Mutter studierte Musikpädagogik und wir Kinder haben sehr früh gesungen. Es geht das Gerücht, dass ich mit drei Jahren eine eigene Stimme im Kanon singen konnte“, erzählt er und lächelt. Peter lebt seit seiner Geburt mit einer Sehbehinderung. Er kam zu früh auf die Welt und war die ersten Wochen im Inkubator. Dies führte zu einer als „Frühgeborenen Retinopathie“ bezeichneten Netzhauterkrankung. Mehrmals wurde er operiert. Heute ist sein linkes Auge blind, das rechte hat eine Sehschärfe von 30 Prozent.

„Auch Stevie Wonder hat diese Erkrankung“, sagt Peter und schmunzelt. Infolge der Netzhauterkrankung entwickelte sich ein ständiges Augenzittern, das schnell zu Ermüdung führt. Heute hat der Professor mit einer weiteren Folgeerscheinung zu tun: „Vermutlich hat die Fehlhaltung meines Kopfes aufgrund der Sehbehinderung dazu geführt, dass mein Rückenmark langfristig komprimiert wurde, Arm und Handmuskulatur links sind seither teilgelähmt. Für mich als Pianisten ist das eigentlich die härteste Einschränkung.“ Nach dem Abitur studierte Peter zunächst Sonderpädagogik, später Germanistik und Schulmusik, Klavier und Musiktheorie, um Lehrer zu werden. Doch als ihm, der damals in Berlin-Mitte wohnte, ein Referendariatsplatz am Stadtrand zugewiesen wurde, ohne Verständnis für seine Sehbeeinträchtigung, entschied er sich gegen das Lehramt. Er bewarb sich an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock und bekam die Stelle als künstlerischer Mitarbeiter sofort, wurde später zum Honorarprofessor ernannt. Im März 2024 wurde er an die Universität Potsdam berufen und hat die Entscheidung bislang nicht bereut. „Ich bin im Fach Musik sehr herzlich aufgenommen worden, insbesondere von den Studierenden, was mir viel bedeutet.“

„Es ist ein Skandal, dass viele behinderte und chronisch kranke Menschen zusätzlich mit prekärer Beschäftigung und Armut konfrontiert sind. Es ist entscheidend, dass Betroffene eine gute Bildung erhalten – hier kann die Universität einen wichtigen Beitrag leisten.“ Philip Peter

Hilfsmittel und Ruhephasen
Um die visuelle Belastung am Arbeitsplatz so gering wie möglich zu halten, nutzt Philip Peter heute eine Reihe von Hilfsmitteln. Wichtig sind unter anderem viel Tageslicht und eine gute unterstützende Beleuchtung, eine Diktiersoftware und ein großer Bildschirm auf einem höhenverstellbaren Schreibtisch. Dennoch bewirkt die Arbeit am Computer, dass er schnell ermüdet. „Wenn ich täglich 30 E-Mails beantworte, habe ich abends oft fürchterliche Kopfschmerzen.“ Deswegen motiviert er Studierende, wann immer möglich persönlich vorbeizukommen, anstatt ihm zu schreiben. Besonders wichtig sind für den Professor außerdem Ruhephasen und Ausgleich, zum Beispiel in Form von regelmäßiger Bewegung. Trotzdem ist er an vier von fünf Arbeitstagen in Golm vor Ort. „Inzwischen verzichte ich aber auf Zehn-Stunden-Tage“, sagt er. Mit der Universität Potsdam als Arbeitgeberin ist Peter mehr als zufrieden. „Von Beginn an ist die UP wahnsinnig professionell aufgetreten. Katrin Völker von der Schwerbehindertenvertretung war schon beim Berufungsverfahren dabei, was leider keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt Peter. „Die Anschaffung der sehbehindertengerechten Ausstattung habe ich zwar selbst angestoßen, doch Katrin Völker hat mir dabei sehr geholfen. Auch aus der Fakultätsverwaltung und vom Kanzler gab es hier unkompliziert Unterstützung.“ Völker ist Ansprechpartnerin für Menschen mit einem anerkannten Grad der Behinderung ab 50 Prozent. Sie kümmert sich zum Beispiel um die angemessene Ausstattung des Arbeitsplatzes und führt gemeinsam mit dem Leiter des Sicherheitswesens und dem Betriebsarzt Arbeitsplatzbegehungen durch. Höhenverstellbare Schreibtische oder Screenreader für den Computer sind hier nachgefragte Arbeitsmittel. Mehr als ein Drittel der Hochschulangehörigen an der Universität Potsdam lebt mit Beeinträchtigungen, chronischen oder psychischen Erkrankungen – oft ohne offizielle Diagnose. Dazu zählen auch Neurodivergenzen wie ADHS oder Autismus. Viele Betroffene haben keine formale Bestätigung oder müssen lange auf eine Diagnose warten. Annette de Guzmán Guzmán ist Inklusionsbeauftragte für Beschäftigte. Sie unterstützt alle, die Hilfe benötigen, ob mit oder ohne Diagnose. Ihr begegnen Menschen mit rheumatischen, orthopädischen oder Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, Krebs, Depressionen oder Epilepsie. „Von außen sind diese Gesundheitsprobleme nicht immer sichtbar, im Arbeitsalltag aber meist sehr belastend“, sagt sie. Für Schwerbehinderte würde sich Peter wünschen, dass sie in einem neuen Job darauf direkt angesprochen werden, welche Bedarfe sie haben, etwa im Hin blick auf eine Erstausstattung – die übrigens allen Schwerbehinderten gesetzlich zusteht. „Das Geld ist da, doch viele wissen gar nicht, dass das Land dafür einen Topf hat.“ Das hat allerdings auch seinen Preis ganz anderer Art: nämlich den bürokratischen Aufwand, den Arbeitnehmer*innen stemmen müssen. 60 Seiten hat Peter zusammengestellt, um den Bedarf einer sehbehindertengerechten Ausstattung zu begründen. Die Investition hat sich für den Professor jedoch gelohnt – heute leistet der speziell beleuchtete Musikraum am Department einen wichtigen Beitrag zu seiner Gesundheit und seinem Wohlbefinden. Philip Peter unterrichtet hier Klavierimprovisation, Musiktheorie und Arrangieren. Die Lehre ist für ihn mit Abstand der schönste Teil seines Berufs: „Mich interessieren die Menschen, mit denen ich zu tun habe, und ich lerne viel von ihnen.“ In der Lehre spiele das Auditive eine große Rolle – für ihn ein Vorteil. „Ich höre sehr gut und habe ein gutes musikalisches Gedächtnis.“ Im Seminar ermutigt er die Studierenden, sich nicht zu melden, sondern reinzurufen. Hausaufgaben lässt er sich elektronisch schicken, sodass er sie am Bildschirm vergrößern kann, und nimmt auch gerne Audio aufnahmen an. Die Studierenden reagierten auf all das „völlig unaufgeregt“, erzählt Peter. Die Absenkung der Lehrverpflichtungen um 18 Prozent, die Schwerbehinderten per Gesetz zusteht, reiche für ihn dennoch bei Weitem nicht aus. Der Professor würde sich hier deutlich mehr Flexibilität wünschen.

„Wir sollten uns darüber bewusstwerden, dass wir früher oder später alle in irgendeiner Form besondere Bedürfnisse haben. Inklusion bedeutet für mich zu schauen, was uns vereint.“ Annette de Guzmán Guzmán

Barrierefreier Campus 
Nicht zuletzt wird die Beleuchtung auf dem Campus für ihn besonders abends zum Problem. Wenn möglich, nimmt er sich dann gerne eine Begleitung mit. Inklusionsbeauftragte Annette de Guzmán wünscht sich endlich genügend Mittel, um solche Barrieren zu beseitigen. „Auf einem inklusiven Campus gäbe es überall Blindenleitsysteme, Hörschleifen und Fahrstühle – die Realität sieht leider anders aus.“ Selbst Standardmaß nahmen wie Streifenmarkierungen auf Treppen fehlten, obwohl Leit- und Orientierungssysteme nicht nur sehbehinderten, sondern auch neurodivergenten Menschen nützen. Laut Guzmán brauche es aber auch ein neues Klima der Menschlichkeit. „Wir sollten uns darüber bewusst werden, dass wir früher oder später alle in irgendeiner Form besondere Bedürfnisse haben. Inklusion bedeutet für mich zu schauen, was uns vereint.“ Auch aus Sicht von Katrin Völker braucht es ein anderes Miteinander, damit Barrieren abgebaut werden. „Inklusion beginnt im Kopf“, sagt sie. Philip Peter möchte anderen Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen zeigen, dass sie dennoch viel erreichen können. Bei seiner Einschulungsuntersuchung habe der Arzt Bedenken gehabt, ob er es an einer Regelschule schaffen würde, erzählt der Musiker. „Heute habe ich mehrere Studienabschlüsse und bin Professor. Das mag auch an der Art meiner Behinderung liegen – eine Sehbehinderung kann man womöglich leichter kompensieren als etwa eine psychische Erkrankung.“ Sich krankzumelden fällt dem Professor aber bis heute nicht leicht. „Ich habe Verantwortung für eine Reihe von Studierenden, sie brauchen mich.“ Seine Arbeit schaffe er oft nicht in der vorgegebenen Zeit. Das führt auch mal zu Reibungen oder Unverständnis. „An einer Universität arbeiten im Prinzip alle zu viel. Es gibt einen großen Druck, sichtbar zu sein, was auf Kosten kreativer Freiräume im Kopf geht.“ Auch Annette de Guzmán, die Gesundheit als Kontinuum versteht, ist kein Fan des „Höher, schneller, weiter“. „Niemand ist absolut gesund. Und manche Menschen haben einfach sehr viele Stressoren in ihrem Leben, wohingegen andere von Schutzfaktoren profitieren, die dazu führen, dass sie trotz steinigen Wegs erfolgreich werden. Philip Peter ist jemand, dem das gelingt.“ Um die Resilienz und individuelle Ressourcen von Betroffenen zu fördern, bietet die Inklusionsbeauftragte auch Empowerment-Formate an.

„Inklusion beginnt im Kopf!“ Katrin Völker

Teilhabe ist auch eine finanzielle Frage 
Mit Peer-to-Peer-Beratung, Inklusionscafés und der Sensibilisierungskampagne „Bist du ein Hingucker?“ richtet sich das Inklusionsteam der UP aber nicht nur an Betroffene, sondern ebenso an Kolleg*innen und Führungskräfte. Philip Peter hat sich für die Kampagne, die noch bis Ende 2026 läuft, als Role Model angeboten. „Ich bekomme immer wieder mit, dass sich Menschen mit Behinderung verstecken und alles genauso machen möchten wie andere auch“, erklärt er. „Dieses Verhalten kostet aber auf Dauer viel Kraft. Mit geeigneten Hilfsmitteln bleibt mehr Energie für andere Dinge. Ich möchte zeigen, dass Stärke auch bedeutet, sich Hilfe zu holen.“ Gesellschaftlich werde laut Peter zu wenig wahrgenommen, dass Behinderungen oft Talente freisetzen, die bei anderen wiederum geringer ausgeprägt seien. „Es gibt einen Haufen Softskills, die Menschen mit Einschränkungen im Übermaß haben. Viele sind strukturiert, teamfähig und empathisch. Vorherrschend ist aber oft ein Blick auf das, was jemand nicht kann.“ Für den Musik-Professor sollte unsere Gesellschaft mehr Heterogenität aushalten und zulassen. Doch Teilhabe sei noch immer eine Frage des Geldes: „Es ist ein Skandal, dass viele behinderte und chronisch kranke Menschen zusätzlich mit prekärer Beschäftigung und Armut konfrontiert sind. Es ist entscheidend, dass Betroffene eine gute Bildung erhalten – hier kann die Universität einen wichtigen Beitrag leisten.“ Der Professor hat schon öfter darüber nachgedacht, was er tun würde, wenn es eine Operation gäbe, die seine Sehkraft auf 100 Prozent erhöht. „Ich bin nicht sicher, ob ich es machen würde. Meine Sehbehinderung ist ein Teil von mir. Ohne sie wäre ich nicht, wer ich heute bin.“


Kontakt zum Inklusionsteam: https://www.uni-potsdam.de/de/inklusive-hochschule/index

Weitere Infos zur Inklusionskampagne „Bist du ein Hingucker?“: https://www.uni-potsdam.de/de/inklusive-hochschule/bist-du-ein-hingucker-gemeinsam-sichtbar-werden

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.