Sexuelle Aggression – Ein Team um die Psychologin Barbara Krahé will die Kompetenz von jungen Erwachsenen in sexuellen Situationen fördern

Die Forscherinnen Dr. Paulina Tomaszewska (links), Prof. Dr. Barbara Krahé (mitte) und Dr. Isabell Schuster (rechts). Das Foto ist von Tobias Hopfgarten.
Portrait von Prof. Dr. Barbara Krahé. Das Foto ist von Tobias Hopfgarten.
Mann sitzt auf dem Bett, den Kopf an die Knie gesenkt. Das Bild ist von AdobeStock/kwanchaift.
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Die Forscherinnen Dr. Paulina Tomaszewska (links), Prof. Dr. Barbara Krahé (mitte) und Dr. Isabell Schuster (rechts)
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Prof. Dr. Barbara Krahé
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Ein Team um die Psychologin Barbara Krahé will die Kompetenz von jungen Erwachsenen in sexuellen Situationen fördern

#MeToo hat Wellen geschlagen – und das nicht nur im Netz, sondern auch in den Köpfen. Viele Menschen bewerten nun Berührungen, Gesten und Worte als sexualisierten Übergriff, die sie vorher vielleicht als Privatsache zwischen zwei Menschen einsortiert haben. Und das Erkennen sexualisierter Gewalt ist die Voraussetzung dafür, sie zu verhindern. Die Sozialpsychologin Barbara Krahé hat mit ihrem Team in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Studie gefragt, wie sexueller Aggression, definiert als unfreiwillige sexuelle Kontakte, vorgebeugt werden kann. 1.181 Studierende der Universitäten in Potsdam und Berlin nahmen von 2018 bis 2020 daran teil.

Sexualisierte Gewalt ist erschreckend verbreitet. Doch was sind die Risikofaktoren dafür, Opfer oder Täter zu werden? Und wie lässt sie sich verhindern? Was es wahrscheinlicher macht, sexuelle Aggression zu erleben oder auszuüben, das hatten Barbara Krahé und ihre Mitarbeiterin Anja Berger schon in einer früheren Studie aus den Jahren 2011 bis 2013 herausgefunden. Damals befragten die Psychologinnen über 2.400 Studierende und stellten fest, dass die Vorstellungen über den Ablauf von freiwilligen sexuellen Kontakten eine „ganz entscheidende Bedeutung“ haben. Barbara Krahé nennt diese Skripts auch Verhaltensdrehbücher. „Das ist vergleichbar mit einem Besuch im Restaurant“, erklärt die Psychologin. „Jede Person hat eine allgemeine Vorstellung davon, wie eine solche Situation abläuft: Wo setze ich mich hin, was bestelle ich, wann gehe ich wieder?“ In Bezug auf sexuelle Aggression sind solche Verhaltensdrehbücher dann als riskant einzuschätzen, wenn sie bestimmte Merkmale aufweisen, die nachgewiesenermaßen mit sexuellen Opfererfahrungen und Täterhandlungen in Verbindung stehen. Dies ist etwa der Fall, wenn eine Person denkt, dass Alkoholkonsum zu sexuellen Interaktionen dazugehört oder dass man seine sexuellen Absichten und Wünsche nicht zu deutlich kommunizieren sollte. Solche Skripts lenken das Verhalten in sexuellen Situationen und wirken sich so auf das Risiko aus, unfreiwillige sexuelle Kontakte zu erleben oder andere dazu zu bringen.

Um herauszufinden, wie das Risiko für unfreiwillige sexuelle Kontakte gesenkt werden kann, brachte Krahé zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen Paulina Tomaszewska und Isabell Schuster eine zweite Studie auf den Weg. „KisS – Kompetenz in sexuellen Situationen“ nennt sich die Interventionsstudie, die sie mit dem Titel bewusst positiv besetzen wollten. Die Studienteilnehmenden waren durchschnittlich 22 Jahre alt und stammten überwiegend aus der Region. 65 Prozent von ihnen waren weiblich. „Wir haben einen inklusiven Ansatz verfolgt, indem gleichgeschlechtliche, gegengeschlechtliche und Kontakte mit beiden Geschlechtern erfasst wurden.“ Häufig würden in Studien Frauen nur nach Opfererfahrungen und Männer nur nach Täterhandeln befragt. „Das ist aus unserer Sicht überholt“, sagt Krahé. Zwar hätten Frauen eine höhere Opferwahrscheinlichkeit und Männer riskantere Skripts. „Aber für beide gilt: Je riskanter die Verhaltensdrehbücher, desto wahrscheinlicher ist ein riskantes Verhalten und damit die Wahrscheinlichkeit unfreiwilliger sexueller Erfahrungen.“

Die Probandinnen und Probanden konnten die Psychologinnen vor allem über Mailinglisten der Universität Potsdam und von Berliner Hochschulen gewinnen. Sie wurden anschließend per Zufallsprinzip und unwissentlich in eine Kontroll- und eine Interventionsgruppe aufgeteilt. In beiden Gruppen wurden zunächst die sexuellen Skripts und eine Reihe anderer Aspekte des Denkens und Handelns in Bezug auf sexuelle Begegnungen erfasst, um sie mit den Daten vergleichen zu können, die nach der Intervention erhoben werden sollten. Danach bearbeitete die Interventionsgruppe im wöchentlichen Abstand sechs Präventionsmodule, während die Kontrollgruppe keine Aufgaben erhielt. „Eine Woche nach dem letzten Modul haben wir beide Gruppen befragt, dann noch einmal neun Monate und schließlich zwölf Monate später ein drittes Mal“, erklärt Schuster.

Beim ersten Messzeitpunkt vor der Intervention wurden die Probandinnen und Probanden gefragt, ob sie seit dem 14. Lebensjahr sexuelle Aggression erlebt oder ausgeübt hatten. Später dann, ob sie seit der letzten Befragung sexuellen Kontakt gegen ihren Willen erlebt oder andere dazu gebracht hatten. Das heißt konkret: Erlebten die Befragten beispielsweise Berührungen, Küsse oder Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen oder brachten eine andere Person dazu? Gab es verbale Nötigung, wurden etwa Gerüchte verbreitet oder wurde gedroht, die Beziehung zu beenden? Konnte sich eine Person nicht wehren, weil sie unter Alkoholeinfluss stand?

Die Ergebnisse der Studie sind aufgrund der hohen Opferzahlen erschreckend, sie zeigen aber auch, dass Prävention möglich ist. Zu Beginn der Studie berichteten 62 Prozent der Frauen und 37 Prozent der Männer, seit dem 14. Lebensjahr mindestens eine Opfererfahrung gemacht zu haben. Täterhandlungen wurden für diesen Zeitabschnitt von neun Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer berichtet. Diese Zahlen zeigen klar, dass es einen Bedarf für Präventionsmaßnahmen gibt.

„Wir sind davon ausgegangen, dass wir nach Abschluss der Befragung bei der Interventionsgruppe weniger aggressives Verhalten und weniger Opfererfahrungen finden würden“, erklärt Barbara Krahé. „Dies hat sich bestätigt: Bei den Probandinnen und Probanden, die an dem sechswöchigen Präventionsprogramm teilgenommen hatten, fanden sich weniger riskante Skripts. Das sexuelle Selbstwertgefühl war höher und die Akzeptanz für sexuelle Nötigung geringer“, erklärt Krahé. „Wir haben gezeigt, dass wir das Risiko für unfreiwillige sexuelle Kontakte verringern können, wenn die Skripts für freiwilligen Sex weniger riskant werden.“ Unter dem sexuellen Selbstwertgefühl verstehen die Wissenschaftlerinnen positive Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen in Bezug auf die eigene Sexualität. „Hat jemand ein hohes sexuelles Selbstwertgefühl, ist die Wahrscheinlichkeit, sexuelle Gewalt auszuüben oder zu erfahren geringer – es ist also ein schützender Faktor“, erklärt Isabell Schuster.
 
Die Studierenden bearbeiteten Module zur Förderung der sexuellen Kompetenz

Stell dir vor, du willst zum ersten Mal mit deinem Partner schlafen, wie würde es ablaufen? Wie wahrscheinlich ist es, dass du ja sagst, obwohl du nein meinst? Wie gut kanntest du die Person, mit der du zuletzt geschlafen hast? Bist du zufrieden mit deinen sexuellen Kontakten? Wie häufig konsumierst du Pornografie? Hast du schon einmal eine Person, die sehr betrunken war, dazu gebracht, mit dir Geschlechtsverkehr zu haben? Mit solchen Fragen setzten sich die Studierenden der Interventionsgruppe über sechs Wochen auseinander. Die Module kreisten alle um die Risikofaktoren, die die Psychologinnen in der Vorgängerstudie ermittelt hatten: und zwar Alkoholkonsum, uneindeutige sexuelle Kommunikation, oberflächliche sexuelle Kontakte („Casual Sex“), ein geringes sexuelles Selbstwertgefühl, Pornografiekonsum und die Akzeptanz von sexueller Nötigung.

„Wir haben in den Modulen lebensnahe Szenarios beschrieben, in denen sich junge Erwachsene wiederfinden können“, erklärt Paulina Tomaszewska. „Zum Beispiel eine Nacht in einem Club: Es wird Alkohol getrunken, zwei Menschen lernen sich kennen und es kommt zu einer sexuellen Annäherung.“ Anschließend gaben die Wissenschaftlerinnen didaktische Erklärungen zu den psychologischen Effekten von Alkohol, der die Vulnerabilität, also das Risiko, Opfer zu werden, erhöht. Die Teilnehmenden erhielten dann Selbstreflexionsaufgaben, sollten zum Beispiel mit Freunden diskutieren, ob es OK ist, jemanden zum Sex zu überreden.

Der Konsum von Pornografie spielte in der Studie eine Rolle, weil er mit den stereotypen Darstellungen die Verhaltensdrehbücher deutlich beeinflusse. „Studien haben gezeigt, dass Pornografie die mentalen Repräsentationen von sexuellen Kontakten steuert“, erklärt Krahé. „So kann es kommen, dass Männer denken, dass Frauen ‚nein‘ sagen, obwohl sie in Wirklichkeit ‚ja‘ meinen – wie in pornografischen Filmen gesehen.“

Die richtige Ansprache ist wichtig, um sexueller Gewalt vorzubeugen

„Für junge Erwachsene ist das Thema Sex zwar zentral, aber immer noch sehr tabubesetzt“, sagt Krahé. Deswegen ist es eine große Herausforderung, den richtigen Ton zu finden, um junge Menschen für ungewollte sexuelle Erfahrungen zu sensibilisieren. Aufklärung allein reiche dabei nicht: „Wir wissen aus der Aidsprävention, dass das Wissen über Übertragungswege weniger eine Rolle spielt, sondern vielmehr, ob ich mich zum Beispiel traue, in der Drogerie Kondome zu kaufen“, so Krahé. Die Studie zeige exemplarisch, wie eine fundierte Intervention aussehen muss: „Wir dürfen nicht mit negativen Botschaften kommen und zum Beispiel sagen, Alkohol ist schlecht. Wir haben kritische Faktoren so thematisiert, dass sie keinen Widerstand bei den Teilnehmenden erzeugten, sondern sie sich mit den geschilderten Situationen auseinandersetzen wollten.“

Einen Erfolg konnten die Wissenschaftlerinnen deswegen auch darin ablesen, dass über 80 Prozent der Probandinnen und Probanden bis zum Ende dabeigeblieben sind. „Diese geringe Dropout-Rate ist fast schon sensationell“, sagt Krahé. Eine Studienteilnahme über zwei Jahre sei ein Indiz dafür, dass es den Teilnehmenden selbst etwas gebracht habe. Die Wissenschaftlerinnen haben vorab Unterstützungsmaßnahmen eingeplant, und das Studiendesign wurde von der Ethikkommission der Universität Potsdam bewilligt. „Wir haben Hilfebuttons auf den Seiten angebracht, um professionelle Hilfe zu vermitteln“, erklärt Krahé. Die Studie wurde vollständig anonym durchgeführt. Außerdem entschieden sich die Psychologinnen bewusst dafür, die Fragebögen online zu einer selbstgewählten Zeit ausfüllen zu lassen. „Wir wissen aus anderen Studien, dass Menschen von erlebter oder ausgeübter sexueller Aggression in einem geschützten Raum zu einem selbstgewählten Zeitpunkt eher berichten“, sagt Isabell Schuster. „Wahrscheinlich wird dann wahrheitsgemäßer geantwortet.“

Bestätigen konnten die Forscherinnen zudem einen erschreckenden Befund, den bereits andere Studien ermittelt haben: „Die Raten sexueller Aggression sind hoch, und auch höher als noch vor zehn Jahren.“ Krahé vermutet, dass die #MeToo-Bewegung hierbei eine Rolle spielt – sie war vermutlich „bewusstseinsbildend“. Offenbar bewerten Menschen seither sexuelle Aktivitäten eher als unfreiwillig als noch zuvor. Damit wären die Zahlen sexueller Nötigung und Vergewaltigung nicht tatsächlich gestiegen, sondern die Einordnung von eigenem Verhalten oder eigenen Erfahrungen als übergriffig. Deswegen haben die Wissenschaftlerinnen die Fragen sehr nah am Verhalten formuliert: „Wenn man Personen fragt, ob sie vergewaltigt wurden, sagen sie oft nein, aber fragt man sie, ob sie unter Androhung von Gewalt zum Sex gebracht worden sind, hört man viel häufiger ein Ja. Sich selbst als Opfer zu sehen, ist gar nicht so einfach“, erklärt die Sozialpsychologin. Zudem seien die Zahlen der Täter in allen Studien zu sexueller Aggression niedriger als die der Opfer – was sich entweder dadurch erklären lässt, dass ein Täter mehrere Opfer hat, oder dass sie ihre Taten nicht zugeben.

In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschaftlerinnen die Interventionsmodule für die Öffentlichkeit nutzbar machen, womöglich als digitale Ressource für den Schulunterricht. Außerdem planen sie, das Forschungsdesign der ersten Studie von 2011 bis 2013 auf Jugendliche zu übertragen, und sind gerade auf der Suche nach einer Förderung. „Es ist wichtig, möglichst früh mit der Prävention anzufangen. Denn wir wissen, dass sehr viele Jugendliche ungewollte sexuelle Erfahrungen machen“, so Krahé.

Sexuelle Aggression im Kulturvergleich

Isabell Schuster und Paulina Tomaszewska führten ähnliche Längsschnittstudien in Chile, der Türkei und in Polen durch. Schuster studierte neben Psychologie auch Turkologie und lebte mehrere Jahre in Chile. Sie fragte sich, ob in der Türkei und in Chile ähnliche Mechanismen wie in Deutschland wirken – und kam in zwei Längsschnittstudien zu dem Ergebnis, dass dort ähnliche Risikofaktoren von Bedeutung sind und die Verhaltensdrehbücher ebenso eine große Rolle zur Vorhersage von sexueller Opfererfahrung und Ausübung sexueller Aggression spielen. Ähnliche Befunde konnte auch Tomaszewska mit einer polnischen Stichprobe zeigen. Sie hatte in ihrer Promotion die sexuellen Skripts und deren Zusammenhänge mit sexueller Aggression sowie weitere Prädiktoren wie Religiosität unter polnischen Studierenden untersucht: „Ich habe mich besonders dafür interessiert, wie sich die religiöse, eher konservative Erziehung in Polen, wo ich aufgewachsen bin, auf sexuelle Skripts auswirkt.“ Das Ergebnis: Je religiöser die Studierenden waren, desto weniger riskant waren ihre sexuellen Skripts, was wiederum weniger riskantes Sexualverhalten und eine geringere Rate sexueller Opfererfahrungen vorhersagte. Diesen Zusammenhang hat Isabell Schuster auch bei jungen Erwachsenen in der Türkei und in Chile festgestellt. „Religiosität ist ein schützender Faktor, die Skripts sind weniger riskant“, sagt sie. „Doch zugleich ist Religiosität ein Risikofaktor, weil sie oft mit einem geringeren sexuellen Selbstwertgefühl einhergeht. Besonders religiöse Menschen konnten ungewollte sexuelle Kontakte nicht klar ablehnen.“

Der Schlüssel dazu, sexuelle Aggressionen zu verhindern, liegt für Barbara Krahé in den Vorstellungen von einvernehmlichem Sex. „Es geht darum, dass sich junge Erwachsene in gewünschten, konsensuellen Interaktionen kompetenter verhalten – denn das verringert das Risiko für ungewollte sexuelle Kontakte.“

Das Projekt

Preventing Sexual Aggression among College Students: An Online Intervention Study
Beteiligt: Prof. Dr. Barbara Krahé (Leitung), Isabell Schuster, Paulina Tomaszewska
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Laufzeit: 2018–2021

Die Forscherinnen

Prof. Dr. Barbara Krahé studierte Psychologie, Anglistik und Erziehungswissenschaften an den Universitäten Bonn und Sussex. Bis 2021 hatte sie den Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Potsdam inne.
E-Mail: kraheuni-potsdamde

Dr. Isabell Schuster studierte Psychologie an der Universität Potsdam und der Universidad de Chile sowie Turkologie an der FU Berlin. Sie war bis2019 Wissenschaftliche Mitarbeiterinan der Professur für Sozialpsychologie der Universität Potsdam und arbeitet seitdem am Arbeitsbereich Emotionale und soziale Entwicklung an der Freien Universität Berlin.
E-Mail: isabell.schusterfu-berlinde

Dr. Paulina Tomaszewska studierte Psychologie an der Universität Potsdam und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Kompetenz in sexuellen Situationen“ (KisS)an der Universität Potsdam.
E-Mail: paulina.tomaszewskauni-potsdamde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2022 „Zusammen“.