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Präzise und personalisiert – Die Molekularbiologin Ghazaleh Madani will mit ihrem Unternehmen CanChip die Krebsforschung revolutionieren

Im Januar erst erhielt sie den Guido-Reger-Gründungspreis der Universität Potsdam, dann wurde sie beim German Start-up Award 2025 zur „Newcomerin des Jahres“ gekürt: Ghazaleh Madani, Gründerin und CEO der Potsdamer CanChip GmbH. Die Molekularbiologin hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als die Krebsforschung zu revolutionieren. „Es kann nicht sein, dass Menschen heute noch immer an einem Tumor sterben müssen“, sagt sie entrüstet und lässt keinen Zweifel daran, dass es schon bald wirksamere Therapien geben wird. Mit ihrem Unternehmen wird sie dazu beitragen.

Ghazaleh Madani stammt aus Isfahan, einer Stadt voll prächtiger Moscheen und Paläste, blühender Gärten und majestätischer Brücken, die den Zayandeh Rud überspannen. Die junge Iranerin vermisst ihre Heimat. „Das ist, wo ich geboren bin“, sagt sie mit offenem Blick, aufrecht in ihrem Bürostuhl sitzend, in einem sterilen Laborgebäude des Science Parks am Rande Potsdams. Sicher, sie könnte heimfahren. Und kann es doch nicht. „Es macht mich traurig. Ich will das nicht sehen“, wehrt sie ab, zermürbt von den Reglementierungen des autoritären Regimes, das es Frauen fast unmöglich macht, ihren eigenen Weg zu gehen. „Dabei sind die meisten gut ausgebildet, gerade in der Wissenschaft: höchst qualifiziert.“

Musik oder Biologie?

Auch für Ghazalehs Eltern, die Mutter Lehrerin, der Vater in der Ölindustrie, war es völlig selbstverständlich, dass die Tochter studieren würde. Die einzige Frage, die sich stellte, hieß: Musik oder Biologie? Anderthalb Jahre hatte Ghazaleh darum kämpfen müssen, als Violinistin im Iran mit anderen Musikerinnen auf einer Bühne auftreten zu dürfen. Ein Kraftakt, den sie nicht dauerhaft durchstehen würde. So entschied sie sich für Biotechnologie und darin besonders für die Krebsforschung. Ein Onkel war erkrankt und später auch ihre Mutter. Sie wollte etwas tun.

Aber warum in Deutschland? Nach dem Bachelorstudium war Ghazaleh nach Potsdam gekommen, um hier an der Universität das internationale Masterprogramm Biochemie und Molekularbiologie zu absolvieren. Bei ihrer damaligen Professorin Katja Hanack, die eine Technologie zur Herstellung von Antikörpern entwickelt hatte, offenbarten sich ihr die Möglichkeiten angewandter Forschung. Und dann spielte der Zufall mit. In einer Online-Konferenz, in der sie ihre biotechnologischen Ideen für die Krebsforschung präsentierte, traf sie ihren Landsmann Dr. Omid Nejati, der in der Türkei an ähnlichen Themen arbeitete und 15 Jahre Erfahrung mitbrachte. Gemeinsam starteten sie durch. Und nutzten dabei das gründungsfreundliche Umfeld von Universität und Science Park.

Das vierköpfige Team von CanChip entwickelt hochpräzise Tumor-on-a-Chip-Modelle, die gegenüber traditionellen Methoden wie 2D-Zellkulturen und Tierversuchen erhebliche Vorteile aufweisen. Komplexe tumorbiologische Prozesse werden hier in einem kontrollierten Mikroumfeld nachgebildet.

Weniger Nebenwirkungen, bessere Lebensqualität

Darin lässt sich die Wirksamkeit von Medikamenten unter Bedingungen testen, die den menschlichen Tumoren sehr nahekommen, sodass die Patienten daraufhin eine individuell angepasste und effektivere Chemotherapie erhalten können. „Die Nebenwirkungen lassen sich mit einem solch personalisierten Behandlungsansatz reduzieren. Die Lebensqualität der Patienten wird verbessert und ihre Belastung durch langwierige klinische Tests verringert sich“, ist Madani überzeugt.

Nicht zuletzt leistet die Tumor-on-a-Chip-Technologie einen wichtigen Beitrag zum Tierschutz, indem sie die hohe Anzahl der erforderlichen Tierversuche in der Krebsforschung deutlich herabsenkt. „Während meines Masterstudiums habe ich in einem Unternehmen gearbeitet, das an Ratten und Mäusen forschte. Das war schwer auszuhalten. Also suchte ich nach einer Alternative“, erklärt die Biotechnologin in korrektem, fast akzentfreiem Deutsch.

Die fremde Sprache hat Ghazaleh Madani während des Studiums beim Jobben in einem Café gelernt. „Ich bin sehr perfektionistisch, aber hier musste ich damit leben, Fehler zu machen. Auf diese Weise habe ich verstanden, dass es nicht sinnvoll ist, etwas nicht zu tun, weil es nicht perfekt sein könnte.“

Mutig anzufangen, etwas Neues zu probieren, Frustration auszuhalten – das hilft der Gründerin nun auch bei der Leitung von CanChip. Doch die Hürden sind mitunter hoch: „Nur zwei Prozent aller Investitionen fließen in von Frauen geführte Unternehmen“, kritisiert sie und erklärt, dass hier nicht allein die Idee, sondern vor allem die Person zähle. Mit fachlicher Kompetenz und starken Argumenten war es ihr schließlich gelungen, einen Investor zu überzeugen. „Ohne meinen Freund, der sich als Deutscher hier im Wirtschaftsleben gut auskennt, hätte ich das wohl nicht geschafft“, sagt die Unternehmerin, die sich ein dichteres Netzwerk von Deep-Tech-Start-ups ihrer Branche wünscht. „Nicht zehn oder zwölf, sondern 50 bis 60 Mitglieder wären gut, um gemeinsam etwas zu erreichen.“ Noch zu oft fordern Bürokratie und Dokumentationspflichten, lange Bearbeitungszeiten und komplexe Standardisierungsprozesse ihre Geduld heraus. Zumal sie als Geschäftsführerin die nächsten Schritte bereits geplant hat. „Zwei weitere Labore sind reserviert. Wir haben Kapazitäten zu wachsen, wollen neue Kunden gewinnen und dafür Personal einstellen.“

Auch um Fachkräfte zu gewinnen, pflegt die Absolventin enge Kontakte mit ihrer Universität, will einen Workshop für Studierende anbieten und die neue Technologie vorstellen, für die das Patentverfahren läuft. Ihr strategisches Ziel ist klar formuliert: die Plattform weiterentwickeln und führender Anbieter werden, nicht nur in Deutschland, sondern international.


Ghazaleh Madani studierte Biochemie und Molekularbiologie an der Universität Potsdam. 2025 wurde sie mit ihrem Start-up zur „Newcomerin des Jahres“ gewählt.

Zur CanChip GmbH: https://canchip.org/de/home-deutsch/

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2025 „Demokratie“.