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Literatur als Lebensmittel – Forschung für ein neues räumliches Verständnis des Holocaust

Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Foto: Karla Fritze
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Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Foto: Karla Fritze

Trauma und Raum – die Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Judith Kasper bringt diese beiden Begriffe in einem DFG-geförderten Forschungsprojekt über den Holocaust und sein „Nachleben“ in der Literatur und an den realen Orten zusammen: Der geografische Raum birgt überall versprengte Verletzungen und Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse.

Am Anfang standen „Staunen und Entsetzen“. In einer Berliner Ausstellung über den deutschen Vernichtungskrieg im Osten sah Judith Kasper eine Karte, auf der die bekannten Arbeits- und Konzentrationslager markiert waren. Es gab viele Markierungen. Die tatsächliche Anzahl werde wohl nie vollständig zu eruieren sein, stand darunter. Der Anblick – „dieses riesige Territorium, wie ein Teppich mit vielen schwarzen Punkten gemustert“ – gab Judith Kasper den Anstoß, über das räumliche Verständnis des Holocaust nachzudenken: Institutionalisierte Gedenkstätten an den Orten des Verbrechens und öffentliche Mahnmale vermitteln den Eindruck, die Vernichtung lasse sich auf bestimmte, benennbare Orte begrenzen. Aber auch die genaueste historische Forschung hat es bislang nicht geschafft, das Lagersystem abschließend darzustellen, weil es sich im zeitlichen Verlauf ständig veränderte, vielfältig ausgeprägt und oft so eng mit der zivilen Umgebung verflochten war, dass die Geschichtswissenschaft zuweilen von „lagerisierten Regionen“ gesprochen hat.

Zwei weitere Beobachtungen kamen hinzu. Einmal waren das literarische Schilderungen Überlebender: Diese empfanden ausgerechnet das Lager mit seiner totalen Absperrung, die kein Entrinnen zuließ, als einen grenzenlosen Raum, als „einen Ort jenseits der Geographie“ oder einen „Bereich des Nichts“. Und schließlich hatte auch die Vernichtungsmethode des Verbrennens eine räumliche Dimension: Rauch und Asche verteilten sich weitherum; Erinnerungen und Trauer sind somit nicht auf feste Orte beschränkt, wie dies Gedenkstätten oder Friedhöfe suggerieren.

Der geografische Raum selbst birgt überall versprengte Verletzungen und Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse des Holocaust, so lässt sich vereinfacht der Gedanke umreißen, der Judith Kaspers derzeitigem Forschungsprojekt zugrunde liegt: „Der traumatisierte Raum. Topographie, Dissemination und Übertragung des Holocaust“. Mit dieser Arbeit im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten „Eigenen Stelle“ am Institut für Romanistik an der Universität Potsdam will die doppelt promovierte Wissenschaftlerin einen Beitrag zu einem „grundsätzlich neuen räumlichen Verständnis des Holocaust“ leisten.

Trauma und Raum – die beiden Begriffe mit dem eigentümlichen Anklang haben für Eingeweihte andere Bedeutungen als im alltäglichen Sprachgebrauch. „Bei der Arbeit auf dem Gebiet der Kultur- und Literaturwissenschaften stößt man häufig auf den Begriff des Traumas“, erklärt Judith Kasper. „Dabei ist er im Verlauf der Zeit immer unschärfer geworden.“ Das heißt: Historiker bezeichnen tendenziell eher das singuläre Ereignis des Holocaust als Trauma, lassen jedoch die psychischen und gesellschaftlichen Wunden, die es verursacht hat, außen vor. Die psychoanalytisch orientierte Literaturwissenschaft hingegen stützt sich auf die von Sigmund Freud geprägte Bedeutung der seelischen Verletzung: Diese kann lange verborgen bleiben; wenn sie irgendwann zum Ausdruck kommt, wie etwa bei den hysterischen Anfällen, die Freud studierte, bleibt das ursächliche Ereignis häufig ausgeblendet.

„Ich wollte aber nicht einfach einen neuen Begriff einführen“, sagt die Forscherin, „sondern den bestehenden schärfen“. Daher hat sie in dem theoretischen Teil ihres Projekts erst einmal die psychoanalytische Bedeutung herausgearbeitet, diese aber neu in Zusammenhang mit dem Raum gebracht. Auch dieser Begriff hat sich im wissenschaftlichen Gespräch über den Holocaust gewandelt: Die nationalsozialistische Ideologie von der Erweiterung des „Lebensraums“ hatte zur Folge, dass das Nachdenken über geografische Räume lange Zeit verpönt war. Ende der 1980er Jahre verbreitete sich indessen die Auffassung, dass der reale Raum stets mit den Menschen verbunden ist, die darin leben oder gelebt haben und ihn auf ihre eigene Art und Weise wahrnehmen.

Judith Kasper schildert ein weiteres Schlüsselerlebnis, das sie auf den Gedanken des traumatisierten Raumes gebracht hat: Ende der 1990er Jahre lebte und arbeitete sie in Paris. Gerade war Frankreichs „kulturelles Gedächtnis“ fertig geworden, der repräsentative viertürmige Neubau der Nationalbibliothek. Da machte ein deutscher Journalist darauf aufmerksam, dass sich just an der Stelle einst ein nationalsozialistisches Internierungslager befunden hatte. Die Wissenschaftlerin beobachtete Erstaunliches: Über den Neubau und seine Ästhetik wurde heftig gestritten. Die Kritiker verwendeten dabei häufig Vokabeln wie Isolation oder Leere, die auch auf die KZ passen würden, die Vergangenheit des Bauplatzes blieb dabei aber stets ausgeklammert. Eine Polemik trug beispielsweise die Überschrift „Rückkehr zum Ort des Verbrechens“ – gemeint waren jedoch kriminell anmutende technische Mängel. „In der Debatte trafen zwei Welten aufeinander, ohne sich je zu überschneiden, das Sprechen über ein Ereignis wie den Holocaust und das Sprechen über ein konkretes Areal und ein Gebäude“, sagt Judith Kasper: „Zugespitzt könnte man sagen, die Gedenkstätte Auschwitz ist kein traumatisierter Raum, die französische Nationalbibliothek aber schon.“

Wie geht sie praktisch vor, um das Konzept des „traumatisierten Raumes“ zu unterfüttern? Mit der literaturwissenschaftlichen Methode der systematischen Textanalyse. Drei Schlüsseltexte über den Holocaust hat sich die Forscherin vorgenommen. Zwei davon stammen von Zeitzeugen: Primo Levis Bericht aus dem Arbeitslager Buna bei Auschwitz „Ist das ein Mensch?“ und der „Roman eines Schicksallosen“ des ehemaligen Buchenwald-Häftlings Imre Kertész. Als drittes Exempel dient der Roman „Austerlitz“ von W.G. Sebald. Darin kommt ein jüdischer Kunsthistoriker, der als Junge bei Pflegeeltern versteckt wurde, allmählich dem Schicksal seiner Familie auf die Spur und wird zusehends von Traumbildern aus dem Lager verfolgt, ohne selbst dort gewesen zu sein. Anhand dieser drei Werke untersucht Kasper die sprachlichen Formen und Bilder, mit denen die traumatischen Erfahrungen im Lager dargestellt werden – und häufig über den konkreten Ort hinaus weisen.

Auffällig oft dient dabei die Hölle als Vergleich. „So muss heute, in unserer Zeit, die Hölle beschaffen sein“, schreibt Primo Levi schon über den Moment der Ankunft im Lager, wo die Häftlinge, nach vier Tagen Fahrt in einem überfüllten Güterwaggon halb verdurstet, in einem leeren Raum warten müssen; der Wasserhahn tropft, aber ein Schild warnt, das Wasser sei verschmutzt und dürfe nicht getrunken werden. Etwas später bricht der Gefangene, immer noch von Durst gequält, vor dem Fenster der Baracke einen Eiszapfen ab. Ein Wachmann reißt ihm diesen sogleich aus der Hand und antwortet, als Levi wissen will, warum, kurz und bündig: „Hier ist kein Warum.“ Dazu fällt Levi ein Vers aus Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ ein, in dem der Erzähler auf der Reise in die Vorhölle begreift, dass er hier keine Hilfe erwarten kann.

Das Bild der Danteschen Hölle findet sich nicht nur bei Levi, sondern auch in vielen anderen Lagertexten. Judith Kasper wollte ergründen, warum es sich so beharrlich hält, obwohl die Analogie zwischen den Nazi-Lagern und der heilsgeschichtlichen Vorstellung des mittelalterlichen Dichters, der Weg zum Paradies führe durch die Hölle, problematisch ist. Daher begann sich die Wissenschaftlerin zusätzlich in Dantes Epos zu vertiefen – und erlebte eine Umkehrung der Perspektive: Durch ihren an den Lagertexten geschärften Blick für die sprachlichen Ausdrucksformen des Traumatischen zeigt sie, inwiefern in der Göttlichen Komödie selbst schon etwas gänzlich Unbewältigtes liegt. Zugleich erscheint Dantes Text als ein großes Archiv poetischer Umgangsformen mit traumatischen Erfahrungen. Aus dieser Quelle schöpfen auch die Autoren der drei analysierten Holocaust-Werke. „Da habe ich tatsächlich noch einen weißen Fleck in der Forschung gefunden“, sagt Kasper, „denn Holocaust-Forscher haben selten Ahnung von Dante-Philologie, und umgekehrt gilt dasselbe.“

Besonders eindrücklich ist in Levis Buch eine Szene, in der er einem französischen Mithäftling die italienische Sprache nahebringen will. Auf Anhieb fallen ihm nur die in der Schule gelernten Dante-Verse ein, und auch das nur lückenhaft. Aber während er rezitiert, ergreift ihn selbst die Schönheit der Sprache und die Präzision der Form. So verschafft der Gefangene sich und seinem Nachbarn auf dem Weg zum Abholen der ewiggleichen wässrigen Suppe eine kleine Pause, inmitten des Lagerterrors. Judith Kasper spricht darüber ihrerseits mit hörbarer Freude: „Literatur als Lebensmittel – damit kann ich dem Staunen und Entsetzen etwas entgegenstellen.“

Die Wissenschaftlerin

Dr. Dr. Judith Kasper hat an der Universität Freiburg in französischer Literaturwissenschaft und an der Universität Verona in Philosophie promoviert. Zu ihren vielfältigen Forschungsinteressen zählen neben französischer und italienischer Literatur auch Holocaust-Studien, Raum und Gedächtnistheorien, Psychoanalyse und poststrukturalistische Theoriebildung. Seit April 2011 arbeitet sie im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten „Eigenen Stelle“ am Institut für Romanistik der Universität Potsdam.

Kontakt

Universität Potsdam
Institut für Romanistik
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam
judith.kasperuni-potsdamde

Text: Sabine Sütterlin, Online gestellt: Agnes Bressa

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