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Unterwegs in Nigeria – 19. Oktober 2017

Studierende der Anglistik und Amerikanistik auf Exkursion nach Ibadan

Im Zoologischen Garten der Universität von Ibadan. Foto: Valerie Pobloth/Isabel Dückert.

 

19. Oktober – Ibadan

Unser letzter Tag an der Universität von Ibadan bricht an. Wir verbringen den Vormittag bei Prof. Igboanusi im Büro und treffen uns mittags mit einem nigerianischen Freund am universitätseigenen Zoologischen Garten. Wie der Botanische Garten dient der kleine Zoo, der 1974 gegründet wurde, der Erhaltung gefährdeter Arten sowie der Bildung und Forschung. Gleichzeitig ist er gut besucht und scheint ein beliebtes Freizeitziel auf dem Campus zu sein. Doch was wir hier sehen, erschüttert uns: Viele der Käfige sind sehr klein, die Vögel können teilweise nicht einmal die Flügel ausbreiten. Die Affen und Raubtiere scheinen sich in ihren kargen Käfigen zu langweilen, geradezu den Verstand zu verlieren, denn sie laufen unablässig im Kreis. Ein Teil von uns bricht die Besichtigung ab, weil uns dieser Anblick zu sehr mitnimmt. Auch wenn wir den Ansatz der Erhaltung von Biodiversität und die Aufklärung über das Vorkommen der verschiedenen Tierarten, gerade in einer Universität, verstehen und unterstützen, merken wir hier doch ganz deutlich, wie unterschiedlich unsere Vorstellungen von artgerechter Tierhaltung sind. Ähnlich wie beim Old Oyo National Park wird uns wieder einmal bewusst, dass räumliche und finanzielle Ressourcen in diesem Bereich einfach fehlen. Denn das Wissen ist vorhanden: Neben jedem Terrarium, Käfig und Freigehege sind anschauliche Informationstexte angebracht und auf der Universitätswebseite kann man lesen, dass der Zoo gemäß internationaler Standards umgebaut werden soll. Doch angesichts seines derzeitigen Zustandes hinterlässt der Zoobesuch leider einen bitteren Nachgeschmack.Wie schon einige Male zuvor sitzen wir abends im Restaurant der Alumni Association und kommen nach dem Essen mit unseren nigerianischen Bekanntschaften ins Plaudern. Da wir hier auf dem Campus von gebildeten Menschen umgeben sind, erfahren wir auf diesem Weg viel über die politische und ökonomische Lage Nigerias und sind immer wieder Teil intensiver Debatten über mögliche Lösungsansätze für die Probleme des Landes. Als Einblick in diese spannende Erfahrung möchten wir nun einen kleinen Exkurs in die nigerianische Wirtschaft und Politik wagen: Laut dem Human Development Index (HDI) – einem Wohlstandsindikator der Vereinten Nationen, in den Faktoren wie Bruttoinlandseinkommen, Lebenserwartung und Schulbesuchsdauer einfließen – zählt Nigeria zu den gering entwickelten Ländern. 2016 rangierte es in der Rangliste auf Platz 152 von insgesamt 188, Deutschland findet man dort auf Platz 4. Nichtsdestotrotz verzeichnet die Bundesrepublik Nigeria eine der höchsten Wirtschaftswachstumsraten der Welt, die an einen rasanten Urbanisierungsprozess gekoppelt ist. Lagos gehört mit schätzungsweise 17,5 Millionen Einwohnern zu den drei am schnellsten wachsenden Ballungsräumen der Welt. Nigeria ist mit seinen 182 Millionen Einwohnern also nicht nur das bevölkerungsreichste Land Afrikas, sondern es hat auch großes wirtschaftliches Potenzial. Dennoch kämpft das Land mit vielen Problemen in unterschiedlichsten Bereichen. Zum einen gibt es häufig Konflikte zwischen Angehörigen der drei Hauptethnien Yorùbá, Igbo und Hausa. Denn wie so oft in Kolonialländern wurden die Staatsgrenzen vor über 100 Jahren kurzerhand mit dem Lineal gezogen, ohne Rücksicht auf die dort ansässigen Völkergruppen. Zum anderen bemängeln unsere Bekannten die unzureichende Infrastruktur. Die Verkehrslage und Wasserversorgung ist gerade in den Großstädten besorgniserregend, denn die Straßen sind oft verstopft und stark beschädigt. Pendler leiden darunter tagtäglich, denn schon für kurze Arbeits- und Schulwege braucht man sehr lange. Auch die Stromversorgung ist vielerorts problematisch. Hier im universitären Kontext sind wir geradezu beeindruckt davon, wie effektiv die Menschen um uns herum trotz der ständigen, unberechenbaren Stromausfälle arbeiten. Das wohl größte Problem Nigerias – oder was wir als den Hauptgrund dafür ansehen, dass so engagierte, gebildete Menschen es alleine nicht schaffen, ihr Land weiterzuentwickeln – sind die hier vorherrschende Korruption und die organisierte Kriminalität. Im Human Development Report wird geschätzt, dass Nigeria seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 bis 1999 ca. 400 Milliarden US-Dollar an die Korruption verloren hat. Das soll mitnichten heißen, dass alle Nigerianer korrupt sind. Doch auch wir konnten innerhalb der zwei Wochen, die wir nun schon hier sind, etliche Male Korruption im kleinen als auch großen Stil miterleben. Nichtsdestotrotz gibt es in Nigeria so viele positive und intelligente Menschen, die gewillt sind, an den Problemen ihres Landes zu arbeiten und somit eine bessere Zukunft für sich und ihr Land zu schaffen, dass wir gespannt sind auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Denn wir sind uns sicher, dass man von Nigeria noch Positives hören wird. Deshalb möchten wir diesen kleinen Exkurs mit den Worten unseres Freundes Lekan beenden: „Veränderung findet durch jeden einzelnen von uns statt.“

Text: Sandra Hesse, Anna Korneva und Valerie Pobloth
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

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