Vom Rand zur Mitte – David Chemeta erforscht das Selbstverständnis einer Generation mit ausländischen Wurzeln – anhand von Texten in Rapsongs

David Chemeta erforscht das Selbstverständnis einer Generation mit ausländischen Wurzeln – anhand von Texten in Rapsongs | Foto: AdobeStock/paul
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David Chemeta erforscht das Selbstverständnis einer Generation mit ausländischen Wurzeln – anhand von Texten in Rapsongs

David Chemeta analysiert Songtexte, um die Lebenswelten junger Menschen mit Migrationshintergrund zu erschließen. Ihm geht es vor allem um die Frage, wo Deutsche und Franzosen aus Einwandererfamilien ihren Platz in der Gesellschaft sehen.

In seiner Freizeit hört David Chemeta keinen Rap mehr. Das gibt er lachend zu. Aber das ist wenig verwunderlich. Schließlich hat sich der junge Wissenschaftler in den vergangenen drei Jahren intensiv mit der Musikrichtung beschäftigt und sich vor allem mit den Textinhalten wissenschaftlich auseinandergesetzt. Dafür hat er den Musikstil mit dem typischen Sprechgesang auch ausgiebig konsumiert. Insgesamt untersuchte er das Gesamtwerk von 15 französischen und 20 deutschen Sängern und Gruppen der vergangenen 25 Jahre. Rund 5.000 Liedtexte hat der Forscher, der aus dem Elsass stammt und fließend Französisch und Deutsch spricht, analysiert – und für seine Doktorarbeit monatelang Rap gehört.

Rap als Sprachrohr

„All das Gerede vom europäischen Zusammenschluss / Fahr’ ich zur Grenze mit dem Zug oder einem Bus / Frag’ ich mich, warum ich der Einzige bin, der sich ausweisen muss / Identität beweisen muss!“

Es sind Textpassagen wie diese, die David Chemetas Aufmerksamkeit wecken. Die Zeilen stammen aus dem Song „Fremd im eigenen Land“ der deutschen Hip-Hop-Band „Advanced Chemistry“. Denn in Chemetas Arbeit geht es um die nationale, kulturelle und ethnische Identitätsfrage von jungen Musikern mit Migrationshintergrund, die Rap und Hip-Hop für sich und ihre Generation als Sprachrohr verstehen. Chemeta fasst all das unter dem Begriff Nationalidentität zusammen. Wie sehen sich die Musiker und ihre Fans innerhalb der Gesellschaft? Fühlen sie sich dazugehörig und gleichwertig oder ausgegrenzt und benachteiligt? Wie hat sich dieses Selbstbild im Laufe der Zeit geändert? Antworten auf diese Fragen findet David Chemeta in den Songtexten.

Tatsächlich befasst sich wohl kaum eine Musikrichtung so intensiv mit Migration wie der Rap. 60 Prozent aller deutschen und 90 Prozent aller französischen Rap-Musiker greifen das Thema in ihren Songs auf, wie eine Studie aus dem Jahr 2002 zeigt. In den USA entstand der Musikstil in den 1970er Jahren als Teil der Hip-Hop-Kultur in den afroamerikanischen Ghettos von New York. Sozialkritische Texte prägten ihn von Beginn an. In Deutschland schaffte die Gruppe „Advanced Chemistry“ 1992 ihren Durchbruch mit der Single „Fremd im eigenen Land“. Die Musiker haben italienische, ghanaische, chilenische und haitianische Wurzeln und trafen mit ihren Texten einen Nerv. Rassismus, wachsender Rechtextremismus, Ausgrenzung und Polizeigewalt – zum ersten Mal thematisierten Hip-Hopper in deutscher Sprache die Probleme ihrer Zeit, unter denen vor allem Menschen litten, deren Eltern oder Großeltern nicht aus Deutschland stammten.

Neues Forschungsfeld Migration

„Die Migration ist ein relativ neues Forschungsfeld“, erklärt David Chemeta. Es fehle noch der nötige Abstand, um das Thema ruhig und neutral darzustellen. Trotzdem hat er es versucht, über den Weg der Musik. Warum? „Zufall und Provokationsgeist“, sagt er. „Als ich sehr jung war, habe ich mit Rapmusik angefangen, Deutsch zu lernen. Als ich dann später mein Masterstudium aufnahm, wollte ich mit dem Thema an meiner Universität in Lyon, die ziemlich elitär und prachtvoll ist, etwas provozieren.“ Doch die erwartete Reaktion blieb aus. Stattdessen waren die Betreuer begeistert. Und auch nach dem Masterabschluss ließ Chemeta das Thema Rap nicht los. Nun steht er kurz vor dem Abschluss seiner Doktorarbeit, die einen sehr direkten Blick auf die Lebenswelten deutscher und französischer Menschen mit Migrationsgeschichte wirft und dabei einen Bogen von den 1990ern bis in die Gegenwart spannt.

Ein Konzept hat es dem Forscher besonders angetan. Es ist der von den Postcolonial Studies eingeführte Raum-Begriff, der zwischen dem Zentrum einer Gesellschaft und ihren Rändern unterscheidet. Diesem zufolge konzentrieren sich im Zentrum die Mächtigen der Gesellschaft, während sich an den Rändern die Machtlosen sammeln. „Welche Perspektive nehmen die Rapper ein?“, fragt Chemeta in seiner Arbeit. Wie positionieren sie sich innerhalb der Gesellschaft? Sehen sie sich selbst als machtlos und einem rassistischen Zentrum ausgeliefert oder als in der Mitte stehend und handlungsbereit?

Entscheidet der Pass über die Nationalidentität?

Für seine Analyse wählte David Chemeta die Künstler nach bestimmten Kriterien aus. Die Migrationsfrage sollte zumindest ansatzweise in den Werken der Rapper vorkommen. In seine Auswahl fielen kommerziell sehr erfolgreiche Musiker wie Bushido oder Samy Deluxe und auch solche, die wichtige Impulse zur Entwicklung des Musikstils gegeben haben. „‚Advanced Chemistry‘ zum Beispiel kennt heute kaum noch jemand. Aber für die Rapgeschichte ist es eine sehr wichtige Gruppe“, erklärt Chemeta, „während Bushido sich selbst immer noch als der Typ aus dem Ghetto darstellt, obwohl er heute in einer Villa lebt und schicke Autos fährt.“ Einige Kandidaten hat Chemeta in seine Analyse aufgenommen, weil sie eine Ausnahmestellung einnehmen. Der Rapper Deso Dogg etwa, bekannt auch unter seinem bürgerlichen Namen Denis Cuspert, war bekennender Salafist und islamistischer Prediger. In Syrien schloss er sich 2013 den Dschihadisten an und starb dort vermutlich 2018. „Wegen seiner Geschichte war es sehr interessant für mich, sein Selbstbild und seine Nationalidentität zu verstehen und mit anderen zu vergleichen“, erklärt Chemeta.

Album für Album, Text für Text hat David Chemeta durchgearbeitet, um die Standpunkte der jeweilige Musiker zu Migrations- und Gesellschaftsfragen zu ermitteln. Entscheidet der Pass darüber, welche Nationalidentität diese einnehmen? Oder eher kulturelle, persönliche, politische oder ganz andere Kriterien?

In seiner Textsammlung hat der Forscher einen grundlegenden Wandel des Selbstverständnisses der Musiker innerhalb der letzten 25 Jahre festgestellt. Beispielhaft dafür ist der deutsche Rapper Samy Deluxe. Dessen Karriere begann um die Jahrtausendwende. Damals sah er sich selbst noch an der Peripherie einer Gesellschaft, deren Zentrum überwiegend rassistisch war, und verglich die Zustände mit 1933. „Wir sind jeden Tag umgeben von lebenden Toten, / umgeben von Schildern, die uns sagen: Betreten Verboten! / Umgeben von Skinheads, die Türken und Afrikanern das Leben nehmen, / während Bullen daneben steh’n, um Problemen aus dem Weg zu geh’n“, heißt es in „Weck mich auf“ von 2001.

Ab 2008 zeigen seine Texte aber eine völlig andere Einstellung. „Ich kämpf’ nicht gegen den Rassismus, Egoismus, Terrorismus / Hass produziert nur Hass, ich kämpfe für etwas / ’n besseres Land, ’ne bessere Welt / Klingt irgendwie kitschig, aber is’ trotzdem irgendwie wichtig / Also komm unterstütz mich, mach dich irgendwie nützlich“, rappt Deluxe in „Weil es Zeit ist jetzt“. „Er hat einen Wechsel vollzogen vom Ausgestoßenen an der Peripherie zu jemandem, der mitten im Zentrum steht“, analysiert David Chemeta. Auch bei anderen Künstlern hat er diesen Perspektivenwechsel beobachtet.

Offene Fragen

Eine Ursache dieses Wandels sieht Chemeta vor allem in der deutschen Politik. Bereits ab 1998 habe sich mit der rot-grünen Koalition die öffentliche Wahrnehmung von Migration von einer ablehnenden Grundhaltung zu einer offeneren Einstellung geändert. Mit der Integrationspolitik ab 2005 habe sich dieser Trend verstärkt und damit offenbar das Selbstbild junger Menschen mit Migrationshintergrund positiv beeinflusst. In Frankreich gibt es ähnliche Tendenzen. „Aber etwa fünf bis zehn Jahre verzögert“, der Forscher. Es ist ein Ergebnis, das in der Migrationsforschung schon aus anderen Untersuchungen bekannt ist, das aber Chemeta nun erstmals auch in Raptexten nachweisen konnte.

Je intensiver David Chemeta in sein Thema eintaucht, desto mehr Fragen stellt er sich. Präsentieren kommerziell erfolgreiche Rapper tatsächlich den Standpunkt der Community? Ist Rap noch immer ein Sprachrohr von Minderheiten und Menschen mit Migrationshintergrund? Und was sagen die Frauen dazu? Rapmusik ist von Männern dominiert. Die weibliche Perspektive fehlt nahezu – bis auf wenige Ausnahmen. Dabei ist der Blickwinkel von Frauen auch in der Migrationsfrage hochinteressant. Vielleicht wird Chemeta einige dieser Forschungsfragen in späteren Arbeiten noch einmal aufgreifen. „Das ist das Gute an der Forschung: Man ist niemals fertig.“

Der Wissenschaftler

David Chemeta studierte Germanistik, Literatur, Geografie und Romanistik an der École normale supérieure de Lyon (Frankreich), der Universität des Saarlandes in Saarbrücken und der Universität Straßburg. Derzeit promoviert er an der Universität Potsdam. Seine Promotion trägt den Titel „Nation, Migration, Narration: 25 Jahre deutscher und französischer Geschichte aus den Augen von deutschen Rappern mit Migrationshintergrund“.
E-Mail: dchemetagmailcom

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2020 „Energie“ (PDF).

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Sabine Schwarz