Untergangsstimmung oder Boom-Time? – Was die Corona-Krise für Start-ups bedeutet

Zur Corona-Pandemie – Beiträge aus der Universität Potsdam
Mit Vollgas aus der Krise - wird die Corona-Pandemie für Start-ups zum Risiko oder zur Chance? | Foto: AdobeStock/dragonstock
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Mit Vollgas aus der Krise - wird die Corona-Pandemie für Start-ups zum Risiko oder zur Chance?

Millionen Menschen gingen in den zurückliegenden Wochen in Deutschland in Kurzarbeit. Ganze Branchen – wie die Gastronomie, Veranstaltungs- oder Tourismusindustrie – bangen um ihre Existenz. Andererseits haben manche Sparten Hochkonjunktur, wie Versanddienstleister, Lebensmitteldiscounter und Baumärkte oder Streamingdienste und Softwareanbieter für Videokonferenzen. Ist die Krise also ein wirtschaftliches Himmelfahrtskommando oder eine Zeit der Risiken, die (immer) auch große Chancen bergen? Der Experte für Entrepreneurship Lars Groeger wirft einen Blick auf Tücken und Möglichkeiten in dieser besonderen Zeit – und sagt auch, welches Start-up er aktuell gründen würde.

Ist die Corona-Krise eine gute Zeit für Start-ups oder eher nicht?

Die oft zitierte Aussage, dass jede Krise auch unzählige neue Möglichkeiten bietet, trifft grundsätzlich auch auf die Corona-Krise zu. Einige wenige Start-ups profitieren von dieser Krise und demonstrieren damit den Kern von Entrepreneurship:  Gelegenheiten schnell zu erkennen und dann im kreativen und unternehmerischen Prozess auszuschöpfen.
So könnten beispielsweise Gründer profitieren, die passgenaue Produkte und Dienstleistungen für Lehrer und Schüler anbieten, um ihnen eine produktive und individuell angepasste Lernerfahrung zu ermöglichen. Der „Online-Zwang“ zeigt Lehrkräften das Potenzial digitaler Bildung. So besteht die Chance, Menschen von Produkten und Dienstleistungen zu überzeugen, die für junge Start-ups sonst  schlecht zu erreichen oder für eine Erprobung des Produkts schwer zu gewinnen sind.
Für den Großteil bestehender Start-ups ist die Corona-Krise jedoch existenzbedrohend: Gründerinnen und Gründer müssen Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder entlassen, Finanzierungsrunden werden ausgesetzt und je nach Branche wurde der hart erarbeitete Markteintritt innerhalb kürzester Zeit wieder zunichtegemacht – die Insolvenz droht. Das Berliner Social Enterprise „Quartiermeister“ beispielsweise, hat durch die Schließung von Bars, Clubs und Restaurants Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent – Geld, das jetzt für die geplante deutschlandweite Expansion fehlt.

Welche Risiken gehen Start-ups ein, die jetzt aus der Krise heraus ihr Angebot entwickelt haben?

Die momentane Situation zwingt viele Nutzer förmlich dazu, gewisse Produkte zu nutzen. Sobald der externe Druck wieder abschwächt, besteht die Gefahr, dass die Menschen zu ihren alten Routinen zurückkehren, da das Produkt eben doch nicht überzeugt hat. In dem Fall ist der Erfolg nur von kurzer Dauer und könnte sogar die Existenz langfristig bedrohen, falls Kapazitäten kapitalintensiv hochgefahren werden, die zu Post-Corona-Zeiten nicht abgerufen werden. So könnten beispielsweise mangelnde Benutzerfreundlichkeit, fehlender Service und Support digitaler Lehrangebote die bestehende digitale Skepsis einiger Lehrer nur verstärken.

Ergeben sich auch neue Chancen im Vergleich zur Zeit vor Corona? Inwiefern?

Ja, wie bereits angedeutet, ergeben sich teilweise neue Chancen – und die Herausforderung für die Gründer ist es, diese Chancen auch innerhalb kürzester Zeit zu nutzen. Nehmen wir an, dass ein Start-up in die seltene, aber doch glückliche Lage kommt, einer exponentiell wachsenden Nachfrage sehr schnell gerecht werden zu müssen. Die Chance ist da. Aber kann das Unternehmen sein Geschäftsmodell skalieren, d.h. die Nachfrage bedienen und den Umsatz steigern, ohne gleichzeitig größere Investitionen tätigen zu müssen, beispielsweise für Produktion und Infrastruktur, für die wahrscheinlich die Ressource fehlen? Wenn ja, dann ist das ein kritischer Erfolgsfaktor. Während dies für eine Video-on-Demand-Plattform, wie z.B. Filmdoo.com relativ einfach möglich ist, gestaltet es sich schwieriger für Unternehmen, die materielle Produkte herstellen.
Ein zweiter kritischer Erfolgsfaktor ist die schnelle Adaptation an die neue Situation. Eventuell widerlegt der neue Ansturm von Kunden viele gemachte Annahmen über den Markt. Dann gilt es für das junge Unternehmen, diese „learnings“ schnell und konsequent umzusetzen. Wenngleich dies das klassische Mantra eines Start-ups ist bzw. sein sollte, so erfordert die jetzige Situation, dieses Mantra mehr denn je umzusetzen.

Wenn Sie gegenwärtig selbst ein Start-up gründen wollten, worum würde es dabei gehen?

Worüber ich mir momentan sehr viele Gedanken mache, ist die Digitalisierung der Lehre. Es wird derzeit viel darüber diskutiert, wie groß die Spanne zwischen den Schulen ist, die eine Umstellung auf die Online-Lehre sehr gut  umgesetzt bekommen und den Schulen, die das nicht schaffen. Die Technologie ist vorhanden, die Expertise und die Erfahrungen sind es auch, um dem großen Bedarf an besseren Lösungen vonseiten der Lehrer, Schüler und Eltern gerecht werden zu können. Die Unterstützung der Politik und der Gesellschaft ist garantiert. Dies sind herausragende Rahmenbedingungen, um eine „business logic“ innovativ, pragmatisch und langfristig für einen wesentlichen und positiven Wandel unseres Bildungssystems einzusetzen. So könnte man beispielsweise eine Art ‚Airtasker‘ für Lehrende entwickeln. Im großen Stil: eine bundesweite, unbürokratische, schnelle und effiziente Unterstützung für die Durchführung der digitalen Lehre auf allen Lernplattformen. Man müsste ein qualifiziertes und effizientes Support-Team aufsetzen, das den Lehrenden hilft, sich auf den Lernerfolg ihrer Schüler zu konzentrieren. Während das Support-Team die grundlegenden Prozesse aufstellt, könnten  die Lehrenden je nach Kenntnisstand schrittweise an die eigene Umsetzung herangeführt werden – gemäß dem Prinzip: Hilfe zur Kompetenzbildung.

 

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