Energie – Warum einer der populärsten Begriffe unserer Zeit so schwer zu fassen ist

Prof. Dr. Susanne Strätling | Foto: Tobias Hopfgarten
Quelle: Tobias Hopfgarten
Prof. Dr. Susanne Strätling

Energie schillert, funkt, bewegt. Sie ist Strom, Kraft, Wärme, auch Bewegung. Sie steckt in chemischen Verbindungen und hohen Lagen. Aber auch wer Tatendrang versprüht, ist voll von ihr. Wenn es zwischen zwei Menschen knistert, ist da eine ganz besondere. Wer sich durchsetzt, ist energisch. Wo Energie ist, ist vieles möglich. Wie kommt das eigentlich? Die Slavistin Susanne Strätling forscht zur Begriffsgeschichte der Energie – und ist gerade vom energetischen Durcheinander fasziniert.

Von der Metaphysik zur Thermodynamik

„Energie ist ein Begriff, der wandert. Er lässt sich keinem Fachgebiet eindeutig zuordnen“, sagt Susanne Strätling. Sie ist Professorin für ostslavische Literaturen und Kulturen an der Universität Potsdam. Energie ist ihr Steckenpferd. Auch wenn es heute so scheint, als sei Energie vor allem eine physikalische Größe, die sich andere Disziplinen und Wissensbereiche nur ausgeliehen hätten, verrät ein Blick in ihre Geschichte, dass dem nicht so ist. Das Wort enérgeia (ἐνέργεια), auf das sie zurückgeht, wurde in der griechischen Antike geprägt. Bekannt geworden durch die Schriften des Philosophen Aristoteles, beschrieb er eine lebendige „Wirklichkeit und Wirksamkeit“ – das, was das Mögliche real werden lässt. „‚Energie‘ war in der Antike in der Metaphysik ebenso zu Hause wie in der Physik und der Rhetorik. Der Begriff gehörte noch nie nur in eine Disziplin.“

Der „Aufstieg“ der Energie zu einem der Leitbegriffe der Physik begann erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Der englischen Arzt Thomas Young verwendete ihn 1800 erstmals, konnte sich aber nicht durchsetzen. Lange Zeit arbeiteten Physiker mit anderen Begriffen, allen voran „Kraft“. Hermann von Helmholtz, der 1847 den berühmten Energieerhaltungssatz als erster endgültig ausformulierte, sprach noch von einer „Konstanz der Kraft“. In der Ausgabe von 1848 des legendären Conversationslexikons von Friedrich Arnold Brockhaus fand sich das Wort „Energie“ nicht einmal. Und selbst 1898 bot das Lexikon als erste Erklärung „Willenskraft, Thatkraft“ an und anschließend „die Fähigkeit eines Körpers, eine mechanische Arbeit zu leisten“. Erst Einsteins Relativitätstheorie prägte die Definition der Energie, wie wir sie heute kennen – und begründete die naturwissenschaftliche Dominanz im Begriffsbild.

„Dabei erlebte der Energiebegriff schon früher eine Konjunktur in anderen Bereichen wie der Philosophie, den Sozialwissenschaften – und vor allem in Kunst und Kultur“, sagt Susanne Strätling. Aufklärer wie Denis Diderot und Johann Gottfried Herder wandten sich der Energie ebenso zu wie zahlreiche romantische Schriftsteller, unter ihnen E.T.A. Hoffmann oder Novalis. „Mit der Erfolgsgeschichte der Thermodynamik hat sich die literarische und ästhetische Auseinandersetzung mit der Energie dann noch einmal intensiviert.“

Die Lust an der Dynamik

Das Spannende daran sei, dass die Künste in der Energie etwas ganz anderes sehen und suchen als die Naturwissenschaften, sagt die Forscherin: „In den Naturwissenschaften soll Energie ein klar bestimmbarer, stabiler Begriff sein, mit dem sich kalkulieren lässt.“ Immerhin gilt die Energie als jene Größe, die während eines physikalischen Prozesses in einem abgeschlossenen System erhalten bleibt. Sie kann in andere Formen umgewandelt, aber eben nie erzeugt oder vernichtet werden – so der Erhaltungssatz. „Die Künste entdecken in dieser Wandlungsfähigkeit der Energie genau das Gegenteil: nicht Stabilität, sondern Dynamik. Energie fasziniert sie als eine flexible Größe, mit der sich Überschreitungen und Transformationen formaler wie semantischer Natur beschreiben lassen. Während die Naturwissenschaften an einer begrifflichen Schließung interessiert sind, zielen die Künste eher auf eine Bedeutungsoffenheit. Energie ist für sie kein Begriff, sondern eine Metapher.“

Zeigen lasse sich das in verschiedenen Dimensionen, so Strätling: mit Blick auf die Wirkung von Kunst und ihre Produktion sowie medientheoretisch. So werde zum einen die Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter oft als energetisch beschrieben. „Etwa wenn wir davon sprechen, dass uns ein Bild, ein Theaterstück oder ein Roman ‚elektrisiert‘.“ Zum anderen werde Energie häufig eingesetzt, wenn es um die Erzeugung des Kunstwerks gehe. Diese Dimension knüpfe eng an den Ursprung des Begriffs bei Aristoteles an, erklärt die Slavistin. „In seiner Metaphysik ist enérgeia zusammen mit dynamis (δύναμις) Teil eines Begriffspaares, das auch als Akt-Potenz-Lehre bezeichnet wird. Energie meint hier das, was nicht nur Möglichkeit bleibt, sondern sich tatsächlich realisiert – und dadurch auch wirksam wird.“ Besonders vielseitig und intensiv seien diese Bezüge auch in der medientheoretischen Dimension. So falle auf, dass immer wieder unterschiedlichen Medien diverse Energiepotenziale zugeschrieben wurden. Für das Medium Sprache sei beispielsweise Wilhelm von Humboldt einflussreich gewesen. Humboldt hatte von der enérgeia der Sprache gesprochen und damit gemeint, dass Sprache – anders als Schrift – sich ständig im Werden befinde, nie abgeschlossen sei. Der Kunsthistoriker Aby Warburg hingegen nannte Bilder „Energiekonserven“ und Performance-Künstler wie Marina Abramović vertreten die Ansicht, ihre Kunst basiere auf der Zirkulation von Energie zwischen Performer und Publikum.

Energie als Scharnierbegriff

Dass Naturwissenschaften und Künste sich des Begriffs auf so unterschiedliche Weise bedienten, sieht Susanne Strätling dabei nicht als unüberbrückbaren Gegensatz. „Ich denke, Energie kann durchaus ein Scharnierbegriff sein, der die Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überbrückt, eine Klammer, die sie verbindet.“ Beispiele dafür gibt es: So entwickelte der deutsch-baltische Chemiker Wilhelm Ostwald, der 1909 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, als Philosoph das Konzept einer Energetik als Kulturwissenschaft. Darin führt er nicht nur materielle, sondern auch Bewusstseinsprozesse auf die Umwandlung von Formen der Energie zurück. „Sein energetischer Imperativ ‚Vergeude keine Energie, verwerte sie!‘ sollte für alle Bereiche des Lebens gelten“, erklärt die Forscherin. Und der russische Theologe, Philosoph und Mathematiker Pavel Florenskij führte verschiedene Traditionslinien des Energiebegriffs aus Theologie, Philosophie, Physik und Poetik zusammen, um zu beweisen, dass auch Worte energetische Einheiten sind.

Ohnehin berührten sich die Disziplinen im Bezug zur Energie immer wieder, meist fruchtbar. Eine wechselseitige Erhellung der geistes- und naturwissenschaftlichen Perspektive lässt sich insbesondere in der Moderne beobachten. Etwa bei den russischen Projektionisten: „Sie begreifen das Kunstwerk als Sender, der Energie ausstrahlt“, erklärt Strätling. Und der russische Avantgardist El Lissitzky entwickelte bereits 1923 das visionäre Projekt einer „Elektro-Bibliothek“, die das gedruckte Buch überwindet.

Als Literaturwissenschaftlerin interessiert sich Susanne Strätling vor allem dafür, welche Rolle Energie in und für fiktionale Texte spielt. „Literatur liegt uns zumeist in geschriebener Form vor. Ein energetisches Potenzial wird der Schrift jedoch seit Humboldt konsequent abgesprochen. Immer ist es das gesprochene Wort, dem man ein Energieprivileg zugesteht. Daneben aber bildet sich eine vergessene Geschichte von Energiekonzepten der Schrift ab – diese gilt es zu entdecken.“ Prominenter Vertreter eines solchen Textverständnisses ist der Aufklärer Johann Gottfried Herder. Er nannte Literatur – im Unterschied zur Malerei – eine energetische Kunst, da sie es erlaube, ein Kunstwerk im Prozess zu zeigen, unabgeschlossen und veränderlich. Ein besonderes Faible hat die Slavistin Strätling für den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. In dieser Zeit etablierte sich nicht nur der moderne naturwissenschaftliche Energiebegriff und diffundierte als solcher in viele andere Bereiche.„Er geriet auch in eine tiefe Krise“, erklärt die Forscherin fasziniert. „Denn es setzte sich zunehmend das Bewusstsein dafür durch, dass Energie immer auch begleitet ist von Entropie. Sie ist eben nicht unendlich. Sondern sie bringt auch andere Assoziationen mit: Erschöpfung, Erschlaffung, Ermüdung.“ In diesem Spannungsfeld, hin und hergerissen zwischen Energieeuphorie und Energieangst, bewegten sich die Künste jener Zeit, allen voran die Avantgarden. „Die Utopie der Avantgardisten, das unabgeschlossene Projekt ihrer Entdeckung der Energie zwischen Fluch und Versprechen, ist hochspannend und von ungebrochener Aktualität.“

Die schillernde Vielschichtigkeit des Begriffs macht es Susanne Strätling nicht leicht: Auf der Suche nach den Paradigmen der Energie bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Grenzen ihrer eigenen Disziplin zu überschreiten. Jenseits ihrer fachlichen Heimat sucht sie nach „Energieenthusiasten“, die ebenfalls nicht nur an einer Dimension des Begriffs interessiert sind – auf Tagungen, in Gesprächen, mit Veröffentlichungen. „So entsteht nach und nach ein Netzwerk mit anderen Forscherinnen und Forschern. Natürlich zwischen den Disziplinen, denn nur dort ist sie zu finden, die Energie.“ Durch die Arbeit eines solchen Netzwerkes könnte sich eines Tages eine komplexe Begriffsgeschichte bilden. „Was dadurch entstünde, wäre eine Art begrifflich kondensierte Kulturgeschichte, ein kulturelles Panorama.“

Die Wissenschaftlerin

Prof. Dr. Susanne Strätling studierte Germanistik, Slavistik und Pädagogik in Münster, Volgograd, Prag und Berlin. 2018 bis März 2020 war sie Professorin für Ostslavische Literaturen und Kulturen an der Universität Potsdam. Seit April 2020 ist sie Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt Slavische Literaturen an der Freien Universität Berlin.
E-Mail: susanne.straetlingfu-berlinde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2020 „Energie“ (PDF).