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Deutscher Blick auf Jüdische Literatur? – Literaturwissenschaft verknüpft Theorie und Praxis des Literaturbetriebs

Innovative Lehrprojekte 2022

Bücher
Foto : AdobeStock/Yurii-Zymovin
Neue Literatur und alte Stereotype? Ein literaturwissenschaftliches Seminar untersucht – in Theorie und Praxis –, wie das Feuilleton Jüdische Literatur rezipiert.

Was ist „Jüdische Literatur“? Wie sieht sie aus und wie funktioniert sie? Die beiden Literaturwissenschaftlerinnen PD Dr. Anna-Dorothea Ludewig und Dr. Ulrike Schneider haben ein Projektseminar konzipiert, das diesen Fragen nachgeht – und die Studierenden mit Akteuren aus der Literaturszene ins Gespräch bringt. Matthias Zimmermann sprach mit ihnen über den Mehrwert, den der Blick auf die Praxis bietet, die Aktualität von Stereotypen und natürlich Literatur.

Eine Ihrer Lehrveranstaltungen wird von der Unileitung als „innovatives Lehrprojekt“ gefördert. Worum geht es dabei?

In der Lehrveranstaltung „‚German Gaze‘? – Jüdische Literaturen im aktuellen deutschsprachigen Feuilleton“ untersuchen wir, welcher Stellenwert diesen im Feuilleton beigemessen wird. Konkret geht es dabei um die Offenlegung von Marketing- und Aufmerksamkeitsstrategien, die zur Bewerbung und Einordnung von Autor:innen und ihren Werken eingesetzt werden. Dadurch wollen wir die damit verbundenen Zuschreibungen, Projektionen und Verengungen aufzeigen. Das Beharren auf einer jüdischen Alterität, verbunden mit der Zuschreibung bestimmter Stereotype und Narrative, ist eben kein historisches, sondern ein nach wie vor aktuelles Phänomen, das im Rahmen des Projektes analysiert wird.

Die MA-Studierenden werden mit diesem Ansatz für die Bedeutung von Literaturkritik und die damit verbundenen Bewertungsmechanismen sensibilisiert: Denn Literaturkritik wirkt nicht nur stark auf Kanonisierungsprozesse ein, sondern ist auch an der Erzeugung und Tradierung von Stereotypen beteiligt bzw. kann zur Dekonstruktion derselben beitragen.

Was macht sie innovativ?

Das Seminar ist als Projektseminar angelegt. Nach einem ersten, theoretischen Teil, in dem wir uns literaturhistorisch mit dem Begriffsfeld Jüdische Literaturen sowie literatursoziologisch mit dem Literaturbetrieb auseinandergesetzt haben, folgt nun in der zweiten Semesterhälfte der Praxisteil. Gemeinsam mit den Studierenden wurde dafür ein Analysemodell erarbeitet, mit dessen Hilfe sie unterschiedliche Textformate und Medien (Rezensionen, Essays, Interviews, Reportagen, Social Media) hinsichtlich der Präsentation, Funktion und Bewertung Jüdischer Literaturen befragen und untersuchen. Dies erfolgt anhand ausgewählter Fallbeispiele, welche die Studierenden selbst wählen können. So gibt es u.a. einen komparatistischen Vergleich zu Yasmina Rezas Roman „Serge“.

Warum wollten Sie mal etwas anders machen?

Mit dem Seminarkonzept möchten wir zum einen den Transfer von der Theorie in die Praxis anregen. Dazu zählt neben der praxisorientierten Anwendung von literaturwissenschaftlichen Konzepten auch das Gespräch mit Akteur:innen, wie Autor:innen, Verleger:innen und Kurator:innen aus dem Literaturbetrieb, die innerhalb des Seminars mit den Studierenden über ihre Erfahrungen der Einordnungen durch Literaturkritik, aber auch Literaturwissenschaft sprechen. Zum anderen werden die einzelnen Fallstudien, die die Studierenden erstellen, veröffentlicht, entweder in Form einer kleinen Publikation oder als Podcast. Es sind somit Arbeiten, die nicht für die Schublade entstehen, sondern einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden sollen.

Wie entstand die Idee für das Projekt?

Das Projekt ist inspiriert von der Studie FRAUEN ZÄHLEN, die sich mit der „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ befasst bzw. Daten dazu erhoben hat. Daraus haben wir die Frage nach dem Blick der deutschsprachigen Literaturkritik auf Jüdische Literaturen abgeleitet und im Titel provokant einen „German Gaze“ unterstellt. Freilich kann es dabei nicht um „Sichtbarkeit“, sondern vielmehr um die Offenlegung (möglicher) Rückgriffe auf Stereotypen und Etikettierungen gehen, die insbesondere dem binären Paradigma einer deutsch-jüdischen Literatur immanent sind und waren.

Was erhoffen Sie sich von der Lehrveranstaltung?

Das Projekt stellt die Vermittlung und Anwendung von forschungsbasiertem Lernen in den Mittelpunkt. Dabei soll sowohl literaturhistorisches Wissen vertieft als auch theoretische und praktische Auseinandersetzung mit Literaturkritik erlernt werden. Vor diesem Hintergrund erhoffen wir uns, insbesondere über die zu untersuchenden Fallbeispiele mehr über das Schreiben/Berichten über Jüdische Literaturen im deutschsprachigen Feuilleton (einschließlich audiovisueller Medien) zu erfahren. Aber das Projekt ist keine repräsentative Studie, es kann also nur um Ausschnitte und Einblicke gehen, die aber möglicherweise einzelne Narrative offenlegen könn(t)en.

Gibt es erstes Feedback der Studierenden?

Wir haben durch die Förderung die Möglichkeit, Gäste einzuladen. Eine erste Veranstaltung hat bereits im November stattgefunden, dafür konnten wir den jüdischen Schriftsteller und Journalisten Dmitrij Kapitelman gewinnen. Seine Lesung und das gemeinsame Gespräch ist von den Studierenden sehr positiv aufgenommen worden.

 

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