Raum für andere Lerntypen – Antonia Baskakov über ein Studium mit Herausforderungen und Privilegien unter besonderen Bedingungen

Krisenbewältigung und Innovation – Die digitale Universität in Zeiten der Pandemie
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Antonia Baskakov

Antonia Baskakov, die Geschichte mit Fokus auf Menschenrechte und Demokratietheorien studiert hat, erkennt im zwangsweise digitalen Studium in der Corona-Pandemie viel Gutes: flexible Planung, international vernetzte Projekte und Raum für verschiedenste Lerntypen. Gleichzeitig vermisst sie unübersehbare Vorzüge, die ein Studium auf einem belebten Campus bietet. Matthias Zimmermann sprach mit ihr über ihren eigenen Weg ins digitale Semester, transkontinentale Lehrprojekte und darüber, was sie sich für eine Zeit nach Corona wünscht.

Wie heißt das Semester bei Ihnen: Corona- oder Digitalsemester?

Weder noch: Sommer-/Wintersemester.

Erleben Sie die Corona-Semester als Zeit der Krise oder der Innovation?

Sowohl als auch. Auf der einen Seite ergeben sich durch die örtliche Unabhängigkeit neue Austauschmöglichkeiten, zum Beispiel Guest Lectures und Inputs von Dozierenden aus anderen Ländern und auch der internationale Austausch unter Studierenden selbst. Es können mehr Perspektiven eingebunden werden, denen vorher kein oder zu wenig Raum gegeben wurde. Vorlesungen über den Globalen Süden können zum Beispiel auch von Menschen, die sich in der aktuellen Lebensrealität vor Ort befinden, gehalten werden. Diese Nutzung digitaler Chancen zur Kommunikation über Grenzen hinweg ist neu.
Auf der anderen Seite wird digitale Lehre oft nur als „Übergangslösung“ verstanden. Digitale Fertigkeiten sind im 21. Jahrhundert unabdingbar und Deutschland hinkt weit hinterher, viele Lehrende lehnen die digitale Lehre per se ab und nehmen die Chancen nicht war. Dann werden alte Formate und zu oft auch damit verbundene überholte Denkformen beibehalten. Ein Beispiel für die Chancennutzung stellte das History Dialogues Project dar. Dabei handelt es sich um ein Projekt der Princeton University in Kollaboration mit Potsdam, Science Po, Kepler in Rwanda und der Whitaker Peace and Development Initiative in Kiryandongo, Uganda. Wir Studierenden konnten uns über vier Kontinente hinweg austauschen und eigene Research-Projekte entwickeln. Es ist auch ein Corona Archive entstanden, das aus der Perspektive junger Menschen die Erfahrung während Corona festhalten soll.

Wie haben Sie den Übergang zum digitalen Studium gemeistert?

Die Umstellung verlief positiv. Viele Möglichkeiten, die sich durch die Online-Lehre bieten, erleichterten mir meine Planung und Arbeit. Dazu zählt z.B. die Möglichkeit, vorzuarbeiten, da die Lehrenden die Materialien meist frühzeitig für das gesamte Semester bereitstellen. Dadurch ist es sehr viel einfacher, sich seine Zeit individuell und flexibel einzuteilen und auf den eigenen Lerntyp einzugehen. Ich erlebte die Lehre als strukturierter und organisierter als die Präsenzlehre und Inhalte wurden zielführender und mit klaren Schwerpunkten vermittelt. Außerdem habe ich tolle Erfahrungen gemacht, was die Unterstützung durch Lehrende angeht, die sich sehr bemühten, auf Fragen einzugehen, und aus dem Nichts neue Lehrformate inmitten einer Pandemie entwickelten.
Ich finde die Präsenzpflicht bei vielen Veranstaltungen problematisch, da jede und jeder seine oder ihre eigene Form zu lernen hat. Für manche Lerntypen ist es ideal, Vorlesungen zu besuchen. Es gibt aber eben auch andere Lerntypen, denen zu selten Raum gegeben wird. Dies ist jetzt anders. Weiterhin kann im Vergleich zur Präsenzlehre der Zeitaufwand durch das ortsunabhängige Studium stark reduziert werden. Bei all der Effektivität gehen jedoch auch Dinge verloren, die das Studium ausmachen sollten, wie zum Beispiel der lebhafte, spontane Austausch und echte Diskussionen, also Situationen, die dazu herausfordern, eigene Sichtweisen kritisch zu hinterfragen und neue Perspektiven anzunehmen. Das vermisse ich.

Wo hakt es noch?

Es ist leider ein Privileg, über die notwendige Ruhe, Netzverbindung und technischen Mittel, derer die digitale Lehre bedarf, zu verfügen. Die Universitäten sollten deshalb neue Wege finden, um die digitale Lehre so zu gestalten, dass alle Studierenden gleichermaßen teilhaben können. Denkbar wäre zum Beispiel Internetarbeitsplätze und Laptops bereitzustellen.

Aktuell wird viel über Prüfungen diskutiert, die nach wie vor in Teilen in Präsenz stattfinden, wo sie online schwer zu realisieren sind. Gleichzeitig gibt es Kritik an Onlineprüfungen, da PrüferInnen Webcams und Mikros kontrollieren, um Schummelversuche zu unterbinden. Wie ließen sich diese Probleme Ihrer Ansicht nach lösen?

Ich denke, dass es unverantwortlich ist, Prüfungen in Präsenz abzuhalten. Terminverschiebungen, die auf der Hoffnung basieren, bald zur Normalität zurückzukehren, finde ich ebenso problematisch. Es müssen also Alternativen gefunden werden. Onlineprüfungen erachte ich auch mit der Kontrolle von Webcams – sofern die Lehrenden Schulungen dazu erhielten – für sinnvoll. Abhängig vom Fach finde ich auch Take Home Exams sinnvoll, da sie die erlernten Fähigkeiten besser widerspiegeln als bloße Wissensabfragen.

Wie kriegen Sie selbst das Homeoffice & ggf. Familie, Freunde, weitere Verantwortungen parallel unter einen Hut?

Als Studentin befinde ich mich in einer sehr privilegierten Situation und meine Verpflichtungen sind vergleichsweise flexibel. Homeoffice erleichtert es mir tatsächlich sehr, die Dinge zu vereinen, da ich selbst entscheiden kann, ob und wann ich an Veranstaltungen teilnehmen kann, und ortsunabhängig bin.

Woran könnten Sie sich gewöhnen?

Flexibilität und Ortsunabhängigkeit. Ich wünsche mir sehr, dass auch nach Corona Möglichkeiten bestehen bleiben, zum Beispiel aus dem Ausland oder trotz einer Berufstätigkeit am Studium teilzunehmen.

 

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