„Der Kampf um neue Technologien und um altes Prestige“ – Ein Gespräch über Bücher, Technik und die Rolle der Digital Humanities im 21. Jahrhundert

Prof. Dr. Peer Trilcke und Prof. Dr. Heiko Christians | Foto: Sandra Scholz/ Illustration: Seeliger
Quelle: Sandra Scholz/ Illustration: Seeliger
Prof. Dr. Peer Trilcke und Prof. Dr. Heiko Christians

Die Geisteswissenschaften lieben das Buch. Und das Buch liebt die Geisteswissenschaften. Doch seitdem das Digitale Einzug gehalten hat in Kulturen und Wissenschaften, seitdem YouTube- und Netflix-Abos den Bibliotheksausweis ersetzen, seitdem Tablets und Laptops in Klassensätzen gekauft werden, seitdem die „Digital Humanities“ das Feld betreten haben, sind auch die Geisteswissenschaften nicht mehr, was sie sehr lange waren. Aber was sind sie noch? Und was genau sind „Digital Humanities“? Wie funktionieren sie als Wissenschaft? Können sie etwas von den traditionellen Geisteswissenschaften lernen? Und was passiert mit dem Buch? Darüber sprach Matthias Zimmermann mit Prof. Dr. Peer Trilcke, Germanist, Leiter des Theodor-Fontane-Archivs und Mitbegründer des Netzwerks für Digitale Geisteswissenschaften, und Prof. Dr. Heiko Christians, Medienwissenschaftler und Autor des Buches „Wilhelm Meisters Erbe: Deutsche Bildungsidee und globale Digitalisierung“.

Warum heißen die Digital Humanities eigentlich Digital Humanities?

Trilcke: Weil die Digitalisierung – das jedenfalls ist die These, die sich in diesem Begriff verbirgt – keinen Bereich der Humanities, also der Geisteswissenschaften, unberührt lässt, weil wir es also mittlerweile mit einem zusammenhängenden Komplex aus Fragestellungen, Methoden, Gegenständen, Umwelten des Digitalen in den Geisteswissenschaften zu tun haben. Bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es das sogenannte „Humanities Computing“, das aber im Wesentlichen den Status einer Hilfswissenschaft hatte. Mit der deutlich weiter reichenden Bezeichnung als „Digital Humanities“ gehen andere Ansprüche einher: In den Digital Humanities wird das Digitale zum Fundament – vielleicht auch zur zentralen Herausforderung – geisteswissenschaftlichen Forschens.

Christians: Es ist eine geschickte Begriffswahl. Man könnte ja in die totale Konfrontation gehen und Informatik draufschreiben. Das will man aber nicht. Dieser Begriff hier suggeriert noch, dass die Geisteswissenschaften in einer irgendwie umformatierten digitalen Variante an ihre eigene Tradition anschließen. Ob das stimmt, ist genau die Frage, über die wir jetzt reden. Ist das so oder ist das einfach eine geschickte Rhetorik, um einen Bruch zu kaschieren, der da aber durchaus vorliegt oder stattfinden muss bzw. soll? Es wird immer über die Ungenauigkeit oder die Willkür der Phrase von den „Digital Humanities“ geschimpft – für mich ist das eine geschickte Benennung, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Was ja nicht schlecht ist.

Trilcke: Ich verstehe die Wortbildung als klaren Anspruch, an die Tradition anzuschließen. Anders als etwa bei Fügungen wie „Bioinformatik“ oder „Wirtschaftsinformatik“ kommt es zunächst einmal zu keinem disziplinären Bruch. Wir bleiben in den Humanities, wechseln nicht in die Informatik. Und doch gibt es ein anderes Vorzeichen. Was natürlich erhebliche Folgen haben kann. 

Christians: Aber die Brüche werden natürlich in der amerikanischen Debatte sehr klar benannt. „Meaning“ und „Numbers“, das sind die beiden großen Themen. Themen, bei denen in den Geisteswissenschaften eben gar keine Fusion stattgefunden hat oder kein gemeinsames Bearbeiten. Allerdings darf man nicht vergessen: Die Humanities sind in den USA etwas anderes als die Geisteswissenschaften in Deutschland. Auch wenn sich die US-Amerikaner bei der Gründung ihrer Humanities an den deutschen Geisteswissenschaften orientierten, haben sie diese doch ganz anders angelegt – etwa mit einem verbindlichen Studium Generale für alle, mit einem „Center for Performing Arts“ oder einer gestifteten Sammlung auf dem Campus usw. Für die Geisteswissenschaften in der deutschen Tradition war das Buch die absolute Zielgröße. Daran hingen Praktiken des Umgangs mit Büchern, Lesetechniken, Wert(-ungs)fragen usw.

Die Digital Humanities gehen letztendlich mit Datenmengen um und versuchen, dazugehörige Praktiken auf der Seite der Geisteswissenschaften zu etablieren. Gleichzeitig geht es darum, dort an einer Art von älterer Legitimität zu partizipieren, ohne sofort der Informatik zugeschlagen zu werden. Ich glaube, das ist auch der Kampf um neue Technologien und um altes Prestige.

Trilcke: Aber es ist eben auch ein ungemein interessanter und sehr wichtiger Kampf: Worauf die Digital Humanities z.B. auch reagieren, was sie thematisieren und erforschen, ist die allgemeine Datafizierung der geisteswissenschaftlichen Gegenstände. Unser kulturelles Gedächtnis wird beispielsweise jetzt als Daten begriffen. Das ist eine irre Transformation, die da stattfindet, denn Operationen wie Internalisierung oder Aneignung, die mit Ideen des Gedächtnisses oder des Kulturerbes einhergehen, werden hier auf einmal schief, auch problematisch. Was diese Digitalisierung unseres kulturellen Gedächtnisses bedeutet – nicht nur für die Geisteswissenschaften, sondern gesamtgesellschaftlich –, wird mir noch zu wenig reflektiert, auch von den Digital Humanities.

Christians: Nun, die Naturwissenschaften leben davon, dass sie Fortschritte ausflaggen können, sie lösen in der Regel kein Problem zweimal. Es gibt einen Fortschritt, und auf dieser Basis können neue Probleme formuliert und wiederum gelöst werden. Die Geisteswissenschaften hingegen bewegen sich in einem permanenten produktiven Krisenmodus mit sich selbst. Sie stehen immer unter dem Druck, ihre Ergebnisse, ihre Methoden zu legitimieren, ihre Objekte neu zu definieren – mal ist es die Weltgeschichte mit großen Ereignissen, mal die Mikrohistorie, mal die große Persönlichkeit, mal Ottonormalverbraucher, mal die Eliten, mal die Unterdrückten, mal die Kunst, mal der Alltag. So wird permanent ein Krisenmoment hineingebracht, weil von außen der Eindruck entsteht, die Evidenz bzw. Relevanz des geisteswissenschaftlichen Zugriffs sei „jetzt“ nicht mehr gewährleistet.

Auf diese Krisenorientierung der Geisteswissenschaften reagieren die Digital Humanities, indem sie Methoden vorschlagen, die scheinbar die Art von Fortschrittlichkeit der Naturwissenschaften mit sich bringen. Einmal gelöste Probleme müssen nicht noch einmal gelöst werden. Das Verwalten, das Speichern, das Auswerten von Daten: Das gelingt oder es gelingt nicht. Man drückt irgendwann den Knopf und es hat geklappt – oder nicht. Damit wird angeschlossen an Problemlösungsstrategien und Rhetoriken der naturwissenschaftlichen und informatorischen Kulturen. Das ist schon ein Paradigmenwechsel, denn die Krisen der Geisteswissenschaften waren eben auch produktiv. Sie bildeten einen Spiegel und Motor gesellschaftlicher Prozesse. Denken wir an die Geschichtswissenschaften in den 1960er und 1970er Jahren, die nicht immer nur Schlachten- oder Diplomatiegeschichte schreiben wollten, sondern soziale, großräumige Umschichtungen in der Gesellschaft in ihren Blick genommen haben. Diese Art von Irritierbarkeit der Geisteswissenschaften halte ich für etwas sehr Wertvolles.

Trilcke: Unbedingt! Und tatsächlich stehen die Digital Humanities in meinen Augen derzeit noch vor der Herausforderung, diese begründenden Denkfiguren und Denkstile der Geisteswissenschaften wirklich einzuholen. Das mag damit zusammenhängen, dass sich die Digital Humanities immer noch recht stark auf Forschungslogiken der Natur- und Ingenieurswissenschaften beziehen. Auch die Orientierung von Teilen der Digital Humanities an der „Maker-Culture“, also dem Bauen von Anwendungen, Diensten, Tools, ist im geisteswissenschaftlichen Denkraum erst einmal ungewohnt. Da ist die Gefahr, beim Austausch in Sackgassen zu landen, leider groß. Dabei können die Digital Humanities, etwa auch in der Reflexion dieser Tätigkeiten, viel von den Geisteswissenschaften lernen.

Christians: Bemerkenswert ist, dass die Inhalte noch nicht automatisiert erzeugt werden sollen. Das meine ich gar nicht sarkastisch; es ist ja durchaus denkbar. Im Journalismus passiert das unter Aktualitäts- und Quantitätsdruck teilweise schon. Aber die Legitimität der Geisteswissenschaften beruht darauf, dass Forscherpersönlichkeiten mehrere Jahre lang ihre Ergebnisse – wiederum häufig schon aus Datenbanken – herausarbeiten. Das ist aber das Interessante, dass Geisteswissenschaften permanent ungenaue Erzählungen von exakten Gegenständen oder Abläufen generieren – und gerade durch diese Abweichungen tatsächlich erst Wissen schaffen. Daher rührt mein Vorbehalt gegenüber einer Bildungsstrategie oder -politik, die glaubt, über Anschaffungsoffensiven technischer Geräte mit Exaktheits- und Gerechtigkeitsgarantie in Schulen höhere Bildungsniveaus herstellen zu können. Doch Bildung entsteht nicht, indem Informationen effektiv an den Mann oder die Frau gebracht werden. Stattdessen muss man bei Mann oder Frau Irritationen erzeugen, Übertragungsleistungen provozieren, die ganz anders aussehen bzw. den Gegenstand anders aussehen lassen. Man muss die Lernenden unter anderem dazu bringen, sich selbst mit anderen, fremden Augen beobachten zu können – und zwar, indem sie Geschichten anderer Personen und Zeiten multiperspektivisch, aber zusammenhängend zur Kenntnis nehmen und diese dann ungenau auf sich selbst übertragen. Bildungsprozesse laufen über Unschärfen, Ungenauigkeiten und nicht über die exakte Versorgung mit Massen von Informationen oder über Schnelligkeit. Bestimmte Dinge lerne ich nur, wenn ich sie verlangsame. So wie ich anfange, andere Dinge zu sehen bzw. überhaupt erst zu sehen, wenn ich einen Film in Zeitlupe abspiele. Bildungsprozesse und Bildungsinstitutionen sind eigentlich Verlangsamungsmaschinen. Sie bereiten die Schülerinnen und Schüler auf das Leben da draußen vor, auch und gerade indem sie sie davon abschirmen und bestimmte Prozesse verlangsamen. Wenn wir das aber mit einem Paradigma von technischer Effizienz, Schnelligkeit und Zugänglichkeit ausradieren, das eins-zu-eins mit dem da draußen identisch ist, verlieren wir etwas sehr Wichtiges.

Trilcke: Das Moment der Unterbrechung in diese Prozesse, in diese Praktiken einzubringen, ist bereichernd für jedwede Bildungsprozesse und Wissenschaft. Vielleicht sind solche Irritationen sogar eine geisteswissenschaftliche Kompetenz, die einzubringen wichtiger wird, je stärker sich die Informatik zu einer Leitdisziplin entwickelt. Also dass jemand sagt: Stopp, Pause, lasst uns doch kurz genauer auf die Fehler in den Prozessen blicken, auf das, was nicht funktioniert. Wir müssen auch auf die Bugreports der digitalen Maschinen achten. Oder auf die Daten, die man wegwirft, weil sie sich nicht prozessieren oder nicht verstehen lassen. Auf das, was zu individuell ist, um Teil eines erkennbaren Musters zu sein. All das können durchaus Orte sein, wo sich in den „Numbers“ die Möglichkeit für „Meaning“ auftut.

Christians: In der Mediengeschichte gibt es immer wieder Phasen, in denen so eine Art „Datenübermenge“ erscheint: Als beispielsweise erstmals ein Buch gedruckt und nicht mehr von Hand kopiert wurde, waren sehr schnell riesige Mengen von ihnen verfügbar und die Gesellschaft musste lernen, mit diesen Datenübermengen umzugehen. Dafür mussten neue Techniken her. Was dann passiert, könnte man als eine Art Skalierungswechsel beschreiben. Das lässt sich auf ganz vielen Feldern beobachten. So betreibt die Geschichtsschreibung seit einigen Jahren eine „Global History“, macht die Skala also ganz groß – Migrantenströme, Wirtschaftsprozesse usw. –, und gleichzeitig hat sie eine Mikrohistorie, die auf 600 Seiten einen Tag im Leben eines toskanischen Mühlenbesitzers rekonstruiert. Man sieht: Da wird ein Regler auf einer Skala hin und her geschoben. Genau das passiert gerade auch unter dem Stichwort „Digital Humanities“. Es ist nicht mehr ein Kanon von vielleicht 100 Büchern, die einer bestimmten kulturellen Hemisphäre zugerechnet werden. Stattdessen sagt man jetzt „Large Scale“ – da steckt das Wort Skalierung ja schon drin –, zieht auf und wertet „Google Books“ aus oder was auch immer. Also – nur für geisteswissenschaftliche Verhältnisse – riesige Datenmengen. Die Medienwissenschaft nun beobachtet, nach meinem Verständnis, wie Kulturen permanent gezwungen werden, mit anderen Dimensionen von Datenmengen umzugehen, und wie sie versuchen, dafür neue Praktiken und Legitimationen zu entwickeln. Das steht ihr auch besser als ein lautstarker Aktivismus unter kurzlebigen politischen Tagesparolen.

Und nun stellt sich möglicherweise die Frage, wie man das Schülerinnen und Schülern vermittelt. Wie können sie in dieser Umgebung, in der sie einfach Anwender sind, in der jeder nach Beschlusslage ein Tablet oder Smartphone von der Schule bekommen soll, um damit „irgendetwas im Unterricht zu machen“, in einer Umgebung, in der Lehrerinnen und Lehrer eine PowerPoint-Präsentation halten und alle Schülerinnen und Schüler es in ihre Übungsblätter übertragen, wie können sie dabei etwas über Medien lernen? Überhaupt nicht. Das ist totaler Unfug. Sie müssen eigentlich etwas über Formate lernen, über ihre verschiedenen Distributionskapazitäten und ihre Funktionsweisen. Nehmen wir „Bibis Beauty Palace“: Diese (Schminktipps gebende) Frau hat ja im Feld der erheblichen Konkurrenz unter anderem deswegen besonderen Erfolg, weil sie bestimmte, jahrhundertealte rhetorische Strategien anwendet, um Authentizität herzustellen, und weil sie dank ihres „Kanals“ eine maximale Reichweite erzielt. Beides müssten die Schülerinnen, die das gucken, wissen. Bei den Schülern sind es beispielsweise diejenigen YouTube-Kanäle, auf denen sie stundenlang anderen beim FIFA-Spielen-Kommentieren zusehen. Von WhatsApp und Instagram ganz zu schweigen. Dass sie aber über diese Aspekte der medialen Produkte, die sie umgeben, auf der Basis eines älteren ästhetisch-kulturhistorischen und eines neueren technischen Wissens in der Schule absolut nichts lernen, halte ich für ein Riesenproblem.

Ich bin aber eben auch überhaupt nicht dafür, dass man alternativ literarische Klassiker wie „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ lesen lässt und den Rest ignoriert. Es ist genau umgekehrt: Man muss das Wissen und die Fähigkeiten, die über diese Bücher formal angeeignet worden sind, auf ganz andere mediale Produkte anwenden – nämlich genau jene, mit denen die Schüler sich von morgens bis abends selbst ohne Anleitung konfrontieren. Da muss die Schule rein und dafür müssen die Lehrer ausgebildet werden. Der zentrale Ort, an dem wir eine Expertise zur Technikfolgenabschätzung der neuen Technologien abliefern müssen, ist schließlich die Schule. Von dort aus geht die neue Technik nämlich durch die Gesellschaft. Bisher allerdings nur autodidaktisch im Schulbus und in der Hofpause. Doch an der Lehramtsausbildung sind weder die Digital Humanities noch die Humanities beteiligt. Das heißt, die Fächer, über die wir hier reden und deren Zukunft wie gerade analysieren wollen, haben auf die Lehramtsausbildung überhaupt keinen maßgeblichen Einfluss. Man muss also auch aufpassen, dass man keine Gespensterdebatten führt.

Trilcke: Wir versuchen etwas Ähnliches gerade in unserem BMBF-Forschungsprojekt FoLD . Was für Handlungen, fragen wir uns da, vollziehen Geisteswissenschaftlerinnen und wissenschaftler eigentlich im digitalen Raum, wenn sie im Paradigma der Digital Humanities arbeiten? Welche Literacies, welche Kompetenzen braucht man da? Und wie können wir diese im Studium vermitteln? Dabei sind die Handlungen, wenn man sie einzeln betrachtet, ja häufig ebenso basal wie fundamental: Datei öffnen, Daten einlesen, Programm parametrisieren, Daten verarbeiten und Dateien ausgeben. Aus diesen atomaren digitalen Handlungen bauen sich dann aber komplexere zusammen, bis hin zu ganzen Forschungsprozessen, die wir in ihrer Prozessualität wiederum geisteswissenschaftlich reflektieren können – und sollten. Hier geht es schlicht um Digitalkompetenz für Philologinnen und Philologen, die im Übrigen unbedingt auch Social-Media-Kompetenz umfassen muss. Wichtig dabei wäre es zu begreifen, wie diese Medien funktionieren – und zwar, jenseits des rein technischen Gebrauchs, als digitale Infrastrukturen des Sozialen.

Christians: Man sieht, dass viele Schulen überfordert sind. Sie benutzen z.B. das Netz als Quelle, aber sie können den Schülern nicht beibringen, die Quellen zu prüfen. Die steigende Anfälligkeit für Verschwörungstheorien könnte schon in der Schule behoben werden. Man muss darüber nachdenken, wie man in den Schulen ein Wissen schafft über diese Technologien, Formate und Prozesse, die diesseits und jenseits ihrer Benutzeroberflächen liegen und ablaufen. Gleichzeitig ist es eine große Aufgabe, historisch-ästhetische Bildung nicht einfach hinten herunterfallen zu lassen. Wenn Schüler begreifen, dass Verschwörungstheorien historischen Mustererzähllungen folgen, sind sie schnell immun dagegen. Aber es muss ihnen halt noch jemand erklären können.

Schulpflichtige Kinder nutzen den ganzen Tag über elektronische Geräte, aber ein ganzes Buch zu lesen, ist für viele eine Qual. Dabei sieht man deutlich, dass sie etwas lernen, wenn sie sich durch schwierige Texte kämpfen oder ästhetisch komplexe Texte zweimal lesen. Das sind Effekte, die wir nicht einfach kassieren sollten, weil wir im Alltag ja auch nur noch wischen und schnell zum nächsten Link springen. Ich finde es wichtig, dass man nicht alles aus dem Schulcurriculum wirft, nur weil es schwierig ist. In der Schule sollten einerseits umgebungskompatible, schnelle Techniken praktiziert, transparent gemacht und etwas darüber gelehrt werden (jenseits reiner Anwendung und Funktionalität). Gleichzeitig sollten auch ältere Techniken, wie der langsamere, intensive Umgang mit Texten oder eine aufwendige Bildanalyse, im Curriculum erhalten bleiben – weil dort etwas ebenso Wichtiges gelernt werden kann.

Am wichtigsten: der Vergleich der Medienpraktiken. Er zwingt die Schülerinnen und Schüler, sich dann selbst zu beobachten. „Sich selbst von außen sehen lernen“ ist immer noch die beste und kürzeste Formel für Bildung. Warum fällt mir das Eine schwer? Warum macht es mir keinen Spaß? Warum ist das Andere so viel schneller? Warum macht mir das Sperrige bei intensiverer Auseinandersetzung dann doch Spaß? Mit dieser Selbstbeobachtung fängt Bildung überhaupt erst an. Denn wenn ich in unserer Gesellschaft nach einem Bild von mir selbst, nach meiner Geschichte, gefragt werde, kann ich nicht nur meinen Instagram-Account aufrufen und drei Bilder von mir zeigen, wie ich gerade im Urlaub ein Schnitzel esse oder Yoga mache. Dann sollte ich schon eine zusammenhängende Erzählung zustandebringen, sollte dazu in der Lage sein, mich ausführlicher zu kommentieren ohne gleich nach einem Bildschirm in der Hose zu tasten. Es zeigt sich, dass die Gewinnung eines stabilen plausiblen Selbstbildes in dieser Lebensphase in der neuen medialen Umgebung nicht einfacher geworden ist. Gelingt es einem ab einem bestimmten Alter aber nicht, seine Geschichte und seine Ziele mit ein paar Pointen und ansatzweise flüssig zu kommunizieren, landet man, je nach Klassenlage, schnell bei Hartz IV oder in der Therapie. Und die Schule kann sich der Aufgabe, dafür Tools an die Hand zu geben, nicht vollkommen entledigen. Auch das gehört zur Bildung, zum Bildungsauftrag.

Warum hat die Öffnung der Humanities für das Digitale so spät eingesetzt? Waren oder sind sie widerständiger gegenüber dem Digitalen?

Christians: Im Zentrum der Geisteswissenschaften steht seit jeher nicht nur das Buch an sich. Es geht immer auch um „gut geschriebene“ Bücher (und um die Kompetenz, sie als solche zu erkennen). Heute schreiben ja, in Deutschland, fast nur noch Emeriti/Emeritae dicke lesbare Wissenschaftsbücher, weil sie die Zeit dafür haben, weil sie dem Geldeinwerbungsdruck und der Dauerreform in der Universität glücklich entkommen sind. Wenn ihre Bücher dann rezensiert werden, steht da fast als Erstes, ob sie gut oder schlecht geschrieben sind. Das ist ein eigenartiger Umstand in den Geisteswissenschaften, dass sie immer auch einen ästhetischen Mehrwert produzieren sollen. Eine Forschungsarbeit in diesen Fächern kann sehr informativ sein, doch wenn sie schlecht geschrieben ist, ist sie zwar nicht wertlos, aber nur eine unter ferner liefen. Dahinter verbirgt sich eins dieser diffusen Kriterien der Geisteswissenschaften, die sehr wertvoll sind, aber eben sehr schwer in einen eindeutigen Prozess zu überführen.

Trilcke: Das sehe ich genauso. Die Operationalisierung des geisteswissenschaftlichen Diskurses, also im Sinne einer Formalisierung, ist eine Herausforderung, an der die Digital Humanities immer noch arbeiten, vermutlich noch lange arbeiten werden. Das, was in den Geisteswissenschaften verhandelt wird, lässt sich nicht restlos formalisieren. Doch darum geht es auch gar nicht. Erst einmal geht es darum, dass es geisteswissenschaftliche Fragen gibt, die sich durchaus formalisieren lassen, gerade dann, wenn wir in die Large Scale ausgreifen, also große Korpora und Datenmengen analysieren. Und dann geht es eben auch darum, dass wir, die wir uns zu einem Großteil ja (auch) als Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler verstehen, begreifen, dass unsere Kultur wie auch der Umgang mit kulturellen Artefakten heute von ganz neuen Logiken geprägt ist: etwa von der Logik der Codes. Ich finde es immer wieder inspirierend, mich mit den Informatikerinnen und -wissenschaftlern, mit denen wir in Projekten zusammenarbeiten, intensiv über Code auszutauschen: auf den Code zu schauen, ihn beim Operieren zu beobachten, ihn aber auch als eine Form von Schriftlichkeit und Sprachlichkeit zu begreifen.

Christians: Ich glaube, was du sagst, ist in noch einer anderen Hinsicht wahnsinnig wichtig. Denn nach wie vor müssen Universitäten Eliten produzieren, die bloß nicht mehr so genannt werden sollen. Nur, dass diese Eliten nun nicht mehr aus den Geisteswissenschaften kommen, sondern dass wir – und da zeigt sich der Vorzeichenwechsel – sozusagen Programmiereliten bekommen. In den USA war das schon früher spürbar, dort hatten sie viel früher ein riesiges Prestige, aber selbst hier in Deutschland, wo wir ja eine 200-jährige Tradition darin haben, in den Geistes- und Sozialwissenschaften Eliten zu produzieren, leidet die öffentliche Wirksamkeit von Intellektuellen, wenn sie nicht gut in die neue technische Materie eingearbeitet sind – jedenfalls wenn sie sich zu Dingen äußern wollen, die von der Digitalisierung betroffen sind. Daher ist es ein durchaus logischer Schritt, die Geisteswissenschaften so umzubenennen oder so anzulegen, dass Programmieren/Coding darin eine Rolle spielt. Ich denke, die Digital Humanities sind auch ein erster Versuch, klassische intellektuelle Eliten mit neuen Programmiereliten zu fusionieren und die Umverteilung hoher Einkommen zu rechtfertigen.

Trilcke: Wobei das nicht der erste Versuch ist. Schon in den 1960er Jahren gab es mit der Informationsästhetik Ansätze, eine Computerisierung geisteswissenschaftlicher Fragen vorzunehmen – wenn auch damals noch nicht mit Cloud Computing, sondern eher mit Lochkarten. Doch das blieben einzelne Initiativen. Dass eine großflächige Digitalisierung in den Geisteswissenschaften letztlich deutlich später einsetzt als in manch anderer Disziplin, hat unterschiedliche Gründe. Zum Beispiel waren einige Disziplinen viel früher computerisiert, einfach weil ihre Gegenstände sich nur datenförmig beobachten lassen.

Christians: Die Beobachtung muss automatisiert werden, sonst kann sie gar nicht stattfinden.

Trilcke: Genau. Das ist in den Geisteswissenschaften eben nicht der Fall. Unsere Objekte sind erst einmal nicht datenförmig. Sie sind eher nebenbei – und auch zunächst nicht aus den Geisteswissenschaften heraus – datenförmig geworden. Eine Plattform wie Gutenberg.org beispielsweise, auf der rechtefreie digitale Texte veröffentlicht werden, war eine private Initiative. Da haben einfach ein paar Leute Bücher abgetippt und ins Netz gestellt. Und so wurden mehr und mehr Texte digital zugänglich. Irgendwann setzen dann die Digital Humanities an, als geisteswissenschaftliche Big Data-Analyse gewissermaßen. Denn diese datenförmigen Gegenstände eröffnen andere Möglichkeiten, etwa der formalisierten Mustererkennung, die ja auch etwas Befreiendes haben kann, weil sie all die hermeneutischen Vorurteile, auch die Sinnbedürfnisse hinter sich lässt, die das Close Reading prägen. Und vielleicht verbergen sich ja in diesen großen Datenmengen, die die kleine, feine Textauswahl des Kanons weit übersteigen, andere Muster, die wir bisher nicht gesehen haben, weil wir unsere Nasen immer ganz tief in das einzelne Buch gesteckt haben.

Christians: Da würde ich wahnsinnig gern die klassische Frage stellen: „Cui bono?“ Wem nützt das alles? Wer verliert und wer gewinnt? Technische Globalisierung ist ja keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Die Historiker beispielsweise haben diese Quantifizierung ihrer Verfahren schon mehrfach durchlebt. In den 1970er Jahren etwa wurden für die Wirtschaftsgeschichte vermehrt Statistiken hinzugenommen oder für die Begriffsgeschichte Termini isoliert und deren Häufigkeit in großen Textcorpora nachgewiesen. Es blieb aber eine Vorarbeit für die eigentliche Arbeit – die historische Semantik – und letztlich eine Hilfswissenschaft. Die Digital Humanities wollen natürlich viel mehr sein als das und sind es möglicherweise bald auch. Aber wie verläuft diese Diskussion jetzt für die Philologien? Immerhin, könnte man sagen, hat Deutschland u. a. mit der Editionsphilologie und der philosophiegesättigten Textauslegung im 19. Jahrhundert einen Weltstandard geschaffen, der überall hin exportiert wurde. Jetzt kommt eine „Lab-Kultur“ aus Kalifornien, die dieses Modell irgendwie umformatiert, umdefiniert, mit neuen Technologien ausstattet und auf andere Fächer anwendet. Aber da gibt es hier bei uns ja auch etwas zu verlieren, oder? An amerikanischen Universitäten überleben die German Departments derzeit nur, weil sie z. B. mit den Ingenieurwissenschaften kooperieren und Deutschkurse für deren Studierende anbieten, die alle noch einmal ein Jahr nach Deutschland zu Siemens etc. wollen. Ich würde sagen, die deutsche Philologie-Tradition sollte sich ganz genau überlegen, ob sie sich kommentarlos diese „Stanford-California-Tec-Lab-Kultur“ selbst überstülpt oder überstülpen lassen will. Das sollte zumindest diskutiert werden. An dieser neuen Kultur hängen nämlich auch vollkommen andere Vorstellungen von Tarifen, Stellen, Arbeitsverträgen, Anbindung an die Institution, Profitabilität, Hierarchien usw. Eine bestimmte deutsche Unternehmenskultur hing übrigens auch an der alten Struktur und Idee unserer Bildung. Für andere Länder scheint diese immerhin noch attraktiv zu sein. Wenn so etwas hier dann nur noch kostenpflichtig in Schloss Salem zu haben ist, regen sich auch wieder alle auf.

Trilcke: Die traditionellen Philologien, die Geistes- und Kulturwissenschaften einfach durch Tech-Labs zu ersetzen: das wäre sicherlich Irrsinn, davor kann man die Universität nur warnen.

Christians: Es wird nicht reichen, sie davor nur zu warnen.

Trilcke: Das stimmt. Wir müssen deutlich machen, was auf dem Spiel steht. Digital Humanities sind Humanities, sind Geisteswissenschaften. Und unsere Gesellschaft braucht diese Orte und diese Institutionen der geschichtsbewussten, der theoretischen, auch der philosophischen Reflexion – der Unterbrechung, wie Du das genannt hast. Die Digital Humanities bauen darauf auf. Ohne dieses Fundament sind sie nur Data Sciences. Uns geht es ja aber um etwas anderes. Wir wollen die geisteswissenschaftlichen Disziplinen erweitern: in den Methoden und in den Gegenständen, aber auch in den Reflexionsmodi und den interdisziplinären Hallräumen. Der Diskurs und die Diskussion zwischen informatischen Disziplinen und Geisteswissenschaften sind gesellschaftlich relevant. Wir können die Datafizierung unseres kulturellen Gedächtnisses, die ja stattfindet, nicht Google überlassen.

Christians: Stimmt. Aber wir alle erleben schon, wie die Bearbeitung, Verwaltung und Nutzung kultureller Gedächtnisse zunehmend datafiziert und digitalisiert werden. Also noch einmal: Was macht das mit unserem kulturellen Gedächtnis? Früher gab es dieses Zigarrendöschen aus Holz mit 50 Fotos drin, die immer wieder rausgeholt wurden, wenn Besuch kam. Dann lagen sie auf dem Tisch und man erzählte Geschichten – über Onkel Otto und wie wichtig oder lustig der war. Mittlerweile haben wir Tausende Fotos auf dem Laptop oder Smartphone in diesen gelben, schlecht oder gar nicht beschrifteten virtuellen Ordnern oder uferlosen Galerien. Und wenn wir jemandem ein Bild von einer Feier, einem Kind oder einem neuen Auto zeigen wollen, finden wir es nicht. Genau das spielt sich ja auch im Großen ab. Man sieht, dass Institutionen ihre Bestände digitalisieren und nicht mehr darauf zugreifen oder erst jemanden einkaufen müssen, der das dann wiederum kann. Der hat dann aber keine Idee, was er damit machen könnte, weil er die Geschichte der Institution nicht kennt oder einfach keinen interessanten Kontext des Zeigens zu konstruieren in der Lage ist.

Diese Sicherung des kulturellen Erbes ins Digitale klingt überhaupt erst einmal unglaublich gut, bringt aber einen Haufen Probleme mit sich, glaube ich. Im Übrigen: Wenn das so sicher wäre, würden nicht Kopien der wichtigsten Dokumente unseres kulturellen Erbes auf Mikrofiche in irgendwelchen Bergwerksstollen der Republik liegen … Aber selbst wenn die Daten absolut sicher und schnell zugänglich sind, muss man doch so mit ihnen arbeiten, dass sie in irgendeiner Weise lebendig werden für die Gegenwart, muss man sie in eine Wechselwirkung mit den aktuellen gesellschaftlichen Prozessen bringen. Man hat den Eindruck, es ist oft eher ein Off, ein digitales Off.

Trilcke: Kultur ist aber doch immer schon wesentlich latent, geprägt durch ein immenses Speichergedächtnis, in dem das ruht und lagert, was gerade nicht relevant ist. Eine Institution, wie das Theodor-Fontane-Archiv, das ich leite, ist ja nicht zuletzt für genau solche latenten Objekte zuständig: also für Objekte, die gerade nicht in der Kultur zirkulieren, die aber abrufbar sein sollen, weil sie Potenzial haben, als Versprechen auf die Zukunft. Und natürlich müssen sich gerade die Digitalen Archive ständig fragen, was noch in diese digitalen Speicher aufgenommen werden soll – und was vielleicht ganz vergessen werden soll: „kassieren“, also „aussondern“ oder sogar „wegwerfen“, nennt man das im Archiv-Jargon. Das machen Archive seit Jahrtausenden. Und das muss es auch für Digitale Archive geben. Wir brauchen also Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sagen: „Halt! Was bist Du für ein digitales Objekt? Bist Du relevant, im Zweifel für die Ewigkeit?“ – und die dann entscheiden: „Du kommst hier rein. Wir kümmern uns um Dich, sorgen für eine Langzeitarchivierung, garantieren Dir eine stabile Adresse, ein standardisiertes Format und all dies.“ Oder die eben sagen: „Du kommst hier nicht rein, wir vergessen, wir löschen Dich.“ Dafür brauchen wir hochspezialisiertes Personal, das wir derzeit einfach nicht haben. Dass wir das brauchen, scheint mir im Übrigen noch nicht überall wirklich angekommen.

Christians: Und wir diskutieren dies vor dem Hintergrund, dass es in den vergleichbaren Debatten häufig heißt: „Humanities is a field which does not grow.“ Will sagen: Hinter den Kulissen tobt ein ganz harter Ressourcenkampf. Wenn wir jetzt aber aufzeigen und anmerken, dass wir noch einen oder mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fürs digitale Archiv bräuchten, wird das kaum umgesetzt werden. Personal ist teuer. Stattdessen werden (jährlich) einmalige Anschaffungen empfohlen, am besten von neuer Technik. Diese Anschaffungsrede ist irgendwie unkaputtbar, ist haushalterisch einfach und hat politisch einen enormen Stellenwert. Anschaffungen neuer Technik gelten irgendwie immer als „fortschrittlich“. (Aber in welche Richtung marschiert der? Mit welchem Horizont? Da wäre der Geisteswissenschaftler möglicherweise wieder gefragt.) Ich finde das, also diesen Köhlerglauben an reine Anschaffungsfortschritte in Schule und Universität, ziemlich problematisch und geistlos. Wir sollten wirklich hart darüber diskutieren, was wir an den Schulen und Unis brauchen, warum und in welcher Form wir das brauchen.

Wenn die Philologien als Weltexportschlager gelehrt haben, warum und mit welchem Gewinn man ein Buch liest: Welche Rolle können denn die Digital Humanities bei der Bildung solcher Kompetenzen spielen – von der Schule bis zur Hochschule?

Christians: Also das Buch habe ich nur stark gemacht als Referenzgröße – sowohl kulturhistorisch als auch in der Benutzung. Die Praktiken der Buchbenutzung sind als Referenz und Vergleichspunkte für die Benutzung neuerer Medientechnologien unglaublich wertvoll. Mit bestimmten Momenten von Beschleunigung und Verlangsamung, von Gründlichkeit oder Schwierigkeit hat man am Buch schon einige Hundert Jahre Erfahrung, während viele Effekte der Nutzung neuer Medien noch gar nicht bekannt sind – beispielsweise Effekte des scrollenden Lesens, des Umgangs mit großen Textmengen usw. Deren Auswirkungen auf die Bildung sind noch unbekannt, aber man weiß, wie es am Buch gelaufen ist. Und der vergleichende Blick lohnt sich, viele Probleme, die jetzt auftauchen, lassen sich schon in der Buchkultur identifizieren. Das ist natürlich eher etwas für jemanden, der das wissenschaftlich untersuchen will, und nichts für den schulischen Alltag.

Ich denke, dort, im schulischen Alltag, der sich ja nun irgendwie auch in die Universität verlängert (es soll jetzt Vorsemester geben, damit die Abiturienten überhaupt „studieren“ können), sollten Schülerinnen und Schüler etwas über Formate lernen – also die Formatierung von Daten und ihre ästhetische Aufbereitung durch diese Formate. Dass ein YouTube-Kanal zu bestimmten Themen eine bestimmte Art von Rhetorik und visueller Selbstinszenierung nahelegt, dass das Medium – auf Älteres gestützt – eigene Traditionen ausprägt, kann man zeigen und wissen. Dass Schülerinnen und Schüler verschiedene Techniken erst einmal als Palette erkennen und analysieren lernen – entweder als digital oder analog, als buchgestützt oder technikplattformgestützt, als Wiederholungslektüre oder als Querlesen usw. – ist nicht unwichtig. Die Nutzung von Geräten wäre der zweite Schritt, die Nutzung und die Anleitung zur Nutzung muss so angelegt sein, dass sie etwas über das Medium lehrt.

Einen Text mehrfach zu lesen, ehe man etwas darüber schreibt, muss man lernen. Wie und wann man sinnvollerweise querliest, auch. Schüler müssen lernen, dass Lesen eine sehr komplexe Operation ist. Und das sollten Lehrerinnen und Lehrer nicht einfach behaupten, sondern mit ihnen durchspielen, indem sie sowohl eine ästhetisch komplex aufgebaute Kurzgeschichte gemeinsam lesen und interpretieren als auch mit ihnen in größeren Datenmengen und Korpora recherchieren. Indem sie dann berichten lassen, wie die Schüler das eine lesen und wie das andere usw. Dasselbe gilt natürlich fürs Schreiben. In dem Moment, wo ein Smartphone angefangene Wörter und Sätze vervollständigt, muss man vor Schüler nicht mehr groß über Rechtschreibung lamentieren. Man muss zunächst schlicht mehr Diktate schreiben lassen. Man könnte ihnen dann alternativ zeigen, wann und warum (kulturhistorisch) Punkte am Satzende eingeführt wurden, warum die Grimms schon vor sehr langer Zeit die praktische Kleinschreibung wollten, was Kleist mit Nebensätzen angestellt hat usw. Das müssen Lehrer aber vorher in Fachdisziplinen auch gelernt haben. Für diese Praktiken des Schreiben und Lesens, die ja auch skalierbar sind in ihrer Intensität, Schwierigkeit, Frequenz usw., muss die Schule ein Gefühl vermitteln. Das erfolgt aber nicht, indem ich periodisch Tablets anschaffe und die Schul-Cloud installiere. Die Schüler haben diese Geräte längst in dreifacher Ausfertigung auf dem Schreibtisch liegen. Es gibt nicht primär einen Anschaffungsnachholbedarf bei neuen Technologien, sondern einen Einführungs- und Kontextualisierungsnachholbedarf bei den Techniken ihrer Benutzung. Die Schule muss irgendeine Art von kulturellem Reflexionsspielraum für diese allgegenwärtige Technologie ermöglichen und dafür müssen die Lehrer ausgebildet werden. Und das sehe ich derzeit absolut nicht. Warum hier z. B. die sehr gute und sehr alte Idee des fächerübergreifenden Unterrichts nicht schon in der Ausbildung zum Tragen kommt, ist mir ein Rätsel.

Trilcke: Wobei die Universität, also konkret die Philosophische Fakultät die Lehrerinnen und Lehrer auf das Digitale vorbereiten muss – in einem Verbund aus Text-, Sprach-, Bild- und Medienwissenschaften, in Zusammenarbeit mit der Mediendidaktik und den Digital Humanities, die ich auch als einen Motor verstehe, das Digitale in diesen Bildungsprozessen auf allen Ebenen zu bedenken. Wir sind dann doch noch viel zu häufig auf einer Ebene, auf der das Digitale lediglich als Werkzeug begriffen wird, mit dem ich im Alltag, im Studium oder in der Forschung einige Dinge im besten Fall einfacher erledigen kann. Dass das Digitale eine soziale und eine epistemische Infrastruktur ist, das ist mit diesem Tool-Verständnis noch nicht erfasst. Es ist aber essenziell, dass wir – gerade bei Lehrerinnen und Lehrern – dafür ein Bewusstsein schaffen.

Sind die Digital Humanities die Zukunft der Geisteswissenschaften? Oder werden sie nebeneinander existieren?

Trilcke: Ich bin der Überzeugung, dass unsere Kultur reicher wird. Die Datafizierung ist da, unsere Erkenntnisgegenstände werden digital, neue Methoden, neue Formate und Kanäle der Distribution und Kommunikation entwickeln sich; aber der Buchdrucker bei mir um die Ecke stellt weiterhin wunderschöne materielle Objekte her – ein Buchkunstwerk kann ein E-Book ebenso wenig ersetzen wie das Digitalisat eine Handschrift von Theodor Fontane.

Christians: Ich würd schon sagen, dass die Bücher aus den institutionellen Zusammenhängen des Lernens und Lehrens verschwunden sind. Es werden mehr Bücher produziert als je zuvor, aber de facto spielen sie in der Lehre von Universitäten und Schule gar keine Rolle mehr. Und diese Beobachtung ist nicht ganz unerheblich. Das hat Konsequenzen für die Leserinnen und Leser dieser riesigen Buchmenge (und für die Buchmenge), die da draußen ja weiter produziert wird.

Trilcke: Das ist ein Punkt. Für mich stellt sich die Frage, was daraus folgt. Müssen wir an der Universität das Buch bewahren? Vermutlich eher nicht: Der Buchmarkt funktioniert auch gut ohne uns. Aber wir sollten dann doch das Buch als ästhetisches Artefakt achten. Zugleich aber müssen wir das Digitale bedenken. Das ist viel. Aber irgendwie müssen wir das als Philosophische Fakultät – als Humanities und als Digital Humanities – bewältigen. Wir müssen uns auf neue Objekte, Methoden und Umwelten einstellen, und dabei das Alte achten: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben“, sagt Melusine in Fontanes letztem Roman Der Stechlin, wobei es eben auch um das geht, was wir „lieben“ sollen: Wenn man denkt, die Digital Humanities würden die Geisteswissenschaften einfach ersetzen, verabschiedet man sich vom Kern dessen, was die Geisteswissenschaften in den letzten Jahrhunderten ausgemacht hat. Die Digital Humanities dürfen das nicht vergessen.

Christians: Das klingt mir noch zu idyllisch und nicht konfrontativ genug. Ich glaube, es wird weiterhin darum gehen, wo gesellschaftliche Eliten produziert werden. In dieser Auseinandersetzung wird das Coding eine Schlüsselqualifikation zukünftiger Eliten sein. Fächer, in denen das nicht gelehrt oder angewendet wird, in denen das keine Rolle spielt, werden das Nachsehen haben. Insofern bin ich der Meinung, dass die Digital Humanities die klassischen Geisteswissenschaften verdrängen werden. Für alle ist selten in der ersten Reihe Platz. Sie werden dann noch einmal anders heißen, aber es werden ganz andere Praktiken im Umgang mit kulturellen Artefakten im Mittelpunkt stehen, die die alten Routinen verdrängen. Da bin ich mir relativ sicher. Ich glaube an das Buch als historische Referenzgröße für das Beobachten-Können von Kultur. Denn alles kulturelles Beobachten ist Vergleichen (-Können). Aber als Lehrmittel oder als Heilmittel für die Problemlagen, die wir hier angesprochen haben, ist das Buch Geschichte. Es wird zur Unterhaltung weiter gelesen. Es hat auch technisch einen Riesenvorteil – es braucht keinen Strom. Die Sonne kann stehen, wie sie will, ein Buch kann man immer lesen, wenn man es denn lesen kann. Ich beobachte, dass meine Studierenden ihre Bücher vor Umzügen wegwerfen und in Kartons an die Straße stellen, weil sie damit nicht umziehen wollen. Das find ich total interessant. Früher konnte man gar nicht schlafen, wenn bestimmte Bücher nicht griffbereit lagen. Da waren lauter Zettel und Kritzeleien drin und man besaß wichtige Bücher in besonderen Ausgaben. Das ist vorbei. Das Buch als Begleiter, als Bezugspunkt einer Biografie, als Trost spendendes Kultobjekt oder als Weisheitswürfel usw. ist weg. Es hält jetzt robust Gelegenheitslesestoff bereit. Das ist ja auch okay. Damit hat es einen anderen gesellschaftlichen Ort bekommen. Und an den Orten, über die wir reden, die Universität und die Schule, muss man an das Buch erinnern, sonst ist es bald ganz weg, würde ich sagen.

Was ist der Preis? Der könnte doch hoch sein. Bücher, also eigentlich Texte, linear verfasste, begrenzte und stabile Textmengen, bieten besondere Möglichkeiten, mit Simultaneität umzugehen. In einem Text wird sozusagen eine unendliche Menge von Eindrücken oder Eigenschaften in eine irgendwie begründete oder nachvollziehbare Abfolge und Konstellation gebracht. Das hat einen beruhigenden Effekt. Man kann das nachvollziehen, sich daran reiben oder es übernehmen, (ganz wichtig: es genauso wiederfinden), sich damit identifizieren oder sich darüber aufregen – aber man nimmt sich die Zeit, genau diese Auseinandersetzung zu führen. Datenbanken z. B. sehen das nicht vor. Filmchen nehmen uns die wichtigste Arbeit zum Teil ab: die eigene Vorstellung. Wir wissen noch gar nicht, wie Persönlichkeitsbildung in Zeiten der Digitalisierung und in Auseinandersetzung mit riesigen Datenmengen funktioniert. Vielleicht werden wir diesen Begriff der Persönlichkeit auch verabschieden. Ich bin sehr gespannt, ob ein neuer Begriff an seine Stelle tritt …

Trilcke: Mit dem „Profil“ hätte man vielleicht schon einen Kandidaten, jedenfalls lösen wir unsere Persönlichkeit auf den Plattformen im Netz in allerlei Profile auf …

Christians: Ja, exakt. Das „Profil“ wird ja sichtbar gemacht. Da muss ich nicht selbst noch groß daran herumdeuten oder -feilen. Die Profilierung, übernehmen – ganz bequem – andere Instanzen, maschinell, für mich. Ich finde das eher beunruhigend. Da kommt einem das alte, abgeschaffte elitäre Gymnasium mit dem komischen lateinischen Namen im Vergleich gar nicht mehr so „maschinell und kalt“ vor. Aber ich kann ja auch nichts anderes sagen, ich komme aus einem anderen Bildungskontext. Ästhetische und kulturhistorische „Bildung“ hatte einen anderen Stellenwert für mich, einen befreienden. Ich sehe aber, dass nun ein ganz anderer Kontext entsteht und formuliere nur eine gewisse Skepsis im Rückblick auf einen älteren Begriffsbestand, der mal wichtig war. Aber das sagt überhaupt nichts aus, außer etwas über mich und meine Sozialisation.

 

Weitere Informationen:

https://www.uni-potsdam.de/de/medienkulturgeschichte/index
https://www.uni-potsdam.de/de/lit-19-jhd/peertrilcke
https://www.uni-potsdam.de/de/digital-humanities/

 

Dieses Gespräch erschien in Auszügen im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2020 „Digitalisierung“ (PDF) und der „Portal Wissen Eins 2021“.