Jung, jüdisch, queer – Helene Shani Braun will Rabbinerin werden – und Feminismus in die Gemeinden bringen

Helene Shani Braun | Foto: Dr. Jana Scholz
Foto : Dr. Jana Scholz
Helene Shani Braun

Eine junge Frau springt vom E-Roller nahe einer belebten Einkaufsstraße in Berlin. Um ihren Hals trägt sie eine Kette mit der Aufschrift „Feminist“. Sie muss noch schnell die zugehörige App bedienen, dann hat Helene Shani Braun Zeit für einen Cappuccino. Die 24-Jährige ist nicht nur Feministin, sie ist auch auf dem Weg, Rabbinerin zu werden. Damit wird sie zu den bislang wenigen Frauen in Deutschland gehören, die das geistliche Amt übernehmen.

„Es ist vorerst mein letztes Interview“, erzählt Braun. Ab Herbst 2021 wird die Studentin zwei Semester an einer Talmudschule in Jerusalem verbringen. In den vergangenen Monaten hat sie bereits reichlich Erfahrungen mit der Presse gesammelt: Der „Spiegel“ sagte ihr eine Zukunft als jüngste Rabbinerin Deutschlands voraus, im rbb erklärte sie, was queer sein eigentlich bedeute, und dem Deutschlandfunk, warum die Frage nach dem Geschlecht von Gott so spannend sei.

Tatsächlich begann sie ihr Studium der Jüdischen Theologie an der Uni Potsdam und die Ausbildung zur Rabbinerin am Abraham-Geiger-Kolleg mit 21, dem vorgeschriebenen Mindestalter. Heute ist sie im siebten Semester. Sie hat es in Wahrheit nicht besonders eilig, den Bachelor abzuschließen. „Ich lege es nicht darauf an, die jüngste Rabbinerin Deutschlands zu werden. Ich habe Respekt vor dem Amt und will mich bereit dafür fühlen“, sagt sie.

Braun wird an der Jewish School of Theology auch zum Umgang mit der Presse beraten. Dabei ist sie selbst fast schon eine Medienexpertin: mit einer eigenen Webseite und einem Instagram-Kanal, aber auch einem „Online-Grundkurs Judentum“, in dem sie mit Interessierten über alles spricht, was in einem jüdischen Leben wichtig sein kann: von jüdischen Schriften über Bräuche, Gedenk- und Feiertage bis hin zu den Speisegesetzen. „Zuerst wollte ich Menschen erreichen, die jüdisch sind, aber nicht mit den Traditionen aufgewachsen sind und dies nun vermissen.“ Inzwischen gebe es aber auch nichtjüdische Teilnehmende. Der Kurs festige auch ihr eigenes Wissen und trainiere sie darin, vor Menschen zu sprechen – was ihrer Rabbinatsausbildung zugutekommt.

Am Abraham Geiger Kolleg lernt Braun die praktische Seite des Berufs kennen:  Gottesdienstgestaltung, Predigtlehre und Seelsorge. „Shadowing spielt eine große Rolle, wir ahmen die Rituale und Gesten nach und verinnerlichen sie so.“ In einem Praktikum in einer Göttinger Gemeinde hat sie Gottesdienste geleitet und alle Details des Ablaufs geübt. Wie begeht die Gemeinde Feiertage wie Jom Kippur oder Rosch Haschana? Rollenspiele dienten dazu, auch die Seelsorge als wichtige Größe in der geistlichen Arbeit zu erlernen. Im Studium der Jüdischen Theologie an der Uni Potsdam liest sie theologische Texte, lernt Hebräisch und Aramäisch. Dabei gibt es auch Raum für hochaktuelle Themen: Im vergangenen Semester hielt sie ein Referat zur Transsexualität im Judentum – Geschlechterfragen sind Helene Brauns Steckenpferd.0

„Mir geht es um die Gleichberechtigung aller Menschen. Jede und jeder soll unabhängig von ‚Sex und Gender‘ die Synagoge besuchen können.“ Braun hat 2018 den Verein Keshet, aus dem Hebräischen „Regenbogen“, mitbegründet, der queeres jüdisches Leben sichtbar machen will. Der Verein ist nicht nur auf den Paraden am Christopher Street Day aktiv. In der Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße haben die Mitglieder zum Beispiel einen Gottesdienst veranstaltet, in dem die Predigt ganz im Sinne der Geschlechtervielfalt stand. „Um ehrlich zu sein, sind Synagogen freitagabends meist nicht allzu gut besucht. An diesem Abend aber kamen 120 Menschen in die Synagoge.“

In der Gemeinde in der Oranienburger Straße amtiert übrigens auch eine Rabbinerin – Gesa S. Ederberg, eine von fünf Frauen in Deutschland, die Oberhäupter jüdischer Gemeinden sind. Die erste Frau, die weltweit ordiniert wurde, war 1935 die Berlinerin Regina Jonas. Neun Jahre später wurde sie in Auschwitz ermordet. Es dauerte über 60 Jahre, ehe in Deutschland 2010 wieder eine Frau ordiniert wurde: Alina Treiger, ebenfalls Absolventin des Abraham Geiger Kollegs. Sieben Rabbinerinnen hat das Kolleg bislang ordiniert und drei Kantorinnen in ihr Amt eingeführt. Und irgendwann wird Helene Braun folgen.

Ihre Mutter habe sie an den jüdischen Glauben herangeführt. „Mama hat mich in die Synagoge mitgenommen, mir die Bräuche und die Geschichte nahegebracht.“ Als Jugendliche besuchte sie das Jugendzentrum der Gemeinde. „Während viele Teenager das Interesse am Gemeindeleben verlieren, war ich immer gerne da.“ Sie fand dort nicht nur ihre beste Freundin, sie hatte auch Spaß am Programm, den gemeinsamen Spielen und Feiern. Später wurde sie dort selbst Jugendleiterin. „Meine Hoffnung ist, dass ich aus der Jugendarbeit schöpfen kann und als junge Rabbinerin keine Hemmungen habe, einfach mal ein Spiel mit den Jugendlichen zu spielen.“ Als Oberhaupt einer Gemeinde möchte sie den jungen Menschen natürlich auch Keshet vorstellen.

Die 24-Jährige erlebt als öffentliche Person hin und wieder auch Gegenwind. Gerade online muss sie bisweilen blöde oder gar feindselige Kommentare hinnehmen. „Ich schaue sie mir nicht selbst an, sondern lasse sie mir von Freunden filtern.“ Helene Braun ist sich dennoch des Privilegs bewusst, sich in einer Großstadt wie Berlin in sehr offenen, liberalen religiösen Kreisen bewegen zu können. Anders sei das manchmal in Kleinstädten. „Wenn es nur eine Gemeinde in der Nähe gibt und diese ausgerechnet nicht welcoming ist, haben es Gläubige mit einem LGBTQIA+-Hintergrund schwer.“

Mehr Infos unter: https://helene-braun.de/
Instagram: leni_lafayette

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2021 „Familie und Beruf“ (PDF).