Welten schaffen – Studierende entwickeln im Seminar virtuelle Geografieexkursionen

Prof. Dr. Nina Brendel mit VR-Brille | Foto: privat
Dr. Katharina Mohring (links) und Prof. Dr. Nina Brendel in Wien – aufgenommen mit einer 360 Grad-Kamera | Foto: Prof. Dr. Nina Brendel
Quelle: privat
Prof. Dr. Nina Brendel mit VR-Brille
Quelle: Prof. Dr. Nina Brendel
Dr. Katharina Mohring (links) und Prof. Dr. Nina Brendel in Wien – aufgenommen mit einer 360 Grad-Kamera

Während die einen Virtual Reality (VR) noch als Science Fiction ansehen, ist für die Geografiedidaktikerin Prof. Dr. Nina Brendel und die Geografin Dr. Katharina Mohring klar: Die Technologie ist längst „unter uns“. Gemeinsam haben die beiden ein Konzept entwickelt, das aus Geografielehrerinnen und -lehrern von morgen VR-Designer macht. So machen VR-Umgebungen im Unterricht nicht nur Spaß, sondern vermitteln Schülerinnen und Schülern auch geografische Fachkompetenzen.

Eine virtuelle Exkursion nach Wien oder Berlin – für Dr. Katharina Mohring und Prof. Dr. Nina Brendel ist das keine notgeborene Alternative im digitalisierten Corona-Semester. Sondern eine neue Form des raumbezogenen Lernens, das täglich in Kinderzimmern stattfindet: „VR ist längst da – im Alltag der Schülerinnen und Schüler. Wenn VR im Unterricht eingesetzt wird, dann bisher meist zum Auflockern oder Spielen – was fehlt, ist ein sinnvolles didaktisches Konzept dafür“, sagt Nina Brendel. Genau daran forschen die beiden seit 2 Jahren. „Aus unserem Theoriekonzept haben wir ein innovatives Seminarformat entwickelt, das Studierenden die Macht des geografischen Visualisierens durch Virtual Reality vermittelt“, ergänzt Katharina Mohring.

Besonders für Lehramtsstudierende sei dies wichtig, betont Nina Brendel. „Wenn angehende Lehrkräfte selbst erfahren und reflektiert haben, wie ihre Wahrnehmung eines Raums von der Darstellung in der VR-Welt beeinflusst wird, können sie diese in der Geografie zentrale Kompetenz auch bei ihren Schülerinnen und Schülern fördern.“

In den Seminaren der beiden Wissenschaftlerinnen lernen Studierende daher nicht nur, VR-Technologie zu nutzen, sondern vor allem, sie selbst zu kreieren. 2018 brachen sie dafür mit einer Gruppe Studierender für sieben Tage nach Wien auf. Im Gepäck: geografische Fachfragen zu Wien als grüne, sozial nachhaltige sowie smarte Stadt – und eine Handvoll 360 Grad-Kameras. „Wir haben sie als Forschende in die Stadt geschickt und auf Basis ihrer Forschungsfragen ‚Spuren‘ suchen lassen“, erklärt Katharina Mohring. Kann gemeinsames Gärtnern Wien zu einer „grüneren Stadt“ machen?, fragte eine der studentischen Gruppen und heftete sich an die Fersen der Wiener Urban-Gardening-Kultur. Nach einführenden Vorträgen wurden Recherchen angestellt, anschließend Gärten besucht, 360 Grad-Fotos gemacht, Interviews geführt und Videos gedreht. „Ziel war es, vor dem Hintergrund der jeweiligen Fachdebatte das Thema wissenschaftlich fundiert zu bearbeiten.“ Andere beschäftigten sich mit dem nachhaltigen Vorzeigeviertel Aspern oder dem Verkehrskonzept der österreichischen Metropole. Nach zwei Tagen wechselte die Rolle: Aus Forschenden wurden Designende. Die Studierenden waren nun herausgefordert, aus ihren Forschungsergebnissen didaktische Konzepte für Virtual-Reality-Exkursionen zu entwickeln. „Dafür mussten sie Storyboards erstellen, sich Kamera-Einstellungen überlegen, das Material schon vor Ort sorgfältig zusammenstellen“, erklärt Nina Brendel. „Vor allem aber haben sie gelernt, dass es nicht ‚das eine‘ Wien gibt. Durch die Auswahl der Standorte, Einstellungen und Gesprächspartnerinnen und -partner haben sie ihre persönliche Repräsentation des Raums erschaffen.“

Und so startet eine dieser VR-Exkursionen: „Herzlich willkommen in Wien. Wie willst du in die Stadt reisen – mit dem e-Bike, der U-Bahn oder via Carsharing?“ Was nach einer einfachen Frage aussieht, fordert dazu heraus, ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen abzuwägen. Mittels Blicksteuerung wählt man in der VR-Exkursion eine Option und springt damit in die nächste 360-Grad-Umgebungen. Die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen erfährt man damit im wahrsten Sinne am eigenen Leib: „VR ist ein körpernahes Medium, es reagiert auf unsere Kopfbewegung, vermittelt damit auditive, visuelle und haptische Eindrücke“, erklärt Katharina Mohring. „Das führt dazu, dass man sich in der Welt tatsächlich anwesend fühlen kann und dann authentisch handelt.“ Um den Studierenden zu vermitteln, wie machtvoll diese Körpererfahrungen für das geografische Lernen sind, haben die Forscherinnen körperbezogene Reflexionsübungen auf der Exkursion eingebaut – und z.B. die Gruppe in Aspern kollektiv Trampolin springen lassen.

Am Ende der sieben Tage waren sich Studierende und Exkursionsleiterinnen einig: Es war „spektakulär“. Für die nachfolgende Exkursion nach Berlin 2019 gab es viermal mehr Interessenten als Plätze. Als nächstes soll es nach Norwegen gehen: „Ein sehr nachhaltiges Land. Wir würden uns gern wandernd durchs Land bewegen – erst mit unserem Körper und dann in der virtuellen Welt.“

Mehr zum Projekt: https://www.uni-potsdam.de/de/umwelt/forschung/ag-didaktik-der-geographie/forschungsprojekte/projektverzeichnis/virtual-reality-exkursionen-im-geographiestudium

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2020 „Digitalisierung“ (PDF).