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Zwischen Potsdam und Kfar Saba – Wie Collaborative Online International Learning hilft, reale und kulturelle Grenzen zu überwinden

Beit Berl College bei Kfar Saba | Foto: Beit Berl College
Luftbildaufnahme Am Neuen Palais, Haus 19 | Foto: Tobias Hopfgarten
Foto : Beit Berl College
Beit Berl College bei Kfar Saba
Foto : Tobias Hopfgarten
Luftbildaufnahme Am Neuen Palais, Haus 19
Macht ist die Fähigkeit, die Geschichte einer anderen Person nicht nur zu erzählen, sondern sie zur maßgeblichen Geschichte dieser Person zu machen.“ Eine Erkenntnis, die die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichi 2017 auf einer TED-Konferenz mit den Zuhörenden teilte und damit auf die Gefahr hinwies, Menschen, Kulturen und Länder auf eine „einzige Geschichte“ zu reduzieren. So entstünden Stereotype, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit einschränkten oder gar manipulierten.

Ihr sehr persönlicher, in zahlreiche Sprachen übersetzter und im Internet verbreiteter Vortrag bildete den Ausgangspunkt für ein interkulturelles Lehrprojekt, das Dr. David Prickett, Leiter des Zentrums für Sprachen und Schlüsselkompetenzen der Universität Potsdam, gemeinsam mit Karen Abel vom Beit Berl College bei Kfar Saba in Israel ins Leben rief. Studierende der Anglistik/Amerikanistik, die sich hier wie dort auf das Lehramt vorbereiten, sollten miteinander ins Gespräch kommen und dabei nicht nur ihr englisches Sprach- und Hörvermögen trainieren, sondern auch stereotype Vorstellungen vom Leben im jeweils anderen Land überwinden. Die Pilotphase lief im denkwürdigen Sommersemester 2020, dessen digitaler Charakter das Projekt nicht wirklich beeinträchtigte. Im Gegenteil: Die Studierenden nutzten die Möglichkeiten des Collaborative Online International Learning (COIL) und konnten so in gemischten Gruppen über kulturelle und organisatorische Grenzen hinweg miteinander kommunizieren.

„Es war meine erste Zusammenarbeit mit einer Universität im Ausland und eine sehr positive Erfahrung“, erzählt die Potsdamer Studentin Katrin  Mertens. Die israelischen Studierenden seien thematisch immer gut vorbereitet gewesen und es habe Spaß gemacht, mal eine andere Sichtweise kennenzulernen und zu diskutieren. Das digitale Format allerdings hatte es in sich: „Ich musste mich doch sehr konzentrieren, akustisch alles zu verstehen, mich in den verschiedenen Chaträumen zurechtzufinden und immer zur richtigen Zeit präsent zu sein.“

Die Studierendenteams konnten ihre Aufgaben mit verschiedenen Tools und Apps erledigen. Support-Videos sollten ihnen dabei helfen, die Technik richtig einzusetzen. Karen Abel beobachtete in den Arbeitsphasen, wie die Studierenden Verantwortung übernahmen, auf kleinere Probleme flexibel reagierten und sich gegenseitig unterstützten, wenn es zeitlich eng wurde.

Ludwig Reinhold, Lehramtsstudent im zweiten Semester, fand es vor allem anstrengend, bei begrenzten Kapazitäten die Videos bei Open.UP hochzuladen. Das sei für ihn jedoch das einzige Problem gewesen. Er nutzte das COIL-Seminar, um sich mit digitalen Lehr- und Lernformaten zu beschäftigen und gleichzeitig seine sprachlichen und interkulturellen Fähigkeiten zu trainieren. Schon vor dem Studium hatte er mehrere Monate in einem Schulprojekt in Indien gearbeitet und hautnah erlebt, was es bedeutet, Kinder unterschiedlicher Herkunft zu unterrichten, Traditionen zu achten und Rücksicht auf religiöse Besonderheiten zu nehmen. In den Online-Meetings mit den Studierenden des Beit Berl College spürte er deshalb keine Berührungsängste. Und doch ertappte er sich bei Vorurteilen. So überraschten ihn Berichte über eine hochtechnologische Industrie und mutige Anpflanzprojekte in der Wüste. Hatte er ein falsches Bild von Israel? Vielleicht. Das Seminar bot ihm Gelegenheit, es zu korrigieren.

Auch Katrin Mertens hat gelernt, dass Israel wesentlich vielschichtiger und multikultureller ist, als sie gedacht hatte. Die israelischen Studierenden schienen umgekehrt viel informierter zu sein. „Sie hatten eine durchweg positive Meinung von uns Deutschen. Und auch eine durchaus reflektierte“, erzählt sie. Aus dem Projekt hat sie vor allem eines mitgenommen: genau zuzuhören, empathisch zu reagieren und vorschnellen Gedanken – ob von ihr selbst oder anderen geäußert – etwas entgegenzusetzen. „Trotz aller Unterschiedlichkeit sind wir doch gar nicht so verschieden. Und das verbindet uns.“

Dozentin Karen Abel faszinierte die kulturelle Vielfalt und Fülle der persönlichen Geschichten, die während der aufgezeichneten Gruppengespräche interessante Anknüpfungspunkte lieferten. Die Studierenden diskutierten Verhaltenskodizes, entwickelten dazu ein gemeinsames Dokument und gingen generell sehr respektvoll miteinander um, so ihre Beobachtung. Für sie lieferte der Kurs eine modellhafte Form des authentischen Lernens. Neben pädagogischen Fähigkeiten wie dem Verstehen und Bewerten des „Anderen“ konnten die Studierenden ihre Flexibilität, soziale Anpassung und Verantwortung trainieren. Und nicht zuletzt schärften sie in den Diskussionen ihre mündliche Sprachgenauigkeit, das gaben mehr als 80 Prozent von ihnen in einer Befragung an.

„Ein Teil des Erfolgs beruhte auf David Pricketts Erfahrungen“, sagt Karen Abel. Ohne die enge Zusammenarbeit mit ihm, die ähnliche Denkweise und gemeinsame pädagogische Überzeugungen hätte ein solches Projekt nicht gelingen können, ist sie sich sicher. Inzwischen haben die beiden Dozierenden den Kurs evaluiert und einiges optimiert, sodass der nächste Durchgang schon in diesem Wintersemester starten kann.

Im Oktober ist das vom ZfQ der Universität unterstützte Lehrprojekt auf der DAAD-Konferenz „Moving Target Digitalisation: Re-Thinking Global Exchange in Higher Education“ vorgestellt worden: www.daad.de

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2020 „Digitalisierung“ (PDF).