Weltgeschichte als Dialog der Geschichten – Prof. Marcia Schenck bringt im History Dialogues Project Studierende aus der ganzen Welt zusammen

Prof. Dr. Marcia C. Schenck | Foto: Kevin Ryl
Global History Lab | Foto: Marcia Schenck
Global History Lab | Foto: Marcia Schenck
Global History Lab | Foto: Marcia Schenck
Quelle: Kevin Ryl
Prof. Dr. Marcia C. Schenck
Quelle: Marcia Schenck
Global History Lab
Quelle: Marcia Schenck
Global History Lab
Quelle: Marcia Schenck
Global History Lab

Marcia Schenck ist Historikerin und seit 2020 Professorin für Globalgeschichte an der Universität Potsdam. Die Expertin für das große Ganze, deren Seminare auch schon mal 750 Jahre abdecken, hat ein Projekt auf den Weg gebracht, bei dem scheinbar das genaue Gegenteil im Mittelpunkt steht: Im History Dialogues Project (HDP) schreiben Studierende – nach einem „Ritt“ durch die Weltgeschichte und einer Einführung in die Methoden der Oral History – eigene Mikrogeschichten. Für Marcia Schenck kein Widerspruch, sondern ein Beitrag zur Weiterentwicklung der Geschichtswissenschaft.

Das HDP ist ein hybrides Lehrformat, das man durchaus als revolutionär bezeichnen kann. Es verbindet Global- mit Lokalgeschichte, vernetzt Studierende aus aller Welt und bringt sie zugleich in kleinen Arbeitsgruppen an verschiedenen Orten an einen Tisch. Es arbeitet digital und mit Methoden der Oral History, enthält Vorlesungen, Seminare, Diskussionen, Feldarbeit und eine wissenschaftliche Konferenz. Das HDP ist also thematisch ebenso global wie in seinen Beteiligten: Aktuell sind 145 Studierende auf drei Kontinenten dabei – von Madrid bis Athen, Bishkek bis Ho Chi Ninh Stadt von Ibadan bis Nairobi und natürlich Potsdam.

„Im HDP entsteht Globalgeschichte im Kleinen“, so die Historikerin. „Mit enorm wichtiger Expertise. Denn die Studierenden schreiben über Räume, Zusammenhänge und Zeiten, für die sie ein einzigartiges Expertenwissen haben.“ Wie Gera Gizaw. Er lebt in Kakuma, einem Flüchtlingslager im Nordwesten Kenias und hat im HDP zum Camp geforscht und geschrieben. „Hier gibt es viele Communities und viele Geschichten zu erzählen.“ In seinem Projekt ging er der Frage nach, was für ein Leben Menschen in einem Flüchtlingslager führen, das nie als dauerhafte Siedlung gedacht war und trotzdem schon seit 30 Jahren besteht. „Es geht um die einzigartige Lebensweise zwischen Dauerhaftigkeit und Vergänglichkeit, die hier entsteht – und auch, was mit den Menschen passiert, wenn sie permanent impermanent werden“, erklärt er.

Das HDP ist Bestandteil eines zweiteiligen Kurses. In der ersten Hälfte mit dem Titel „A History of the World“ erhalten die Studierenden eine Einführung in die Globalgeschichte von 1300 bis in die Gegenwart und arbeiten mit schriftlichen Primärquellen. Mit diesem Rüstzeug wagen sie sich im zweiten, „History Dialogues“ betitelten Teil an ein eigenes Forschungsprojekt und lernen weitere Methoden der Geschichtswissenschaft kennen, vor allem die Oral History. Für den Kurs nutzt Marcia Schenck eine Lernplattform. Dort finden die Studierenden alle Vorlesungen – die in den UP-Videostudios in Golm entstanden sind – sowie Lesestoff für die Seminarsitzungen und dort stellen sie selbst auch ihre bearbeiteten Aufgaben ein. In gemeinsamen Onlinesitzungen diskutiert die Historikerin mit ihnen anschließend (online) über Inhalte und anstehende Aufgaben: Was ist eigentlich Geschichte? Wie funktioniert Oral History? Wie führt man ein Interview? Nach dem theoretischen Semester geht es ins Feld. Begleitet von „local teaching fellows“ führen die Studierenden Interviews, werten Quellen aus und verarbeiten ihre Erkenntnisse in einer selbst gewählten Form – einem Essay, einem Podcast, einem Film; der Gestalt sind keine Grenzen gesetzt.

Antonia Baskakov, die als eine der ersten Potsdamer Studierenden am HDP teilnahm, hat dabei am Beispiel der Stanford College Republicans an der Stanford University untersucht, wie die globale Integration auch Gegenbewegungen – sogenannte Backlashs – mit sich bringt. „Jede Inklusion kann von denjenigen, deren durch Privileg bedingtes Monopol auf Geschichtsschreibung herausgefordert wird, als Exklusion wahrgenommen werden“, erklärt sie. Obwohl ihr die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung und einen Aufenthalt in Stanford unmöglich machte, sodass sie ihre Forschung via Zoom durchführen musste, spricht sie begeistert vom HDP: „Mich faszinierte die Idee, globale Narrative durch das Lokale darzustellen. Der Kurs setzte sich außerdem aus einer vielfältigen Mischung asynchroner und synchroner Lern- und Lehrformate zusammen: Readings, wöchentliche Essays, Vorlesungen, Diskussionen, Gastvorträge, Methodikseminare.“

Auf den Weg gebracht hat Marcia Schenck das HDP während ihrer Zeit an der Princeton University. Der dort lehrende Historiker Prof. Jeremy Adelman hatte aus einem „Massive Open Online Course“ (MOOC) das „Global History Lab“ (GHL) entwickelt, in dem Lernende aus aller Welt gemeinsam Weltgeschichte studieren können. Als Teaching Assistant bei Prof. Adelman führte Schenck selbst 2016 einen Kurs im Flüchtlingscamp Kakuma durch, an dem auch Gera Gizaw teilnahm. „Dort habe ich die ersten Unterhaltungen geführt, in denen Geflüchtete klar zum Ausdruck brachten, dass sie sich nicht nur als passive Konsumenten von globalgeschichtlichen Narrativen sehen, sondern gerne zu Produzenten eigener Narrative avancieren würden“, erklärt die Forscherin. „Aus diesen Unterhaltungen entwickelte ich 2019 das Pilotprojekt des HDPs, das Lernende mit Fluchthintergrund und Studierende gleichermaßen ermächtigt, ein eigenes historisches Narrativ zu präsentieren.“

Die Grenzüberschreitung hat beim HDP übrigens Methode: Dank zahlreicher Kooperationen kommen die Teilnehmenden aus aller Welt – inzwischen sind am GHL 21 Institutionen aus 20 Ländern beteiligt. Eine Öffnung der traditionellen Buchwissenschaft „Geschichtswissenschaft“ für die Möglichkeiten der Digitalisierung war dafür Voraussetzung. Online-Lernplattformen, Video-Vorlesungen mit englischen Untertiteln und Transkriptionen in mehreren Sprachen und Seminare via Zoom sorgen dafür, dass Sprach- und andere Barrieren, die normalerweise noch immer große Teile der Weltbevölkerung vom Zugang zu Wissenschaft ausschließen, überwindbar werden. Davon profitieren am Ende alle Teilnehmenden, ist sich Marcia Schenck sicher: „Auch wenn wir die Studierenden vor allem digital zusammenbringen, hat sich das HDP doch als eine Art Mini-Erasmus herausgestellt, bei dem sie viel voneinander lernen.“ Folgerichtig kreist das HDP auch thematisch um das Leitthema „border crossing“ – eine Erfahrung, die viele Menschen teilen, deren Leben durch räumliche und zeitliche Grenzüberschreitungen geprägt wurde. „Das kann der Bewohner in einem kenianischen Refugee Camp ebenso sein wie die Oma einer deutschen Studentin, die ihr Dorf nie verlassen, aber drei verschiedene Gesellschaftsformen erlebt hat“, erklärt Marcia Schenck. Nicht zuletzt versucht sie, mit dem HDP die Geschichtswissenschaft selbst über ihre historischen Grenzen hinauszuführen. „Ein Projekt wie das HDP ermöglicht uns, die Narrative, die wir erzählen, zu diversifizieren, und zwar von unten –Geflüchtete aus Kakuma haben eine andere Sicht auf Flucht als Forschende, die eine Zeit im Camp verbringen.“ Den Wert dieses Blicks über den methodischen Tellerrand der eigenen Disziplin hebt auch Antonia Baskakov hervor: „In dem Kurs haben wir uns damit auseinandergesetzt, wer aufgrund von Privilegien das Monopol auf Geschichtsschreibung in unserer Gesellschaft hat, wie eine inklusive Geschichtsschreibung im Sinne des Slogans ‚Nothing About Us Without Us‘ aussehen kann.“

Für Marcia Schenck ist das HDP eine Erfolgsgeschichte, die gerade erst Fahrt aufnimmt. „Mir macht es unheimlich viel Spaß, von meinen Studierenden zu lernen. Es ist sehr bereichernd, mit Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenzukommen und über die Mechanismen von Wissensproduktion zu diskutieren“, sagt sie. „Außerdem ist es toll zu sehen, wie die Studierenden erleben, wozu sie in der Lage sind, und wie gestärkt sie aus dem Projekt hervorgehen.“ Davon zeugt nicht zuletzt die neue Webseite globalhistorydialogues.org, auf der die Studierenden ihre Projektarbeiten präsentieren können. „Damit wollen wir die Narrative einer breiten Öffentlichkeit und für einen weiteren Dialog zugänglich machen. Die meisten der Studierenden aus Potsdam haben ihre Projekte dort veröffentlicht, obwohl es freiwillig und zusätzliche Arbeit war“, sagt die Historikerin stolz. Und manche fangen gerade erst an. Die drei Essays, die Gera Gizaw im HDP über Kakuma verfasst hat, befinden sich gerade „under review“. Er hofft, dass sie bald publiziert werden.

Global History Lab / History Dialogues Project

Das Global History Lab (GHL) bezeichnet den Zusammenschluss von nunmehr 18 Partneruniversitäten und Nichtregierungsorganisationen unter der Federführung der Princeton Universität in den USA. Das GHL sieht sich als Plattform, die Lernende und Lehrende aus aller Welt zusammenbringt, um über Grenzen hinweg Globalgeschichte gemeinsam zu diskutieren und zu schreiben. Es bietet ein einjähriges Kursangebot, bestehend aus zwei aufeinander aufbauenden Kursen, „A History of the World“ und das „History Dialogues Project“ (HDP).

Global History Lab: https://ghl.princeton.edu/global-classes

Global History Dialogues: https://globalhistorydialogues.org

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2021 „30 Jahre Uni Potsdam“ (PDF).