Tote Sprache, wichtige Sprache? – DFG-Projekt untersucht die Bedeutung von Altgriechisch und Latein

Prof. Dr. Ulrich Kohler | Foto: Thomas Roese
Quelle: Thomas Roese
Prof. Dr. Ulrich Kohler

Latein bringt die Systematik in den Kopf, schult logisches Denken und hilft beim Verständnis für deutsche Grammatik oder beim Erlernen anderer Sprachen. So lauten die gängigen und immer wieder bemühten Annahmen über sogenannte Transfereffekte, wegen der es sich lohne, alte Sprachen zu lernen. Forscher der Universität Potsdam und der Freien Universität Berlin (FU) wollten es genauer wissen und empirisch belegen, warum Eltern ihre Kinder nach wie vor in den Lateinunterricht schicken.

„Mir hat Latein bei anderen Sprachen nicht geholfen“, erinnert sich Ulrich Kohler. Der Professor für Empirische Sozialforschung an der Universität Potsdam hatte zwar Latein in der Schule, war aber trotzdem nicht sonderlich sprachbegabt. „Ich glaube aber, dass mein Sprachstil durch Latein beeinflusst wurde. Allerdings nicht unbedingt zum Positiven, wie mir viele versichern, da ich zu Schachtelsätzen neige.“ Gemeinsam mit Prof. Dr. Jürgen Gerhards von der FU Berlin ist Kohler der Frage nachgegangen, warum Latein heutzutage immer noch angesagt ist. Dabei glauben die Forscher nicht, dass Latein die Fähigkeiten in anderen Bereichen verbessert: „Die Studienlage dazu ist eindeutig“, resümiert Kohler, „Latein bringt weder Vorteile beim Erlernen anderer Sprachen noch beim logischen Denken.“ Es gebe keinerlei tragfähige Befunde dafür, dass Latein im Vergleich zu anderen Sprachen mehr Transfereffekte habe. „Angesichts dieser Erkenntnisse interessiert uns, warum die altsprachliche Profilierung heutzutage immer noch so beliebt ist“, so der Forscher. Um das herauszufinden, haben die Sozialwissenschaftler insgesamt 778 Eltern von Kindern in der 4. und 7. Klasse an ausgewählten Grundschulen und Gymnasien befragt.

Latein hat noch immer ein elitäres Image

Kohler sieht drei mögliche Erklärungen dafür, warum Lateinunterricht bei Eltern nach wie vor hoch im Kurs steht: Erstens profitiere Latein bis heute von einem elitären humanistischen Image. „Man kannsich abheben, wenn Bildung nicht nur dem Zweck dient, ein besseres Einkommen zu erzielen“, erläutert Kohler. Latein werde so zu einem Distinktionsmerkmal, mit dem sich bildungsbürgerliche Schichten von anderen abgrenzen. Zweitens wählten Eltern oft ein humanistisches Gymnasium für ihre Kinder, weil es dort ein gutes Lernumfeld gebe. „Die Leute wollen die Schulen nicht, weil sie Latein und Altgriechisch anbieten, sondern weil die Schule gut ist. Dann nehmen sie Latein in Kauf“, so der Wissenschaftler über den aus seiner Sicht stärksten Faktor. Hier spielten Bildungshintergrund und Einkommen der Eltern eine Rolle. Wollen sie doch das Prestige der Schule nutzen, damit ihre Kinder auch in den anderen Fächern erfolgreich abschließen. Und drittens halte sich hartnäckig der Glaube an die positiven Transfereffekte – dass Schüler also dank Lateinunterricht auch Vorteile in Mathematik oder beim logischen Denken haben.“ Wie fest die positiven Transfereffekte bei den Eltern verankert sind, hat den Soziologen überrascht: „Denn ihnen liegen keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde: Rationalität und Empirie spielen da überhaupt keine Rolle – unabhängig vom Bildungshintergrund der Eltern“, bilanziert Ulrich Kohler.

Um diese drei zentralen Mechanismen genauer zu untersuchen, hat das Team um Kohler ein „hochspezielles Datenerhebungsdesign kreiert, das aus einer Grundschul-Erhebung und einer Gymnasial- Erhebung besteht“. Die Grundschulen befinden sich in Düsseldorf und liegen in gleicher Entfernung zu Gymnasien, die altsprachliche oder neusprachliche Klassenzüge anbieten. „Dort haben wir Eltern befragt, deren Kinder am Ende der vierten Klasse waren, sodass sie die Entscheidung für die weiterführende Schule bereits getroffen hatten.“ Parallel dazu fanden Erhebungen in westdeutschen Gymnasien statt, die ihren Schülerinnen und Schülern freie Wahl zwischen alt- und neusprachlicher Profilierung lassen. „Da uns vorrangig der Bildungshintergrund der Eltern interessiert, haben wir nicht die Schüler selbst befragt“, betont Kohler. Zudem gehen die Sozialwissenschaftler davon aus, dass die Eltern maßgeblich die Fremdsprachenwahl ihrer Kinder beeinflussen. Die Auswertung der Befragungen haben die Annahmen der Forschenden bestätigt. Dabei betont der Soziologe immer wieder, die Untersuchung „liefert keine Evaluation, ob Latein etwas bringt oder nicht. Hierzu liegen bereits Studien vor“, so Kohler. „Unsere Daten belegen vielmehr, dass viele Eltern entgegen der Studienlage an die Vorteile von Latein glauben und darum ihre Kinder zum Erlernen dieser Sprache ermuntern.“

Umstrittene Transfereffekte

Wie zu erwarten war, fanden die Ergebnisse der Untersuchung nicht nur Zustimmung. Zahlreiche Expertinnen und Sprachwissenschaftler liefen dagegen Sturm. So kritisierte der Deutsche Altphilologenverband die angeblich ideologischen Ansätze der Studie: Die von den Sozialforschern verwendete Grundlage sei zum Teil veraltet und habe eine zu schmale empirische Basis. „Anscheinend fühlen sich Leute durch dieses Projekt auf den Schlips getreten“, reagiert Ulrich Kohler auf die Kritik. „Wobei sich die kontroverse Diskussion in den Medien weniger auf unsere Studie als auf die Zusammenfassung des Forschungsstandes bezog. Stets geht es darum, ob Latein positive Transfereffekte hat oder nicht. Hier zieht der Altphilologenverband andere Studien heran und spricht unseren Belegen die Qualität ab.“ Diese Argumentation kann der Potsdamer Wissenschaftler nicht nachvollziehen. „Die vom Altphilologenverband aufgerufenen Studien eignen sich gar nicht zur Untersuchung der unterstellten Transfereffekte.“

Einen positiven Effekt altsprachlicher Kompetenz gibt es dann aber doch, wie eine Studie zeigt, die Dr. Tim Sawert, Mitarbeiter im DFG-Projekt und maßgeblich an dessen Entwicklung beteiligt, durchgeführt hat: „Er hat fingierte Bewerbungen geschrieben, mal mit Lateinkenntnissen im Lebenslauf, mal ohne. Er wollte testen, inwieweit das schulische Fremdsprachenprofil nach dem Abschluss eines Studiums die Chancen auf dem Arbeitsmarkt beeinflusst“, berichtet Kohler. „Interessant war, dass Bewerberinnen und Bewerber, die Latein ab der 5. Klasse hatten und danach Altgriechisch, deutlich häufiger zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden.“ Ein Befund, der abermals belegt, wie fest verankert der Glaube an die positiven Transfereffekte eigentlich ist.

Im Moment erlebt das DFG-Projekt eine Zäsur: „Die zentrale Publikation ist derzeit zur Kontrolle bei einer englischen Muttersprachlerin.“ Danach geht es mit etwas verringertem Aufwand weiter. Während der Sozialwissenschaftler Kohler mit dem Thema abgeschlossen hat, kann er sich Nachfolgeprojekte vorstellen. „Nach Latein und Altgriechisch möchten wir uns gerne andere bisher nicht entdeckte Ursachen für Bildungsungleichheit anschauen. Derzeit überlegen wir, uns intensiver mit Auslandsaufenthalten zu beschäftigen“, erläutert Ulrich Kohler.

Das Projekt

Die Wahl von Latein und Altgriechisch als schulische Fremdsprachen: Eine Distinktionsstrategie der oberen sozialen Klasse?

Laufzeit: 2016 – 2021
Beteiligt: Prof. Dr. Jürgen Gerhards (Freie Universität Berlin), Prof. Dr. Ulrich Kohler (Universität Potsdam) Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Der Wissenschaftler

Prof. Dr. Ulrich Kohler studierte Soziologie, Geschichte und Rechtswissenschaft an der Universität Konstanz sowie Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte/ Neuere Geschichte und öffentliches Recht an der Universität Mannheim. Seit Oktober 2012 ist er Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Potsdam.
E-Mail: ulrich.kohleruni-potsdamde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2020 „Energie“ (PDF).