Zügellehre – Die Ästhetik der Reitkunst als Ausdruck europäischer Kulturgeschichte

Prof. Dr. Stefanie Stockhorst | Foto: Ernst Kaczynski
Illustration aus Johann Elias Ridingers „Vorstellung und Beschreibung derer Schul und Campagne Pferden nach ihren Lectionen“ (1760) | Illustration: Ridinger, Johann Elias: Vorstellung und Beschreibung derer Schul und Campagne Pferden nach ihren Lectionen, Augsburg 1760, Nr. 14. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Expl. 4 OEC I, 3042 (1) RARA.
Quelle: Ernst Kaczynski
Prof. Dr. Stefanie Stockhorst
Quelle: Ridinger, Johann Elias: Vorstellung und Beschreibung derer Schul und Campagne Pferden
Illustration aus Johann Elias Ridingers „Vorstellung und Beschreibung derer Schul und Campagne Pferden nach ihren Lectionen“ (1760)

„Der Reitstil lässt den Regierungsstil erahnen – mit Gewalt oder Geschick“, so sagte man in der Frühen Neuzeit. Nur wer ein Pferd beherrschte, war seinerzeit als Regent glaubwürdig. Aber wie erlernten die jungen Prinzen eigentlich das Reiten? Wie konnten sie binnen kurzer Zeit quasi perfekt mit Pferden umgehen? Gab es besondere Lehrbücher, Unterricht oder beides? Ausgehend von diesen Fragen wertete Prof. Dr. Stefanie Stockhorst an der Universität Potsdam Bücher vom 16. bis 18. Jahrhundert aus, die sich mit der Reitkunst ihrer Zeit beschäftigten. Heraus kam eine spannende Geschichte der Wissensvermittlung, die nicht nur von der Reitkunst erzählt, sondern auch parallele Entwicklungen in der Theorie der Künste und überhaupt die Dynamik in der damaligen Gesellschaft darstellt.

„Zunächst hatte ich nur ein dünnes Buch mit schönen Bildern geplant“, sagt Stockhorst, die selbst passionierte Reiterin und Besitzerin eines Islandpferdes ist. Doch dann zeigte sich, dass die Bedeutung des Themas viel tiefer greift: „Das Korpus machte mir bewusst, wieviel darin eigentlich steckt – fast die gesamte Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit lässt sich an der Reitlehre der Zeit ablesen.“ Schließlich schrieb die Professorin ein 360 Seiten starkes Buch darüber – „Ars Equitandi. Eine Kulturgeschichte der Reitlehre in der Frühen Neuzeit“ –, das im Sommer 2020 erschienen ist.

Neben repräsentativ aufgemachten Gebrauchstexten enthält das untersuchte Korpus sogar einzelne Titel, die der Reitlehre eine literarische Form geben. Stockhorst, die in Göttingen neben dem Lehramt Deutsch auch ein Studium der Medizingeschichte abschloss, analysiert die Lehrbücher nicht zuletzt in ihrem rhetorischen Grundzug. „Hier wird die Frühe Neuzeit lebendig“, erzählt die Wissenschaftlerin begeistert. Die auffällig schönen Bücher – meist im Folio-Format mit aufwendigen Illustrationen – zeigen, „dass Reiten tatsächlich als Kunst galt. Die Autoren suchten mit ihren Lehrbüchern seinerzeit ausdrücklich den Anschluss an den Kunst-Diskurs der Frühen Neuzeit.“ Für Stockhorst, die seit 2009 als Literaturprofessorin an der Universität Potsdam arbeitet, liegt das zentrale Ergebnis ihrer Forschung in der wesentlichen Verbindung aus Form und Inhalt der Reitlehren: „Es ging den Autoren nicht darum, praktische Anleitungen zu schreiben, die sich die Reitschüler in die Hosentasche stecken konnten. Vielmehr hatten sie die freien Künste im Visier. Sie versuchten, für das Reiten den Status Kunst zu erlangen – vergleichbar der Bildhauerei oder Literatur.“

Frühe Neuzeit als Steckenpferd

 „Das 18. Jahrhundert ist für mich eine spannende Zeit“, erläutert die Germanistin, „weil dort unsere Werte wie bürgerliche Freiheit, moderne Demokratie und Menschenwürde – die uns heute noch viel bedeuten – begründet wurden.“ Vom 16. und 17. Jahrhundert, die ebenfalls zur Frühen Neuzeit gehören, lässt sich Stefanie Stockhorst vor allem intellektuell inspirieren. „Da wurden viele kreative Dinge gedacht, z. B. das Reiten nach rhetorischen Standards als Kunst modelliert.“ Nach der Promotion hat sie rund zehn Jahre auf dem Gebiet der Europäischen Kulturgeschichte gelehrt und geforscht, was ihre Arbeit bis heute prägt. „Vielleicht war das eine Weichenstellung für die spätere kulturgeschichtliche Anschlussfähigkeit“, sagt sie. Im Grunde folgt sie weiter dem Pfad, den sie mit ihrer Habilitationsschrift begonnen hat: „Damals schrieb ich über Normen und Abweichungen in der Dichtkunst“, erläutert die Germanistin. „Jetzt haben mich der normative Diskurs in der Reitkunst interessiert – wie nahe das der Dichtkunst steht, war eine echte Überraschung für mich.“

Die Quellen des Textkorpus sind größtenteils digitalisiert. Reisen in verschiedene Archive oder Bibliotheken waren nicht nötig. An einem extra senkrecht gestellten Bildschirm in ihrem Büro konnte Stockhorst die Portfolio-Bücher genau ansehen und dabei raffinierte Details entdecken. Sie fand ein kunstvoll verziertes Gebiss mit Zungenspieler und Löffel, das „keineswegs funktional, sondern im Zweifel für den praktischen Gebrauch sogar gefährlich war“, erklärt die Wissenschaftlerin. „So etwas ließ man sich anfertigen, um es als Schaustück in die fürstliche Sattelkammer zu hängen.“ An solchen übersteigerten Details lässt sich das Überbordende in der Reitkunst zeigen, das der damaligen Ästhetik entsprach: So haben sich Reitmeister und Höfe inszeniert. „Wer sich das nicht leisten konnte, erwarb ein paar schöne Bücher über die Reitkunst und stellte sie sich ins Regal“, führt Stockhorst aus. „Über die kunstvoll gestalteten Portfolios – man könnte von Vorläufern des ‚coffee table book‘ sprechen – konnte Teilhabe an Herrschaftswissen demonstriert werden.“

Welche Funktionen hatten die Reitlehrbücher?

Das Naheliegende eines Lehrbuchs, nämlich Fertigkeiten und praktische Anleitungen zu vermitteln, stand bei den Reitlehren der Frühen Neuzeit nicht im Vordergrund. Vielmehr ging es darum, die Reputation der Autoren als Fachleute unter Beweis zu stellen. Dem völlig unbekannten Reitmeister Gabriel von Danup gelang das derart exemplarisch, dass Stefanie Stockhorst seinem Text „Neues und Lesewürdiges Gesprech“ aus dem Jahr 1623 einen eigenen Aufsatz gewidmet hat, der demnächst erscheint. „Danup ist der modernste Reitmeister im deutschsprachigen Raum, der schon 100 Jahre früher als bisher bekannt von absoluter und relativer Aufrichtung der Pferde geschrieben hat“, so die Professorin. In seinem literarischen Dialog lässt er die Pferde gegen ihre brutalen Ausbilder antreten. Am Ende fordert er eine neue Reitlehre, die einer schriftlich dokumentierten, systematischen Ausbildung sowie international verbindlichen Standards folgt. Mit dem Text konnte Danup nicht nur seine Expertise belegen, sondern die Schrift diente ihm zugleich als Arbeitsprobe, mit der er sich erfolgreich um eine neue Stelle als Reitmeister bewarb. Während sich französische, italienische und englische Reitmeister frühzeitig als individuelle Künstlerpersönlichkeiten inszenierten, vermittelten deutsche Reitlehrer komprimierte und systematische Darstellungen. „Sie suchten sich das Beste aus den vorliegenden Schriften heraus“, so Stockhorst, „ohne dabei selbst als Autoren groß in Erscheinung zu treten.“

Als die Freizeitreiterei aufkam, rückten am Buchmarkt bürgerliche Zielgruppen in den Fokus. Sie orientierten sich am Lebensstil der Höfe und wollten den richtigen Umgang mit den Pferden lernen. Für die Reitmeister erhöhte sich einerseits die Nachfrage nach ihren Lehrbüchern. Andererseits stellte sich für sie als Experten die Frage, wieviel von ihrem Wissen sie preisgeben sollten. Was galt es zu verschweigen, um gewisse Hierarchien aufrecht zu erhalten? Um Wissensvermittlung wird es auch im nächsten Projekt von Stefanie Stockhorst gehen: Dann nimmt sie sich maritime Handbücher vor und geht der Frage nach, mit welchen Verschriftlichungsstrategien das nautische Wissen weitergegeben wurde. „Praktiken der Textherstellung bleiben im Fokus meiner Forschung“, so die Professorin für Neuere Deutsche Literatur in Potsdam, „und manchmal kommen auch persönliche Liebhabereien ergänzend hinzu.“

Die Forscherin

Prof. Dr. Stefanie Stockhorst studierte Deutsch auf Lehramt und Medizingeschichte an der Universität Göttingen. Seit 2009 ist sie Professorin für Neuere deutsche Literatur/ Frühe Neuzeit an der Universität Potsdam.
E-Mail: stefanie.stockhorstuni-potsdamde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2021 „Wandel“.