Digitalisierung im Schnellverfahren - Online-Lehre in Zeiten von Corona

Zur Corona-Pandemie – Beiträge aus der Universität Potsdam
Prof. Dr. Andreas Musil, Vizepräsident für Lehre und Studium. | Foto: Karla Fritze
Quelle: Karla Fritze
Prof. Dr. Andreas Musil, Vizepräsident für Lehre und Studium.

Wie kann die Lehre noch besser werden? Diese zentrale Frage bekommt in der Corona-Pandemie eine weitere Bedeutung. Planen zahlreiche Hochschulen doch, die gegenwärtigen Einschränkungen über Online-Lehrveranstaltungen abzufedern. So könnte das Sommersemester gerettet werden. Was kann die Universität Potsdam hier leisten? Darüber spricht Prof. Dr. Andreas Musil, Vizepräsident für Lehre und Studium.

Derzeit fährt die Uni Potsdam einen Präsenznotbetrieb. Um das Sommersemester für die Studierenden nicht abzuschreiben, soll möglichst viel über Online-Angebote abgefedert werden. Wie viel von dem regulären Gesamtangebot ist in dieser Situation realisierbar?  

Ein genauer Anteil kann noch nicht benannt werden. Derzeit sind die Lehrenden noch damit beschäftigt, ihre Angebote an die aktuelle Situation anzupassen. Es ist allerdings jetzt schon klar, dass Lehrveranstaltungen ausfallen müssen, die z.B. Laborarbeiten erfordern. Auch Praktika, insbesondere an Schulen, mussten abgebrochen werden oder waren für das Sommersemester geplant und können während der Pandemie gar nicht oder nur in abgewandelter Form durchgeführt werden.
Grundsätzlich wird versucht, alle kritischen Lehrveranstaltungen anzubieten, die Studierende für einen erfolgreichen Studienverlauf benötigen. Eine Verzögerung des Studienabschlusses durch die Pandemie sollte die Ausnahme bleiben.

Wie sieht die multimediale Inhaltsvermittlung derzeit an der Uni Potsdam aus?

Wir merken, dass unsere Lehrenden sehr kreativ mit den aktuellen Einschränkungen durch die Pandemie umgehen. Viele Lehrveranstaltungen können in ein online-basiertes Format überführt werden. Die Fachbereiche gehen dabei je nach Fachkultur und Lehrveranstaltungsart ganz unterschiedlich vor. Einige Lehrende können auf Videomitschnitte aus vergangenen Semestern zurückgreifen, sodass nun eine Art virtuelle Vorlesung stattfinden kann. Andere nehmen die aktuelle Situation zum Anlass, diverse digitale Werkzeuge auszuprobieren, um ihre Lehre ansprechend zu gestalten.
Alle Lehrenden sind dabei angehalten, keine reinen Selbstlernangebote für Studierende zu schaffen, sondern weiterhin erreichbar zu bleiben und die Studierenden angemessen zu betreuen.

Was sollte jetzt passieren, um die Digitalisierung in der Lehre an der eigenen Hochschule weiter voranzutreiben? Was wird an technischen Voraussetzungen benötigt?

Unsere bewährten Dienste, wie z.B. Moodle, Box.UP oder Media.UP, werden im Moment in ihren Funktionen erweitert, sodass noch mehr kollaborative Lehr-Lern-Szenarien entwickelt und insbesondere asynchrone Lehrveranstaltungsformate realisiert werden können. Darüber hinaus werden derzeit Campuslizenzen für neue nützliche Software ausgehandelt, damit Studierende und Lehrende bestmöglich handlungsfähig sind. Leider ist die Vorbereitungszeit auf das neue Semester sehr kurz, sodass wir keine umfangreichen Schulungen anbieten können. Der Bereich Lehre und Medien des ZfQ unterstützt hier jedoch mit einem hilfreichen Beratungsangebot (Online Lehre 2020).

Welche Rolle spielt das HPI mit ausgewiesener Online-Kompetenz, das ja über die DEF eng mit der Uni Potsdam verbunden ist?

Die DEF ist durch die engen Verbindungen zum HPI und durch die auf Digitalisierung bezogene Studieninhalte bereits auf digitale Elemente in der Lehre eingestellt. Gleichzeitig ist das HPI Partner der Uni Potsdam und somit nicht direkt zuständig, wenn es um die universitäre Lehre in anderen Bereichen geht. Viele Angebote des HPI sind frei verfügbar, sodass auch Lehrende der Uni Potsdam individuell entscheiden können, diese in ihre Lehrveranstaltungen einzubinden.

Wie gehen Sie konkret vor, um Lehrende zu überzeugen, mehr Online-Module anzubieten? Vor allem jetzt unter Zeitdruck?

Die Rückmeldungen der Fakultäten waren durchweg optimistisch, sodass nicht viel Überzeugungsarbeit notwendig ist. Ich bin positiv überrascht, dass sich auch Fachbereiche mit wenig Erfahrung im Bereich der Online-Lehre darüber verständigen, wie sie Lehrveranstaltungen gut umsetzen können. Das passiert häufig in enger Abstimmung mit Kolleginnen und Kollegen, die derzeit ja in derselben Situation stecken. Es ist also sehr erfreulich zu beobachten, dass innerhalb der Uni Potsdam und in Zusammenarbeit mit Fachverbänden oder anderen Universitäten über gute Lehre diskutiert wird.
Gleichzeitig muss man anerkennen, dass nicht alle Lehrveranstaltungen ausschließlich online durchgeführt werden können. Hier hoffen wir, dass der reguläre Unibetrieb bald wieder aufgenommen werden kann, um bisher fehlende Angebote z.B. in Blockseminaren durchführen zu können.

Können die Bibliotheken auch Quellen und Literatur in ausreichendem Umfang zur Verfügung stellen?

Obwohl die Bibliotheken geschlossen sind, steht weiterhin das umfangreiche Online-Angebot zur Verfügung. Viele Fachzeitschriften können über den Katalog der UB online eingesehen werden. Zunehmend können insbesondere jüngere Veröffentlichungen auch unter einer OpenAccess-Lizenz genutzt werden. Die Fachreferentinnen und -referenten der Bibliothek können darüber hinaus auf Wunsch der Lehrenden entsprechende eBooks beschaffen oder Auszüge aus dem Präsenzbestand bereitstellen.

Welche digitalen Kompetenzen sind nun besonders gefragt – bei Lehrenden und Studierenden?

Sicherlich ist es eine Herausforderung, auf die Schnelle die eigenen Medienkompetenzen zu erweitern. Der Umgang mit neuen digitalen Werkzeugen sorgt wahrscheinlich für anfängliche Verunsicherung. Auch das Wissen um die Regelungen zum Datenschutz oder des Urheberrechts muss viel präsenter sein als sonst.

Für die Lehrenden ist es besonders anspruchsvoll, ihr pädagogisches Repertoire jetzt um medienpädagogische Kompetenzen zu erweitern. Bewährte Präsenzformate lassen sich nicht immer 1:1 übertragen, sodass abgewogen werden muss, welches (online) Szenario und welche Tools bei der Vermittlung der gewünschten Studieninhalte am besten unterstützen können.
Studierende befinden sich in einer ähnlich anspruchsvollen Situation. Wir wissen, dass es die „digital natives“ nicht gibt und auch den Studierenden erlaubt werden muss, sich auf die neue Lernsituation einzustellen. Die nun hauptsächlich schriftlichen Begegnungen in den Lehrveranstaltungen erfordern vermutlich auch neue Routinen: Studieninhalte können eventuell nicht in gewohntem Umfang oder in gewohnter Qualität bearbeitet werden, Übungsphasen müssen ganz bewusst eingeplant, Zeit zum Lesen und Schreiben gefunden werden. Hier sind die Lehrenden aufgefordert, ihre Lehre anzupassen und Studierende auch auf die Ferne zu motivieren.

Dabei darf nicht vernachlässigt werden, dass manche Studierende keine Möglichkeit haben, einen Computer oder das Internet zu benutzen. Das liegt teilweise an der persönlichen wirtschaftlichen Situation, teilweise aber auch an immer noch digital verwaisten Heimatregionen, die ein Studium auf Distanz erschweren. Die Universität Potsdam ist bemüht, auch die virtuelle Teilhabe für unsere Studierenden zu ermöglichen und kann im absoluten Notfall, insbesondere für Studierende mit Beeinträchtigungen, Tablets oder Laptops verleihen.

Sehen Sie grundsätzlich einen Mehrwert für die Universität Potsdam, wenn die Lehre stärker digitalisiert wird? Und die Studierenden? Haben die auch Vorteile? Welche?

Der Mehrwert entsteht nicht durch die Digitalisierung an sich. Dennoch glaube ich, dass die erzwungene Beschäftigung mit neuen Lehr-Lern-Formaten auch dazu anregt, die eigene Lehre zu überdenken und ggf. tradierte Lehrveranstaltungen durch neue Vermittlungsvarianten anzureichern. Studierende profitieren von den hoffentlich vielfältigeren und kompetenzorientierteren Lehrveranstaltungen. Ich bin gespannt, wie diese „Learning-by-doing“-Phase die Haltung unserer Lehrenden und Studierenden zu digital-gestützter Lehre verändert. Grundsätzlich bin ich zuversichtlich, dass sich alle auf die Neuerungen einlassen und gemeinsam bestmöglich bewältigen.

Wird sich dadurch der Wettbewerb unter den Hochschulen verändern? Dass sich die Studierenden verstärkt an Hochschulen einschreiben, die ein breites digitales Angebot bieten?

Ich glaube nicht, dass Studierende eine Hochschule daran bemessen werden, ob sie während der Corona-Pandemie ein virtuelles Studium ermöglichen konnten. Die Universität Potsdam wird auch nicht dauerhaft zu einer digitalen Fernuni umgebaut. Gleichwohl hoffe ich, dass unsere Lehrenden auch nach diesem besonderen Semester weiter über gute Lehre diskutieren. Langfristig könnte sich dadurch also die Qualität der Lehre an der Universität Potsdam verbessern. Das erscheint mir durchaus ein relevantes Kriterium bei der Wahl der Hochschule.
Die Quantität digitaler Angebote ist dabei kein Maß für die Qualität unserer Studienprogramme. Nur der zielgerichtete und adäquate Einsatz digitaler Elemente, der sich an den Anforderungen der Fachdisziplin, der Lehrenden und der Studierenden orientiert, kann der Universität Potsdam dauerhaft zuträglich sein.

 

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