Vom Suchen und Finden der Worte – Ein sprachpsychologisches Experiment

Auf der Suche nach dem passenden Wort | Foto: Kaya Neutzer
Quelle: Kaya Neutzer
Auf der Suche nach dem passenden Wort

Autoren sind wohlhabende Leute. Ihr Reichtum besteht aus Worten, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt haben: von Mutter und Vater gehört, gelauscht in Geschichten, auf der Straße gefunden, beim Lesen entdeckt, in Gedichten erfühlt, in Liedern gesungen. Ein Schatz, der, behütet und geschützt, nicht geringer wird, wenn man ihn teilt. Wer schreibt, schöpft aus dem Vollen, ohne auch nur ein einziges Wort zu verschwenden.

Für eine Journalistin wie mich wäre es mehr als schmerzlich, Teile meines Wortschatzes zu verlieren und nicht wiederzufinden. Und doch geschieht es mit zunehmendem Alter. So treibt mich eine Mischung aus beruflicher Neugier und Nervosität zu Jana Reifegerste, einer Frau, die sich mit Wortfindungsstörungen auskennt. Als Psycholinguistin erforscht sie die Sprachverarbeitung über die Lebensspanne und untersucht in einem aktuellen Projekt, wann und warum sich das Altern auf den Gebrauch der Worte auswirkt, bei gesunden wie bei kranken Menschen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das Vorhaben, und so kann Jana Reifegerste in den kommenden Jahren 280 Probanden testen. Junge und Alte. Studierende, Berufstätige und Ruheständler. Menschen zwischen 18 und 89.

Jana Reifegerste empfängt mich im PRIM, dem Potsdamer Institut für die Erforschung der Mehrsprachigkeit, in dem ihr Projekt angesiedelt ist. Der Raum ist nahezu leer. Mehr als Tisch und Stuhl, einen Laptop und eine Button-Box werde ich auch nicht benötigen, um mich den Tests zu unterziehen. Bevor es losgeht, muss ich Fragen zur Person beantworten und nachweisen, dass ich nicht dement oder depressiv bin, zwei Umstände, die das Ergebnis verfälschen würden. Ich zeichne also Würfel und Uhr, zähle in Siebenerschritten rückwärts, merke mir am Anfang einen Satz, den ich am Ende wiederholen muss. Geschafft. Das leichte Unbehagen, das einen bei einer solchen Untersuchung befällt, verfliegt und ich konzentriere mich auf meine erste Aufgabe.

Sprachveränderungen im Lauf des Lebens sind wissenschaftlich bisher vergleichsweise wenig analysiert worden, „weil man lange Zeit davon ausging, dass Lexik und Grammatik, einmal erlernt, für immer erhalten bleiben“, sagt Jana Reifegerste. Besonders die Sprache im gesunden Alterungsprozess sei in der Forschung wie ein Stiefkind behandelt worden, obwohl doch jeder wisse und irgendwann selbst erlebe, dass einem zuweilen die Worte fehlen. Die Sprachpsychologin möchte den im Alter zunehmenden Problemen mit der Wortfindung auf den Grund gehen. Wann beginnen sie? Wie entstehen sie? Warum hat der eine mehr und die andere weniger damit zu kämpfen? Jana Reifegerste will sich ein umfassendes Bild machen und erhebt deshalb, ergänzend zu den kognitiven Tests, auch personenbezogene Daten über Herkunft und Gesundheit, Bildung und Beruf sowie zum Lese- und Sozialverhalten.

Während die Wissenschaftlerin am Nachbartisch sitzend meinen Fragebogen erfasst, widme ich mich meinem Experiment, in dem ich Buchstabenfolgen lese und entscheide, ob es sich dabei um wirklich existierende oder erfundene Worte handelt. „Scheune“ ist ein echtes Wort, „Tampel“ wohl eher nicht. Das ist einfach, denke ich, und fühle mich auch bei seltenen Worten noch wohl. Es ist mein Metier. In der nächsten Aufgabe muss ich den Plural von Substantiven bilden. Auch hierbei gehen mir die Worte leicht über die Lippen. Berufsbedingt denke ich nur selten darüber nach, wie ein Ding oder eine Person in der Mehrzahl heißen. Den Plural von „Campus“ will der Computer nicht wissen, aber Jana Reifegerste fragt mich im Anschluss danach, weil sie an der Uni so viele verschiedene Varianten hört. Ich weiß, dass es „die Campus“ heißt, aber weil das seltsam klingt, sage ich: „Standorte“. Wir lachen.

Diese ersten Experimente zur Morphologie sollen zeigen, wie gut und schnell die Probanden die Einzelteile der gefragten Worte zusammensetzen können und ob es dabei einen Unterschied gibt zwischen Substantiven, die regelhaft in den Plural gesetzt werden und unregelmäßigen Substantiven. „Während es bei dem einen reicht, die Regel zu verinnerlichen, muss das andere gelernt und gespeichert werden“, erklärt die Psychologin. Will man die Mehrzahl von „Auto“ bilden, hängt man einfach ein -s an. Bei Worten wie „Kaktus“ geht dies nicht so leicht. Man kann sich den Plural nicht herleiten, sondern muss ihn sich merken. „Im Alter wird der Zugriff auf das gespeicherte Lexikon schlechter“, sagt Jana Reifegerste. Die grammatikalischen Fähigkeiten scheinen hingegen weniger beeinträchtigt zu sein, was aber bisher in noch keiner groß angelegten Studie untersucht worden sei.

Weiter geht es mit dem Experiment. Auf dem Bildschirm tauchen zwei Gegenstände auf: ein Tintenfisch und ein Schornstein. Mit etwas Fantasie soll ich entscheiden, was in das andere hineinpasst. Ich lasse also den Tintenfisch im Schornstein verschwinden. Und schon erscheint das nächste ungleiche Paar. Diesmal ein Orang-Utan und ein Lutscher. Dann folgen ein Pflaster und ein Telefon und so weiter und so fort. Während mich die absurden Collagen schmunzeln lassen, überlege ich, was dieses Spiel wohl über meine Sprachfähigkeiten aussagt. Ich komme nicht drauf und habe auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Denn jetzt geht das Ganze von vorn los. Nur mit einer anderen Aufgabenstellung, die ich hier nicht verraten darf, um potenzielle Probanden nicht zu beeinflussen. Soviel aber kann ich sagen: Ich komme ordentlich ins Grübeln.

Dass das Gedächtnis im Alter nachlässt, ist bekannt. Auch die Aufmerksamkeit wird schwächer und die Geschwindigkeit, mit der die Dinge im Gehirn verarbeitet werden, verlangsamt sich. Unklar ist jedoch, ob Menschen mit einem schlechter werdenden Gedächtnis zwangsläufig auch Probleme mit der Sprache bekommen. Jana Reifegerste schaut sich deshalb einzelne Bereiche des Gedächtnisses genauer an. Neben dem deklarativen, dem Wissensgedächtnis, das Fakten und Ereignisse speichert, testet sie das prozedurale, das Routinengedächtnis, mit dem sich Menschen eingeübte Handlungsabläufe merken. Hierzu zählt auch die regelbasierte Grammatik, die ohne nachzudenken abgerufen und ausgeführt wird. „Es fällt schwer, sich solche automatisierten Prozesse bewusst zu machen. Man kann nicht erklären, wie man etwas macht, das scheinbar von selbst funktioniert“, weiß die Psychologin.

In diese Kategorie also ordne ich den folgenden Test ein: Vor mir sehe ich eine Reihe Smileys, die abwechselnd blinken. Auf einer Tastatur muss ich zügig anklicken, wo das Gesicht aufleuchtet: rechts, links, Mitte. Dann: links, Mitte, rechts. Das Tempo nimmt zu. Immer schneller ändern die Smileys ihre Position. Irgendwann fange ich an, Fehler zu machen, und bin froh, als es vorbei ist. Bei der nächsten Aufgabe muss ich mich auf einen Pfeil konzentrieren und anklicken, ob er nach rechts oder links zeigt. Um mich in die Irre zu führen, sind um den Pfeil herum andere Zeichen positioniert. Aber ich lasse mich nicht ablenken, fokussiere die Mitte und klicke mich erfolgreich durch den Test.

Die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren und alles andere auszublenden – auch sie nimmt mit dem Alter ab, sagt Jana Reifegerste. „Man kennt das aus Gesprächen mit den Großeltern, wenn sie beim Erzählen abschweifen.“ Dass ältere Menschen in allem, was sie tun, langsamer werden, ist normal. Doch betrifft diese Verlangsamung auch das Finden der Worte? Und wie lässt sich dem entgegenwirken? Nicht ohne Grund hat die Wissenschaftlerin am Anfang Fragen zu Sozialkontakten und zum Leseverhalten gestellt. „Wer wenig liest und wenig spricht, gebraucht auch weniger Worte“, sagt sie und fragt im Umkehrschluss: „Können viele Kontakte und häufiges Lesen das Problem mit der Wortfindung eindämmen?“

Jetzt ist mein Arbeitsgedächtnis gefordert: Ich soll mir die Reihenfolge nacheinander aufleuchtender Quadrate merken und sie dann in umgekehrter Richtung selbst zum Leuchten bringen. Danach geht es noch einmal um Geschwindigkeit: Ich sehe zwei Quadrate mit je sechs Punkten und habe zu entscheiden, ob sie identisch angeordnet sind. Ich klicke und starre auf das nächste Paar. Ein Spiel, das ans Würfeln erinnert. Immer neue Quadrate müssen verglichen werden. Die Punkte tanzen vor den Augen. Dann bin ich erlöst.

Jana Reifegerste möchte den Verlauf der Veränderungen in der Sprache besser verstehen. Darüber sei noch wenig bekannt: „Die Mehrheit aller Studien zum Altern untersucht Studierende und vergleicht sie mit Senioren. Wenn sich dann Unterschiede finden, ist das zwar interessant, aber wir wissen immer noch sehr wenig darüber, wann genau sie entstehen.“ Beginnen sie schon im mittleren Erwachsenenalter, wenn man das Gefühl hat, das sich etwas verändert? Oder sind Menschen im Alter von 40 bis 60 womöglich besonders fit, weil sie über ein größeres Vokabular verfügen als der durchschnittliche 20-Jährige und die altersbedingten kognitiven Einschränkungen noch nicht spüren? In zwei Jahren, am Ende der Studie, wird sie darüber mehr sagen können.

Die Forscherin

Dr. Jana Reifegerste studierte Psychologie, Linguistik und Verhaltenswissenschaften in Leipzig und Montreal und promovierte in den Niederlanden. Derzeit forscht sie am Potsdam Research Institute for Multilingualism der Universität Potsdam.
E-Mail: jana.reifegersteuni-potsdamde

Das Projekt

Die Auswirkungen kognitiven Alterns über die Lebenspanne auf lexikalische und grammatische Verarbeitung.
Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Laufzeit: 2020-2022.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Zwei 2020 „Gesundheit“.